Sextus Tarquinius war ein Prinz der in der römischen Geschichtsschreibung mythisch verklärtenDie Historizität der Tarquinier und ihrer Gegner ist in der Forschung umstritten. Doch sollten zumindest Teile und Grundzüge der Überlieferung historisch sein. Indizien hierfür sieht die Forschung in einer Inschrift aus Satricum. In dieser wird ein Valesios Poplios genannt, bei dem es sich wohl um „Publicus Valerius Publicola, einen der ersten Männer Roms nach dem Sturz des Königtums […], oder um seinen Sohn handelte.“ (Aigner-Foresti: Die Etrusker und das frühe Rom, S. 105) Einschränkend vermerkt Aigner-Foresti jedoch im Folgesatz, dass der Genannte „allerdings ebenso ein historisch sonst unbekannter Mann gleichen Namens gewesen sein [könnte].“ (Aigner-Foresti: Die Etrusker und das frühe Rom, S. 105) Siehe auch S. 142 wo Aigner-Foresti die Historizität des Publicola als „höchst wahrscheinlich“ benennt. Eine kritische Sicht auf die römische Früh- und Königszeit formuliert Jehne: Die römische Republik. Von der Gründung bis Caesar, S. 13, pointiert, wenn er schreibt: „Da alle Untersuchungen zeigen, daß keine mündliche Überlieferung […] nur über 100 Jahre […] zu tradieren vermag, ohne daß gravierende Verfremdungen der Fakten eintreten, ist es ganz und gar unwahrscheinlich, daß Ablauf und Figuren dieser Erzählung […] auch nur einen Hauch von Authentizität beanspruchen dürfen. Zudem sind Vergewaltigungsgeschichten so feste Bestandteile der zahlreichen antiken Darstellungen zur Entartung von Tyrannen, daß sie schlicht als Produkt literarischer Bearbeitung […] anzusehen sind.“ etruskischen Herrscherfamilie der Tarquinier.Zum Einfluss der Etrusker auf die (frühe) Römische Republik und ihre politische Verfasstheit siehe Bleicken: Die Verfassung der Römischen Republik, S. 272–3. Er war – nach den Angaben der Literaten Titus Livius und Ovid – der dritte und jüngste SohnLiv. I, 53, 5: „[…] Sextus filius eius, qui minimus ex tribus erat […].“ Ov. fast. II, 691 „[…] namque trium minimus, proles manifesta Superbi […]“ des letzten etruskischen Königs Lucius Tarquinius Superbus, nach den Angaben des Dionysios dessen ältester Sohn.Dion. Hal. ant. IV, 64, 2: „At this time Sextus, the eldest son of Tarquinius […]“; 65, 2: „[…] since I [=Sextus] am his eldest son.“ Der Nachwelt ist er als Hauptakteur der mit der Vertreibung der KönigsherrschaftDion. Hal. ant. IV, 63, 1: „[…] and being now no longer in any fear concerning his [Tarquinius Superbus'] power, he was both driven from power and exiled because of the outrageous deed of Sextus, his eldest son, who ruined a married woman.“ aus Rom durch Lucius Iunius Brutus zusammenhängenden Vergewaltigung der Lucretia, der Ehefrau des Tarquinius Collatinus und Tochter des Spurius Lucretius Tricipitinus, bekannt. Titus Livius gibt innerhalb seiner Darstellung der römischen Frühzeit innerhalb des ersten Buches seines Hauptwerks Ab urbe condita eine Schilderung der Ereignisse, Ovid verarbeitet das Thema in seinen Fasti poetisch.Siehe zur Einnahme Gabiis: Liv. I, 53, 4-54, 10 und Ov. fast. II, 684a-710, sowie zur Vergewaltigung der Lucretia: Liv. I, 57, 5-60, 2 und Ov. fast. II, 721-852. Auch Dionysios von Halikarnassos geht in seinen Römischen Altertümern auf die Vorgänge ein.Siehe Dion. Hal. ant. IV, 64, 1-67,4; IV, 70, 1-71, 6.
Darstellung Sextus Tarquinius taucht in der Überlieferung in zwei Erzählungen auf: Der Einnahme der Stadt Gabii sowie der Vergewaltigung der Lucretia. Die Erzählung der Vergewaltigung nimmt in Überlieferung wie Rezeption eine prominente Position ein.
Die Protagonisten der beiden Erzählkreise stehen in einem engen VerwandtschaftsverhältnisDie historische Mythenforschung in Anschluss an Claude Lévi-Strauss Strukturalismus, neigt dazu in Erzählungen, in welchen die Protagonisten in eine ähnlich komplexe familiale Struktur eingebunden sind, die Verarbeitung „[of] a structural conflict between different principles of succession through descent“ (Oosten: The war of the gods, S. 148) zu sehen, welcher „constitutes the main problem.“ (Oosten: The war of the gods, S. 148) Als Kernantagonisten der Erzählkreise „for the succession [gelten] Tarquinius’ sons and his sister’s son Brutus. […] Collatinus also played an important part […] [as] a member of the impoverished collateral line […] [which,] is in marked opposition to the royal line. First […] [they] were deprived of their wealth, […] then they were even deprived of their wives, when Sextus Tarquinius raped Collatinus’s wife.“ (Oosten: The war of the gods, S. 148) zueinander. Sextus Tarquinius ist einer von drei Söhnen des Lucius Tarquinius Superbus. Brüder des Sextus sind Arruns Tarquinius (nicht zu verwechseln mit dem Bruder des Superbus) und Titus Tarquinius. Lucius Iunius Brutus, der Vertreiber der Könige und Initiator der Republik, ist Cousin des Sextus und seiner Brüder; seine Mutter Tarquinia ist eine Schwester des L. Tarquinius Superbus. Lucius Tarquinius Collatinus, der Ehemann der Lucretia, gehört einer verarmten Seitenlinie der Tarquinier an. Er ist Enkel des Großonkels des Sextus.Oosten: The war of the gods, S. 146, sowie die Gesamtinterpretation bezüglich der Tarquinischen Dynastie, S. 144–151.
Die Einnahme von Gabii Sextus Tarquinius taucht bei Livius erstmals während der Belagerung der Stadt Gabii durch den König L. Tarquinius Superbus auf; auch Ovid flocht die Belagerung in sein Werk ein. Die Belagerung der Stadt durch die Römer war ins Stocken geraten und kam nicht voran. Daher beschloss Tarquinius Superbus die Stadt – nach ganz unrömischer Sitte – mit einer List zu nehmen. Der König gab vor, sich statt um die Einnahme lieber um innerstädtische Bauprojekte zu kümmern und beauftragte seinen Sohn Sextus, sich in Gabii als Überläufer auszugeben. Sextus spielte daraufhin den Gabiern vor, gerade noch den Häschern des eigenen Vaters entkommen zu sein und nun Zuflucht bei den Feinden der Tarquinier zu suchen.Liv. I, 53, 5: „Nam cum velut posito bello fundamentis templi iaciendis aliisque urbanis operibus intentum se esse simularet, Sextus filius eius, qui minimus ex tribus erat, transfugit ex composito Gabios, patris in se saevitiam intolerabilem conquerens […].“; I, 53, 7: „Se quidem inter tela et gladios patris elapsum nihil usquam sibi tutum nisi apud hostes L. Tarquini credidisse.“ Ov. fast. II, 692-696: „[…] [Sextus] in medios hostes nocte silente venit. Nudarant gladios: ‚Occidite‘ dixit ‚inermem: Hoc cupiant fratres Tarquiniusque pater, qui mea crudeli laceravit verbere terga‘ (dicere ut hoc posset, verbera passus erat).“
Die Gabier nahmen ihn freundlich auf und hofften mit seiner Hilfe Tarquinius Superbus bezwingen zu können. Sextus nahm daraufhin auch an den Versammlungen und Beratungen teil, drängte dort ständig auf Krieg und ließ sich schließlich, nachdem er sich durch List und Tücke das Vertrauen der Gabier erworben hatte, zum Feldherren wählen. Im Verlauf kleinerer abgekarteter Gefechte und durch freigebiges Verteilen der Beute machte er sich unter den Gabiern derart beliebt, dass er bald zum mächtigsten und einflussreichsten Mann der Stadt avancierte. Unwissend wie er weiter vorgehen sollte, schickte er einen Boten nach Rom, um Instruktionen von seinem Vater einzuholen. Der jedoch sprach nicht mit dem Boten, sondern schlug beständig die am Wegesrand stehenden, hohen Mohnköpfe (bei Ovid Blüten von Lilien) ab. Sextus erkannte in der für den Boten unverständlichen Handlung einen versteckten Befehl seines Vaters, die herrschende Elite Gabiis nach und nach auszuschalten. Dieser Instruktion eingedenk gelang es Sextus, die gabinische Elite durch politische Intrige und Meuchelmord so weit auszudünnen und die Bevölkerung durch Geschenke so gewogen zu stimmen, dass die Stadt sich ohne einen Schwertstreich in die Hand der Römer gab.Liv. I, 54, 1: „Inde in consilia publica adhiberi. […] ipse identidem belli auctor esse […].“; 54, 4: „Apud milites vero obeundo pericula ac labores pariter, praedam munifice largiendo tanta caritate esse ut non pater Tarquinius potentior Romae quam filius Gabiis esset.“; 54, 5-10: „Itaque […] tum ex suis unum sciscitatum Romam ad patrem mittit quidnam se facere vellet, […]. Huic nuntio, […] nihil voce responsum est; rex velut deliberabundus in hortum aedium transit sequente nuntio filii; ibi inambulans tacitus summa papauerum capita dicitur baculo decussisse. […] Sexto ubi quid vellet parens quidue praeciperet tacitis ambagibus patuit, primores civitatis criminando alios apud populum, alios sua ipsos inuidia opportunos interemit. […] et dulcedine priuati commodi sensus malorum publicorum adimi, donec orba consilio auxilioque Gabina res regi Romano sine ulla dimicatione in manum traditur.“ Und Ov. fast. II, 701-710: „Iamque potens misso genitorem appellat amico, perdendi Gabios quod sibi monstret iter. Hortus odoratis suberat cultissimus herbis, sectus humum rivo lene sonantis aquae: Illic Tarquinius mandata latentia nati accipit, et virga lilia summa metit. Nuntius ut rediit decussaque lilia dixit, filius ‚Agnosco iussa parentis‘ ait. Nec mora, principibus caesis ex urbe Gabina, traduntur ducibus moenia nuda suis.“
Die Vergewaltigung der Lucretia Nach Titus Livius Die Schilderung der Umstände der Vergewaltigung beginnt bei Livius mit der Belagerung der rutulischen Stadt Ardea durch die Römer. Grund für die Belagerung sei der Drang des Lucius Tarquinius Superbus gewesen, den Reichtum der Ardeaten zu erbeuten, um seine angeschlagenen Finanzen zu sanieren sowie die Unruhe im Volk durch Geschenke zu besänftigen. Nachdem die Stadt im Sturm nicht genommen werden konnte, ging das Heer an eine Belagerung. Um sich die Zeit während der langwierigen Belagerung zu vertreiben, trafen sich die jungen Adligen zu gegenseitigen Gastmählern. Bei einem dieser Gastmähler kam das Gespräch der vom Wein Erhitzten auf die Ehefrauen und die Frage, welche von ihnen die Herausragendere wäre. Um die Streitfrage zu klären, wurde beschlossen, die von den Ehemännern benannten Frauen reihum in Rom und Collatia aufzusuchen.Liv. I, 57, 5-8: „[…]; regii quidem iuvenes interdum otium conuiuiis comisationibusque inter se terebant. […] incidit de uxoribus mentio. Suam quisque laudare miris modis […] citatis equis auolant Romam.“
Es stellte sich heraus, dass alle Frauen die Abwesenheit der Männer genutzt hatten, um sich die Zeit mit üppigen Gelagen zu vertreiben und im dekadenten Luxus zu schwelgen. Nur Lucretia, die Gattin des Collatinus, wurde noch spät abends bei der Wollarbeit angetroffen und zeigte sich im weiteren Verlauf des Abends als freundliche Gastgeberin. Angetan von der Schönheit und der keuschen Art der Lucretia einigten sich die Männer schließlich darauf, Lucretia als Siegerin des nächtlichen Wettstreits anzuerkennen. Nachdem man die Gastfreundschaft genossen hatte, kehrte die Gruppe ins Heerlager zurück. Nur Sextus Tarquinius, in schnödem Verlangen nach Lucretia entbrannt, plante im Geheimen, wie er sich ihrer bemächtigen könnte.Liv. I, 57, 9-11: „[…] ubi Lucretiam haudquaquam ut regias nurus, quas in conuiuio luxuque cum aequalibus viderant tempus terentes sed nocte sera deditam lanae inter lucubrantes ancillas in medio aedium sedentem inveniunt. Muliebris certaminis laus penes Lucretiam fuit. […] Ibi Sex. Tarquinium mala libido Lucretiae per vim stuprandae capit; […].“