Der Musikbogen (englisch musical bow) ist ein einfaches Saiteninstrument, bei dem eine oder mehrere Saiten zwischen den Enden eines biegsamen und gebogenen Saitenträgers gespannt sind. Die Saitenspannung wird durch die Biegekraft des meist dünnen und langen Trägerstabes erzeugt. Verlaufen dagegen eine oder mehrere vorgespannte Saiten parallel zu einem starren Träger, so wird das Musikinstrument Musikstab (englisch stick zither, französisch cithare sur bâton) genannt. Die beiden in Einzelfällen schwer abgrenzbaren Formen bilden zusammen die Gruppe der Stabzithern. Der meist aus einem natürlichen Hohlkörper wie einer Kalebasse bestehende Resonanzkörper muss zur Schwingungsübertragung und Schallverstärkung mit dem Stab in Kontakt gebracht werden. Die Sonderform eines Musikbogens ohne Resonanzkörper, bei dem zur Schallverstärkung und Klangmodulation der Mundraum des Spielers dient, wird Mundbogen genannt.

Für das sich häufig nicht von einem Jagdbogen unterscheidende Instrument existieren eine enorme Vielfalt an unterschiedlichen Spieltechniken. Die Saite kann mit den Fingern gezupft, mit einem Stäbchen geschlagen oder entlanggestrichen, mit dem Mund angeblasen oder mit einem zweiten Saitenbogen gestrichen werden.

Musikbögen sind oder waren in weiten Gebieten von Afrika, Asien mit geringen Vorkommen in Nordasien, Europa und auf den beiden amerikanischen Kontinenten verbreitet. In Australien und Mikronesien sind sie unbekannt. Heute liegt ihr Schwerpunkt in Afrika südlich der Sahara, besonders im kulturellen Einflussbereich der Khoisan im südlichen Afrika. mini|hochkant=0.7|Berimbau mit kaum erkennbaren Stimmschlingen an den Resonatoren

Ursprung und Entwicklung mini|links|hochkant|Ein göttlicher Musiker mit einer pinaki vina. Indische Miniaturmalerei im Bundi-Stil, um 1725. Im 18. Jahrhundert besaß der indische gestrichene Musikbogen pinaki vina zwei Kalebassen zur Resonanzverstärkung, hier jedoch wird ein alter Jagdbogen mit seiner Spitze zu diesem Zweck in einen Resonanztopf gestellt. Eine ungefähr 15.000 Jahre alte Höhlenzeichnung in der Drei-Brüder-Höhle in Frankreich zeigt möglicherweise einen Mundbogen spielenden Tänzer. Zu sehen ist der Umriss eines bekleideten Mannes mit einem kleinen Bogen in der Nähe seines Mundes. Da die Umzeichnung zu einer Szene von vielen sich teilweise überlagernden Figuren gehört, könnte der Bogen mit der einen Figur nichts zu tun haben.Bo Lawergren: The Origin of Musical Instruments and Sounds. In: Anthropos, Band 83, Heft 1./3, 1988, S. 31–45, hier S. 36 Andere prähistorische Felszeichnungen bieten Interpretationsspielraum bei der Frage, ob es sich bei den dargestellten Bögen um Jagdwaffen oder Musikinstrumente handelte. Ebenso könnte die kreisrunde Scheibe in der Hand eines eisenzeitlichen Reiters in Skandinavien, der mit einem Stock in der anderen Hand abgebildet ist, ein Kampfschild oder ein Becken gewesen sein.

Homer erwähnte im 9. Jahrhundert v. Chr. in seinen Epen Ilias und Odyssee den Ohren schmeichelnden Klang der Bogensehne. Nach der römischen Mythologie soll die Jagdgöttin Diana mit dem Bogen ihren Bruder Apollon, den Gott der Künste und insbesondere der Musik, zum Bau der Leier Kithara angeregt haben.

mini|Prähistorische Jagdszene. Felszeichnung in der südalgerischen Gebirgskette Tassili n'Ajjer Der Musikbogen ist das am einfachsten zu konstruierende Saiteninstrument. Die Erfindung des Jagdbogens bildete die wirtschaftliche Grundlage für die Ausbreitung der Jäger-und-Sammler-Kulturen. Ende des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts gab es Fachdiskussionen, ob bei der Evolution der Menschen zuerst der Bogen als Jagd- oder als Musikinstrument entwickelt worden sei. Da beide Nutzungsmöglichkeiten sich auf dasselbe Instrument beziehen, wird diese Frage heute nicht mehr gestellt. Manche Bögen werden nacheinander zur Jagd und zum Musizieren verwendet. Das Kürzen der Saite beim Musikbogenspiel führte zwangsläufig zur Entdeckung tonaler Ordnungen und dem gezielten Hervorbringen einzelner Töne aus der natürlichen Partialtonreihe. Ein weiterer Entwicklungssprung war die Erfindung des angelegten Resonators.Gerhard Kubik: Das Khoisan-Erbe im Süden von Angola, 1987, S. 107 In den Zusammenhang mit der Jagd und an den entwicklungsgeschichtlichen Beginn der Saiteninstrumente wird auch ein anderer einfacher Instrumententyp gestellt: Der Erdbogen, dessen Resonanzkörper ein Erdloch bildet, entspricht strukturell einer Tierfalle.

Wegen der sich durch Materialermüdung und Klimaeinflüsse verändernden Elastizität des Bogenstabs ist die Tonhöhe Schwankungen unterworfen. Eine Weiterentwicklung des Musikbogens bedeuten die mit Vorspannung parallel zu einem geraden Stab befestigten Saiten. Bei diesen Stabzithern oder Musikstäben lassen sich die Saiten wesentlich straffer spannen. Damit aber die Saiten frei schwingen können, müssen ein oder zwei Abstandshalter als Stege unterlegt werden. Der gerade Saitenträger wirkt wie der gebogene Stab des Musikbogens prinzipiell nicht schallverstärkend. Mit diesem Unterscheidungsmerkmal wird die Abgrenzung vom nur Halt gebenden Stab zum resonanzverstärkenden ausgehöhlten Träger einer Röhrenzither in der Praxis oft schwierig. Die einfachsten Röhrenzithern sind idioglotte Instrumente, bei denen die Saiten aus der Röhre selbst herausgeschnitten wurden, also aus demselben Material bestehen (die Bambuszithern valiha aus Madagaskar und sasando aus Indonesien). Röhrenzithern mit aufgespannten (heteroglotten) Saiten entsprechen im Prinzip heutigen Kastenzithern.

Einen Musikbogen auf andere Art weiterzuentwickeln war, den elastischen Bogenstab kürzer und dicker zu gestalten, damit er sich nicht mehr verformen konnte, stärker zu krümmen und den Stab an einem Ende direkt mit einem Resonanzkörper zu verbinden. Nunmehr war es möglich, mehrere Saiten anzubringen und unabhängig voneinander zu spannen. Die ältesten bekannten Saiteninstrumente in Mesopotamien sind solcherart konstruierte dreisaitige Harfen, die zusammen mit Leiern auf Tontafeln aus dem Ende des 4. Jahrtausends v. Chr. zu sehen sind. Die ersten Bogenharfen im Alten Ägypten tauchten um die Mitte des 3. Jahrtausends auf Wandbildern und als Grabbeigaben auf.

Laut der auf Sanskrit verfassten vedischen Literatur waren die ersten Saiteninstrumente in Indien Musikbögen (Mundbögen), die unter anderem pinaki vina oder picchora vina genannt wurden.Emmie te Nijenhuis: Dattilam: A Compendium of Ancient Indian Music. Hrsg.: K. Sambasiva Sastri, Trivandrum Sanskrit Series no. 102. Trivandrum 1930, S. 80 In der mittelalterlichen Sanskrit-Literatur ist Pinaki ein Beiname des obersten Gottes Shiva, wenn er als Bogenschütze mit seinem mächtigen Bogen pinaki auftritt.Joep Bor: The Voice of the Sarangi, An Illustrated History of Bowing in India. In: National Center for Performing Arts Quarterly Journal, Band 15–16, 1986–1987, S. 40 Vina war der allgemeine Begriff für Saiteninstrumente und bezeichnet heute verschiedene Arten von nord- und südindischen Langhalslauten und Röhrenzithern. Der Entwicklungsgang vom Musikbogen bis dorthin entspricht den genannten zwei grundsätzlichen Richtungen. Die gerade Zither aus einem Holzstab nahm die Rudra vina genannte Form einer Bambusröhrenzither an, wie sie erstmals im 7. Jahrhundert auf indischen Tempelreliefs auftaucht. Um diese Zeit verschwanden bereits die indischen Bogenharfen vina und yazh, die seit dem 2. Jahrhundert an indischen Tempeln und als heute pin genannte Übernahme vom 7. bis zum 13. Jahrhundert in Kambodscha abgebildet waren. Die altindische Bogenharfe überlebt allein in der burmesischen saung gauk und in der sehr seltenen bin-baja in Zentralindien. Die praktisch einzige vergleichbare Bogenharfe in Afrika ist die ugandische ennanga. Neben dieser generellen Entwicklung ist die pinaki vina in der mittelalterlichen Literatur ein Musikbogen, dessen Saite mit einem Pferdehaarbogen gestrichen wird. Auf Abbildungen aus dem 18. Jahrhundert erscheint in Nordindien die pinak als gestrichener Musikbogen mit zwei Kalebassenresonatoren wie bei der Röhrenzither Rudra vina.Alastair Dick: Vīṇā. 1. Early history. In: Grove Music Online, 29. Oktober 2019

Bauformen und Spielweisen mini|Musikbogen mit Stimmschlinge und Kalebassenresonator Musikbögen lassen sich nach den außerkulturellen (etischen) Kriterien der Hornbostel-Sachs-Systematik in solche mit Resonator und Mundbögen ohne Resonator einteilen. Bei letzteren dient der an den Bogenstab oder an die Saite gehaltene Mundraum zur Schallverstärkung und Klangmodulation. Der meist aus einer Kalebasse, der Steinschale einer Kokosnuss oder einer anderen harten Fruchtschale bestehende Resonator kann mit dem Bogenstab an einer beliebigen Stelle fest verbunden sein. Unverbundene Schallverstärker werden vom Spieler zwischen den Fingern auf Kontakt mit dem Stab gehalten oder häufig zwischen Stab und Oberkörper gepresst.

Eine für alle drei Bauformen weitere Unterteilung stellt fest, ob eine Stimmschlinge vorhanden ist oder nicht. Die Stimmschlinge ist ein kurzes Stück Schnur, das bei vielen Musikbögen die Saite etwas außerhalb ihrer Mitte oder seltener in der Nähe des Randes umfasst und in Richtung des Bogenstabes heranzieht. Sie wird meist so positioniert, dass sich durch die Saitenteilung zwei Fundamentaltöne im Abstand zwischen einer Sekunde und einer Quarte, seltener bis zu einer Oktave ergeben.

Zwischen den Bogenenden können auch mehrere Saiten parallel oder in einem anderen Winkel zueinander gespannt sein. In Ostafrika gibt es mehrsaitige, stark gekrümmte Musikbögen, deren Saitenschnur Z-förmig zwischen beiden Seiten verläuft. Solche Instrumente werden manchmal fälschlich als „Harfe“ oder „Zither“ bezeichnet. Der Resonator ist hier üblicherweise in der Mitte des Bogenstabes befestigt.

Eine besondere Form eines mehrsaitigen Musikbogens ist der Pluriarc, der wie eine halbgeöffnete Hand aussieht. Bei diesem auch als Bogenlaute klassifizierbaren Instrument, das südlich der Sahara vorkommt, gehen von einem Resonanzkörper mehrere gebogene Stäbe aus, an denen jeweils eine Saite befestigt ist. National Music Museum, University of South Dakota Sehr seltene Vertreter dieses Instrumententyps in Suriname (agwado) und Brasilien gehen auf afrikanischen Einfluss zurück.

Wird eine Saite angeregt, so schwingt sie in ganzer Länge auf dem Grundton und nach der an einem Monochord zu demonstrierenden physikalischen Gesetzmäßigkeit in halber Länge eine Oktave, auf ein Drittel verkürzt eine weitere Quinte über dem Grundton, auf ein Viertel verkürzt in der zweiten Oktave, auf ein Fünftel verkürzt eine große Terz und auf ein Sechstel verkürzt eine Oktave über der Quinte. Von diesen Obertönen ist die erste Oktave am besten zu hören, bei vielen Musikbögen ist hingegen der Grundton nur schlecht hörbar zu machen. Der Musiker kann die einzelnen Obertöne durch unterschiedliche Spieltechniken herausfiltern und verstärken. Einzelne Obertöne lassen sich beim Mundbogen durch entsprechende Formung des Mundraums hervorrufen, bei Kalebassenbögen geschieht dies durch die Position der Kalebasse, deren Öffnung in unterschiedliche Nähe an den Oberkörper gehalten wird. Bei einem angenommenen Grundton F ergibt sich mit den Intervallen große Terz und Quinte die Tonfolge F–A–C. Benötigt der Spieler eine andere Tonfolge, kann er die Saite am Ende um einen Halbton oder einen Ganzton verkürzen. Verkürzt er um einen Ganzton, erhält er in diesem Fall den Grundton G und die Tonfolge G–B–D. Indem er abwechselnd die Saite verkürzt und den Finger wieder abhebt, also die Tonalität ändert, kann er die Töne F–G–A–B–C–D hervorbringen.