Sheldon „Shel“ Talmy (* 11. August 1937 in Chicago, Illinois; † 13. November 2024 in Los Angeles) war ein US-amerikanischer Musikproduzent, der seine größten Erfolge in Großbritannien feierte und insbesondere für die beginnende Karriere der Bands Kinks und The Who maßgeblich mitverantwortlich war.
Anfänge Der sehbehinderte TalmyVererbte Netzhautdegeneration Retinopathia pigmentosa besuchte die Fairfax Highschool in Los Angeles, auf der auch Phil Spector, Herb Alpert oder Jerry Leiber eingeschrieben waren. Er studierte schließlich Psychologie an der UCLA. Danach traf er in einem Restaurant mit Gästen aus der Musikszene den britischen Toningenieur Phil A. Yeend, der Talmy in seinen Conway Recorders Tontechnik beibrachte.Sound on Sound, September 2009, The Kinks You Really Got Me Yeend, zugleich auch Produzent, hatte in das Studio bis Oktober 1961 noch $ 50.000 an Ausrüstung investiert.Billboard-Magazin vom 30. Oktober 1961, S. 6 Hier arbeitete Talmy als Toningenieur für die Surfbands Mar-Kets (Surfer’s Stomp, Januar 1962) und Castells (Clown Prince, Dezember 1962). Erste Aufnahme als Toningenieur war für ihn Debbie Sharon mit Falling Star (B-Seite von Cruel Way to Be, Dezember 1961). Bei Billy Joe & the Checkmates' Instrumentalhit Percolator (Twist) war er als Toningenieur erstmals an der Entstehung eines kleineren Hits im Dezember 1961 beteiligt (US-Hitparade, Rang 10).
Durch Yeend erhielt er Kontakt zu Nick Venet, dem A&R-Chef bei Columbia Records. Mit zwei musikalischen Referenzen von Venet im Gepäck, flog Talmy am 27. Juli 1962 nach London. Es handelte sich um Aufnahmen, die eigentlich von Nick Venet produziert wurden, nämlich Surfin‘ Safari von den Beach Boys (aufgenommen am 5. August 1961) und There’s Music in the Air von Lou Rawls (August 1961). Venet war es, der den Beach Boys gerade im Juni 1962 einen Plattenvertrag bei Capitol Records verschafft hatte. Diese von Venet produzierten Stücke spielte Talmy dem Produzenten Dick Rowe von der britischen Decca als eigene vor, der begeistert ausrief: „Gottseidank, dass Sie hier sind. Sie beginnen nächste Woche!“Gordon Thompson, Please Please Me – Sixties British Pop, Inside Out, 2008, S. 91 ff. Allerdings wurde er nicht – wie sonst in England üblich – als Produzent angestellt, sondern arbeitete als einer der wenigen unabhängigen Musikproduzenten für Decca Records (wie Joe Meek).
Erste Produktionen mini|Alan Freeman & The Talmy Stone Band – Madison Time Die erste Produktion war im Oktober 1962 die B-Seite Me für Doug Sheldon (A-Seite: Live Now, Pay Later). Es folgte im November 1962 die jazzige und eigentlich attraktive Tanzplatte Madison Time für Alan Freeman & The Talmy Stone Band, einer von Talmy und seinem Produktionspartner Michael „Mike“ Stone geleiteten Formation. Angabegemäß war der Titel einer der schlechtverkauften Platten der Decca-Geschichte. Die A-Seite wird teilweise in Ansageform vom berühmten australischen und für Radio Luxemburg tätigen Diskjockey Alan A. Freeman gesprochen.Aussies Wield Firm Influence, Billboard-Magazin vom 22. Dezember 1962, S. 29.
mini|The Bachelors – Charmaine Das 1957 in Irland gegründete Harmonika-Trio Bachelors ließ Decca lange auf den ersten Hit warten. Talmy brachte ihm nach eigenen Angaben zufolge das Singen in seinem Appartement bei, wobei er eine Wohnungskündigung riskierte. Er verwandelte das Trio von einer Harmonika-Gruppe zu einer im Close harmony Vokalstil der Everly Brothers singenden Combo. Das Repertoire wurde auf alte Standards festgelegt, die in Pop-Balladen transformiert wurden. Erstes Ergebnis war der am 10. Oktober 1962 von Shel Talmy produzierte vielgecoverte Klassiker Charmaine,1927 veröffentlicht, bekannt gemacht durch Guy Lombardos Orchester in nur 20 Minuten entstanden. Die Bachelors gelangten nach Veröffentlichung am 26. Januar 1963 erstmals in die britische Hitparade, wo sie als Höchstplatzierung Rang 5 erreichten. Zur Seite stand ihm als Produzent vorerst weiterhin Mike Stone. Es folgte der am 3. Januar 1964 veröffentlichte und ebenfalls aus dem Jahre 1927 stammende Evergreen Diane (produziert von Michael Barcley), der den ersten Rang schaffte und 250.000 Platten umsetzte. Hier produzierte Talmy jedoch nur die B-Seite Stars Will Remember. Es folgten Faraway Places (veröffentlicht am 1. Mai 1963) und Whispering (29. August 1963), während die großen Hits der Bachelors nicht von ihm produziert wurden. Insgesamt produzierte Talmy für die Bachelors 31 Songs.
Talmy überwachte musikalisch bei Decca auch andere Künstler. Cloda Rogers sang unter seiner Regie Sometime Kind of Love (1. März 1963), die Girlgroup Orchids verpasste mit Gonna Make Him Mine (20. September 1963) ebenso die britische Hitparade wie Shel Naylor mit How Deep is the Ocean (1. November 1963). Die Fortunes konnten zwar mit Caroline (1. Januar 1964) gleichfalls nicht die Hitparade erreichen, der Titel wurde jedoch als Erkennungsmelodie des Piratensenders Radio Caroline berühmt. Es folgten weitere Produktionen ohne Chart-Ambitionen mit One Fine Day (Shel Naylor; 3. März 1964), I Like the Look of You (Fortunes; 1. Mai 1964) und Look Homeward Angel (18. September 1964). Goldie & The Gingerbreads ließen von ihm That’s Why I Love You (9. April 1965) produzieren. Talmys Empfehlungen, Georgie Fame und Manfred Mann unter Vertrag zu nehmen, wurden von Decca abgelehnt. Für das Label produzierte er über 130 Titel bis März 1967, allerdings oft in Kooperation mit Mike Stone. Talmy wandte sich von Decca ab und konzentrierte sich auf Pye-Records.
Kinks mini|Kinks – You Really Got Me Die Beatmusik war noch nicht vollständig etabliert, als Talmy im Dezember 1963 ein Demoband der Kinks hörte.Neville Marten/Jeff Hudson, The Kinks, 2001, S. 32 Nachdem sie einen Plattenvertrag bei Pye Records erhalten hatten, wurden am 24. Januar 1964 in den Pye-StudiosStudio #1; #2 wo die Kinks die meisten Platten aufnahmen, öffnete erst im Februar 1964 die ersten Aufnahmen unter seiner Studioregie eingespielt. Es entstand die Single Long Tall Sally / I Took my Baby Home. Die am 7. Februar 1964 veröffentlichte Single verfehlte noch die Hitparaden ebenso wie die nächste, aus derselben Aufnahmesession stammende Single You Still Want Me / You Do Something to Me (14. April 1964), ganze 127 Mal verkauft.
Sänger Ray Davies hatte Mitte März 1964 einen Song komponiert, von dem am 18. März im Regent Sound-Studio ein Demo entstand. Am 12. Juli 1964 wurde er in den IBC Studiosden größten unabhängigen Studios in England; hier hatte Phil Yeends gelernt umgesetzt, wobei eine für die stilistische Fortentwicklung der Beatmusik epochale Aufnahme entstand. Talmy nahm die fünf Noten in zwei Akkorden umfassenden Gitarrenriffs von Dave Davies auf seiner Harmony Meteor-Gitarre verzerrt auf, als die Kinks ihre Eigenkomposition You Really Got Me einpegeln ließen. Sie wurden begleitet von Arthur Greenslade (Piano), Jon Lord (später Deep Purple; Keyboards), Jimmy Page (später Yardbirds und Led Zeppelin; Rhythmus-Gitarreumstritten; spielte nach Talmy Rhythmus-Gitarre: Spectropop-Interview mit Talmy 2006) und Bobby Graham als Sessiondrummer. Talmy war mit dem neuen Schlagzeuger der Gruppe, Mick Avory, nicht zufrieden.Neville Marten/Jeff Hudson, The Kinks, 2001, S. 42 f. Das simple Stück revolutionierte die Rockmusik, denn hieraus entwickelte sich Hard Rock und Heavy Metal. Die Rhythmik basiert auf einem 12-taktigen Blues, das eingängige Riff (F-G, F-G) war an das Stück Louie Louie von den Kingsmen angelehnt. Es wurden lediglich 2 Takes innerhalb einer dreistündigen Aufnahmesession benötigt, das zweite wurde abgemischt. Nach Veröffentlichung am 4. August 1965 erreichte die Single den ersten Rang der Hitparade, Rang 7 der US-Charts und verkaufte weltweit über eine Million Exemplare.Joseph Murrells, Million Selling Records, 1985, S. 193 f. Pye entschied sich nach dem Erfolg, die künftigen Studiokosten selbst zu tragen.
Er produzierte alle Singles ab Long Tall Sally (15) und LPs (9) der Kinks bis einschließlich der LP Something Else by the Kinks (15. September 1967), danach endete sein Produktionsvertrag mit der Gruppe. Unter den Hits befand sich noch der Millionenseller Tired of Wating for You (Rang 1; Endabmischung am 29. Dezember 1964)Joseph Murrells, Million Selling Records, 1985, S. 209. sowie der Ohrwurm Sunny Afternoon (Rang 1; 13. Mai 1966), der die Widersprüche des bürgerlichen Lebens aufgreift. Als Talmy erstmals 4 Takte von Sunny Afternoon hörte, war er sicher, dass es ein Nummer-eins-Hit werden würde. Mit Talmys Produktionsregie entwickelten die Kinks einen hohen Wiedererkennungswert durch den nasalen Gesang und die sozialkritisch-sarkastischen Texte von Ray Davies sowie einem satten, kompressionierten Sound. Die Kinks ließen 92 Songs von Talmy produzieren und kümmerten sich nach Talmys Weggang selbst um die Produktion ihrer Aufnahmen.
The Who mini|Who – I Can’t Explain Talmy erinnerte sich nach dem ersten Zusammentreffen an eine „laute, grobe und irre Gruppe.“Richard Barnes, The Who – Maximum R & B, 1982, S. 38 f. I Can’t Explain / Bald Headed Woman wurde wahrscheinlich zwischen dem 9. und 14. November 1964 im Pye-Studio innerhalb von 2 Stunden aufgenommen.Andy Neill/Matt Kent, The Complete Chronicle of The Who 1958-1978, S. 60 Der am 15. Januar 1965 auf den Markt gebrachte Song hatte You Really Got Me zum musikalischen Vorbild, allerdings dominierte hier das Feedback der Gitarren, eingefangen von 3 atmosphärisch genutzten Mikrophonen. Talmy hatte als Toningenieur Glyn Johns eingesetzt, der später selbst ein wichtiger Produzent werden sollte. Pete Townshend spielt auf einer 12-saitigen Rickenbacker, die zweite Gitarre spielte Sideman Jimmy Page, Perry Ford begleitete am Piano, der Hintergrundgesang im Falsett-Stil kam von den Ivy League. Diesen Falsett-Gesang übten die Who intensiv, um ihn künftig selbst zu übernehmen. Mit 109.000 Exemplaren und einem Platz 8 hielt sich der Verkaufserfolg in Grenzen. Es folgte Anyway, Anyhow, Anywhere, das am 13. und 14. April 1965 in den IBC-Studios entstand. Begleitet wurden die Who von einem der berühmtesten Sessionpianisten der Zeit, Nicky Hopkins. Talmy platzierte die Mikrophone im Studio so, dass Feedback entstand. Die US-Decca-Verwaltung sandte das rückkopplungsbelastete Masterband zurück, weil sie die Aufnahme für fehlerhaft hielt. Nachdem geklärt war, dass es sich um absichtliches Feedback handelte, wurde der Titel am 21. Mai 1965 veröffentlicht und erreichte Rang 10 der Charts.
Die Mods-Hymne My Generation entstand am 13. Oktober 1965 erneut bei IBC. Die am 29. Oktober 1965 auf den Markt gebrachte Single verkörperte die mit Stottern symbolisierte Unsicherheit der jungen Generation, die von den Erwachsenen ständig niedergemacht wird. Der Titel erreichte Rang 3 der britischen und lediglich Rang 74 der US-Charts und war ebenfalls kein Verkaufserfolg. Für die Who produzierte Talmy lediglich 18 Titel, zurückzuführen auf einen Machtkampf mit Band-Manager Kit Lambert, der fürchtete, dass Talmy die völlige Kontrolle über die Band gewinnen könnte, und deshalb fortan die Produzentenrolle selbst übernahm. Am 4. März 1966 verklagte Talmy daraufhin die Who wegen Vertragsbruchs, um die Gruppe weiter produzieren zu können. Da er durch Lambert verdrängt wurde, sprach ihm das Gericht ersatzweise 5 % Tantiemen für alle Aufnahmen der nächsten 5 Jahre und das Eigentum an den Masterbändern zur am 3. Dezember 1965 herausgebrachten Who-LP My Generation zu,Larry David Smith, Pete Tonsend – The Minstrel’s Dilemma, 1999, S. 57 die erst im August 2002 neu abgemischt als „Deluxe Edition“ veröffentlicht wurde.
Easybeats mini|Easybeats – Friday on my Mind