mini|Gräfin Josephine Brunsvik als Gräfin Deym, unbezeichnete Bleistift-Miniatur, vor 1804 Gräfin Josephine Brunsvik de Korompa, 1799–1810 Josephine Gräfin Deym von Stritetz, ab 1810 Baronin von Stackelberg, (* 28. März 1779 in Preßburg; † 31. März 1821 in Wien) war eine Angehörige des ungarischen Adelsgeschlechts Brunsvik.Die Brunsviks führten ihre Abstammung auf den Kreuzfahrer Heinrich von Braunschweig („Heinrich der Löwe“, 1139–1195) zurück. Sie war eine der zentralen Frauengestalten im Leben Ludwig van Beethovens, der ihr in den Jahren 1804 bis 1810/11 mindestens vierzehn zum Teil leidenschaftliche Liebesbriefe schrieb, in denen er sie unter anderem als „Engel“, „mein Alles“ und als seine „einzig Geliebte“ bezeichnete und ihr „ewige Treue“ schwor. Da sie „die einzige Frau [ist], die Beethoven nachweislich anhaltend und leidenschaftlich geliebt hat“,Harry Goldschmidt (1977) S. 231. hält eine Reihe von Musikwissenschaftlern Josephine auch für die Adressatin des berühmten dreiteiligen Briefes an die „Unsterbliche Geliebte“ vom 6./7. Juli 1812.La Mara (1920), Kaznelson (1954), Riezler (1962), Massin (1970), Goldschmidt (1977), Tellenbach (1983, 1987), Beahrs (1986, 1988, 1993), Dahlhaus (1991), Pichler (1994), Steblin (2002, 2007, 2009). Der Brief selbst findet sich in seiner Originalschreibweise hier: . Ein endgültiger Nachweis dieser Hypothese konnte jedoch bisher nicht erbracht werden.

Kindheit und erste Ehe Josephines Brunsviks Vater Anton Brunsvik (1745–1793) starb im Alter von 47 Jahren und hinterließ seine Frau Anna, geb. Freiin Wankel von Seeberg (1752–1830) und vier Kinder: Therese (1775–1861), Franz (1777–1849), Josephine und Charlotte (1782–1843). Die Familie lebte in einem Schloss in Martonvásár bei Budapest.

Die Kinder genossen eine Ausbildung durch private Lehrer, studierten Sprachen und klassische Literatur. Alle vier erwiesen sich als talentierte Musiker: Franz wurde ein guter Cellist, die Mädchen zeichneten sich am Klavier aus – besonders Therese. Alle bewunderten die Musik von Ludwig van Beethoven, der sich während der 1790er-Jahre als Pianist in der österreichischen Hauptstadt Wien etabliert hatte. Franz widmete er später die f-Moll-Klaviersonate op. 57 (Appassionata), Therese die Fis-Dur-Sonate op. 78.

Am 3. Mai 1799 brachte Anna Brunsvik ihre beiden Töchter Therese und Josephine nach Wien, wo Beethoven ihnen Klavierunterricht erteilte.Siehe Thereses Brunsviks Memoiren, in: La Mara (1909), S. 58–135; Kopitz/Cadenbach (2009), Nr. 161. Über die erste Bekanntschaft der beiden Schwestern mit Beethoven schrieb Therese Brunsvik Jahrzehnte danach als hochbetagte Frau in ihren Memoiren: „Der Unsterbliche, liebe Louis van Beethoven war sehr freundlich und so höflich, als er sein konnte ... Er kam fleißig, blieb aber statt einer Stunde von 12, bis oft 4 bis 5 Uhr ... Der Edle muß selber zufrieden gewesen sein, denn durch 16 Tage blieb er nicht ein einziges Mal aus.“cit. nach La Mara (1909), S. 64f. – Beethoven widmete später den Schwestern Therese und Josephine Brunsvik das Lied Ich denke Dein mit sechs Variationen für Piano-Duo, WoO 74. Wie mehrere andere Männer muss sich auch Beethoven auf den ersten Blick in Josephine Brunsvik verliebt haben. Ungefähr sechs Jahre nach dem ersten Zusammentreffen gestand er ihr, er habe damals seine spontane Liebe zu ihr unterdrücken müssen.„… o geliebte J., … als ich zu ihnen kam – war ich in der festen Entschlossenheit, auch nicht einen Funken Liebe in mir keimen zu laßen …“ (Beethoven an Josephine Deym von Stritetz, März/April 1805, in: Ludwig van Beethoven: Briefwechsel. Gesamtausgabe. Hrsg. von Sieghard Brandenburg. Band 1. München 1996, Nr. 216.) Sie selbst schrieb ihm – ebenfalls später, in ihrer Witwenzeit – von ihrer „enthousiastische[n] Seele“ für ihn, noch bevor sie ihn persönlich kennengelernt hatte.„Meine ohnedieß, für Sie enthousiastische Seele noch ehe ich Sie persönlich kannte – erhielt durch Ihre Zuneigung Nahrung. Ein Gefühl das tief in meiner Seele liegt und keines Ausdrucks fähig ist, machte mich Sie lieben; noch ehe ich Sie kan[n]te machte ihre Musick mich für Sie enthousiastisch – Die Güte ihres Characters, ihre Zuneigung vermehrte es.“ (Josephine Deym von Stritetz an Beethoven, Winter 1806/1807, in: Brandenburg 1996, Nr. 265.)

Auf Drängen der Mutter, die für ihre Tochter einen wohlhabenden Gatten von gleichem Rang wünschte, heiratete Josephine Brunsvik am 29. Juli 1799 in Martonvásár den erheblich älteren Grafen Joseph von Deym (* 4. April 1752 in Wognitz in Böhmen; † 27. Januar 1804 in Prag),Steblin (2007), S. 157. der sich bei ihrer ersten Begegnung in Wien am 5. Mai 1799 ebenfalls sofort in sie verliebt hatte. Der „Hofstatuarius“ Deym besaß in Wien am Rothen Turm ein großes Galeriegebäude, dessen zahlreiche Säle angefüllt waren mit Gips- und Wachsabgüssen berühmter antiker Statuen aus Italien, die Deym während seiner dortigen Aufenthalte selbst abgenommen hatte. Nach anfänglichen, überwiegend finanziellen Schwierigkeiten entwickelte sich die Deym-Ehe trotz des erheblichen Altersunterschiedes zu einer glücklichen Beziehung.Einzelheiten in Steblin (2007), S. 155f siehe auch Goldschmidt (1977), S. 370. Steblin fand, einem Hinweis Goldschmidts folgend, 108 Ehebriefe der beiden und kündigte eine Veröffentlichung derselben an. (Steblin 2007, S. 155, Anm. 41)

Beethoven blieb als regelmäßiger „standhafter Besucher der jungen Gräfin“Therese Brunsvik in ihren Memoiren, cit. nach La Mara (1909), S. 68f. weiterhin Josephines Klavierlehrer und gab ihr unentgeltlich Unterricht. Für Deym komponierte er Stücke für eine Spieluhr. Außerdem wirkte er mit bei einer Reihe von Hauskonzerten im Deymschen Palais,Unter anderen führte er dort so bekannte Solisten wie den Hornisten Punto und den hochberühmten Geiger Bridgetower ein, der 1803 in Wien konzertierte und für den er die Violinsonate A-Dur, op. 47 („Kreutzersonate“) geschrieben hatte. (vgl. Tellenbach 1983, S. 62 sowie Goldschmidt 1977, S. 190f) bei denen viele seiner neuesten Kompositionen – wie die meisten Violinsonaten und vermutlich u. a. die Klaviersonaten op. 31/1 und 2 – aufgeführt wurden.Vgl. Tellenbach (1983), S. 59–62. – Über ein glänzendes Hauskonzert zu Ehren der Herzogin Franzele von Württemberg (vgl. Steblin 2009b) erzählte Josephine Deym von Stritetz am 10. Dezember 1800: „Gestern hatten wir zu Ehren der Herzogin Musik. Da mußte ich spielen, dazu lagen alle Arrangements auf mir ... Beethoven spielte die Sonate mit Violoncello, ich die letzte der drei Violinsonaten [op. 12/3] mit Schuppanzighs Begleitung, der wie alle anderen göttlich spielte. Dann ließ uns Beethoven, als ein wahrer Engel, seine neuen, noch nicht gestochenen Quartette [aus op. 18] hören, die das höchste ihrer Art sind.“ (cit. nach La Mara 1920, S. 14, die irrtümlich als Ehrengast die Gräfin von Giovane angegeben hatte.) Ebenso begeistert wie über die Quartette äußerte sich Josephine Deym von Stritetz am 12. November 1802: „Ich habe Sonaten von Beethoven [wahrscheinlich die die Klaviersonaten op. 31/1 und 2], welche alle vorhergehenden vernichten.“ (ebenda, S. 40)

In ihrer kurzen Ehe mit Deym gebar Josephine Deym von Stritetz vier Kinder: Victoire (Vicky) (* 5. Mai 1800 in Wien; † 2. Februar 1823 in Wien) Friedrich (Fritz) (* 3. Mai 1801 in Wien; † 23. Januar 1853 in Wien) Carl (* 27. Juli 1802 in Nußdorf ob der Traisen; † 18. Mai 1840 in Nagysurány) Josephine (Sephine) (* 24. Februar 1804 in Wien; † 25. Juni 1821 in St. Pölten).Friedrich Freiherr von Haan: "Auszüge aus den Sperr-Relationen des n.-ö. und k. k. n.-ö. Landrechts 1762–1852", in: Jahrbuch der Gesellschaft Adler 1907, S. 79. Während sie noch mit Sephine schwanger war, starb Graf Deym plötzlich am 27. Januar 1804 in PragIm November 1803 war das Ehepaar Deym nach Prag gereist, wo sie Verwandte hatten, um dort den Winter zu verbringen. (vgl. Tellenbach 1983, S. 63) Zur gleichen Zeit beabsichtigte Beethoven ebenfalls, für eine gewisse Zeit nach Prag zu kommen. Nach der Rückkehr Josephines Deym von Stritetz’ aus Prag, kurz nach dem plötzlichen Tode ihres Mannes, war von Beethovens Reiseprojekt nicht mehr die Rede. (vgl. Goldschmidt 1977, S. 191f) an einer Lungenentzündung. Bevor er starb, übertrug er seiner Frau testamentarisch die Vormundschaft über die Kinder und das Vermögen. Kurze Zeit nach Deyms Tod empfing der Kaiser in Wien die junge Witwe mit ihren älteren Kindern und tröstete sie: „Weinen Sie nicht, Ihre Kinder sind meine Kinder!“La Mara (1909), S. 71.

Witwenstand Den Sommer 1804 verbrachte die verwitwete Josephine Deym von Stritetz zusammen mit ihrer Schwester Charlotte in einer Landwohnung in Hietzing beim Schönbrunner Schlosspark. Dort erkrankte sie schwer an einem Nervenfieber, wodurch sie in die Stadt zurückkehren musste.Vgl. Tellenbach (1983), S. 64 f. Nachdem sich ihre Gesundheit im Winter wieder gefestigt hatte, kam Beethoven immer häufiger zum Unterricht zu ihr, gegen Ende November bereits alle zwei Tage,Beethoven est fort aimable: il vient presque tous les seconds jours et dône des leçons à Pepi. [„Beethoven ist außerordentlich liebenswürdig, er kommt nahezu alle zwei Tage und gibt Pepi Unterricht.“] (Charlotte Brunsvik an ihre Schwester Therese, 20. November 1804; cit. nach Schmidt-Görg 1957, S. 10) und es entwickelte sich zwischen beiden eine immer engere Beziehung.