mini|hochkant=1.5|Mamilla-Friedhof, Blick nach Osten, 2013. Die bewachsene Fläche in der Bildmitte ist der Unabhängigkeitspark. Die im oberen Bereich bogenförmig verlaufende Straße bildet die Westgrenze des Mamilla-Friedhofs, darin als rechteckige Struktur das Mamilla-Becken. Am linken Ende der genannten Straße ist unregelmäßig geformt hinter Bauzäunen die Baustelle des Museums der Toleranz zu sehen. Rechts oberhalb des Mamilla-Beckens, mit der geschwungenen Fassade, das Waldorf Astoria Jerusalem (ehemals Palace Hotel). mini|Mamilla-Friedhof, 2014 mini|Blick vom Mamilla-Friedhof über die Agron Street auf das ehemalige Palace Hotel, 2007
Der Mamilla-Friedhof () ist ein historischer moslemischer Friedhof westlich der Jerusalemer Altstadt. Der noch erhaltene Teil liegt ca. 700 m nordwestlich des Jaffatores.
Der Friedhof wurde bereits im frühen 7. Jahrhundert genutzt, als nach der Eroberung von Jerusalem durch die Sassaniden Tausende ermordete Bewohner der Stadt in Höhlen in der Umgebung des Mamilla-Beckens begraben wurden. Archäologische Befunde aus einer Höhle und einer byzantinischen Zisterne stammen aus dieser Zeit. Die ersten Erwähnungen des Friedhofs sind in arabischen und persischen Schriften des 11. Jahrhunderts enthalten, die teilweise auf Überlieferungen des 8. Jahrhunderts beruhen. Muslimische Quellen nennen bis zu 70.000 gefallene muslimische Märtyrer, deren Schädel nach der Eroberung von Jerusalem im Jahr 1099 in der Löwenhöhle auf dem Friedhof bestattet wurden. Nach der Zurückeroberung Jerusalems von den Kreuzfahrern ließ Saladin seine im Kampf gefallenen Krieger auf dem Mamilla-Friedhof begraben. In den folgenden Jahrhunderten entwickelte sich der Mamilla-Friedhof zum größten muslimischen Friedhof Jerusalems. Zahlreiche religiöse und weltliche Würdenträger wurden hier beigesetzt.
Im späten 19. Jahrhundert, noch unter osmanischer Herrschaft, wurde auf dem Friedhofsgelände die Agron-Straße gebaut und der südliche Teil des Mamilla-Friedhofs zur Bebauung vorgesehen. Sowohl das britische Völkerbundsmandat für Palästina und der Oberste Islamische Rat mit dem Palace Hotel (heute Waldorf Astoria Jerusalem), als auch Israel und die Stadtverwaltung von Jerusalem mit einer Schule, dem Unabhängigkeitspark, einer Tiefgarage und weiteren Bauten, nutzten Teile des Friedhofs als Bauland. Der Oberste Islamische Rat und der Qādī von Jaffa als höchster islamischer Richter in Israel erteilten dazu jeweils ihre Zustimmung. Die Fläche des Mamilla-Friedhofs ist seit der Gründung des Staates Israel von mehr als 13 Hektar auf weniger als zwei Hektar reduziert worden.
Seit 1993 plant Marvin Hier, der Leiter des Simon Wiesenthal Center, ein Museum der Toleranz Jerusalem, dessen Konzept dem des Museums der Toleranz in Los Angeles entsprechen soll. Nachdem ein seit vielen Jahren als Parkplatz genutzter Teil des Mamilla-Friedhofs als Baugrund vorgesehen wurde, und die Arbeiten im Jahr 2005 begonnen hatten, formierte sich auf palästinensischer Seite starker Widerstand. Das Oberste Gericht gestattete nach mehrjährigem Rechtsstreit und Baustopp, dass die Bauarbeiten unter Auflagen durchgeführt werden. Die palästinensische Seite begann daraufhin eine internationale öffentliche Kampagne, die bis heute andauert. Die Eröffnung des Museums der Toleranz ist für 2021 geplant.
Name Für den Namen Mamilla gibt es mehrere Erklärungen. Eine bezieht sich auf eine historisch nicht fassbare christliche Heilige, der zu Ehren bereits in der frühen oströmischen Zeit im Zentrum des Gebiets eine Kirche erbaut wurde. Der Jerusalemer Qādī und Historiker Mudschir ad-Din gab in seinem Hauptwerk 1495 eine andere Erklärung. Der Name ist demnach auf den arabischen Begriff Mimmā Manna Allāh (das von Gott gegebene) zurückzuführen. Andere arabische Bezeichnungen sind Bāb al-Milla und Zaytūn al-Milla (Olivenbäume Gottes).
Geschichte mini|Grabmal aus der Kreuzfahrerzeit
Oströmisches Reich bis zu den Kreuzzügen Die ersten Bestattungen sollen in oströmischer Zeit im Umfeld der Kirche St. Mamilla stattgefunden haben. Die im Zuge der Eroberung von Jerusalem durch die Sassaniden im Jahr 614 ermordeten Stadtbewohner sind einem zeitgenössischen Bericht zufolge an 35 Grabstellen in der Umgebung von Jerusalem begraben worden. Alleine im Mamilla-Becken sind nach unterschiedlichen Übersetzungen eines im Original verschollenen Berichts 4518 oder 24.518 Opfer ermordet und in der Nähe beigesetzt worden.
Der Friedhof wurde erstmals in arabischen und persischen Schriften aus dem 11. Jahrhundert erwähnt, darunter ein Essay von al-Wasiti, der 1019 bis 1020 Prediger der al-Aqsa-Moschee war. Diese Schriften bezogen sich auf einen al-Hasan als Quelle der Überlieferungen, bei dem es sich wahrscheinlich um Abū Saʿīd al-Hasan ibn Abī l-Hasan al-Basrī handelte, der im Jahr 728 starb. Das legt nahe, dass bereits im achten Jahrhundert ein islamischer Friedhof bestanden hat.
Der islamische Historiker Abū Shāma berichtete im 13. Jahrhundert, dass die Märtyrerhöhle des Mamilla-Friedhofs die Schädel der bei der Eroberung von Jerusalem im Jahr 1099 gefallenen muslimischen Märtyrer enthalte, darunter sein Ur-ur-ur-Großvater. Muslimische Überlieferungen nennen Zahlen von bis zu 70.000 Toten.
Nach der Zurückeroberung Jerusalems von den Kreuzfahrern ließ Saladin seine im Kampf gefallenen Krieger auf dem Mamilla-Friedhof begraben. Die früheste von dem Jerusalemer Qādī und Historiker Mujir al-Din 1495 in seiner Geschichte Jerusalems und Hebrons genannte Beisetzung war die eines Emirs des Saladin im Jahr 1189. Al-Dins Bericht ist die bedeutendste Quelle zur frühen Geschichte des Mamilla-Friedhofs, der schon zu seiner Zeit der größte der Stadt war.
Moslemische Herrschaft mini|Mamilla-Becken mit umgebenden Gräbern, 1854 mini|Blick über das Mamilla-Becken zum Jaffa-Tor, im Vordergrund muslimische Gräber, um 1878
Über Jahrhunderte kamen hochgestellte Muslime im Alter nach Jerusalem, um in der heiligen Stadt zu sterben und hier begraben zu werden. Diese Bevorzugung Jerusalems durch muslimische Gläubige wurde dem Judentum entlehnt, für das diese Tradition bereits in der Antike nachweisbar ist. Im 14. Jahrhundert nannte der muslimische Gelehrte Muhammad ibn Bahādur al-Zarkašī als Grund, dass den in Jerusalem Begrabenen die Qualen des Grabes erspart bleiben, und dass ein Grab auf dem Mamilla-Friedhof einem Grab im Himmel entspreche. Für die Beisetzungen der Stadtbevölkerung und ihrer Gäste wurden vorrangig die außerhalb der Altstadt gelegenen drei großen muslimischen Friedhöfe genutzt, Mamilla westlich des Jaffa-Tores, Bab al-Sahirazu nördlich der Altstadt und Bab al-Rahmah im Osten. Zu ihnen kommt noch eine Vielzahl kleiner Begräbnisorte, meist Mausoleen besonders wohlhabender oder angesehener Muslime, die überwiegend aus mamlukischer Zeit stammen. Das älteste erhaltene Epitaph auf dem Mamilla-Friedhof stammt aus dem Jahr 1285. Die Akten des Scharia-Gerichts von Jerusalem, das auch die Aufgaben eines Standesamtes und Grundbuchs erfüllte und Geburten, Sterbefälle, Hochzeiten und Immobiliengeschäfte akribisch festhielt, sind eine der wichtigsten Quellen zur muslimischen Geschichte Jerusalems. Die Akten wurden von 1529 bis 1917 oder 1919 geführt und geben auch Aufschluss über die Toten auf dem Mamilla-Friedhof.
Der anglikanische Bischof von Jerusalem, Michael Salomo Alexander, konnte 1843 eine Vereinbarung abschließen, die die Bestattung verstorbener Christen auf einer Parzelle im südöstlichen Bereich des Mamilla-Friedhofs gestattete. Nach einiger Zeit fanden eine muslimische und eine christliche Beerdigung zur gleichen Zeit statt. Die Muslime beklagten sich, dass dadurch ihre Gebete auch einem Christen zugute kämen, und dies sei für sie nicht hinnehmbar. Der Konflikt führte dazu, dass Alexanders Nachfolger Samuel Gobat 1848 ein Grundstück am Berg Zion kaufte, und dort den Zionsfriedhof einrichtete. Die in den Jahren zuvor bereits auf dem Mamilla-Friedhof bestatteten Christen wurden umgebettet.
Die Agron-Straße, an der heute das Waldorf Astoria Jerusalem liegt, und die sich auf ehemaligem Friedhofsgelände befindet, wurde unter osmanischer Herrschaft gebaut. Seinerzeit, von 1882 bis 1897, war Salim al-Husayni Bürgermeister von Jerusalem. Bereits während der letzten Jahre der osmanischen Herrschaft wurde der südliche Teil des Friedhofs zur Bebauung vorgesehen. Zum Schutz des verbleibenden Teils wurde eine Mauer errichtet.
Im Völkerbundsmandat Palästina mini|Plan von Charles Robert Ashbee, 1921. Die weiße Fläche in der Mitte ist die Altstadt von Jerusalem, das gelb hinterlegte Fünfeck links davon der Mamilla-Friedhof.
1927 wurde die Nutzung des Mamilla-Friedhofs durch den von den Briten eingerichteten Obersten Islamischen Rat in Palästina weitgehend aufgegeben, und im selben Jahr wurde er zum Denkmal erklärt. Es fanden aber bis 1948 noch vereinzelt Beerdigungen durch Familien statt, die ihre Angehörigen in der Nähe der Gräber früher Verstorbener beisetzen wollten.
mini|Palace Hotel, um 1929 bis 1933 mini|Waldorf Astoria Jerusalem 2019, am rechten Bildrand der Mamilla-Friedhof mini|Luftaufnahme, am Oberrand Mamilla-Becken und Palace Hotel, 1928–1946 Der erste bedeutende Konflikt um eine Bebauung von Teilen des Mamilla-Friedhofs wurde 1925 durch den Großmufti von Jerusalem und Palästina und Präsidenten des Obersten Islamischen Rats in Palästina, Mohammed Amin al-Husseini, ausgelöst. Al-Husseini betrieb den Bau des 1929 eröffneten Palace Hotels auf einem Grundstück, das ursprünglich zum Friedhof gehörte. Das war in seinen Augen ein zulässiges Immobiliengeschäft, dessen Erträge dem Waqf zufallen sollten. Die Kontroverse wurde um die Frage geführt, ob es moralisch und nach dem islamischen Recht zulässig sei, ein als Friedhof ausgewiesenes Gelände zu bebauen. Der Anwalt al-Husseinis verteidigte den Großmufti 1927 vor dem Scharia-Gericht mit dem Hinweis darauf, dass die Frage der Unverletzlichkeit von Friedhöfen unter islamischen Rechtsgelehrten umstritten sei.
Während der Ausschachtungsarbeiten fanden die arabischen Arbeiter menschliche Überreste. Der Großmufti erklärte gegenüber dem Bauleiter, dass er die Arbeiten fortsetzen und die vorgefundenen Knochen sammeln solle, damit er sie nach Abschluss der Erdarbeiten heimlich in einem anderen Grab bestatten könne. Palästinensische Gegner des Großmuftis sahen darin eine Verletzung der Scharia und islamischer Traditionen.
Der am 27. Dezember 1927 unterzeichnete Vertrag über den Bau des Palace Hotels nannte Baukosten von 56.000 Palästina-Pfund. Die Vermietung an die Hotelbetreiber sollte dem Obersten Islamischen Rat jährlich Einnahmen von 7.300 Pfund einbringen. Dieser Gewinn, der der Gemeinschaft der Muslime zugute käme, war ein wichtiges Argument auch für die Zulässigkeit des Baus auf dem Friedhofsgelände. Tatsächlich stiegen die Baukosten auf 73.500 Pfund, die Mieteinnahmen betrugen nur 3000 Pfund jährlich, und das Projekt belastete den Obersten Islamischen Rat für viele Jahre.
1927 wurde von drei Jerusalemer Muslimen Beschwerde vor dem Obersten Islamischen Rat gegen andere Bauarbeiten auf dem Gelände des Mamilla-Friedhofs geführt. Ihre Klage wurde aus formalen Gründen abgewiesen, da nur mutawallis, die Verwalter eines Waqf, zur Beschwerde berechtigt seien. Damit brach der Rat islamisches Recht, da jeder Muslim als möglicher Begünstigter in den Angelegenheiten frommer Stiftungen klagen kann. In seiner Entgegnung rühmte sich der Oberste Islamische Rat der von ihm durchgeführten Baumaßnahmen, die seine Erträge um jährlich 2225 palästinensische Pfund gesteigert hätten. Alleine die Läden auf dem Mamilla-Friedhof brächten jährlich Einnahmen von 750 Pfund.