Die etwa 1600 m lange Gartenstraße im Berliner Bezirk Mitte war eine der nördlichen Ausfallstraßen der Stadt und begann am früheren Hamburger Tor. Sie spiegelt in besonderem Maße Berliner Geschichte vom 18. Jahrhundert bis zum 21. Jahrhundert wider. Eng verknüpft ist sie mit dem Bau der S-Bahn und der Berliner Mauer. Zahlreiche öffentliche Einrichtungen und bemerkenswert viel Grün befinden sich an ihr oder in unmittelbarer Nähe. Mehrere Gebäude stehen unter Denkmalschutz. In anderen Teilen Berlins gibt es weitere sieben Gartenstraßen.

Lage Die Gartenstraße beginnt an der Torstraße in Berlin-Mitte und führt fast schnurgerade in nordwestlicher Richtung bis zur Grenzstraße im Ortsteil Gesundbrunnen, wo bis zur Eingemeindung von Wedding und Gesundbrunnen im Jahr 1861 die nördliche Stadtgrenze von Berlin verlief. Wie bei den meisten historischen Straßen Berlins erfolgt die Zählung der Hausnummern nach der bis 1929 üblichen Hufeisennummerierung und beginnt mit Haus Nr. 1 an der Torstraße auf der Ostseite und geht dann fortlaufend auf dieser Seite bis zur Grenzstraße (letztes Haus Nr. 73) und von dort zurück auf der Westseite (ab Nr. 87) wieder bis zur Torstraße, wo sie mit der Nummer 115 endet. Bemerkenswert ist der große Anteil an Grünflächen, der im Laufe der Jahrhunderte stetig zugenommen hat. So ist der letzte Abschnitt nördlich des Straßenzuges Scheringstraße/Liesenstraße überhaupt nicht bebaut und zwischen Liesenstraße und Julie-Wolfthorn-Straße befindet sich inzwischen der Park auf dem Nordbahnhof. Hier lag das weiträumige Gelände des früheren Stettiner Bahnhofs mit seinen Gleisanlagen. Stattdessen gibt es hier nur noch die S-Bahn. Zwölf Straßen gehen von der Gartenstraße aus oder münden in sie. Die wichtigsten Verknüpfungen sind die Torstraße, an der sie ihren Ausgang nimmt, die Invalidenstraße, von der sie im rechten Winkel durchschnitten wird, und seit 2006 Bernauer Straße und Julie-Wolfthorn-Straße als Teil des Innenstadtrings. Die Bernauer Straße, die bis dahin im Bereich des heutigen Nordbahnhofs endete, wurde damals durch die neuangelegte Julie-Wolfthorn-Straße nach Westen verlängert.

Geschichte

18. Jahrhundert mini|links|Gartenstraße 1951, mit dem Stadtbad

Die Gartenstraße entstand unter Friedrich dem Großen, als dieser die Stadt Berlin in den Jahren 1752–1754 nach Norden hin erweiterte. Den Plan dazu fasste er während des Baus des Invalidenhauses für Kriegsveteranen, zu dem dieses Gebiet damals gehörte. Um das Geld im Lande zu behalten und den häufigen Mangel an Arbeitskräften zu beseitigen, wollte er den in Berlin tätigen Maurern und Zimmergesellen in Berlin eine neue Heimat schaffen. Sie stammten zu einem großen Teil aus dem Vogtland und verdingten sich jeweils in den Sommermonaten in Berlin. Wegen dieser Bewohner wurde später das Viertel Neu-Voigtland und dann einfach Voigtland oder Vogtland genannt. Ein weiterer Grund zur Besiedlung war die Rekultivierung des Gebietes, das infolge übermäßiger Abholzungen mit unfruchtbarem Treibsand bedeckt war, was zunehmend Probleme schaffte. Bei der Besiedlung des Gebietes wurde neben der Brunnenstraße, der Ackerstraße und der Bergstraße auch die Gartenstraße angelegt, damals nur ein Sandweg, der zunächst als Hamburger Landwehr bezeichnet wurde. Im Jahr 1772 ließ der König im Gebiet der Gartenstraße zehn Gärtnerfamilien aus Sachsen ansiedeln, die unentgeltlich Haus, Hof und vier Morgen Land erhielten, jedoch mit der Verpflichtung, die Sandwüste zu begrünen und Obstkulturen anzulegen. Ihren Namen erhielt die Straße am 18. Februar 1801, der sich auf die hier nun wohnenden Gärtnersfamilien bezog.

19. Jahrhundert In der Folgezeit, vor allem zu Beginn des 19. Jahrhunderts zogen immer mehr Arme und Unbemittelte wegen der preiswerten Mieten in das Voigtland, sodass die Gegend bei den Berliner Stadtbürgern als Armen- und Verbrecherviertel in Verruf kam. Dies wurde noch verstärkt, als zu Beginn der 1820er Jahre in der Gartenstraße vor dem Hamburger Tor die viel diskutierten von Wülcknitzschen Familienhäuser entstanden, eine Masse kleiner Mietwohnungen für mittellose Menschen. Statt Voigtland wurde amtlich der neutrale Name Rosenthaler Vorstadt eingeführt. Das Gebiet beiderseits der südlichen Gartenstraße und westlich davon bis zur Chausseestraße wurde zur Oranienburger Vorstadt. Im Volksmund hielt sich noch lange die Bezeichnung Voigtland. Im engeren Sinne war damit das Gebiet gemeint, dessen Grenzen die Torstraße im Süden, die Gartenstraße im Westen, die Brunnenstraße im Osten und die Invalidenstraße im Norden bilden. Nach anderen Meinungen zog es sich hinauf bis in den Bereich der Scheringstraße oder noch weiter bis zur Grenzstraße. Bereits um 1830 war das gesamte Viertel zwischen Torstraße und Invalidenstraße durchgehend bebaut, ebenfalls der Bereich des späteren Nordbahnhofs. Im Jahr 1833 wurde die Bezeichnung Gartenstraße auch auf ihre Verlängerung über die Invalidenstraße hinaus bis zur Grenzstraße in Wedding ausgedehnt.Geist, Kürvers: Das Berliner Mietshaus. Band 1. S. 170–188.

An der Märzrevolution 1848 in Berlin waren auch die Bewohner des Voigtlands beteiligt. Das Volk besetzte das Gebiet gleich zu Anfang und verteidigte es mit Erfolg gegen Angriffe der Infanterie und Kavallerie. Im südlichen Teil der Gartenstraße waren von den Kämpfenden drei Barrikaden errichtet worden: An der Torstraße, an der Invalidenstraße und dazwischen bei den damaligen von Wülcknitzschen Familienhäusern auf der Höhe des späteren Stadtbades Mitte. Zu den an den Märztagen Gefallenen gehörten auch zwei Bewohner der Gartenstraße: der Schlossergeselle Johann Rudolph aus dem Haus Nummer 2 und der „Knabe“ Carl Wilhelm Johann Eben aus der Nummer 51.Geist, Kürvers: Das Berliner Mietshaus. Band 1. S. 354–359.

Um 1860 standen auch auf der Ostseite der Gartenstraße nördlich der Invalidenstraße Wohnhäuser, um 1890 schließlich entlang der gesamten Straße. Ausgenommen waren lediglich die Flächen, die auf die Bahnanlagen des Stettiner Bahnhofs und auf den Dorotheenstädtischen Friedhof II entfielen. Daneben gab es noch zwei kleine Grünanlagen, nämlich den städtischen Park an der damaligen Volksbadeanstalt (heute Stadtbad Mitte) und den Gartenplatz.Straub’s Übersichtsplan von Berlin von 1910.

Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg Südlich des Stettiner Bahnhofs entwickelte sich eine gemischte Wohngegend, in der Arbeiter, Handwerker, Angestellte, Kaufleute, Beamte und Pensionäre lebten. Wegen der niedrigen Mieten wohnten hier in der Folgezeit viele Studenten und diese hatten hier ihre Kneipen, sodass einige Reiseführer von einem Berliner Quartier Latin berichteten. Vor allem zur Zeit der Weimarer Republik herrschte hier reges Leben mit vielen Gast- und Vergnügungsstätten. Das Viertel war (wiederum) bekannt für Prostitution und Kriminalität.Geist, Kürvers: Das Berliner Mietshaus. Band 1, S. 464–496. Berlin-Archiv, Band 11, B 05130: Reichshauptstadt und Weltstadt. Spurensuche. Stadtzentrum Berlin e. V., S. 15, 41 ff., 45, 50. Stürickow: Mörderische Metropole Berlin. S. 24/25: Stettiner Bahnhof und Poetenviertel.

Das Groß-Berlin-Gesetz von 1920 ordnete dem neugebildeten Bezirk Wedding die Bereiche nach Süden bis zur Liesenstraße und Bernauer Straße zu, während der nördliche Teil der Gartenstraße nunmehr im Bezirk Wedding lag. Der südliche Teil gehörte von da an zum Bezirk Mitte und das mittlere Stück bildete die Grenze zwischen beiden Bezirken.

In den 1930er Jahren herrschte auf der Gartenstraße dichter Straßenbahn- und Busverkehr, insbesondere im Kreuzungsbereich mit der Invalidenstraße. Allein zehn Straßenbahnlinien durchquerten diesen Straßenabschnitt. 1934–1936 wurde westlich parallel zur Gartenstraße die unterirdisch verlaufende Nordsüd-S-Bahn gebaut.

Ab dem Ende des Zweiten Weltkriegs Die gegen Ende des Zweiten Weltkriegs beschädigten oder zerstörten Gebäude in der Gartenstraße wurden bald abgeräumt und es entstanden große Brachflächen, die in der Folge meist zu Grünanlagen umgewandelt wurden.

Nach dem Krieg war die Gartenstraße entsprechend dem Viermächte-Status durch die Bezirksgrenzen geteilt. Der Teil, der im Bezirk Wedding lag, gehörte zum französischen Sektor, der Teil, der zum Bezirk Mitte gehörte, zum sowjetischen Sektor.

Diese Aufteilung wirkte sich insbesondere in der Zeit der Berliner Mauer aus: Die Gartenstraße war dreigeteilt. Der südliche Teil von der Torstraße bis zur Bernauer Straße lag auf DDR-Gebiet, der nördliche ab Liesenstraße/Scheringstraße gehörte zu West-Berlin. Der mittlere Teil bildete die Grenze zwischen Ost und West, wobei die auf der westlichen Straßenseite bereits vorhandene Mauer des dortigen Eisenbahndamms als Grenzmauer fungierte, während die Straße selbst und das Gebiet östlich davon West-Berliner Gebiet war.

Nachdem die zum 1. Januar 2001 vollzogene Verwaltungsreform die Berliner Bezirke auf zwölf reduzierte und der Bezirk Wedding im Bezirk Mitte aufging, verläuft die Gartenstraße seither vollständig im Bezirk Mitte, allerdings weiter durch verschiedene Ortsteile.

Ab 2000 wurden beidseitig im südlichen Bereich Straßenbäume gepflanzt, und zwar ebenso wie im nördlichen Teil Linden, sodass die Gartenstraße eine lange durchgehende Lindenallee bildet, ausgenommen noch der Abschnitt zwischen Invalidenstraße und Bernauer Straße/Julie-Wolfthorn-Straße.

Bauten und bemerkenswerte Orte

Von der Torstraße zur Schröder-/Tieckstraße (Nr. 1–8, 104–115) Der Bereich liegt im Ortsteil Oranienburger Vorstadt des Bezirks Mitte. Ausgangspunkt der Gartenstraße war früher das Hamburger Tor in der Berliner Zollmauer, das in der Kreuzung der Kleinen Hamburger Straße und der Torstraße stand.Berlin-Archiv. Band 3, B 03007: Stadt der preußischen Könige

Östliche Straßenseite (Nr. 1–8) Nummer 1: Das 2001 renovierte Eckgebäude zur Torstraße stammt vom Ende des 19. Jahrhunderts und wird im Erdgeschoss gewerblich genutzt: Zurzeit das Restaurant Spaghetti Western, der Laden Brot & mehr, die galerie für illustration und die Emerson Gallery Berlin.

Nummer 2: In dem 2001 renovierten Bau vom Ende des 19. Jahrhunderts wohnte seit 1938 für viele Jahre der Arzt und Schriftsteller Peter Bamm; seine Praxis hatte er in der Bernauer Straße. Heute mit großem Dachgarten. Im Erdgeschoss die Galerie brot.undspiele, seit Herbst 2012 abgelöst durch die Boutique Madam Lili – handgefertigter Nostalgieschmuck, weiterhin ein Service-Betrieb für Einbruchsicherung sowie kontrollfeld – agentur für binäre medien, die Planung und Umsetzung von Web-Projekten betreibt.

Nummer 3a–d: Neubau von 1997, der einzige auf dieser Seite des Straßenabschnitts, mit großem Hof. Im Vorderhaus befand sich eine Filiale der Lebensmittelkette Schlecker. Von Mitte März 2013 bis März 2014 ersetzt durch Tempo Berlin – Interior for our Generation mit Verkauf von „neuen Markenmöbeln für die Post-Ikea Generation“, danach seit Mai 2016 ein Versandhandel. Daneben die Raucherkneipe cheer’s, zuvor, Anfang 1999 neu eröffnet, Angies Bierbar mit der Möglichkeit zum Dartspiel. Im Seitenflügel das Zentrum für ambulante Rehabilitation (ZAR) als Erweiterungsraum zur Gartenstraße 5.

Nummer 4: Die Fassade des schmalen Altbaus aus dem 19. Jahrhundert war bis zum Dach mit wildem Wein bewachsen. Die Gaststätte Le Moustache – Pension & Bar im Erdgeschoss schloss Ende 2012. Das Haus besteht nun aus Eigentumswohnungen, renoviert im Jahr 2013.

Nummer 5:

An dieser Stelle wurde 1888 die erste Berliner Volksbadeanstalt eröffnet, die von Henri James Simon gestiftet worden war. Neben dem Eingang befindet sich zu seinen Ehren eine Berliner Gedenktafel. Zur Erinnerung an ihn erhielt das Bad am 12. September 2012 den Namenszusatz James Simon; hierzu wurde in der Vorhalle eine Stele mit seinem Bild und einer Würdigung seiner Verdienste aufgestellt.Der Tagesspiegel vom 10. September 2012.