mini|Griff an der Kirchentür von St. Dionysius, Zülpich-Schwerfen: Links das Kamel, rechts ein Mann mit großem Sack mini|Gleichnisdarstellung in der Bonifatiuskirche Dortmund

Das Gleichnis vom Nadelöhr (auch Gleichnis vom Kamel und vom Nadelöhr) ist ein Gleichnis Jesu, das durch ein Adynaton die Aussage unterstreicht, es sei einem Reichen unmöglich bzw. fast unmöglich, ins Reich Gottes zu gelangen.

Bestand Das Gleichnis ist in allen drei synoptischen Evangelien überliefert:

Ferner taucht das Gleichnis vom Nadelöhr im apokryphen Nazaräerevangelium auf:

Deutung Wenn man diese Worte Jesu als Adynaton begreift, wird jede Abschwächung in der Deutung irrelevant. Dennoch wurden immer wieder Diskussionen hierzu geführt:

Kamel Die Lesart Kamel wird in der Forschung überwiegend für ursprünglich gehalten,Bauer: Wörterbuch zum Neuen Testament. Art. κάμηλος und κάμιλος, Sp. 793f; Pedersen: Art. κάμηλος, Sp. 610f auch wenn dies einen erhöhten Deutungsbedarf hervorruft.

Eine der frühesten Deutungen dieses VergleichsFrüheste Entstehung im 9. Jahrhundert; erstmals aufgezeichnet vom Erzbischof Theophylactus von Bulgarien († ca. 1107) schlägt etwa vor, dass die Rede von einer hypothetischen engen Gasse in Jerusalem mit einem kleinen Tor an ihrem Ende sei, die im Volksmund angeblich den Namen „Nadelöhr“ trug. Nach dieser mittlerweile allgemein verworfenen Vermutung (Pedersen: Art. κάμηλος, Sp. 610) konnte ein Kamel das Tor nur passieren, wenn es kniete und nicht mit zu viel Gütern bepackt war.Dies sollte als Analogie verstanden werden, wonach (im übertragenen Sinne) auch der Reiche, der nicht an seinen irdischen Gütern hing, sondern diese Last auch ablegen konnte, ins Himmelreich eingehen konnte. Im Volksglauben beliebt war (und ist) auch der Aspekt des knienden Kamels als Parallele zur Demut der Gläubigen vor Gott.

Eine direkte Herkunft des Gleichnisses aus der aramäischen Kultur ist ausgeschlossen, da ursprünglich keines der Evangelien in diesen Sprachen verfasst wurde. Lediglich bei der Frage nach dem historischen Umfeld ist zu berücksichtigen, dass Jesus aramäisch sprach.In der Fußnote zu Mt 19:24 einer syro-aramäischen Peschitta-Übersetzung wird abweichend vom Haupttext das „Seil“ mit einem „Kamel“ gleichgesetzt. Dies kann jedoch nicht als relevante Quelle für eine aramäische Herkunft verwendet werden, wie es im Artikel versucht wird, da die Priorität des Griechischen im Neuen Testament unbestritten ist, sondern dokumentiert höchstens die beginnende Transformation von kamilos zum hebräischen Lehnwort kámêlos in den neutestamentlichen Ur-Quellen.

Die neutestamentliche Textexegese, die von der Priorität der kámêlos-Variante ausgeht, bedient sich der talmudischen Tradition (s. u.), um Jesu Worte theologisch zu interpretieren. So wird das kámêlos als ein „typisches nahöstliches Bild“ gesehen, das Jesus in Anlehnung an den Elefanten benutzt haben soll, um in der Paradoxie der Kopplung eines großen Tieres mit einem kleinen Durchlass die Unmöglichkeit für Reiche, in den Himmel zu gelangen, aufzuzeigen,Kittel/Friedrich (Hrsg.): Theological Dictionary of the New Testament (abridged, 1985); Pedersen: Art. κάμηλος, Sp. 610 obgleich auch in diesem Fall Gottes gnädiges Handeln in den Evangelien nicht ausgeschlossen wird.Vgl. Mk 10:27 Die rhetorische Figur, eine Unmöglichkeit durch einen derartigen Vergleich zu umschreiben, ist als Adynaton bekannt.Helmut Glück (Hrsg.): Metzler Lexikon Sprache. 2. Auflage. Verlag J. B. Metzler, Stuttgart/Weimar 2000, S. 16.

Seil Es gibt Deutungen, die davon ausgehen, dass statt des Kamels ursprünglich ein Seil gemeint war. Das Wort κάμιλος (kamilos, deutsch: „Schiffstau“, „Seil“) sei wegen der im Itazismus gleichen Aussprache fälschlich als κάμηλος (kámêlos; deutsch: „Kamel“, „Karawane“) verstanden worden.Zum Bsp. Pinchas Lapide: Jesus, das Geld und der Weltfrieden. Gütersloh 1991 (vgl. Rezension im Spiegel 37/1991, Zugriff am 19. März 2016). Zu möglichen Gründen meint Georg Peter Landmann (1989), die Transformation gehe auf die regionale Verbreitung der Evangelien zurück, welche in den Küstenstädten begonnen und sich entlang der Handelsrouten in die ariden Gegenden im Osten und Süden erstreckt habe, in denen der Seemannsjargon entweder unbekannt oder nicht als solcher erkannt worden sei. In den heutigen Bibeleditionen ist die kamilos-Variante (Schiffstau, Seil) jedoch eher selten.

Der Textkritik war diese Variante lange unbekannt. Mittlerweile sind jedoch viele Fälle der kamilos-Lesart (Schiffstau, Seil) bekannt geworden, darunter die armenischeFHerklotz, BZ 2, '04, S. 176 f.; Nestlé-Aland: Apparatus zum Novum Testamentum Graece et Latine zu Mt 19,24 und die georgischeNestlé-Aland: Apparatus zum Novum Testamentum Graece et Latine zu Mk 10,25 (georg.: Mk 13,28) Bibelübersetzung sowie verschiedene Handschriften.Nestlé-Aland: Apparatus zum Novum Testamentum Graece et Latine zu Lk 18,25 Die älteste auf dem griechischen kamilos basierende Quelle findet sich in der syro-aramäischen Peschitta-Bibel, die ab ca. 145 n. Chr. übersetzt wurde.Mt 19,24; vgl. George M. Lamsa: The New Testament according to the Eastern Text (1940, xxiv) Die einzige erhaltene nicht-biblische Quelle, die auf diese Ähnlichkeit verweist, ist die Suda.. Die älteste bekannte Quelle überhaupt für das Wort καμιλος ist die Komödie Sphekes (1035) von Aristophanes: kamilos to pachu schoinion dia tou i.

Diese Hinweise könnten so gedeutet werden, dass die kamilos-Variante (Seil, Schiffstau) als die ursprüngliche betrachtet werden sollte, während die kámêlos-Variante (Kamel, Karawane) eher später und dem Komplex der Volksetymologien und Verballhornungen zuzurechnen wäre.Bauer & Aland: Wörterbuch zum Neuen Testament (1988); vgl. auch Boisacq: Dict. étym., Bröndal und Haupt: „Camel and Cable“ (American Journal of Philology 45).

Zusammenhang Der weitere Zusammenhang der Verse vom Kamel und dem Nadelöhr bei den Synoptikern legt nahe, dass Reiche nicht per se vom Reich Gottes ausgeschlossen sind: Es ist zwar schwer, als Reicher in das Reich Gottes zu gelangen, aber nicht unmöglich:

Die Warnung Jesu vor dem Reichtum findet sich auch in anderen Logien der Jesustradition, etwa jenem über den Mammon.

Diese Einschränkung durch den Verweis auf die Allmacht Gottes fehlt in der apokryphen Überlieferung der Nazoräer, was zu einer Sinnverschiebung gegenüber den kanonischen Evangelien führt: Der Auftrag, alle Habe den Armen zu geben, wird nicht nur als Ratschlag Jesu zur Vollkommenheit eingeführt, sondern als notwendige Konsequenz des Liebesgebots angesehen; Missachtung führt nach judenchristlicher Überlieferung tatsächlich zum Ausschluss vom Himmelreich, weshalb das Stück hier durch das Gleichnis vom Kamel und dem Nadelöhr abgeschlossen und nicht nach der Reaktion der Jünger relativiert wird. Die Heilsteilhabe wird im judenchristlichen Nazaräerevangelium auch in anderen Passagen stärker an die soziale Solidarität gebunden.

Als Reichtum kann indessen gerade im Bezug zu diesem Vergleich alles angesehen werden, was von Glaubenden wichtiger genommen wird als ihre Beziehung zu Gott. Das kann für einen Saulus von Tarsus, der zur Bildungselite seiner Zeit gehörte, eben genau diese seine Bildung sein, sodass er sich geläutert als Paulus in darauf stützt, nichts zu wissen, als allein Jesus. Für die meisten Menschen seiner Zeit war es indessen die Familie. Hier sagt Jesus in , dass man nur Sein Jünger sein könne, wenn man diese Familienbande verachtet.

Andere Religionen Islam Im Koran ist folgendes über die Sünder zu lesen: „Wahrlich, denjenigen, die Unsere Zeichen für Lüge erklären und sich mit Hochmut von ihnen abwenden, werden die Pforten des Himmels nicht geöffnet werden, noch werden sie in das Paradies eingehen, ehe denn ein Kamel durch ein Nadelöhr geht. Und so belohnen Wir die Verbrecher.“Al-A'raf („The Heights“), Sure 7, 40, Übersetzung: PDF, S. 78.

Rezeption in Literatur und Philosophie In Ödön von Horváths Roman Jugend ohne Gott (1937) wird die Bibelstelle diskutiert (Kap. 12: „Auf der Suche nach den Idealen der Menschheit“Volltext des Kapitels beim Projekt Gutenberg):

Theodor W. Adorno verweist in Minima Moralia (1951) im Absatz „Tugendspiegel“ (Nr. 119) auf das Gleichnis:

Siehe auch Liste der Gleichnisse Jesu

Literatur Sigfred Petersen: Art. κάμηλος. In: Exegetisches Wörterbuch zum Neuen Testament, Bd. II, Stuttgart 1981, Sp. 609–611, ISBN 3-17-007383-4.

Einzelnachweise

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