mini|Wulf Gatter, Leiter der Forschungsstation Randecker Maar, wird von der liberianischen Staatspräsidentin Ellen Johnson Sirleaf 2016 mit dem „Star of Africa“ Orden im Range eines „Grand Commander“ ausgezeichnet, Monrovia, Libera. Wulf Hermann Gatter (* 1943) ist ein deutscher Förster, Ornithologe und Entomologe.
Leben und Wirken Gatter wurde 1943 als Sohn des sudetendeutschen Politikers und Automobilkonstrukteurs Willibald Gatter geboren.Peer Gatter: Volkswagenbau an Elbe und Teck. Aus dem Leben des sudetendeutschen Automobilpioniers und Politikers Willibald Gatter (1896–1973). In: Schriftenreihe Stadtarchiv Kirchheim unter Teck, Band 32 (2008), S. 127–170, GO Druck Media Verlag, Kirchheim unter Teck, ISBN 978-3-925589-44-7 Er studierte Forstwirtschaft an der Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg und an der Forstlichen Versuchsanstalt in Stuttgart-Weilimdorf. Gatter ist Gründer und Leiter der Forschungsstation Randecker MaarForschungsstation Randecker Maar: und war von 1990 bis 2008 Leiter des ökologischen Lehrreviers der Landesforstverwaltung Baden-Württemberg (Schwäbische Alb).
Von 1981 bis 1984 arbeitete Wulf Gatter als Förster in der Entwicklungszusammenarbeit und Regenwaldforschung in Liberia, Westafrika. Zahlreiche Forschungsreisen führten ihn seit den 1980er Jahren in die westafrikanischen Regenwaldgebiete der Gola-, Lofa- und Nimba-Berge, zu den Inselbergen des Grand Gedeh County sowie in den Mangrovengürtel der liberianischen Küste. In Grand Gedeh erfolgte 1981 die Erstbeschreibung des Sperlingsvogels Fleckflügelbülbül (Phyllastrephus leucolepis), der sich allerdings aufgrund neuer genetischer Untersuchungen des einzigen Exemplars in einer biologischen Sammlung als eine Farbvariante des Zeisigbülbüls (Phyllastrephus icterinus) erwies. Er beschrieb 1988 die unbekannten Jugendkleider des Weißbrust-Perlhuhns (Agelastes meleagrides). 1993 beschrieb er die Biologie des seltenen Ballmann-Webers (Malimbus ballmanni) und veröffentlichte 1997 das Standardwerk der liberianischen Ornithologie „Birds of Liberia“.https://yalepress.yale.edu/yupbooks/book.asp?isbn=0300075766
1985 gründete er mit liberianischen Umweltaktivisten die Society for the Conservation of Nature of Liberia (SCNL), die erste Naturschutzgesellschaft des westafrikanischen Landes. 1986 folgte Gatter einem Ruf des WWF, um für den Sapo-Nationalpark, den zweitgrößten Regenwald-Nationalpark Westafrikas, ein Infrastrukturprogramm zu entwickeln. Es galt die Ressourcen dieses unbewohnten Gebietes zu erhalten und gleichzeitig den Bewohnern der Randgebiete des Parks (Bauern, Jäger) ein Überleben zu sichern. In Zusammenarbeit mit der liberianischen Forstverwaltung baute er hier die Gbabony-Creek-Forschungsstation auf. mini|Vogelbeobachter an der Forschungsstation Randecker Maar erfassen den Vogel- und Insektenzug, der die Schwäbische Alb im Herbst nach Süden überquert. Rechts unten ist eine Reuse zum Insektenfang sichtbar.
Ebenfalls 1986 erforschte Gatter im Auftrag von BirdLife International die Überwinterung euroasiatischer Fluss- und Seevögel an dem 600 Kilometer langen Küstenstreifen Liberias, in den Lagunen, an den gezeitenbeeinflussten Flussunterläufen und den Mangrovengebieten.
In Zusammenarbeit mit der Arbeitsgruppe Afrika des Naturschutzbund Deutschland (NABU) fördert Gatter seit den 1990er Jahren die Feldforschungen und Diplomarbeiten junger Liberianer zur Ökologie des Regenwaldes und zum Vogelzug. 2003 erhielt er für seine afrikanische Forschungstätigkeit und seine Mitarbeit beim Wiederaufbau der University of Liberia nach dem Bürgerkrieg den Ehrendoktor dieser Universität. 2004 wurde er mit dem Ehrendoktor der Wilhelms-Universität Münster für seine „langjährigen und international anerkannten Forschungsarbeiten zum Vogelzug und zu den Vogelbeständen in Mitteleuropa und Afrika“ ausgezeichnet – insbesondere für sein im Jahr 2000 erschienenes und wegweisendes Werk zur Populationsdynamik europäischer Vögel („Vogelzug und Vogelbestände in Mitteleuropa: 30 Jahre Beobachtung des Tagzugs am Randecker Maar“).
Gatter war Vorsitzender der Ortsgruppe Kirchheim/Teck und Lenninger Tal des Naturschutzbund Deutschland (NABU).http://www.nabu-kirchheim-teck.de/ Seine Interessenschwerpunkte sind die Wald- und Populationsökologie, die Prädation und Konkurrenz und sich daraus ergebende Verknüpfungen sowie der Vogel- und Insektenzug – speziell auch im Hinblick auf den Klimawandel – Themen, über die er zahlreiche Beiträge verfasste.
Eine Ende Oktober 2020 vorgelegte Studie über Insektensterben auf der Schwäbischen Alb erregte deutschlandweites Aufsehen.https://www.ntz.de/nachrichten/wendlingen/artikel/insektensterben-ist-dramatischer-als-erwartet/, https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/tiere/studie-dramatisches-insektensterben-auf-der-schwaebischen-alb-17026521.html
Ehrungen 1981 Preis für herausragende Leistungen im Bereich der Feldornithologie des Dachverbandes Deutscher Avifaunisten 1990 Walter-Schall-Preis der Gesellschaft für Naturkunde in Württemberg (zusammen mit Ulrich Schmid) über die Wanderung der Schwebfliegen (Diptera, Syrphidae) am Randecker Maar 1999 Werner-Sunkel-Preis der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft. 2003 Ehrendoktor der University of Liberia. 2003 Ehrendoktor der Wilhelms-Universität Münster.http://www.uni-muenster.de/Rektorat/jb03/Jb001e.htm 2016 Aufnahme in den Order of the Star of Africa im Range eines „Grand Commander“ durch die Präsidentin Liberias Ellen Johnson Sirleaf.http://www.capitoltimesonline.com/index.php/news/item/1097-german-gets-liberian-laurels-for-impacting-liberia-ecosystems 2019 Bundesverdienstkreuz am Bande (zusammen mit Dorothea Gatter)
Werke (Auswahl) Aufsätze Orpheusspötter Hippolais polyglotta: Liegen die Ursachen seiner Ausbreitung in Mitteleuropa oder im westafrikanischen Überwinterungsgebiet? In: Ornithologische Mitteilungen, Bd. 68 (2016), S. 235–238, ISSN 0030-5723. zusammen mit Hermann Mattes: Beeinflusst der Star Sturnus vulgaris über Höhlenkonkurrenz die Häufigkeit von Spechten Dendrocopos sp.?. In: Der Ornithologische Beobachter, Bd. 108 (2011), Heft 3 (September), S. 1–10, . zusammen mit Hermann Mattes: Ändert sich der Mittelspecht Dendrocopos medius oder die Umweltbedingungen? Eine Fallstudie aus Baden-Württemberg. In: Die Vogelwelt. Beiträge zur Vogelkunde, Bd. 129 (2008), S. 73–84, . Bestandsentwicklung des Gartenrotschwanzes Phoenicurus phoenicurus in Wäldern Baden-Württembergs. In: Ornithologischer Anzeiger, Bd. 46 (2007), S. 19–36, . Populationsentwicklung, Habitatwahl und Arealgrenzen des Halsbandschnäppers Ficedula albicollis unter dem Einfluss des Siebenschläfers Glis glis. In: Limicola. Zeitschrift für Feldornithologie, Bd. 21 (2007), S. 3–47, . Langzeit-Populationsdynamik und Rückgang des Feldsperlings Passer montanus in Baden-Württemberg. In: Vogelwarte. Zeitschrift für Vogelkunde, Bd. 45 (2007), S. 15–26, . Deutschlands Wälder und ihre Vogelgesellschaften im Rahmen von Gesellschaftswandel und Umwelteinflüssen. In: Die Vogelwelt, Bd. 125 (2004), S. 151–176, . zusammen mit Rainer Schütt: Biomasse, Siedlungsdichte und Artenzahl von Vogelgesellschaften colliner und submontaner Laub- und Nadelwälder in Südwestdeutschland. In: Die Vogelwelt, Bd. 125 (2004), S. 247–254, . Kennzeichen am Tage ziehender Singvögel. In: Limicola, Bd. 16 (2002), Heft 4, S. 193–256, . zusammen mit Rainer Schütt: Langzeitdynamik beim Siebenschläfer Myoxus glis Baden-Württemberg. Ein Kleinsäuger als Gewinner der heutigen Waldwirtschaft und des gesellschaftlichen Wandels. In: Jahreshefte der Gesellschaft für Naturkunde in Württemberg, Bd. 157 (2001), S. 181–210, . zusammen mit Rainer Schütt: Langzeitentwicklung der Höhlenkonkurrenz zwischen Vögeln (Aves) und Säugetieren (Bilche, Mäuse, Muridae) in den Wäldern Baden-Württembergs. Competition for breeding holes between birds and mammals (Dormice Gliridae, Mice Muridae) in the forests of Baden-Württemberg. In: Ornithologischer Anzeiger, Bd. 38 (1999), S. 107–130, . Förderungsmöglichkeiten für den Alpenbock. In: AFZ, Der Wald, Bd. 24 (1998), S. 1305–1306, . Langzeit-Populationsdynamik des Kleibers (Sitta europaea) in Wäldern Baden-Württembergs. In: Vogelwarte, Bd. 39 (1998), S. 209–216, . Waldgeschichte, Buchenprachtkäfer und Rückgang des Berglaubsängers Phylloscopus b.bonelli. In: Die Vogelwelt, Bd. 118 (1997), S. 41–47, . 40 Jahre Populationsdynamik der Fledermäuse in Wäldern Baden-Württembergs mit vergleichenden Bemerkungen zur Entwicklung der Greifvogelbestände. In: Veröffe–ntlichungen für Naturschutz und Landschaftspflege Baden-Württembergs, Bd. 71/72 (1997), Heft 1, S. 259–265. Das Abflämmverbot als Rückgangsursache von Singvögeln? In: Ornithologischer Anzeiger, Bd. 35 (1996), S. 163–171, . Zum Problem regionaler Vogelgemeinschaften in Wäldern. In: Mitteilungen der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg, Bd. 185: Ansätze für eine Regionale Biotop- und Biozönosenkunde von Baden-Württemberg, (1994), S. 141–150. Zur Ausbildung von Vogelgemeinschaften in Wäldern unter Einfluß von Habitatstruktur, Nahrung, Konkurrenz und Migration. In: Mitteilungen des Vereins für Forstliche Standortskunde und Forstpflanzenzüchtung, Bd. 37 (1994), S. 75–88, . zusammen mit Randy Gardner: The biology of the Gola Malimbe Malimbus ballmanni Wolters 1974. In: Bird Conservation International, Bd. 3 (1993), S. 87–103, . The status of the Black Swift (Apus barbatus) in western West Africa. In: Malimbus, Bd. 15 (1993), S. 90–91, . Explorationsverhalten, Zug und Migrationsevolution beim Fichtenkreuzschnabel Loxia curvirostra. In: Die Vogelwelt, Bd. 114 (1993), Heft 2, S. 38–55, . zusammen mit Klemens Steiof: Ermittlung von Bestandstrends durch Zugbeobachtungen. In: Die Vogelwelt, Bd. 113 (1992), S. 240–255, . Zugzeiten und Zugmuster im Herbst. Einfluß des Treibhauseffekts auf den Vogelzug?. In: Journal für Ornithologie, Bd. 133 (1992), S. 427–436, . Bewertung und Vergleichbarkeit von Medianwerten des Wegzugs am Beispiel Randecker Maar-Programm. In: Vogelwarte, Bd. 36 (1991), S. 19–34, . zusammen mit Peer Gatter: Das Migrationssystem des Windenschwärmers (Agrius convolvuli) zwischen Westafrika und dem Westen der Paläarktis. Ergebnisse und Hypothesen. In: Entomologische Zeitschrift, Bd. 100 (1990), S. 313–329, . Gedehnte Zugzeiten bei Langstreckenziehern als Anpassung an die Saharaquerung? In: Die Vogelwelt, Bd. 111 (1990), S. 166–172, . Zur vegetabilischen Ernährung des Gimpel (Pyrrhula pyrrhula) auf der Schwäbischen Alb. Food plants of the Bullfinch at the Swabian Alb. In: Die Vogelwelt, Bd. 110 (1989), S. 100–112, . zusammen mit R. Gardner und K. Penski: Abnahme ziehender Ringeltauben Columba palumbus in Süddeutschland. In: Die Vogelwelt, Bd. 111 (1990), S. 111–116, . zusammen mit Alexander Peal, Charles Steiner und Fr. Weick: The unknown immature plumages of the rare White-breasted Guinea Fowl (Agelastes meleagrides Bonaparte, 1850). In: Ökologie der Vögel, Bd. 10 (1988), S. 105–111, . The Birds of Liberia. A Preliminary Check-List with Status and Open Questions. In: Ornithologische Verhandlungen, Bd. 24 (1988), S. 689–723, . Mittwinterzählungen paläarktischer Wasservögel in Liberia. Midwintercounts of Palaearctic Waterbirds in Liberia. In: Ornithologische Verhandlungen, Bd. 24 (1988), S. 659–687, . The coastal wetlands of Liberia: Their importance for Wintering Waterbirds. In: International Council for Bird Preservery (Hrsg.): Study report, Bd. 26 (1988), S. 1–44. Vogelzug in Westafrika. Beobachtungen und Hypothesen zu Zugstrategien und Wanderrouten. Vogelzug in Liberia, Teil II. In: Vogelwarte, Bd. 34 (1987), S. 80–92, . Zugverhalten und Überwinterung von paläarktischen Vögeln in Liberia (Westafrika). In: Ornithologische Verhandlungen, Bd. 24 (1987), S. 479–508, . Auftreten und Wanderungen des Trauermantels (Nymphalis antiopa) im Jahre 1985. In: Bund Naturschutz Alb-Neckar. Beiträge und Mitteilungen, Bd. 12 (1986), S. 61–68, .