mini|Sprachen und Dialekte im östlichen Zentraleuropa, „G1“ umfasst das Gebiet des Schlesischen mini|Rückzug des Schlesischens ab dem 17. Jahrhundert: mini|Schlesische Sprachen nach Alfred Zaręba (1988): 1: Kreuzburger Dialekt (kluczborski); 2: Oppelner Dialekt (opolski); 3: Falkenberger Dialekt (niemodliński); 4: Neustädter Dialekt (prudnicki); 5: Mittelgleiwitzer Dialekt (gliwicki centralny); 6a: Dialekt im Gleiwitzer-Oppelner Grenzland (pogranicza gliwicko-opolskiego); 6b: Dialekt im schlesisch-kleinpolnischen Grenzland (pogranicza śląsko-małopolskiego), 7: Teschener Dialekt (cieszyński); 8: Jablunkauer Dialekt (jabłonkowski); 9: Schlesisch-lachischer Dialekt (pogranicza śląsko-laskiego). mini|Heutiges Verbreitungsgebiet des Schlesischen innerhalb der Woiwodschaften Schlesien und Oppeln, beachte im Vergleich zu den oberen Karten den Schwund des Kreuzburger Dialekts
Schlesisch oder Schlonsakisch (im Schlesischen ślōnskŏ gŏdka) ist ein Ethnolekt und wird in Oberschlesien sowie teilweise in Tschechisch-Schlesien gesprochen. Im Deutschen sprach man auch etwas pejorativ von „Wasserpolnisch“ zur Unterscheidung von den schlesischen Dialekten der deutschen Sprache. Im polnischen Recht und nach Ansicht einiger Linguisten gilt es als einer der vier Hauptdialekte des Polnischen, und von anderen Linguisten wird es aufgrund seiner großen Unterschiede zum Polnischen und der Vielzahl an Dialekten auch als eigenständige Sprache angesehen; eine Gruppe, die Schlesisch als Sprache betrachtet, ist beispielsweise die ISO. Der Ethnolekt ähnelt der Teschener Mundart, die meist als ihre Untergruppe betrachtet wird.
Beispiel Einige polnische Sprachwissenschaftler argumentieren, die Schlesier hätten Polnisch immer als Gebetssprache verwendet; Grzegorz Kulik hingegen stellte fest, dass die Schlesier einen religiösen Gebrauch hatten, und merkte an, dass der Text der schlesischen Gebete aus dem 15. Jahrhundert nicht in altpolnischer Literatursprache verfasst war. Das Vaterunser auf Schlesisch, Polnisch, Tschechisch und Deutsch +SchlesischPolnischTschechischDeutschFatře nouš, keryśće we himmelu sům. Bydź pośwjyncůne mjano uonych. Přińdź krůlestwo uonych, Bydź wola uonych Kej we ńybjy tak a na źymjy. Chlyb nouš kouždodźynny dejům nům dźiśouk. A uodpuščům nům nouše winy, Kej a my uodpuščůmy noušym winnikům. A ńy kludzům nous ku pokyšyńo, Nale zbouwjům uode zuygo. Jamynt.Ojcze nasz, któryś jest w niebie, święć się imię Twoje, Przyjdź królestwo Twoje, Bądź wola Twoja jako w niebie tak i na ziemi. Chleba naszego powszedniego daj nam dzisiaj. I odpuść nam nasze winy, jako i my odpuszczamy naszym winowajcom. I nie wódź nas na pokuszenie, ale nas zbaw od złego. Amen.Otče náš, jenž jsi v nebesích, posvéť se jméno tvé; prijd' království tvé, bud' vůle tvá, jako v nebi, tak i na zemi. Chléb náš vezdejší dej nám dnes, a otpusť nám naše viny, jakož i my odpousťíme naším vinníkům. A ne uvod' nás v pokušení, ale zbav nás od zlého. Amen.Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Amen.
Bezeichnungen Während man im Polnischen von der schlesischen Umgangssprache oder dem schlesischen Dialekt (dialekt śląski, gwara śląska) spricht, nennen sie die Muttersprachler schlesische Sprache (ślōnskŏ gŏdka/ślōnskŏ mŏwa) oder einfach kurz Schlesisch (po ślōnsku). Im Deutschen versteht man unter dem Begriff Schlesisch die schlesischen Dialekte der deutschen Sprache. Für den polnischen Dialekt gibt es zur Unterscheidung den Begriff Wasserpolnisch (auch für Oberschlesisch), der sich zunächst auf die geographische Lage bezog und die Bevölkerung der rechten Oderseite bei Brzeg (Brieg) meinte. Ab dem 19. Jahrhundert entwickelte sich eine negative Konnotation dazu, welche der Bedeutung „verwässertes Polnisch“ entspricht und sich auf Personen bezieht, die vom Schlesischen zum Deutschen als primäre Sprache wechseln. Ein weiterer Begriff ist Schlonsakisch, die eingedeutschte Form des polnischen Worts Ślązak (=Schlesier). Im Teschener Schlesien wurde 1909 die Schlesische Volkspartei von Józef Kożdoń gegründet, deren Parteizeitung die polnischsprachige Ślązak war. Nach der Zeitung wurden die Anhänger der Partei im Polnischen Ślązakowcy benannt und in der der Bewegung wohlwollenden und größten deutschsprachigen Zeitung im Gebiet Silesia Schlonsaken. Im Teschener Schlesien wird die örtliche Mundart meistens po naszymu (in deutscher Lautung „ponaschemu“) ‚auf unsere Art‘ genannt.
Es gibt auch Debatten darüber, ob es sich beim Schlesischen um eine Kreol- oder Pidginsprache handelt. Ein Argument, welches das Schlesische als Pidgin-Sprache begründet, ist, dass es zu einem deutsch-polnischen Sprachkontakt zwischen den Oberschlesiern in Städten kam, wo eine deutsche Administration vorherrschte und Hochdeutsch verbreitet war. Zudem käme es im 19. Jahrhundert durch die Industrialisierung häufiger zu Ballungszentren in Oberschlesien, wo es zum Kontakt mit dem Standarddeutschen kam und ein Pidgin entstehen konnte. Gegenargumente sind, dass Pidgin erst entstehen kann, wenn eine räumliche Distanz zwischen dominanter und dominierender Gruppe vorherrscht, was beim Polnischen und Deutschen nicht der Fall ist. Darüber hinaus sei es bei Pidgin-Sprachen häufig der Fall, dass bei häufigem Kontakt eine Seite die Sprache der anderen Sprecher annimmt und es seltener zum Pidgin kommt.
Das slawische Schlesisch wird in seinen verschiedenen Dialekten fast ausschließlich mündlich gebraucht. Es gibt aber Versuche, eine einheitliche Schriftsprache zu entwickeln. Aus verschiedenen Ansätzen zur Verschriftlichung ergeben sich unterschiedliche Schreibweisen für die Eigenbezeichnung. Es wird daher angenommen, dass es sich um keine Ausbausprache handelt, weil das Oberschlesische nicht verschriftlicht ist.
Eine weitere Kategorisierung des Oberschlesischen ist, dass es sich um eine Mischsprache handelt, was durch die vielen Germanismen zu erklären sei.
Sprecher mini|Grabinschrift „Ruhet in Frieden“ im Teschener Dialekt auf dem lutherischen Friedhof im tschechischen Střítež u Českého Těšína, im Olsagebiet mini|Inschrift auf einem Wegkreuz aus dem 19. Jahrhundert in Bogucice, einem Stadtteil von Katowice, mit folgendem Wortlaut: »Stifter dieses Kreuzes / Grundbesitzer aus der Gemeinde Bogucice.« mini|Ein Banner auf Schlesisch auf CSD 2022 in Katowice: »Wir wollen Schlesien, wo jeder Junge seinem Schatz den Eheschwur in der schlesischen Sprache leisten kann.« mini|Warnschild auf Schlesisch auf dem Bürgersteig in Chorzów (Königshütte): »Handy oder Leben« mini|Eine Werbetafel auf Schlesisch in Katowice (Kattowitz): »Ich wähle den Zug, ich kaufe Tickets bei KOLEO« mini|Eine Kneipe in Piekary Śląskie (Deutsch Piekar) mit schlesischem Namen (wörtlich „Anrichte“) und Aufschriften („Vorsicht. Geh zu uns hier herunter.“)
Die Anzahl der Sprecher wurde nur in Polen genau ermittelt und betrug im Jahr 2021 457.900; von diesen war es für 53.300 Sprecher die einzige Umgangssprache. Insgesamt bezeichneten sich in Polen 585.700 (Volkszählung 2021) und 31.301 in Tschechien (Volkszählung 2021) der Befragten als ethnische Schlesier. Wie viele Personen (bzw. ob überhaupt welche) in Deutschland sich als (slawische) Schlesier bezeichnen und ggf. wie viele den slawischen Ethnolekt Schlesisch sprechen, wurde nie ermittelt.
Unter einigen Sprachwissenschaftlern besteht Uneinigkeit darüber, ob das Schlesische eine polnische Mundart ist oder neben dem Polnischen als eigene Sprache angesehen werden kann. Einige führen an, dass diese Sprachform durch die Vermischung des Polnischen, Deutschen und Tschechischen entstanden sei, und somit kein Dialekt aus einem Dialektkontinuum, sondern nur eine Mundart, die zudem eine Volksgruppe von anderen Volksgruppen abgrenzt. Andere jedoch sehen Schlesisch als eine auf dem Polnischen basierende Mischsprache mit tschechischen Elementen und zahlreichen Germanismen.
Am 18. Juli 2007 vergab der SIL dem Schlesischen das ISO-639-3-Sprachenkürzel szl.Documentation for ISO 639 identifier: szl auf sil.org. Dies hat dazu geführt, dass unter Vertretern des Schlesischen die Annahme entstand, Schlesisch sei als eigene Sprache anerkannt. Die Aufnahme legitimiert dies jedoch nicht, da unter anderem auch Sprachen wie Klingonisch im ISO-639-3 aufgenommen wurden.
Merkmale Die Grammatik ist weitgehend mit der polnischen identisch und wird nur wenig vom Deutschen beeinflusst. Es gibt lediglich eine Vielzahl von Germanismen und Einflüsse aus dem Tschechischen.
Die Beeinflussung des Deutschen sieht man im Schlesischen u. a. an: Anrede mit dem Familiennamen (Pani Biskup, wie im Deutschen), welche im Standardpolnischen weniger geläufig ist und vielmehr mit dem Vornamen angesprochen wird; Markierung des possessiven Attributs durch eine Präposition (przyjechał z samochodem, dt. ‘er kam mit dem Auto’) anstatt durch den Instrumentalis (przyjechał samochodem);
Das Schlesische selbst unterscheidet sich von Stadt zu Stadt. Gemeinsame Merkmale sind etwa: Assimilation von stimmlosen Konsonanten an folgende Sonanten, auch über die Wortgrenze hinweg; Endung der 1. Person Singular Präteritum auf -ch (und nicht -m wie in der Standardsprache) z. B. byłech statt byłem ‘ich war’;
Für die nördlichen Dialekte ist auch das sog. Masurieren typisch, d. h. die Aussprache von sz als s, von ż als z, von cz als c und von dż als dz; es kommt seltener in den oberschlesischen Dialekten vor. Diese Unterschiede führen dazu, dass Versuche der Vereinheitlichung des Schlesischen gescheitert sind, da es nicht möglich ist, dabei einzelne Varianten zu vernachlässigen. Bereits das Bestimmen eines gemeinsamen Alphabets führte zu Schwierigkeiten. Auf einer Konferenz wurde beschlossen, dass die Kodifizierung der Sprache einfach gehalten werden muss, gleichzeitig allerdings auch die korrekte Sprache wiedergeben sollte. Problematisch wurde dabei u. a. das geneigte o, welches entweder als das favorisierte ů oder als ō geschrieben werden soll (andere Varianten sind oo, ô oder o̱). Hier entstand jedoch die Debatte, dass bei der Variante mit ů dies fälschlicherweise als /u/ gelesen wird, während beim ō die Gefahr besteht, dass es von Nicht-Schlesiern als das gewohnte /o/ ausgesprochen wird.
Die Nasalität der Vokale ą oder ę (wie im Standardpolnischen) erfährt auf einem Teil des schlesischen Dialektgebietes eine Umwandlung zu der Kombination „nichtnasaler Vokal + nasaler Konsonant“, wie „yn“ bzw. „ōn“ (wie im z. B. im Ślōnzŏk geschrieben und ausgesprochen). In Kattowitz ist eher eine denasalierte Variante im Auslaut verbreitet wie z. B. in widza ta krowa statt standardpolnisch widzę tę krowę ‘ich sehe die(se) Kuh’.
Die südschlesischen Dialekte stellen in einem gewissen Sinne einen Übergang vom Polnischen zum Tschechischen (und Slowakischen) dar, besitzen aber auch je nach Gebiet Germanismen mit einem Anteil von 2 bis 10 %.
Geschichte Die ersten Spuren der Sprache der slawischen Bevölkerung Schlesiens stammen aus urkundlichen Erwähnungen der Ortsnamen in den lateinischsprachigen Dokumenten. Den ersten geschriebenen vollständigen Satz fand man dagegen in der Chronik des Klosters Heinrichau bei Breslau. Unter den Einträgen des Jahres 1270 findet sich eine Aufforderung eines Mannes zu seiner mahlenden Frau. (heutzutage , vergleiche jedoch das heute typisch schlesische Wortende im Verb: pobrusa bzw. pobrusza), was in der Übersetzung ungefähr lautet: „Lass mich jetzt mahlen, und du ruh dich aus.“
In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts wurde Schlesien zur Lehensherrschaft von Böhmen, was die Entwicklung der slawisch-schlesischen Dialekte in eine andere Richtung im Vergleich zu den anderen polnischen Dialekten im Königreich Polen lenkte, obwohl z. B. in den Nasalvokalen die gleichen Änderungen wie in Polen erfolgten.