mini|Reichsadler mit Allegorien des Collegium poetarum et mathematicorum. Doppeladler mit Dichterkränzen, Brunnen (Musenquell Hippokrene, gestaltet wie ein Lebens-/Jungbrunnen), 9 Musen, die Philosophie mit den 7 freien Künsten, unten der schlafende Paris und der sich nähernde Merkur (Hans Burgkmair der Ältere, vor 1508)
Das Collegium poetarum et mathematicorum, auf Deutsch Kolleg der Dichter und Mathematiker, kurz Dichterkolleg oder Poetenkolleg, war eine Studiengemeinschaft zur Förderung humanistischer Bildung. Dieses Kolleg wurde 1501 vom römisch-deutschen König Maximilian I. auf Initiative des Dichters Conrad Celtis an der Universität Wien als Alternative zum Studium an der traditionellen Artistenfakultät gegründet. Es hatte vier Lehrstühle: für Poetik und Rhetorik sowie zwei für mathematisch-naturwissenschaftliche Fachgebiete; die Absolventen sollten zu Dichtern gekrönt werden.
Durch den Tod des Initiators und Leiters Celtis im Jahr 1508 entstand eine kritische Situation für dieses Poetenkolleg, aber mehrere Indizien verweisen darauf, dass es weiterbestand und erst in den 1530er Jahren durch die Universitätsreformen von König Ferdinand I. in die Artistenfakultät integriert wurde.
Frühe humanistische Ansätze in Wien
Bereits im 15. Jahrhundert setzten sich mehrere Gelehrte dafür ein, dass die „humanistischen Studien“ an der Wiener Universität etabliert würden. Dabei nützten sie ihre Kontakte zum Wiener Hof; so stand etwa der gelehrte Humanist und spätere Papst Enea Silvio Piccolomini im Dienst von Kaiser Friedrich III., von dem er zum „poeta laureatus“ gekrönt wurde. Piccolomini war 1445 Gastvortragender an der Wiener Universität.Alfred A. Strnad: Die Rezeption von Humanismus und Renaissance in Wien. In: Winfried Eberhard, Alfred A. Strnad (Hrsg.): Humanismus und Renaissance in Ostmitteleuropa vor der Reformation (= Forschungen und Quellen zur Kirchen- und Kulturgeschichte Ostdeutschlands; 28). Köln 1996, S. 71–135, dort 80f.
Die Habsburger hatten zur Wiener Universität einen besonderen Bezug, da diese vom Habsburger Rudolf I. gegründet worden war. Erzherzog Maximilian, der Sohn von Friedrich III., verfolgte sein Anliegen, dem als „modern“ geltenden Humanismus Einfluss an der Universität Wien zu verschaffen. Im Jahr 1494 errichtete er eine besoldete Fachlektur für Römisches Recht und besetzte sie durch die Berufung des Venezianers Girolamo Balbi. Er sollte außerdem Poetik an der Artistenfakultät lehren – als gekrönter Dichter wurde er auch auf diesem Gebiet für kompetent gehalten.Mühlberger: Bemerkungen zum Wiener Poetenkolleg, 2004, S. 767. Am Hof Maximilians gab es einige einflussreiche Humanisten: Johann Fuchsmagen, Johann KrachenbergerSiehe zu Krachenberger: und Bernhard Perger.Strnad: Rezeption, 1996, S. 109f. Sie waren daran beteiligt, dass Konrad Celtis im Jahr 1497 nach Wien berufen wurde und eine Fachlektur für Poetik und Rhetorik erhielt.
Die Wiener Universität stand in der Tradition der Scholastik. Zwischen dieser und dem Humanismus gab es neben inhaltlichen Differenzen noch weitere Unterschiede: Die Universität betrachtete sich als eine selbständige Organisation. Die Humanisten erhielten landesfürstlich gut besoldete Fachprofessuren, womit natürlich eine Abhängigkeit verbunden war (der gekrönte Dichter war quasi ein privilegierter Außenseiter). Das humanistische Lehrprogramm wurde im Allgemeinen von den Landesherrn der Universität aufgezwungen. Die Humanisten neigten zu einem weltlichen Lebensstil, während an der scholastischen Universität klosterähnliche, klerikale Lebensformen dominierten. Mitunter kam es zu heftigen Auseinandersetzungen; die Humanisten idealisierten das klassische Latein und polemisierten gegen das „barbarische Küchenlatein“ der Scholastiker.Dazu etwa Mühlberger: Poetenkolleg und Dichterkrönung, 2007, Kap. Die Berufung des Konrad Celtis (1497).
Gründung und Eröffnung des Poetenkollegs
Durch die Initiative von Konrad Celtis kam es zur Gründung des Poetenkollegs als einer „Humanistenschule“.Dazu Mühlberger: Bemerkungen zum Wiener Poetenkolleg, 2004, S. 766. Der wahrscheinlich von Celtis selbst lateinisch formulierteHelmuth Grössing: Humanistische Naturwissenschaft. Zur Geschichte der Wiener mathematischen Schulen des 15. und 16. Jahrhunderts (= Saecvla Spiritalia; 8). Baden-Baden 1983, S. 148: „wahrscheinlich von Celtis konzipiert“. Stiftbrief, der gleichzeitig als Gründungsurkunde anzusehen ist, wurde von Erzherzog Maximilian am 31. Oktober 1501 in Bozen unterzeichnet (zum Inhalt siehe unten den Anhang). Darin heißt es, dass die Gründung des Kollegs zur Erweiterung der Universität („pro … universitatis nostrae augmento“) gedacht ist und dieses somit ein Bestandteil der Universität sein soll, wobei keine klare Einordnung in die traditionellen universitären Strukturen erfolgt – es wird z. B. nicht gesagt, dass das Collegium eine eigene Fakultät darstellt, aber auch nicht, dass es einer bestimmten Fakultät zugeordnet wird. Es hatte also eine privilegierte Ausnahmestellung außerhalb der Fakultätsordnung. Dass dieses Kolleg der Universität zugeordnet wurde, ohne in die traditionellen Strukturen eingeordnet zu werden, erschwert das Erfassen des Typs dieser neuen Einrichtung. Verschiedene Vergleiche wurden für dieses Kolleg herangezogen: Hochschule (weil ziemlich selbständig neben den Abläufen der Universität), Fakultät (als fünfte Fakultät oder als werdende vierte obere Fakultät), (Senats-)Institut, Akademie, Magisterkolleg.Mühlberger: Bemerkungen zum Wiener Poetenkolleg, 2004, S. 771f; Graf-Stuhlhofer: Humanismus zwischen Hof und Universität, 1996, S. 47f.
Der Stiftbrief erklärt weiter, dass das „collegium poetarum“ zur Wiederherstellung der in den früheren Jahrhunderten versunkenen antiken Eloquenz dienen soll. In diesem Stiftbrief und auf dem noch erhaltenen silbernen Siegelstempel findet sich der kürzere Name „Collegium poetarum“. Die seltenere Langform „Collegium poetarum et mathematicorum“ ist gelegentlich nachweisbar;Mehrere Belege für diese Langform aus dem Jahr 1502 bei Mühlberger: Poetenkolleg und Dichterkrönung, 2007, Anm. 2. sie bringt die Intentionen von Celtis treffend zum Ausdruck und entspricht auch der tatsächlichen Gestalt dieser Institution, denn es wurden vier besoldete Fachlekturen eingerichtet: für Poetik und Rhetorik („in poetica et oratoria“) sowie zwei weitere „für mathematische Fächer“ („in mathematicis disciplinis“).
Die Eröffnung des neuen Kollegs erfolgte am 1. Februar 1502. Vincenz Lang hielt eine Lobrede (mit dem Titel Panegyricus) auf Maximilian I., weil dieser das – hier mit dem Langnamen bezeichnete – „Collegium poetarum et mathematicorum“ in Wien gegründet hatte.Gedruckt bei Konrad Celtis: Quattuor libri amorum. Nürnberg 1502, Anhang. – Dazu Peter Luh: Die unvollendete Werkausgabe des Conrad Celtis und ihre Holzschnitte. Frankfurt/M. u. a. 2001, S. 277. Dabei erwähnt Lang die geplanten Inhalte: Der Dichter (lateinisch: „vates“) steht neben dem Redner (). Und der Mathematiker vermittelt das Werk von Euklid (damit ist vor allem an die Geometrie zu denken), Vitruv (für Architektur) und Ptolemäus (für Astronomie, vielleicht auch für Astrologie).
Unterrichtsräume sowie Wohnräume von Angehörigen des Poetenkollegs (also Lehrer und Studenten) dürften sich im Neubergerhof bei der Kapelle „St. Anna“ befunden haben, in der Nähe der Universität.Diese Angabe wurde von manchen Historikern irrtümlich auf das St. Anna-Kloster in der Annagasse bezogen. Gemeint ist aber die Kapelle St. Anna (gemäß heutigen Adressen wäre das im Bereich Schulerstraße 16, Grünangergasse 1 und Kumpfgasse 2). Siehe Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien, Band 4. Wien 1995, S. 370 f.
mini|400px|Ein Holzschnitt von Hans Burgkmair stellt die INSIGNIA POETARUM dar: Oben das Szepter, unten die Lorbeerkrone, dazwischen von links nach rechts: Ring, Birett, Siegel (mit der Umschrift: SIGILLUM COLLEGII POETARUM VIENNAE).
Celtis als Vorstand des Kollegs hatte das Recht der Dichterkrönung, der Verleihung des Grades eines poeta laureatus. Es ist aber unsicher, ob tatsächlich eine größere Anzahl von Absolventen zu Dichtern gekrönt wurde. Bekannt ist dies nur von Einzelnen: Stabius 1502 oder Thomas Resch (Velocianus) 1504. Jedenfalls verweist die Dichterkrönung als Studienabschluss – ebenso wie der häufige Gebrauch des kürzeren Namens „Collegium poetarum“ – auf den besonderen Stellenwert der sprachlichen Fächer an diesem Poetenkolleg. Das Mathematisch-Naturwissenschaftliche erscheint demgegenüber dann eher als Ergänzung zum poetisch-rhetorischen Kern des Kollegs.
Ein Einblattholzschnitt von Hans Burgkmair war wohl dazu gedacht, das Anliegen des Poetenkollegs zu verbreiten. Der Holzschnitt stellt die bei der feierlichen Dichterkrönung verwendeten Insignien des Poetenkollegs dar (siehe Abbildung).Peter Luh: Der „allegorische Reichsadler“ von Conrad Celtis und Hans Burgkmair. Ein Werbeblatt für das Collegium Poetarum et Mathematicorum in Wien. Peter Lang, Frankfurt/M. 2002.
Am Poetenkolleg studierten Söhne aus höheren sozialen Schichten: Ihre Eltern gehörten zum Adel, zum höheren Beamtentum sowie zum städtischen Patriziat. Einige Studenten waren bereits älter als ihre Lehrer.Mühlberger: Bemerkungen zum Wiener Poetenkolleg, 2004, S. 771f.
Das Poetenkolleg ist zu unterscheiden von der Donaugesellschaft („Sodalitas litteraria Danubiana“), einer lockeren Vereinigung humanistischer Gelehrter. Sie war gleichfalls von Celtis initiiert, angeregt vielleicht durch die Accademia Romana des Julius Pomponius Laetus in Rom, die er auf seiner Italienreise kennengelernt hatte.Erwähnt von Mühlberger: Bemerkungen zum Wiener Poetenkolleg, 2004, S. 766. Personell gab es enge Verbindungen zwischen dieser SodalitasZur „Sodalitas Collimitiana“, wahrscheinlich einer Fortführung von Celtis’ Sodalitas, siehe Graf-Stuhlhofer: Humanismus zwischen Hof und Universität, 1996, S. 115f. Dort auch Verweise auf mehrere Publikationen von Conradin Bonorand, der den – teilweise für die Sodalitas relevanten – Freundeskreis von Joachim Vadian erforschte. und dem Kolleg; für Lehrer und Studenten des Kollegs waren die eher informellen, wohl an Abenden stattfindenden Treffen im Rahmen der Sodalitas eine gute Ergänzung ihrer Bestrebungen.
Die Lehrer und ihre Fächer am Poetenkolleg
Von mehreren Lehrern ist bekannt, dass sie am Poetenkolleg tätig waren, von anderen ist dies nur vermutbar. Auch die Dauer der jeweiligen Lehrtätigkeit lässt sich oft nicht genau feststellen. Beim Versuch einer Rekonstruktion entsteht ein Gerüst von Namen und Jahreszahlen mit einigen – vielleicht durch zeitweise Vakanz von Lehrstühlen bedingten – Lücken.
Es gab also zwei Fachlekturen für Poetik (Dichtkunst) und Rhetorik (Beredsamkeit). Die ersten Professoren waren Celtis († 1508) für Poetik und Vincenz Lang († 1502) für Rhetorik. Ihre Nachfolger dürften Johannes Cuspinian († 1529) sowie Angelus Cospus gewesen sein. Joachim Vadian war Professor für Poetik, vielleicht nach seiner Dichterkrönung 1514; er verließ Wien im Jahr 1518. In diesem Jahr wurde Philipp Gundel sein Nachfolger.Mühlberger: Bemerkungen zum Wiener Poetenkolleg, 2004, S. 773.
Celtis hielt um 1504 eine Vorlesung über die Geographie des Ptolemäus, also ein eher zu den Naturwissenschaften gehörendes Gebiet. Dieses Werk erläuterte er unter Verwendung der drei Sprachen Griechisch, Latein und Deutsch.So in seiner Ankündigung, in den Epigrammen V, 11. Nach Grössing: Humanistische Naturwissenschaft, 1983, S. 152. Die deutsche Sprache wurde damals im universitären Unterricht normalerweise nicht verwendet.