miniatur|hochkant=1.5|Gastkarte des Weidenhofs, um 1770 (Kupferstich) miniatur|hochkant=1.5|Position des Gebäudes (blaue Markierung oben links) in der Frankfurter Innenstadt (Chromolithografie, 1904)
Der Weidenhof war der älteste Gasthof auf der Zeil in der heutigen Innenstadt von Frankfurt am Main. Die Hausanschrift nach der im Siebenjährigen Krieg etablierten Quartiernummerierung lautete D34; nach Einführung der Hausnummern 1847 hätte dies Zeil 68,Krug 1850, S. III u. 107. nach der bis heute gültigen Neunummerierung 1911 Zeil 118 entsprochen.Nordmeyer 1997, S. 28.
Anfang des 17. Jahrhunderts erstmals erwähnt und kurz darauf neu erbaut zählte das Gebäude im 18. Jahrhundert spätestens ab der Übernahme durch Friedrich Georg Göthe, dem Großvater Johann Wolfgang Goethes, zu den ersten Hoteladressen der Stadt. Im 19. Jahrhundert erlosch der Hotelbetrieb im Weidenhof aufgrund des Wandels der Zeil zu einer Geschäftsstraße, kurz darauf musste auch das Gebäude einem Neubau weichen.
Der traditionsreiche Name blieb dennoch bis zum Zweiten Weltkrieg im Bewusstsein der Stadt präsent. 2010 eröffnete im Rahmen der jüngsten Umgestaltung der Zeil ein Gastronomiebetrieb in einem Pavillon nahe dem einstigen Standort, der den Namen des Weidenhofs nach rund 170 Jahren wieder aufgenommen hat.
Geschichte Frühgeschichte bis zum Neubau Der Name des Weidenhofs lässt sich bis in das 15. Jahrhundert zurückverfolgen. Damals war die primär als Viehmarkt genutzte Zeil erst seit knapp hundert Jahren offizieller Teil der Stadt,Battonn 1871, S. 102; bereits 1332 wird ein Haus an der späteren Zeil urkundlich als „sitae in foro pecorum“ genannt, 1348 ist die Rede von „dem Vehemerkete“. denn 1333 hatte Kaiser Ludwig IV. eine Zweite Stadterweiterung genehmigt, die das Stadtgebiet über die staufischen Grenzen des späten 12. Jahrhunderts ausdehnte.Boehmer, Lau 1905, S. 352 u. 353, Urkunde Nr. 467. Letztere sind heute noch im Stadtbild durch Straßennamen mit dem Suffix -graben erkennbar.
miniatur|links|Der anzunehmende Vorgängerbau des 1628 erfolgten Neubaus, ein Haus weiter rechts ist das Weidengäßchen erkennbar, 1628 (Kupferstich von Matthäus Merian d. Ä.)
Zwischen einstigem staufischen Gebiet und der neuen Stadtmauer entstand die Neustadt, die sich heute in etwa mit dem Stadtteil Innenstadt deckt. 1414 wird urkundlich erstmals ein „Husz in der Nuwenstadt an dem fehemarkt genannt zur Wyden zuschen Engel Weisse und Wigand Smydts Husz“ genannt. Weitere Einträge in den nächsten Jahrzehnten bestätigen, dass in den Urkunden bereits der spätere Weidenhof genannt ist. 1446 wurde von einem Johann Eckelmann nahe dem „hoffe, den man nennet zur Wyden“ ein Häuschen an ein Mitglied der bedeutenden Frankfurter Patrizierfamilie Holzhausen, Gipel von Holzhausen, für 28 Gulden verkauft. Aus der Urkunde geht auch hervor, dass in der Nähe bereits der „Kalenwege“, das spätere Weidengäßchen, verlief, welches Hinterhofgebäude erschloss.Battonn 1871, S. 116.
Die frühe Eigentümerhistorie ist im weiteren Verlauf weder anhand der publizierten Literatur noch der öffentlich einsehbaren Regesten des Instituts für Stadtgeschichte nachzuvollziehen. 1572 erscheint der Weidenhof erstmals unter seinem späteren Namen in einer Urkunde, 1610 ist von einer „Wirtin im Weidenhofe“ die Rede, was gemeinhin als frühester Hinweis auf eine Nutzung als Gasthof gesehen wird.Klötzer 1990, S. 13. Diese fällt dann auch in eine Blütezeit der Stadt vor dem Dreißigjährigen Krieg, wo anlässlich von Kaiserkrönungsfeiern und zweier jährlicher Messen regelmäßig ein Mehrfaches der Einwohnerzahl unterzubringen und zu bewirten war.Schindling 1991, S. 209–212 u. 221–224.
Wohl nur das Unglück eines frühen Wirtes des Weidenhofes überlieferte den frühesten bekannten Neubau des Weidenhofs, der durch die Zusammenlegung von zwei älteren Parzellen entstand. Demnach stürzte dieser, noch unvollendet, am 28. September 1628 ein, weil die verantwortlichen Maurermeister die Gewölbe des Kellers zu schwach ausgelegt hatten. Die weitere Überlieferung, dass alleine die Neuherstellung der Gewölbe – auf Kosten der Handwerker – die damals bedeutende Summe von 2.000 Gulden erforderte, lässt erkennen, dass es sich um einen größeren Bau gehandelt haben muss.Battonn 1871, S. 115–117. Zum Vergleich: für den baufälligen Vorgängerbau des bekannten Bürgerhauses Goldene Waage, in damaliger Bestlage an der Ecke der Hauptwirtschaftsstraße Markt und Dom, waren 1588 rund 3.000 Gulden bezahlt worden.Bingemer, Lerner 1935, S. 1.
Die Ära Goethe miniatur|Johann Caspar Goethe, geboren 1710 in der zweiten Ehe seines als Gastwirt tätigen Vaters, ermöglichte dessen mit dem Weidenhof erwirtschaftetes Vermögen den gesellschaftlichen Aufstieg (Aquarell)
Wer 1628 als Bauherr auftrat, ist nicht überliefert. Erst ab dem Ende des 17. Jahrhunderts erhellt sich die Eigentümerhistorie: Laut einem Regest des Instituts für Stadtgeschichte verkauften am 3. Dezember 1681 Margaretha Elisabetha, die Frau des Handelsmannes Johann Erasmus Epstein, sowie Adelburgis, Frau des Juristen Johann Christian Itter, den Weidenhof für 10.750 Gulden an den Gasthalter Johann Schellhorn und seine Frau Anna Maria. Aus den Informationen geht allerdings nicht hervor, ob Schellhorn den Weidenhof zuvor schon gepachtet und betrieben hatte, oder erst jetzt übernahm.Urkunde im Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main, Bestand Hausurkunden, Signatur 195.
Schellhorns Frau muss nur wenige Jahre später gestorben sein, denn bereits am 11. Juni 1688 heiratete er erneut. Zur Frau nahm er die 20-jährige Anna Kornelia Walther, Tochter des Schneidermeisters Georg Walther und seiner Ehefrau Margaretha Streng. In der Zwischenzeit war der Schneidergeselle Friedrich Georg Göthé, wie er sich selbst aufgrund seiner Zeit in Frankreich schrieb, im Zuge seiner Wanderschaft in die Stadt gekommen. Am 18. April 1687 erlangte er durch die Heirat von Anna Elisabeth Lutz, der Tochter des Schneidermeisters Sebastian Lutz, das Bürgerrecht als Schneidermeister in Frankfurt am Main.Braunfels 1865–68, S. 460.
Göthés Frau starb am 6. August 1700,Braunfels 1865–68, S. 456. und Schellhorn hinterließ seine Frau mit seinem Tod am 16. September 1704 als junge Witwe. Bereits am 4. Mai 1705 heirateten beide, wodurch der Weidenhof als Vorbehaltsgut in die Ehe kam. Göthé gab nun die Schneiderei trotz großen Erfolgs auf – 1704 hatte er ein Vermögen von 15.000 Gulden und mehr, also den Höchstsatz zur Versteuerung angegeben – und widmete sich fortan ganz der Gastwirtschaft. Seine Jahre in Frankreich und sein Arbeitsgebiet der Damenschneiderei, die ihm trotz seiner einfachen Herkunft die nötigen Umgangsformen gelehrt hatten, mögen der Grund gewesen sein, wieso er den Weidenhof schnell zu großer Blüte entwickelte.Voelcker 1932, S. 363 u. 364.
Als Friedrich Georg Göthé nach 25-jähriger Ehe, die dem Paar nur ein älteres Kind, Johann Caspar Goethe, gebracht hatte, am 10. Februar 1730 starb, hinterließ er nach Abzug aller Verbindlichkeiten ein für die Zeit beachtliches Vermögen von rund 65.000 Gulden. Dies ermöglichte seiner Familie, und noch eine Generation später ihrem berühmtesten Spross, Johann Wolfgang Goethe, ein Leben in weitgehender finanzieller Unabhängigkeit.Voelcker 1932, S. 364 u. 365; das Erbe ging zur einen Hälfte an die Witwe Anna Kornelia Goethe, die andere Hälfte wurde zu gleichen Teilen unter den überlebenden Söhnen verteilt. Dies waren zwei aus erster Ehe, Johann Michael Goethe (1691–1733) sowie Hermann Jakob Goethe (1697–1761), und der bereits genannte einen Sohn aus der zweiten Ehe, Johann Kaspar Goethe. Er, der Vater Johann Wolfgang Goethes, erhielt er aus der Erbschaft letztlich 14.430 Gulden und 22 Kreuzer. Dennoch betrieb seine Witwe den Weidenhof mit Hilfe ihres Stiefsohns Johann Michael Goethe noch einige Jahre weiter. Nachdem auch dieser am 4. März 1733 gestorben war, verkaufte sie das Gebäude 1735 an Kaspar Jakob Petsch und dessen Ehefrau Magdalena Sibylle.
Weitere Geschichte und Niedergang miniatur|links|Dreisprachige Werbung für den im Louis-seize-Stil umgebauten Weidenhof, 1782 (Kupferstich)
Kaspar Jakob Petsch starb am 4. Mai 1744, seine Witwe brachte den Weidenhof in eine zweite Ehe mit, die sie am 21. Oktober 1745 mit dem Bürger und Handelsmann Ehrenfried Grunelius schloss. Magdalena Sibylle sollte jedoch auch ihren zweiten Mann überleben, und so verkaufte sie den Weidenhof einem Monat vor ihrem am 16. Mai 1761 an Johann Wolfgang Vogelhuber und seine Verlobte, Katharina Elisabetha Kayser.
Um den Eigentümerwechsel auch nach außen zu verdeutlichen und das Erscheinungsbild zu modernisieren, dürfte Vogelhuber umgehend einen eingreifenden Umbau veranlasst haben. Bereits auf einer um 1770 zu datierenden Gastkarte zeigt sich der Weidenhof in Formen des damals hochaktuellen Stil Louis-seize, ein Kupferstich von 1782 wurde noch deutlicher und warb dreisprachig, neben Deutsch auch in Englisch und Französisch, wie folgt:
Bezüglich der zeitgenössischen Rezeption des Weidenhofs fehlt Literatur aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Somit verbleibt einzig der Reichtum am Lebensende von Johann Wolfgang Goethes Großvater als Maßstab für seinen geschäftlichen Erfolg. 1747, also drei Jahre nach der Übernahme durch Petsch, lieferte Johann Bernhard Müller in seiner 1747 erschienenen Beschreibung des gegenwärtigen Zustandes der Freien Reichs-, Wahl- und Handels-Stadt Franckfurt am Mayn eine 25 Einträge umfassenden Liste der „vornehmsten Gast-Höfen“ – darin ist einer von dreien auf der Zeil der Weidenhof.Müller 1747, S. 232 u. 233. 1749 nennt ein Führer zu den „Merckwürdigkeiten“ der Stadt den Weidenhof dadurch als bedeutend, als er feste An- und Abfahrtsstation der Landskutsche nach Coburg über Würzburg war.Multz 1749, S. 26. Als repräsentativ für die Verhältnisse in der Stadt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gelten drei weitere große Stadtbeschreibungen aus den 1780er Jahren, die im Falle des Weidenhofs jedoch auch keine weitere Erwähnung liefern.Faber 1788.Gercken 1788.Moritz 1785–86.
miniatur|Nordseite der westlichen Zeil vom Roten Haus bis zum Weidenhof, 1793 (Ölgemälde von Johann Ludwig Ernst Morgenstern)
Vogelhuber starb wohl um 1790, denn der literarischen Überlieferung nach erwarb sein Schwiegersohn, Johann Karl Schnerr, das Gasthaus am 20. Januar 1792 von den Erben. Eine seiner ersten Maßnahmen dürfte eine klassizistische Umgestaltungen und Erweiterungen des Gebäudes gewesen sein, die nur anhand weniger Abbildungen zu belegen und, diesen folgend, ungefähr in die Zeit zwischen 1793 und 1818 einzugrenzen sind. Im erstgenannten Jahr entstand das Gemälde Nordseite der westlichen Zeil vom Roten Haus bis zum Weidenhof von Johann Ludwig Ernst Morgenstern, das den Weidenhof noch weitgehend im Zustand des Louis-seize, jedoch mit bereits reduzierten Dachaufbauten zeigt. Kurz vor 1818 schuf Anton Radl ein Gemälde der Zeil, nach dem Christian Haldenwang einen Kupferstich fertigte, der das Gebäude dann in noch weitergehend veränderter Form, das heißt mit zusätzlichem dritten Obergeschoss, darstellt.
miniatur|links|Ansicht der Zeil nach Osten, der Weidenhof ist das Gebäude ganz links, 1825 (Kupferstich von Christian Haldenwang nach Vorlage von Anton Radl)
Schnerr unterhielt den umgebauten Weidenhof vor allem als Fuhrmannsherberge noch bis in die 1830er Jahre. 1834 verkaufte er es an Ernst Friedrich von Dörnberg weiter, der Generalpostdirektor und Leiter der von Frankfurt am Main aus betriebenen Thurn-und-Taxis-Post war.Faulhaber 1883, S. 238. Diese war damals auf der Suche nach neuen Geschäftsräumen, befand sich die Zentrale der Briefpostabteilung doch bereits seit 1766 in dem nun zu kleinen Haus D212 (Zeil 31 bzw. heute 99).Kaiserliche Ober-Postdirection 1895, S. 22 u. 29. Der Stern des Weidenhofs war zu diesem Weidenhof damals schon sehr weit gesunken, so heißt es: