mini|Oremus et pro perfidis Judæis im Nouveau Paroissien Romain von 1924 Die Karfreitagsfürbitte für die Juden ist eine der Großen Fürbitten in der Karfreitagsliturgie nach dem römischen Ritus, den die römischen Katholiken, Altkatholiken und manche Anglikaner verwenden. Sie entstand im 6. Jahrhundert, nannte die Juden seit 750 perfidis („treulos“), ihren Glauben iudaica perfidia („jüdische Treulosigkeit“) und bat Gott darum, den „Schleier von ihren Herzen“ wegzunehmen, ihnen die Erkenntnis Jesu Christi zu schenken und so der „Verblendung ihres Volkes“ und „Finsternis“ zu entreißen. Seit 800 erhielt sie zudem besondere Merkmale: Nur bei dieser Fürbitte sollten die Beter nicht niederknien und kein Amen sprechen. 1570 legte Papst Pius V. diese Fassung fest, die bis 1956 unverändert gültig blieb. Historikern gilt sie als Ausdruck eines christlichen Antijudaismus, der auch den Antisemitismus befördert habe.Jules Isaac: Genesis des Antisemitismus: vor und nach Christus. Europa-Verlag, Wien 1969, , S. 219–226.Urs Altermatt: Katholizismus und Antisemitismus. Huber, Frauenfeld/Stuttgart/Wien 1999, ISBN 3-7193-1160-0, S. 67–71.Basilius J. Groen (Universität Graz): Antijudaismus in der christlichen Liturgie und Versuche seiner Überwindung. Abgerufen am 21. Juni 2017.

Kritik an der traditionellen Judenfürbitte fand erst nach dem Holocaust Gehör. Seit 1956 veränderte der Vatikan sie schrittweise bis zu ihrer heute gültigen Normalfassung von 1970. Diese betont Israels Erwählung zum Gottesvolk und bittet nicht um Erkenntnis Christi, sondern um Treue der Juden zu Gottes Bund und Liebe zu seinem Namen, erkennt also das Judentum an. Seit 1984 ist auch eine lateinische Ausnahmefassung nach der Liturgie von 1962 möglich. Papst Benedikt XVI. erleichterte 2007 deren Anwendung, um katholischen Traditionalisten entgegenzukommen. 2008 formulierte er diese Fassung neu: Der Einleitungssatz bittet um Erleuchtung der Juden zur Erkenntnis Christi, „des Retters aller Menschen“. Dies rief anhaltende Proteste und Störungen im katholisch-jüdischen Dialog hervor.

Entstehung Karfreitagsfürbitten Die Urchristen richteten ihre Missionspredigten zuerst an Juden aus dem Raum des damaligen Palästina und riefen sie zur Umkehr auf, um ihnen Rettung aus dem erwarteten Endgericht zu ermöglichen . Eine besondere Fürbitte für sie bezeugt das Neue Testament (NT) nicht.

Nach der Trennung von Juden- und Christentum (um 100) zählten einige Kirchenväter wie Justin (Dialog mit dem Juden Tryphon, 155–160) Juden gelegentlich zu den Feinden, für die verfolgte Christen gemäß Jesu Gebot der Feindesliebe und seiner eigenen Vergebungsbitte am Kreuz beten sollten.Walter Bauer, Georg Strecker: Aufsätze und kleine Schriften. Mohr/Siebeck, Tübingen 1967, S. 245. Dies folgte dem Vorbild Jeremias, der die in Babylon exilierten Juden aufgerufen hatte, für das Wohl der Stadt ihrer Verbannung zu beten .Walter Dietrich, Moisés Mayordomo: Gewalt und Gewaltüberwindung in der Bibel. 2005, ISBN 3-290-17341-0, S. 207 ().

Seit dem Aufstieg der Kirche zur römischen Staatsreligion (ab 380) hatte die christliche Mission unter Juden kaum noch Erfolge. Nur wenige Theologen wie Hieronymus (Sermo 70, Kapitel 2) und Leo der Große (Homiliae in ps. 108) ermahnten die Christen um 400, auch die Juden als Ungläubige in ihre Gebete einzuschließen, da sie die Wurzel der Kirche seien.Peter Browe: Die Judenmission im Mittelalter und die Päpste. Universita Gregoriana Editrice, Rom 1973, ISBN 88-7652-432-0, S. 134 f. ().

Seit etwa 500 ist eine besondere Judenfürbitte in der täglichen kirchlichen Messe bekannt.Hubert Wolf: Perfide Juden? In: Papst und Teufel. Die Archive des Vatikan und das Dritte Reich. 2. Auflage. München 2009, S. 108. Diese wurde aber nur in Spanien seit 586 in einige Messordnungen aufgenommen. Die römische, mailändische und gallikanische Liturgie des 6. Jahrhunderts kannte Fürbitten für Juden, Ketzer und Heiden nur am Karfreitag. Das Sacramentarium Gregorianum (um 592) enthielt solche Karfreitagsfürbitten.Klaus Gamber: Sacramentarium Gregorianum I. Das Stationsmessbuch des Papstes Gregor. Friedrich Pustet, Regensburg 1966, Formular 65, S. 61–64. Sie waren nach dem ambrosianischen Ritus (8. Jahrhundert) für alle drei Gruppen gleich formuliert und verlangten bei allen das Niederknien.Peter Browe: Die Judenmission im Mittelalter und die Päpste. S. 136 ()

Perfidus/Perfidia Das lateinische Adjektiv perfidus und das zugehörige Substantiv perfidia taucht in altkirchlichen Schriften als Gegensatz zu fides („Glaube, Vertrauen“) im Sinne von incredulitas („Unglaube“) oft auf. Es bezeichnete seit Cyprian von Karthago (De unitate, De lapsi u. a.) fast immer andere Christen als vom wahren Glauben abgefallene Schismatiker, Häretiker oder Apostaten. Nur wenige Stellen bezogen den Ausdruck auf Judenchristen, um deren Lehren als menschliche Untreue gegenüber Christus abzuwehren. Gottes endgültige Abkehr vom Israelbund wurde damit nicht ausgesagt.Erik Peterson: Perfidia judaica. In: Ephemerides liturgicae 50, 1936, S. 303–308; referiert in Lorenzo Cappelletti („30Tage“ 11/2007): Pro Iudaeis. Perfidus ist erstmals in der Geschichte der Franken (um 592) von Bischof Gregor von Tours als Teil der Judenfürbitte belegt. Das Gebet im Sacramentarium Gelasianum (um 750) enthielt eine leicht abweichende Variante davon.Jules Isaac: Genesis des Antisemitismus. Wien 1969, S. 220.

Weglassen des Kniefalls Um 800 fehlte erstmals in den Salzburger Kapitularien, sodann in den kirchlichen Messbüchern unter den Karolingern, bei der Fürbitte für die Juden die sonst bei allen Gebeten übliche Aufforderung an die Beter, niederzuknien. Amalarius von Metz begründete dies um 820 wie folgt:Amalarius von Metz: De ecclesiasticis officiis 1, 13. In: Jean Michel Hanssens: Amalarii episcopi liturgica omnia. drei Bände, Rom 1948–1950. Zitat und Übersetzung nach Jules Isaac: Genesis des Antisemitismus, Wien 1969, S. 222f.

Damit schrieb er den in und erwähnten höhnischen Kniefall römischer Soldaten, die Jesus vor seiner Kreuzigung geißelten und folterten, den Juden zu. Diese Begründung setzte sich in der Kirche allgemein durch, so dass der Kniefall bei der Judenfürbitte fortan überall weggelassen wurde.

Eine handschriftliche Randnote zum Sacramentarium von Saint-Vast (10. Jahrhundert) begründete den Wegfall der Kniebeuge wie folgt:

Dies übersetzte der katholische Liturg Louis Molien 1924 so:

Demnach habe der Judenhass der Christen den Klerus gezwungen, die Kniebeuge wegzulassen. Viele Kommentatoren folgten dieser Deutung, weil sie die Kirche von ihrer Verantwortung für den Antijudaismus entlastete. Der Kirchenhistoriker Jules Isaac betonte dagegen 1956, dass noxa im mittelalterlichen Latein nie Zorn oder Hass, sondern immer „Sünde“ oder „(Ur-)Schuld“ bedeutete. Der Satz sei daher nur mit „…wegen der Sünde des Volkes und wegen seines Zornes“ zu übersetzen, beziehe sich also auf Juden, nicht auf Christen. Die Kirche selbst habe den Wegfall der Kniebeuge eingeführt, um ihren Antijudaismus in der christlichen Bevölkerung zu verbreiten und zu verankern.Jules Isaac: Genesis des Antisemitismus. Wien 1969, S. 223–225 und S. 270, Fn. 284

Liturgischer Kontext Im Mittelalter entstand die dreiteilige Feier vom Leiden und Sterben Christi am Karfreitagsnachmittag, bestehend aus Lesungen, Kreuzverehrung und Kommunion. Die Fürbitten schlossen den ersten Teil ab, der mit zwei Lesungen aus dem Alten Testament begann. Gelesen wurde meist , das Gottes Treue zu Israel dessen Untreue im Bild der ehebrüchigen Frau gegenüberstellt, und , der von bösen, gewalttätigen und hinterhältigen Fallenstellern mit vergifteter Zunge redet. Ursprünglich ein Psalm für zu Unrecht verfolgte Juden, bezogen Christen ihn auf eine angebliche Verfolgung Jesu durch alle Juden: Denn darauf folgten in verteilten Rollen gelesene Passagen aus dem Johannesevangelium, das „die Juden“ kollektiv zu Gegnern Jesu erklärt. Den Fürbitten folgten Klagegesänge – seit 1474 Improperien genannt –, in denen verschiedene Bibelzitate kombiniert und Jesus in den Mund gelegt wurden. Darin beklagt er sich über die Untreue seines Volkes und macht es für seinen Tod verantwortlich.Urs Altermatt: Katholizismus und Antisemitismus. S. 67 ff. mini|Papst Pius V., zeitgenössische Darstellung

Durch diesen antijudaistischen Kontext der Judenfürbitte nahm perfidus wirkungsgeschichtlich das Bedeutungsfeld von perfide an: „arglistig, bösartig, gemein, heimtückisch, hinterhältig, hinterlistig, niederträchtig, ruchlos, schändlich, schmählich, teuflisch, verschlagen, verdorben“ und ähnliches.Duden (Brockhaus AG) perfide. Abgerufen am 21. Juni 2017. Diese Konnotationen drangen in die späteren landessprachlichen Übersetzungen der Judenfürbitte ein.Hubert Wolf: Papst und Teufel. München 2009, S. 109.

Römisch-katholische Entwicklung Tridentinische Fassung (1570) Das von Pius V. 1570 autorisierte Missale Romanum stellte die Judenfürbitte an die achte Stelle zwischen die Fürbitten für die Häretiker und die Heiden. Sie begann wie folgt:Missale Romanum von 1570 und deutsche Übersetzungen im deutsch-lateinischen Messbuch von Anselm Schott (1884), zitiert nach Hubert Wolf: Papst und Teufel, Beck, München 2012, S. 98.

Neben dem Verb agnoscere („anerkennen“) ist auch cognoscere („erkennen“) an dieser Stelle belegt. Der Priester wurde mit der seit Amalarius von Metz üblichen Begründung angewiesen, nicht niederzuknien, sondern ohne Schweigepause stehend fortzufahren und die Oration nicht mit „Amen“ abzuschließen. Sie lautete:

Diese festgelegte Fassung unterschied sich nur unwesentlich von der des Sacramentarium Gelasianum. Sie blieb bis 1955 verbindlich und unverändert. Laut Giuseppe M. Croce sollen einige katholische Bischöfe der Toskana die Judenfürbitte um 1800 unter den Großen Fürbitten weggelassen haben, ohne dies aber für die Gesamtkirche zu verlangen.Giuseppe M. Croce: Pio VII, il cardinal Consalvi e gli ebrei (1800–1823). In: Pio VII papa benedettino nel bicentenario della sua elezione. Atti del Congresso storico internazionale Cesena, Venezia, 15-19 settembre 2000. Badia di Santa Maria del Monte, Cesena 2003, S. 561–618. mini|„Die Synagoge“ als Frauengestalt mit zerbrochener Torarolle und verbundenen Augen; Skulptur am Freiburger Münster

Deutsche Übersetzung (1884) Im 19. Jahrhundert erlaubte der Vatikan zweisprachige Volksmessbücher, um das Mitbeten in der jeweiligen Landessprache zu ermöglichen. Die deutsche Übersetzung der kirchenamtlichen Ausgabe von Anselm Schott von 1884 lautet:

Die Anweisung an den Vorbeter wurde wie folgt übersetzt:

Darauf folgt der Wortlaut des eigentlichen Gebets:

Erster Reformvorstoß (1928) Am 2. Februar 1925 bat die niederländische jüdische Konvertitin Franziska van Leer den mit ihr befreundeten Kardinal Wilhelmus Marinus van Rossum erfolglos darum, sich im Vatikan für eine Änderung der Judenfürbitte einzusetzen. Auf ihre Initiative hin gründete sich 1926 die katholische Klerikergruppe Amici Israel („Freunde Israels“, das hieß aller Juden), der 1928 etwa 3000 Priester, 287 Bischöfe und 19 Kardinäle, darunter drei hohe Vertreter der Kurie, angehörten. Ausgehend von dem Glaubenssatz, Christus sei „der Erstgeborene, die Wahrheit und das Haupt Israels“ als des ersterwählten Gottesvolks, setzten sie sich für Versöhnung zwischen Katholizismus und Judentum ein, um die Judenmission zu erleichtern. Deshalb wiesen sie die traditionellen antijudaistischen Legenden vom Gottesmord, Ritualmorden und Hostienschändungen zurück und wollten antijüdische Elemente der katholischen Liturgie beseitigen.Theo Salemink (Schwerte 2005):