mini|hochkant|Jaap Kool als Saxophonist, 1926/27 Jacob Hendrik Willem Kool (* 31. Dezember 1890Für das Geburtsjahr weisen Quellen unterschiedliche Angaben aus: Sowohl das Schüler- als auch das Lehrerverzeichnis der Freien Schulgemeinde Wickersdorf im Archiv der deutschen Jugendbewegung (AdJB) wird 1891 als Geburtsjahr angegeben; dieses Jahr vermerkt auch das Nederlands Muziek Instituut. Die hier zitierten Publikationen von Prof. Dr. Peter Dudek, der sich auf die handschriftliche Eintragung im Schülerbuch der FSG bezieht, weisen hingegen das Jahr 1890 korrekt aus. in Nieuwer-Amstel,Jacob Hendrik Willem Kool. In: Stadsarchief, Gemeente Amsterdam, auf: archief.amsterdam Niederlande; † 1. Dezember 1959 in Den Haag), genannt „Jaap“, war ein niederländischer Komponist, Jazz-Saxophonist, Musikwissenschaftler, Pädagoge und Autor, der überwiegend in Deutschland wirkte und in deutscher Sprache publizierte.

Familie Jaap Kools Vater David Abraham Kool war Direktor der Heringsfischerei AG Neptun mit Sitz im ostfriesischen Emden, die eine Flotte eigener Logger unterhielt.. In: Stadtarchiv Emden, auf: wigedok.eu Dieser hatte sein Unternehmen 1893/94 aus den Niederlanden nach Deutschland umgesiedelt, so dass Jaap Kool, der in der Folge überwiegend in Deutschland und der Schweiz aufwuchs, bereits als Dreijähriger mit nach Deutschland umsiedelte. Sein Vater war in Emden auch als Konsul der Niederlande mit Zuständigkeit für Ostfriesland tätig. Von 1907 bis etwa 1914 fungierte er als Vorsitzender des Aufsichtsrates der Freien Schulgemeinde Wickersdorf, danach als wirtschaftlicher Leiter des Internats. Seine in Thüringen geborene Ehefrau Adriana Margaretha „Etha“ (* 15. Februar 1866 in Rohrbach bei Saalfeld; † 28. August 1946 in Ermelo, Provinz Gelderland) war Tochter des niederländischen Theologen und Kunsthistorikers Allard Pierson und dessen Ehefrau Pauline Hermine Elizabeth (1831–1900), geborene Gildemeester. Adriana Margaretha war um 1911 Vorsitzende des Evangelischen Arbeiterinnenvereins in Emden.Peter Dudek: „Versuchsacker für eine neue Jugend“ – Die Freie Schulgemeinde Wickersdorf 1906–1945. Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2009, ISBN 978-3-7815-1681-6, S. 38, 168, 258. Jaap Kool hatte einen zwei Jahre jüngeren Bruder, Allard (1895–1986), der nach seinem Großvater mütterlicherseits benannt wurde.

1930 lernte Jaap, inzwischen Schulleiter, in Wickersdorf die Ausdruckstänzerin Vlasta „Asta“ Libusche Josephine Hájek (* 1909 in Breslau; † 1990) kennen,Hochzeit mit Jacob Hendrik Willem Kool in Haarlem, 15. Oktober 1932; Zitiert nach: Noord-Hollands Archief, Standesamtliche Urkunde Haarlem, Nr. 761 (1932), 15. Oktober 1932Sterbejahr hinzugef. f. Asta Kool, geb. Hájek; gem. Forschungsergebnissen von Prof. Dr. Peter Dudek, lt. E-Mail vom 9. Februar 2022, basierend auf einem Schreiben des F.S.G.-Ehemaligen Friedrich Schoenfelder an den F.S.G.-Ehemaligen Gerhard Könitzer (1912–1999) vom 2. Januar 1991. die dort von diesem Zeitpunkt an als Hilfslehrkraft Französisch unterrichtete.Lehrerverzeichnis der Freien Schulgemeinde Wickersdorf. In: Archiv der deutschen Jugendbewegung, Burg Ludwigstein bei Witzenhausen in Hessen. Sie war von 1922 bis 1927 Wickersdorfer Internatsschülerin gewesen.Schülerverzeichnis der Freien Schulgemeinde Wickersdorf. In: Archiv der deutschen Jugendbewegung, Burg Ludwigstein bei Witzenhausen in Hessen. Aus der am 15. Oktober 1932 in Haarlem geschlossenen Ehe der beiden gingen zwei Kinder hervor, Stefan (* 1933) und Sibylle (* 1938, ab 14. April 1961 verheiratet mit dem Nuklearphysiker Marcel Haegi, * 29. Oktober 1931 in Genf; † 5. Februar 2004).Ian Roberts: Marcel Haegi. In: BMJ. 2004 Apr 10; 328(7444): 899. Beide waren Schüler in Wickersdorf, Stefan 1945/46 im Internat, die fünf Jahre jüngere Sibylle in der Dorfschule.

Schule und Studium Jaap genoss eine freizügige Erziehung; die Mutter stammte aus einer dem Naturismus zugeneigten Familie. 1905 rebellierte der Zwölfjährige gegen den militärischen Drill am Emdener Wilhelmsgymnasium, das er besuchte. Die Eltern ermöglichten ihm daher den Internatsaufenthalt am Deutschen Landerziehungsheim Haubinda von Hermann Lietz. Von dort folgte er Schulleiter Paul Geheeb und Gustav Wyneken zu deren neu eröffneter Freie Schulgemeinde nach Wickersdorf in den Thüringer Wald, wo er zu den ersten Schülern dieses reformpädagogischen Landerziehungsheims zählte.Peter Dudek: „Sie sind und bleiben eben der alte abstrakte Ideologe!“ Der Reformpädagoge Gustav Wyneken (1875-1864) - Eine Biographie. Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2017, S. 191–192.Peter Dudek: „Alles braver Durchschnitt“? Impressionen zur Schülerschaft der FSG Wickersdorf 1906–1945. In: JHB 23. Jahrbuch für Historische Bildungsforschung 2017. Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2018, ISBN 978-3-7815-2237-4, S. 234–279 (Zitatstelle: S. 250). Dieses Internat besuchte er von 1906 bis 1909, während sein jüngerer Bruder Allard dort für 1907 und wieder von 1914 bis 1917 als Schüler geführt wurde. Dort freundete er sich beispielsweise eng mit Alexander „Sascha“ Gerhardi (1889–1967) an. Mit Gustav Wyneken und Wickersdorf fühlten sich beide zeitlebens eng verbunden, trotz zeitweiliger Kontroversen und Verstimmungen.

Als Musikerzieher wirkte dort von 1906 bis 1929 der Musikästhetiker und Komponist August Halm, für Ausdruckstanz und „Bewegungsspiel“ (Darstellendes Spiel) engagierte sich dort von 1906 bis 1925 Martin Luserke. Der inzwischen sechzehnjährige Jaap erprobte sich 1909 erstmals im Tonsatz für ein aus Mitschülern zusammengestelltes Klavierquintett.

Ab 1911 studierte Kool, Mitschülern und Freunden in die Schweiz folgend, an der Universität Zürich Chemie und Musikwissenschaft. Die Schweizer Erstaufführung von Strawinskys „Le sacre du printemps“, die er im obersten Rang miterlebte, empfand er als eine musikalische Offenbarung. Mit seinem ehemaligen Schulkameraden Erich Schadow (1890–1943), der Vorsitzender des Schülerausschusses gewesen war, streifte er, zu Ausschweifungen neigend, durch das Nachtleben Zürichs und zog sich dabei eine Geschlechtskrankheit zu.Schreiben von Gustav Wyneken an Jaap Kool vom 16. März 1911. In: Nachlass Wyneken, Nr. 971. Archiv der deutschen Jugendbewegung, Burg Ludwigstein bei Witzenhausen in Hessen.Peter Dudek: „Versuchsacker für eine neue Jugend“ – Die Freie Schulgemeinde Wickersdorf 1906–1945. Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2009, ISBN 978-3-7815-1681-6, S. 230–231.

Als das Unternehmen seines Vaters in Emden bei einem Großbrand 1914 noch vor Beginn des Ersten Weltkrieges vollständig niederbrannte, musste er sein Studium in Zürich nach dem Vordiplom aus Geldmangel abbrechen. Der Beginn des Krieges und der durch die Vielzahl euphorisierter Kriegsfreiwilliger verursachte Mangel an Lehrern bot ihm die Chance, ab Oktober 1915 in seinem ehemaligen Landerziehungsheim in Wickersdorf als Hilfslehrkraft für Musikerziehung tätig werden zu können.Peter Dudek: „Der Ödipus vom Kurfürstendamm“. Ein Wickersdorfer Schüler und sein Muttermord 1930. Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2015, ISBN 978-3-7815-2026-4, S. 60. Dabei traf er kurzzeitig auf Ernst Schertel, der das Internat 1916 verlassen musste. Bei Kriegsende siedelte er nach Berlin um. In Wilhelm Klatte, der am Stern’schen Konservatorium der Musik Musiktheorie lehrte, fand er einen Prüfer, der seine in Zürich begonnene Arbeit über Tänze der Naturvölker annahm.Jaap Kool: Tänze der Naturvölker. Ein Deutungsversuch primitiver Tanzkulte und Kultgebräuche. „Umschlag, Innentitel und Vignetten von Dora Heeschen-Stolze, die 3 Illustrationen zeichnete G. O. Rösner“. Adolph Fürstner, Berlin 1921. Dort studierte er auch bei Alexander von Fielitz und Herbert Windt. Ohne genauere Angaben werden in Quellen auch Studienzeiten an der Technischen Hochschule Charlottenburg, die unter dieser Bezeichnung bis 1920 firmierte, in München und an der Schola Cantorum in Paris angegeben.. In: Nederlands Muziek Instituut, auf: nederlandsmuziekinstituut.nl

Berufliche Entwicklung mini|hochkant|Jaap Kool und Grit Hegesa in Bad Ems, 1922 mini|hochkant|Jaap Kool mit Leni Riefenstahl, 1924 mini|hochkant|Jaap Kool, um 1940 mini|hochkant|Ständetänze, Tanzpantomime von Jaap Kool am Deutschen Nationaltheater in Weimar, Mai 1937 mini|hochkant|Heitere Oper Die Schweinewette am Deutschen Nationaltheater in Weimar, April 1939 mini|hochkant|Oper Die Geschichte vom schönen Annerl, De Nederlandsche Kameropera, 1942 mini|hochkant|Komische Oper Don Pasquale, De Nederlandsche Kameropera, 1943 mini|hochkant|Heitere Oper Der Widerspenstigen Zähmung, De Nederlandsche Kameropera, 1944 Für die expressionistische Ausdruckstänzerin Grit Hegesa komponierte er um 1920/22 und begleitete sie während ihrer Auftritte am Klavier.Tänze und Tanzszenen für Klavier aus dem Repertoire von Grit Hegesa, 49 S. A. Fürstner, Berlin 1920. Tänze und Tanzweisen aus dem Repertoire von Grit Hegesa für Klavier, Klavierauszug, 49 S. A. Fürstner, Berlin 1920. Hegesa-tango (h-e-g-e-es-a), Partitur, 5 S. A. Fürstner, Berlin 1922. In von ihm verfassten Zeitungsartikeln vertrat er die Ansicht, eine Modernisierung des Tanzes sei nur auf der Grundlage einer neuartigen Musik, die sich vom Ballast klassischer und höfischer Ausdrucksformen befreie, möglich. 1924 veröffentlichte er in dem neu aufgelegten illustrierten Monatsmagazin Uhu des Ullstein-Verlags, in dem zeitgleich auch Kurt Tucholsky publizierte,Uhu, November 1924. In: museum-digital:brandenburg, auf: brandenburg.museum-digital.de einen Essay über die Entstehung, das Wesen und die Wirkungsweise des Jazz.Uhu. Das neue Ullsteinmagazin, Heft 2, November 1924, S. 31–41, 121–122.

Als Jazz-Saxophonist leitete er um 1924 in der Reichshauptstadt ein unter seinem Namen auftretendes Orchester. Kools unkonventionelle Kompositionen mit Anleihen afrikanischer Rhythmik verschafften ihm in der Berliner Musikszene einen herausgehobenen Bekanntheitsgrad, auch durch seine Arbeitersymphonie (1924), die Erich Kleiber mit den Berliner Philharmonikern uraufführte oder durch die groteske Ballett-Pantomime Der Leierkasten (1925).Jacqueline Oskamp: Een behoorlijk kabaal. Een cultuur-geschiedenis van Nederland in de twintigste eeuw. Ambo Anthos, Amsterdam 2016. ISBN 978-9-0263-3590-7. In der zeitgenössischen Boulevardpresse wurde er als „Paradiesvogel der Berliner Szene“ bezeichnet.Fox auf 78, Heft 15 (1927).

Für die Eröffnung des Berliner Gloria-Palasts am Kurfürstendamm komponierte Kool nach einer Idee des Schriftstellers, Dramatikers und Schauspielers Frank Wedekind die musikalische Pantomime „Die Flöhe“.Film-Kurier Nr. 22, 26. Januar 1926. Für die Tänzerin Anita Berber komponierte er die Musik für einen Tanz mit einer lebensgroßen Männerpuppe. Die Ausdruckstänzerin Ellen Cleve-Petz (1890–1977) gab ihre Einstandsperformance als Ballettmeisterin der Dresdner Semperoper mit einer Komposition Jaap Kools zu E. T. A. Hoffmanns Elixiere des Teufels. Karl Gustav Vollmoeller beauftragte Kool mit der Komposition einer 45-minütigen Vertonung seiner Tanzpantomime Die Schießbude, in der er Elemente aus Wedekinds Lulu und Hans Heinz Ewers’ Alraune mit Motiven aus Mary Shelleys Frankenstein und Carlo Collodis Pinocchio mischte.Uli Kempendorff (sax), Benny Lackner (p): Ouvertüre der Tanzpantomime Die Schießbude von Jaap Kool, 1922 (3:16 Min.). In: YouTube, auf: youtube.com Das Auftragswerk für eine 20-köpfige Orchesterbesetzung und ein 10-köpfiges Darstellerensemble war für Vollmoellers Geliebte, die Ausdruckstänzerin Lena Amsel, gedacht.