miniatur|Irina Alexandrowna Romanowa (1913)
Prinzessin Irina Alexandrowna von Russland (; * in Peterhof, Russland; † 26. Februar 1970 in Paris, Frankreich) war die einzige Tochter von Großfürst Alexander Michailowitsch Romanow und der Großfürstin Xenija Alexandrowna Romanowa. Sie war die einzige Nichte Zar Nikolaus II. und die Frau von Fürst Felix Jussupow, Erbe des größten Privatvermögens Russlands und einer der Männer, die 1916 Rasputin ermordeten.
Kindheit mini|Prinzessin Irina mit ihren Eltern und Brüdern|links
Irina war das älteste Kind und die einzige Tochter in einer Familie mit sieben Kindern. Ihre Familie hatte, aufgrund politischer Meinungsverschiedenheiten ihres Vaters mit dem Zaren, seit etwa 1906 lange Zeit im Süden von Frankreich verbracht.Charlotte Zeepvat: The Camera and the Tsars: A Romanov Family Album. Sutton Publishing Ltd., 2004, S. 38. Außerdem hatte ihr Vater eine Affäre mit einer amerikanischen Frau und seine Gattin Xenija häufig um die Scheidung gebeten; diese weigerte sich, ihm diese zu gewähren.Greg King: The Man Who Killed Rasputin, Carol Publishing Group, 1995, S. 108. Auch Xenija genoss außereheliche Affären.Andrei Maylunas, Sergei Mironenko: A Lifelong Passion: Nicholas and Alexandra: Their Own Story, Doubleday, 1997, S. 312–313 Irinas Eltern versuchten, ihre unglückliche Ehe vor ihren sieben Kindern zu verbergen, und Irina, ein schüchternes Mädchen mit blauen Augen und dunklen Haaren, hatte eine glückliche Kindheit.King, S. 109 Irina wurde im Familienkreis „Titi“, oft auch „Irène“ gerufen, in der französischen Version ihres Namens, oder „Irene“, in der englischen Version. Ihre Mutter benutzte manchmal den Spitznamen „Baby Rina“. Die Romanows, die stark vom Französischen und Englischen beeinflusst waren, sprachen Französisch besser als Russisch und oft verwendeten sie untereinander die ausländischen Versionen ihrer Vornamen.
Heirat miniatur|links|Prinzessin Irina, Mitte, mit ihren Cousinen, Großfürstin Tatiana, links, und Großfürstin Olga, rechts (ca. 1909)
Vor ihrer Heirat am 22. Februar 1914 galt Irina als eine der begehrtesten Frauen des russischen Zarenreichs. Ihr zukünftiger Mann Felix Jussupow war ein Mann voller Widersprüche: ein Mann aus reicher FamilieKing, S. 62, der die Gesellschaft damit schockte, dass er Spaß daran hatte, Damenbekleidung zu tragen, und sexuelle Beziehungen zu Männern und Frauen hatte,King, S. 83–89 aber auch aufrichtig religiös und bereit war, anderen sogar dann zu helfen, wenn sich dadurch seine eigenen finanziellen Verhältnisse reduzierten. Einmal, in einem Anfall von Begeisterung, plante er, seinen kompletten Reichtum den Armen zu geben, in der Nachfolge seiner Mentorin Großfürstin Jelisaweta Fjodorowna. „Felix' Ideen sind absolut revolutionär“, hatte die ihn ablehnende Zarin Alexandra Fjodorowna einmal gesagt.King, S. 98 Seine Mutter Sinaida überzeugte ihn, nicht all sein Geld zu verschenken, da er als ihr einziger überlebender Sohn die Pflicht habe, zu heiraten und die Familienlinie weiterzuführen.King, S. 93–97 Felix, der zukünftige Mörder von Rasputin, hatte einen Horror vor dem Blutvergießen und der Gewalt des Krieges.King, S. 97
mini|Irina Alexandrowna mit ihrem Ehemann Felix Jussupow (1915)
Felix war sich mit seinen Neigungen zur Homosexualität nicht sicher, ob er „für die Ehe passe“. Trotzdem wurde er angezogen von Irina und ihrer ikonengleichenKing, S. 112 Schönheit, als er sie zum ersten Mal bei einem Ausritt traf. Im Jahre 1910 machte er einen Besuch bei Großfürst Alexander Michailowitsch und Großfürstin Xenija Alexandrowna und war froh, als er entdeckte, dass das Mädchen, das er auf dem Reitweg gesehen hatte, deren einzige Tochter Irina war. Er erneuerte seine Bekanntschaft mit Irina 1913 und wurde dabei noch mehr zu ihr hingezogen. Jussupow schrieb, dass Irina, vielleicht weil sie mit so vielen Brüdern aufgewachsen, keine Künstlichkeit oder Mangel an Ehrlichkeit zeigte, was ihn bei anderen Frauen abgestoßen hatte.
mini|links|Prinzessin Irina mit ihren Eltern und Brüdern als Teenager
Irina hatte zwar für die wilde Vergangenheit Jussupows Verständnis, nicht aber ihre Eltern.King, S. 109–110 Als ihre Eltern und ihre Großmutter mütterlicherseits Kaiserinwitwe Marija Fjodorowna die Gerüchte über Felix hörten, wollten sie die Hochzeit absagen. Die meisten Geschichten über ihn waren von Großfürst Dmitri Pawlowitsch Romanow verbreitet worden, Irinas Cousin und einer von Felix’ Freunden. Felix konnte Irinas Familie davon überzeugen, nachzugeben und die Zeremonie zu ermöglichen.King, S. 110–111 Es war die Hochzeit des Jahres und das letzte derartige Ereignis in der russischen Gesellschaft vor dem Ersten Weltkrieg. Irina trug ein Kleid, das eher der Mode des zwanzigsten Jahrhunderts entsprach als die traditionellen Kleider, welche andere Romanowbräute bei ihrer Hochzeit trugen, als sie eine Prinzessin des kaiserlichen Hauses wurden. Sie trug eine Tiara mit Diamanten und Bergkristallen, die bei Cartier in Auftrag gegeben worden war und einen Spitzenschleier, der Marie-Antoinette gehört hatte.King, S. 112. Irina wurde von ihrem Onkel, dem Zaren, übergeben und sein Hochzeitsgeschenk war ein Beutel mit 29 Rohdiamanten, von zirka 3 – 7 Karat.King, S. 111 Irina und Felix erhielten auch von anderen Hochzeitsgästen eine große Auswahl an Edelsteinen. Später gelang es, viele dieser Edelsteine aus dem Land zu bringen, und nach der Oktoberrevolution nutzten sie diese, um ihren Lebensunterhalt im Exil zu bestreiten.
Erster Weltkrieg mini|Irina und Felix mit ihrer Tochter (1916)
Die Jussupows waren auf ihrer Hochzeitsreise durch Europa und den Mittleren Osten, als der Erste Weltkrieg ausbrach. Sie wurden nach dem Ausbruch der Feindseligkeiten für kurze Zeit in Berlin inhaftiert. Irina bat ihre Cousine, Kronprinzessin Cecilie von Preußen, um eine Intervention bei ihrem Schwiegervater, dem Kaiser Wilhelm II. Dieser weigerte sich, das Paar ziehen zu lassen, bot aber den beiden eine Auswahl von drei Landsitzen zum Aufenthalt während des Krieges an. Felix’ Vater appellierte beim spanischen Botschafter in Deutschland, der ihnen die Rückreise nach Russland ermöglichte, worauf sie über das neutrale Dänemark und Finnland St. Petersburg erreichten.King, S. 114–115
Felix wandelte einen Flügel seines Moika-Palastes in ein Krankenhaus für verwundete Soldaten um, vermied aber einen eigenen militärischen Einsatz durch das Ausnutzen eines Gesetzes, das einzige Söhne vom Dienst im Krieg ausnahm. Er trat dem Kadettenkorps bei und absolvierte eine Ausbildung zum Offizier, hatte aber nicht die Absicht, in ein Regiment einzutreten.King, S. 115–116 Irinas Cousine ersten Grades, Großfürstin Olga Nikolajewna Romanowa, mit der Irina als Kind sehr eng befreundet war, sprach verächtlich von Felix. Sie beschrieb ihn in einem Brief an ihren Vater als ‚absoluten Zivilisten‘, „ein Mann im Leerlauf in solchen Zeiten“.Alexander Bokhanov, Manfred Knodt, Vladimir Oustimenko, Zinaida Peregudova, Lyubov Tyutyunnik (Hrsg.): The Romanovs: Love, Power, and Tragedy, Leppi Publications, 1993, S. 240
Die einzige Tochter von Felix und Irina, Prinzessin Irina Felixowna Jussupowa, genannt Bébé, wurde am 21. März 1915 geboren.King, S. 116 „Ich werde nie mein Glück vergessen, als ich den ersten Schrei des Kindes hörte“, schrieb ihr Vater. Irina, die ihren Namen mochte, wollte diesen an ihr erstes Kind weitergeben.
Die Ermordung Rasputins mini|Keller des Jussupow-Palastes, wo Rasputin ermordet wurde
Sowohl Felix und Irina wussten von den Gerüchten über Rasputins Verbindung mit der sich verschlechternden politischen Situation, die immer mehr Unruhen, politische Proteste und Gewalt mit sich brachten.King, S. 118–119 Jussupow und seine Mitverschwörer, darunter Dmitri Pawlowitsch, entschieden, dass Rasputin das Land zerstörte und getötet werden müsse. Felix begann damit, Rasputin zu besuchen, mit dem Versuch, sein Vertrauen zu gewinnen. Er könnte ihm gesagt haben, dass er Hilfe bräuchte, um seine homosexuellen Impulse zu überwinden und eine befriedigende Ehe mit Irina genießen zu könnenKing, S. 130 oder alternativ, dass es Irina sei, die Rasputins „Kur“ benötige.Edvard Radzinsky: The Rasputin File, Nan A. Talese, a division of Doubleday, 2000, S. 439–440
Am 16. Dezember 1916, in der Nacht des Mordes, lud er Rasputin in seine Residenz im Moika-Palast ein und sagte ihm, Irina sei in der Residenz und Rasputin hätte damit eine Gelegenheit, sie zu treffen. Rasputin hatte oft Interesse an einem Treffen mit der schönen 21-jährigen Prinzessin zum Ausdruck gebracht.King, S. 144 Irina war zu dieser Zeit jedoch bei einem Besuch auf der Krim. Irina war sich bewusst, dass Felix von einer Ermordung Rasputins gesprochen hatte und es mag ursprünglich beabsichtigt gewesen sein, dass sie sich an dem Mord beteiligte. „Auch Du musst Dich daran beteiligen“, schrieb Felix ihr vor dem Mord. „Dm[itri] Pawl[owitch] weiß alles darüber und hilft. Es wird stattfinden, in der Mitte des Dezembers, wenn Dm[itri] zurück kommt.“Radzinsky, S. 435 Ende November 1916 schrieb Irina an Felix: „Vielen Dank für Ihren wahnsinnigen Brief. Ich verstand nicht die Hälfte davon. […] Ich sehe aus Ihrem Brief, dass Sie in einem Zustand der wilden Begeisterung sind und bereit sind auf eine Mauer zu klettern […] Ich komme nach Petrograd am 12. oder 13., so wage es nicht es zu tun ohne mich, oder ich will gar nicht kommen.“Radzinsky, S. 440 Felix bestätigte die Planung am 27. November 1916 und beauftragte Irina, als Köder zu dienen.Radzinsky, S. 400 Eine verängstigte Irina trat plötzlich von der Planung am 3. Dezember 1916 zurück. „Ich weiß, dass wenn ich komme, werde ich sicherlich krank […] Sie wissen nicht, wie es mit mir steht. Ich will die ganze Zeit weinen. Meine Stimmung ist furchtbar. Ich hatte noch nie vorher eine wie diese […] ich weiß selbst nicht, was mit mir geschah. Drängen Sie mich nicht nach Petrograd. Komm stattdessen hierher.“Radzinsky, S. 444–445 Auch am 9. Dezember 1916, warnte sie Felix, berichtet von einem vorahnenden Gespräch, das sie mit ihrer 21-Monate alten Tochter hatte: „Etwas Unglaubliches ist passiert mit Baby. Ein paar Nächte hat sie nicht gut geschlafen und wiederholte immer wieder: ‚Krieg, Nanny, Krieg!‘ Am nächsten Tag wurde sie gefragt, ‚Krieg oder Frieden?‘ Und Baby antwortete: ‚Krieg!‘ Am nächsten Tag sagte ich, ‚Sprich:Frieden.‘ Und sie sah mich direkt an und antwortete: ‚Krieg!‘ Es ist sehr seltsam.“Radzinsky, S. 447
Irinas Bitten waren vergeblich. Ihr Mann und seine Mitverschwörer gingen ohne sie nach ihrem Plan vor. Nach dem Mord an Rasputin verbannte der Zar sowohl Jussupow als auch Dmitri Pawlowitsch.King, S. 189 Felix wurde nach Rakitnoje geschickt, einem abgelegenen Landsitz der Jussupows in der zentralen russischen Provinz Kursk. Dmitri wurde in der Armee an die persische Front verbannt. Sechzehn Mitglieder der Familie unterzeichneten einen Brief und baten den Zaren, seine Entscheidung auf Grund der schwachen Gesundheit Dmitris zu überdenken, aber Nikolaus II. zeigte sich über die Petition erstaunt und weigerte sich, sie zu berücksichtigen.King, S. 190–191 Irinas Vater „Sandro“ besuchte das Paar in Rakitnoje im Februar 1917 und fand ihre Stimmung „lebhaft, aber militant.“Maylunas, Mironenko, S. 530 Felix hoffte immer noch, dass der Zar und die russische Regierung nach Rasputins Tod auf die zunehmenden politischen Unruhen reagieren würden.King, S. 193 Felix verweigerte Irina, Rakitnoje zu verlassen und ihre Mutter in Petrograd zu besuchen, weil er es zu gefährlich fand.Maylunas, Mironenko, S. 534 Als Zar Nikolaus II. Anfang März abgedankt hatte, wurden er und seine Familie von der Provisorischen Regierung unter Hausarrest gestellt und schließlich nach Machtergreifung der Bolschewiki in Jekaterinburg am 17. Juli 1918 von der Tscheka ermordet. Da der Zar Felix und Dmitri ins Exil geschickt hatte, entkamen sie als eine der wenigen Mitglieder der Familie Romanow der Exekution während der Revolution.
Exil