miniatur|300px|Dieter Reick Anfang der 1960er Jahre Dietrich Hermann Reick (* 16. Dezember 1928 in Essen; † 16. August 2012 in Deesem) war ein deutscher Maler, Grafiker, Filmer sowie Objekt- und Aktionskünstler.
Lebensweg Dieter Reick wuchs auf in Essen-Steele als dritter von fünf Söhnen des Architekten Rudolf Reick und der aus einer Kölner Kaufmannsfamilie stammenden Chemielaborantin Maria Leineweber. Von 1938 bis 1949 besuchte er das dortige Carl-Humann-Gymnasium. Während der Schulzeit verbrachte er anderthalb Jahre in der Kinderlandverschickung (1941 in Tschechien, 1943/1944 in Galtür/Vorarlberg). Ab Januar 1944 war Reick Luftwaffenhelfer, zunächst an mehreren Standorten im Ruhrgebiet, später an der niederländischen Grenze und ab September 1944 bis April 1945 in Stettin-Pölitz. Auf der Flucht vor dem russischen Vormarsch zurück in den Westen wurde er von amerikanischen Truppen bei Hagenow (Mecklenburg) gefangen genommen. Nach Übergabe an die britische Armee (Korpsgruppe Stockhausen) wurde er bis Juni 1945 in der Nähe von Eutin interniert.
Von 1948 bis 1951 und dann von 1952 bis 1956 studierte er Grafik und Malerei an der Folkwang-Werkkunstschule in Essen (heute Folkwang Universität der Künste). Während der Studienunterbrechung begann er eine Ausbildung zum Architekten, zunächst im Architekturbüro des Vaters, dann als Baupraktikant. 1955 heiratete er die Grafikerin und spätere Künstlerin Edith Reick, geborene Burkard. Die weitere berufliche Entwicklung erfolgte parallel als Künstler und als Grafiker. Nach Abschluss des Studiums arbeitete Reick als Werbegrafiker, zunächst in Essen und dann seit 1961 im Raum Köln. Seit Mitte der 1970er Jahre bis Ende der 1980er Jahre war er als Werbeleiter in verschiedenen Unternehmen tätig, zuletzt in der rheinischen Fliesenindustrie. Die letzten Jahrzehnte seines Lebens wohnte er in Brühl (Rheinland). Er starb im Elisabeth-Hospiz in Deesem.
Künstlerische Entwicklung miniatur|130px|Dieter Reick: Ohne Titel (1958), Linolschnitt, 70 × 51 cm. miniatur|130px|Dieter Reick: Fahrbare Zahnbürste (1968) und Hopper (1969), Multiples, Konservendosen mit Federmotor. miniatur|130px|Dieter Reick: Badezeit (1968), Multiple, 24 × 11 × 11 cm, Einmachglas, bemalte Badesandale, Niveacremedose. miniatur|130px|Dieter Reick: Ich hatt einen Kameraden (1972), Bildkasten 42 × 35 cm, Knochen, Hanf, Strass, Erkennungsmarke. Der Titel spielt an auf das gleichnamige Soldatenlied.
Von der Jugend zur abstrakten Kunst Das familiäre Umfeld mit Architekturbüro im eigenen Haus bot dem jungen Dieter Reick vielfach Anregungen zum eigenen Zeichnen und Malen. Als erstes größeres Bild ist ein farbiges Ölporträt seiner Großmutter erhalten, das er als etwa 16-Jähriger anfertigte. In den ersten Nachkriegsjahren verdiente sich Reick gelegentlich Zigaretten, indem er nach Vorlagen für einen Essener Kinobesitzer quadratmetergroße Kinoplakate malte. 1948 nahm er das Studium der Malerei, Glasmalerei und Grafik an der Folkwangschule in Essen auf, das er 1956 mit Auszeichnung abschloss. Dort war er insbesondere Schüler von Werner Graeff und Max Burchartz, deren an De Stijl und Bauhaus angelehnte Kunst- und Designauffassungen prägend waren. Bis in die 1960er Jahre entstanden in der Folge hauptsächlich gegenstandslose Bildkonstruktionen in Form von Malerei und farbiger Grafik mit inhaltlich enthaltsamen Titeln wie „Komposition“ oder „Ohne Titel“, die aber trotzdem häufig grafische Strukturelemente enthalten, in denen sich Lebewesen erahnen lassen.
Aufbruch zu neuen Materialien und Kunstformen Zum Zeitpunkt seines berufsbedingten Umzugs 1961 von Essen nach Köln befand sich die Stadt im Aufstieg zur führenden Kunstmetropole DeutschlandsHerzogenrath/Gabriele Lueg (Hg.), Die 60er Jahre – Kölns Weg zur Kunstmetropole: Vom Happening zum Kunstmarkt. Köln: Kölnischen Kunstverein 1986. Hier entdeckte er die Kölner Avantgardeszene und machte erstmals Bekanntschaft mit den damals progressivsten künstlerischen Tendenzen (Pop Art, Happening, Fluxus, Performance), die seine weitere künstlerische Entwicklung nachhaltig prägten.Rainer Wick, Ein Künstlerleben im Zeitraffer – Dieter Reick zum 80. Geburtstag. In: Dieter Reick – allerlei aus 50 Jahren: [erschienen aus Anlass der Ausstellung Dieter Reick – allerlei aus 50 Jahren zum 80. Geburtstag 2008 im Brühler Kunstverein, 7.–21. Dezember 2008] / [Text: Rainer K. Wick]. Brühl, 2008.
Anstelle von Holz- und Linoldruck wurde nun der industriell anmutende Siebdruck eingesetzt und gleichzeitig von weitgehend gegenstandslosen Bildern zur Darstellung banaler Gegenständen des Alltags gewechselt (Parkuhren, Klingelschilder, Taschenlampen, Prilflaschen). Mitte der 1960er entstanden erste bildhafte Objekte auf der Basis industriell anmutender Materialien (Resopalplatten, Walzbleche, Sprühlacke, Maschendraht). Dazu bemerkte Manfred Bourée 1968 anlässlich der Jahresausstellung des Ruhrländischen Künstlerbundes im Forum Bildender Künstler, Essen: „Kühl und hygienisch wirken die vier Objekte Dieter Reicks, aus Holz, Lack und Blech, ein modischer Beitrag zur neuen Dingerfahrung.“Manfred Bour'ee, in den Ruhrnachrichten vom 14. Dezember 1968.
Dieser „neuen Dingerfahrung“ fügte Dieter Reick Ende der 1960er Jahre zahllose Objekte auf Basis von Konservendosen und Blechmülltonnen hinzu, mit denen er einerseits die „Schmuddelseite“ der industriell organisierten Konsumschlacht kritisch ins Blickfeld des Betrachters rückte, andererseits aber auch die massenhaften Ausschussprodukte unseres Alltags ästhetisch aufwertete. So etwa mit der „Hopper“ (1969) genannten Konservendose, die Reick mit einem aufziehbaren Hüpfmechanismus ausstattete. In dieser Zeit entstanden auch erste Assemblagen, Performances und Happenings, häufig ebenfalls unter Verwendung von Konservendosen, so z. B. 1968 bei der Aktion „Eichhörnchen“ in der er in der Kölner Messehalle den Mantel einer Besucherin mit Konservendosen bestückte.
Von der Konsumkritik zur politischen Kunst Parallel zu dem seit Mitte der 1960er Jahre überwiegend konsumkritischen Kunstschaffen entstanden in der Folge Werke mit deutlich politischer Stoßrichtung. Hinsichtlich der Inhalte lassen sich fünf Werkgruppen unterscheiden (s. u.). Die künstlerischen Mittel sind im Wesentlichen dieselben: Aktionen, Installationen und Environments.
Werke mit antimilitaristischer Stoßrichtung Diese Werkgruppe tritt auf vor dem Hintergrund der amerikanischen Verbrechen in Vietnam, die in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre insbesondere durch das Russell-Tribunal 1966 und den Bildbericht des Life Magazines Ende 1969 zu dem Massaker von My Lai ins Blickfeld der Öffentlichkeit gerieten. Hier spielen auch die eigenen Kriegserfahrungen als Flakhelfer im Zweiten Weltkrieg eine Rolle. Sehr konkret ist der persönliche Bezug in den Ende der 1960er Jahre entstandenen fahrbaren Konservendosen, die mit Orden seines Vaters aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg behängt sind.
Der unheiligen Glorifizierung Gefallener ist eine Serie bildgroßer Objektkästen gewidmet, in denen Reick Knochen reliquienartig zusammen mit Ordensbändern oder soldatischer Erkennungsmarken präsentiert. Die Heldenverehrung ist auch Thema des Environments „Grab des unbekannten Soldaten“ (1970), dessen Ausstellung während der Woche des Friedens im Gymnasium Hückelhoven (bei Erkelenz) in den Folgewochen für einigen Aufruhr in der Lokalpolitik sorgteErkelenzer Volkszeitung, 9. November 1970; WAZ-Erkelenz, 9. November 1970; Nachrichten Erkelenz, 16. November 1970; Erkelenzer Nachrichten, 20. November 1970; Nachrichten Erkelenz, 25. November 1970; Rheinische Post, 25. November 1970; Westdeutsche Zeitung Erkelenz, 25. November 1970; Aachener Nachrichten, 31. Dezember 1970, und zwar insbesondere durch einen Leserbrief des Landrats Rick, in dem er Reick vorwarf, mit seinen „halben Mülleimern, Altar und blechdrapiertem Kranz eine Verunglimpfung von Soldatengräbern“Leserbrief von Landrat Rick in den Nachrichten Erkelenz vom 25. November 1970. zu beabsichtigen.
Weitere antimilitaristische Werke sind „162 Starfighter“ (1974) (entstanden aus Anlass des 162. Starfighterabsturzes), „Grab des unbekannten Soldaten“ (1970), „Bundeswehranzeige“ (1972), „Truppenverbandsplatz“ (1970) und die Aktion „Sandkastenspiel (Heldenstückchen)“ (1971), die er auch zu dem gleichnamigen Kurzfilm verarbeitete.
Werke mit Natur- und Umweltbezug Die Kunst dieser Werkgruppe behandelt Themen der weltweiten Bedrohung unserer Lebensgrundlagen, ein Thema, das insbesondere durch die Studie „Die Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome 1972 weltweite Aufmerksamkeit erregte. Die in der Studie projizierte Übernutzung unseres Planeten bis zum allseitigen Hunger hat Reick eindringlich in dem Objekt „Verfressen“ (1975) durch einen golfballgroßen Globus dargestellt, wie er auch auf dem Buchtitel der Studie zu finden war, der sich zum Verspeisen bereit zwischen Messer und Gabel, welche mit armlangen Griffen versehen sind, befindet. Ein weiteres Beispiel aus dieser Werkgruppe ist das Environment „Die Wüsten wachsen“ (1977), das plastisch die Vernichtung von Lebensräumen durch Rodung darstellt. Auch die Objektserie „Straßenleichen auf Asphalt“ (1977) kann zu dieser Werkgruppe gezählt werden; auf einem Asphaltuntergrund, der wie eine Leinwand in einem Bildrahmen untergebracht ist, sind überfahrene Tiere (Hasen, Igel) zu sehen, die Reick von der Straße aufgelesen hat. Im Laufe des Jahres 1976 nahm Reick an der von Ben Wagin organisierten Bustournee „Baumpate – grün ist Leben“ teil, die in mehreren deutschen Städten umweltorientierte Kunstaktionen durchführte. Reicks Beitrag war die Performance „Requiem für einen Baum“, in der er Bäume in Brand setzte und sich symbolisch mit verbrennen ließ.
Werke mit Bezug zur Situation der Kunst und der Künstler Thema mehrerer Arbeiten waren die Produktions- und Vermarktungsbedingungen von Kunst. So zeigte Reick 1972 auf dem Kunstmarkt Göttingen das Objekt „Kunstfalle“: eine überdimensionale Mausefalle, in der er den Speck durch das Wort „Kunst“ ersetzt hatte und den gespannten Bügel mit dem Wort „Kunstmarkt“ kennzeichnete. Im selben Jahr entstand die Installation „Kunstmarktsperre“; hier versah Reick eine Zugangstreppe der Kunstmesse Duisburg dicht mit Fußangeln, die es zu passieren galt, um zur Kunst zu gelangen. Ein Bild der „existenziellen Situation der meisten Künstler in Deutschland“Klaus Fleming im Kölner Stadt-Anzeiger vom 5. Februar 1976 unter dem Titel Der Seiltanz eines Künstlers: Dieter Reicks „… Ausflug auf den ungewohnt schwankenden Standort, dem viele harte Trainingsstunden vorausgegangen sind, soll … sinnfällig die existenzielle Situation der meisten Künstler in Deutschland darstellen“. lieferte Reick mit der Aktion „Zur Situation der Künstler in der Gesellschaft“ (1976), in der er sich als Seiltänzer zeigte.
Werke mit allgemein humanitärer Ausrichtung Zu dieser Gruppe zählt insbesondere die Aktion „Menschenwürde“ (1975), in der Reick mit bloßen Füßen über etwa zehn Meter in einen aufgehäuften Streifen Sand das Wort „Menschenwürde“ formte, in die entstandenen Fußstapfen eine (angeblich) napalmartige brennbarer Flüssigkeit einfüllte und in Brand setzte. Ein Höhepunkt des Kunstschaffens dieser Zeit ist der Kurzfilm „Torture (im Zeichen des Friedens)“ (1974), den Reick gemeinsam mit dem Kameramann Klaus Koch (Klaus Bako) drehte. Dieser Film lief im Programm der 6. Oberhausener Kurzfilmtage und wurde auf den XVI. Filmfestspielen Bilbao mit einer Goldmedaille ausgezeichnet.
Werke mit Bezug zu aktuellen gesellschaftlichen Vorgängen Ein frühes Kunstwerk dieser Werkgruppe ist die Aktion „Humanae Vitae“ von 1968, die sich auf die gleichnamige, im selben Jahr von Papst Paul VI. veröffentlichte sogenannte „Pillen-Enzyklika“ bezieht. Zu diesem Werkbereich gehört auch das Objekt „Abhörwand GG Art. 10“, mit dem er den Bundestagsbeschluss von 1968 zur Einschränkung des Briefgeheimnisses ( Grundgesetz) kommentierte.
Das Spätwerk