mini|hochkant|Ostad Elahi (1966)

Nur Ali Elahi (mit dem Gelehrtentitel Ostād Elahi; auch Nūr ‘Alī Ilāhī, Nour Ali Elahi, ; * 11. September 1895 in Dscheyhunabad; † 19. Oktober 1974) war ein kurdisch-iranischer spiritueller Denker, Musiker, Philosoph und Richter, der sein Leben der Erforschung der metaphysischen Dimension des Menschen widmete.During (2003) S. 41–43; Morris (2007) S. 2

Die frühen Jahre Elahi wurde in Dscheyhunabad () geboren, einem kleinen kurdischen Dorf in der Nähe von Kermānschāh.Morris (2007) S. 2; Zum Überblick über die Ereignisse in Elahis Leben in chronologischer Abfolge siehe auch Zur Person von Ostad Elahi: Chronologie Sein Vater, Hadsch Nematollah Mokri Dscheyhunabadi (1871–1920), war Mystiker und Dichter sowie der spirituelle Führer der Ahl-e Haqq, eines mystischen Ordens; von den Menschen seiner Zeit wurde er als Heiliger verehrt.Morris (2007) S. 2; During (2003) S. 23–26 Von früher Kindheit an führte Elahi unter der Aufsicht seines Vaters ein asketisches, zurückgezogenes Leben, in dem Mystik, Ethik und Musik eine zentrale Rolle spielten und das von strenger Disziplin geprägt war. Er wurde aber nicht nur in den Grundlagen der Religion und Spiritualität ausgebildet, sondern erhielt zudem eine solide klassische Erziehung und Ausbildung. Schon in seinen Jugendjahren, in denen er seine Zeit dem Studium und der Kontemplation widmete, schuf er die Grundlage für seine philosophischen und spirituellen Überlegungen.Morris (2007) S. 3; Elahi, B. (Hrsg.): Asar-ol Haqq

Als sein Vater im Jahre 1920 verstarb, kam Elahi zum Schluss, dass die Zeit der klassischen Spiritualität der Vergangenheit angehöre und dass sich die Suche nach spiritueller Entwicklung nicht länger in der abgeschiedenen Ruhe asketischer Einsiedelei vollziehen könne. Stattdessen gelangte er zur Überzeugung, dass die Spiritualität im Kontext eines aktiven, schöpferischen Lebens inmitten der Gesellschaft praktiziert werden müsse. Aus diesem Grund ließ er im Alter von 24 Jahren sein kontemplatives Leben hinter sich, um seine ethischen Prinzipien einer Prüfung im Schmelztiegel der Gesellschaft zu unterziehen. Er übersiedelte in die Hauptstadt Teheran, schnitt sein langes Haar und seinen Bart ab, tauschte seine traditionellen Gewänder gegen einen Anzug im westlichen Stil und trat in den Staatsdienst ein.During (2003) S. 37; Morris (2007) S. 5

Juristische Laufbahn

Einige Jahre später, als das Land tiefgreifenden Verfassungsreformen unterzogen wurde, die unter anderem auch die Einführung eines völlig neuen Rechtssystems umfassten, schrieb sich Elahi als Student an der neu gegründeten Juristischen Hochschule des Landes ein. Das Studium der Rechtswissenschaften, das auf drei Jahre angelegt war, beendete er in nur sechs Monaten mit Auszeichnung, so dass er bereits 1934 die Hochschule mit einem Abschluss verließ.During (2003) S. 39; Siehe auch Zur Person von Ostad Elahi: Der Richter

Anschließend schlug Elahi eine juristische Laufbahn ein, die einen Zeitraum von 23 Jahren umfassen sollte. Seine ersten Einsätze führten ihn als Amtsrichter nach Larestan in der Provinz Fars. Dem folgten Berufungen ins Staatsanwalts- und Richteramt an verschiedenen Orten des Landes (unter anderem Ghom, Kermānschāh, Dschahrom und Teheran), bis er schließlich seine Karriere als Richter und anschließend Präsident des Schwurgerichts der Provinz Mazandaran erfolgreich beendete.Eine vollständige Übersicht über seine beruflichen Stationen gibt Zur Person von Ostad Elahi: Chronologie

Parallel zu seiner beruflichen Tätigkeit widmete Elahi seine Zeit Studien und Forschungen im Bereich der Philosophie, Theologie und Mystik. In dieser wichtigen Schaffensperiode, die sich auf die Ergründung der Metaphysik konzentrierte, legte er das Fundament für seine späteren Arbeiten.Elahi,B. (Hrsg.): Asar-ol Haqq; Morris (2004)

Gedankengut

Elahis Philosophie beschäftigt sich mit Fragen rund um den Ursprung und die Natur des Menschen, um seine Rolle in der Welt sowie die Frage nach seinen Verantwortlichkeiten und seiner letztendlichen Bestimmung. In seinen Arbeiten geht Elahi davon aus, dass der Mensch ein duales – sowohl materielles als auch spirituelles – Wesen sei und er betont dabei die große Bedeutung der metaphysischen Dimension des Menschseins. Er geht davon aus, dass Selbsterkenntnis mehr erfordert als ausgiebiges Nachdenken und dass die Spiritualität, wie jede andere Wissenschaft auch, notwendigerweise in nachvollzieh- und überprüfbaren Erfahrungen wurzeln muss. Elahis schriftliche und mündliche Lehren sind somit nicht lediglich das Resultat von philosophischen Erörterungen, sondern Ausdruck von reichhaltigen persönlichen Erfahrungen auf dem Gebiet der Spiritualität.Morris (2002); Morris (1996)

Schriften Mit seinem Ausscheiden aus dem Staatsdienst begann Elahi sein Gedankensystem nach und nach für andere zugänglich zu machen. In dieser Zeitperiode verfasste er zwei wissenschaftliche Werke auf dem Gebiet der Religionswissenschaften und der authentischen Spiritualität sowie einen ausführlichen Kommentar zu einem der Werke seines Vaters. Der praktische Aspekt seines Denkens wurde zumeist in Form von mündlichen Unterweisungen vermittelt, in Anwesenheit von engen Freunden und Bekannten, die seinen Rat und seine Führung suchten. Diese mündlichen Überlieferungen wurden von den Zuhörern notiert, transkribiert und schließlich in zwei Bänden veröffentlicht.Morris (2007) S. 9 Elahi ist zudem Urheber mehrerer Manuskripte, die bislang unveröffentlicht sind, darunter Enthüllung der Wahrheiten (Kaschf ol-Haqayeq, 1924), das die Entstehung des Universums und die Rolle des Menschen darin beschreibt.Morris (2007) S. 10; Ostad Elahi: Zu den Schriften: Unveröffentlichte Manuskripte

Im Jahre 1963 veröffentlichte Elahi sein erstes Buch, Beweis der Wahrheit (Borhan ol-Haqq), ein theologisches Werk, das die erste zuverlässig recherchierte Dokumentation der Ahl-e Haqq darstellt. Es behandelt die historische Entstehung der Gemeinschaft, deren grundlegende Prinzipien und Lehren und die ursprünglichen Riten, die bis dahin allesamt geheim gehalten worden waren.Morris (2007) S. 10; Ostad Elahi: Zu den Schriften: Beweis der Wahrheit

Eine weitere Abhandlung, der Kommentar zum Buch der Könige der Wahrheit (Haschieh bar Haqq-ol Haqayeq, 1966), enthält Begriffserklärungen und Definitionen, die im epischen Werk seines Vaters Hadj Nematollah verwendet werden. Das Werk behandelt die Geschichte der Religionen, gibt Einzelheiten zu Biografie und Rang von Propheten, Heiligen und bedeutenden Persönlichkeiten der Menschheitsgeschichte und geht auf das Konzept der Manifestationen der Göttlichen Essenz ein.Ostad Elahi: Zu den Schriften: Kommentar zum Buch der Könige der Wahrheit

Seine dritte Arbeit schließlich ist eine philosophische Abhandlung, die 1969 erschien: Erkenntnis der Seele (Marefat ol-Ruh). Hierin setzt sich der Autor mit der Existenz und Unsterblichkeit der Seele sowie ihrem allmählichen Prozess der Reifung und Vervollkommnung auseinander.Morris (2007) S. 10–11; Unicity S. XVI

Musik Für Elahi war die Musik in erster Linie ein Mittel, um sich in Kontemplation und Gebet zu üben. Er zeigte zeitlebens keinerlei Interesse an öffentlichen Darbietungen seiner Kunst oder an professionellen Tonmitschnitten.During (2003) S. 153 Seine Musik wurzelt in einer Tradition (Ahl-e Haqq), in der im Rahmen von Gebetsversammlungen sakrale Texte rhythmisch rezitiert und gesungen wurden. Diese Gebete oder Anrufungen wurden von Instrumenten wie der Tanbur (einer Langhalslaute), der Nay (einer Flöte) und der Daf (einer Rahmentrommel) begleitet.During (1989)

Schon mit sechs Jahren begann Elahi mit dem Spiel der Tanbur und nur drei Jahre später, im Alter von neun Jahren, war er ein anerkannter Tanbur-Meister seiner Zeit.During (2003) S. 28–29ff; Morris (2007) S. 4 Er hat einen entscheidenden Beitrag dazu geleistet, diese althergebrachte Kunst wiederzubeleben, indem er über 100 Musikstücke komponierte, die als Grundlage für seine Improvisationen dienten.During (2003) S. 28, S. 52 Seine musikalische Virtuosität und seine komplexe Spieltechnik, die zum ersten Mal alle fünf Finger beider Hände einbezog, sowie seine physischen Modifikationen am Instrument selbst (die Verdoppelung der höheren Saite, was ein weitaus expressiveres Spiel ermöglichte) brachten ihm den Ruf eines wahren Erneuerers dieser Kunstform ein.During (2003) S. 54–61

Seit der Gedenkfeier anlässlich seines hundertjährigen Geburtstags im Jahr 1995 sind zwölf CDs seines musikalischen Œuvres erschienen.Siehe unten der Abschnitt Diskographie Der Großteil der Originalaufnahmen datiert zurück bis in die 60er und 70er Jahre, als man im Zuge informeller Treffen im Kreise von Familie und Freunden diese einfachen Mono-Mitschnitte machte, die dann später mit modernen Mitteln digitalisiert wurden.During (2003) S. 153–154

Einer der charakteristischen Aspekte von Elahis Musik ist die Kunst der Improvisation. Dabei gelingt es ihm, Stücke mit unterschiedlichem Tempo und Rhythmus miteinander zu verweben, ohne dabei je das große Ganze aus dem Auge zu verlieren.During (2003) S. 71–72 Ein Beispiel hierfür sind die Improvisationen in Bâbâ Jalili auf der CD Destinations (Le Chant du Monde, 2008).Siehe Beilagentext der CD Destinations Darüber hinaus zeichnete sich Elahis Tanburspiel durch überaus komplexe Verzierungen und eine ungewöhnliche Notendichte aus – er konnte bis zu 12 Noten in einer Sekunde spielen.During (2003) SS. 73–75. Diese Spielweise zeigt sich unter anderem in der Suite Sahari auf der CD The Celestial Music of Ostad Elahi (Le Chant du Monde, 2004), einer Melodie, die mit Anbruch der Dämmerung gespielt wurde, um die Derwische zum Gebet zu wecken.Siehe Beilagentext der CD The Celestial Music of Ostad Elahi

Elahi gab die Gesamtheit seines Repertoires an seinen Sohn weiter, Dr. Shahrokh Elahi,During (2003) S. 144; Siehe auch Die Musik von Ostad Elahi der einige Kompositionen seines Vaters auf Video aufzeichnen ließ, um Einblicke in Elahis Stil und Technik zu ermöglichen.Siehe dazu das Video The Art of Tanbour: Exploring the Music of Ostad Elahi (1895–1974)

Geistiges Erbe

In der zweiten Hälfte seines Lebens war Elahi umgeben von Menschen, die aus verschiedenen Kulturen, Traditionen und Ländern stammten. Jeder hatte ein anderes Interesse ihn zu sehen: Der Atheist kam, um mit ihm zu debattieren; der Musiker suchte Rat für seine Spieltechnik; der Gelehrte wünschte seine Sicht eines bestimmten Forschungsgegenstands zu erweitern; der Suchende sehnte sich nach spiritueller Führung. Er hieß sie alle willkommen und nahm sich die Zeit, auf ihre Sorgen und Nöte einzugehen.During (2003) S. 42–43; B. Elahi (1995)

Elahi verstarb am 19. Oktober 1974 im Alter von 79 Jahren. In Haschtgerd, einer Kleinstadt nicht weit von Teheran, wurde eine Gedenkstätte errichtet, die Jahr für Jahr von vielen tausend Menschen besucht wird.During (2003) S. 46; B. Elahi (1995)

Nach seinem Weggang trat sein Sohn, Professor Dr. med. Bahram Elahi (geboren 1931), sein geistiges Erbe an. Ehemals Arzt im Bereich der Kinderchirurgie und Dekan der medizinischen Fakultät, hat Bahram Elahi mehrere Bücher verfasst, die das Gedankengut seines Vaters erläutern und vertiefen.Von Bahram Elahi liegen folgende Veröffentlichungen vor (siehe unten die Übersicht zu Übersetzungen in anderen Sprachen): La Voie de la Perfection (Albin Michel, 2002), Médecine de l’Âme (Editions Dervy, 2000), La Spiritualité est une Science (Editions Dervy, 1997), Fondements de la Spiritualité Naturelle (Editions Dervy, 1996) und Le Chemin de la Lumière (Albin Michel, 1985)

Zur Entstehung des Titels „Ostad Elahi“