mini|Evelyn Hartnick mit Löwenskulptur aus dem Ariadnebrunnen (1992)

Evelyn Ida Berta Hartnick-Geismeier (* 17. Juli 1931 in Finsterwalde (Niederlausitz); † 24. August 2017 in Berlin) war eine deutsche Bildhauerin und Medailleurin. Sie trug diesen Namen seit 1990 und lebte in Berlin. Bis 1983 war ihr Name Evelyn Nitzsche-Hartnick, ihr Geburts- und Künstlername war Evelyn Hartnick.

Leben Der Vater von Evelyn Hartnick war der Künstler Bruno Hartnick, so dass sie von Kind auf mit Kunst und Künstlern vertraut war. Der für das junge Mädchen schmerzliche Tod des Vaters im Jahr 1945 löste in ihr den Wunsch aus, seinem Beruf als Malerin zu folgen. Bereits mit sechzehn Jahren nahm sie im Jahr 1948 ein Studium an der Kunstgewerbeschule Leipzig auf, wo sie Malerei bei Max Schwimmer belegte. Nach drei Semestern wechselte sie 1949 an die Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Dort studierte sie Illustration und Porträtkunst bei Elisabeth Voigt sowie Aktzeichnen und plastisches Gestalten bei Walter Arnold. Bei Arnold entdeckte sie ihre Neigung zur Bildhauerei und wechselte 1951 an die Hochschule für Bildende und Angewandte Kunst in Berlin-Weißensee. Fünf Jahre studierte sie in der Bildhauerklasse bei Heinrich Drake. Im Jahr 1956 schloss sie ihr Studium als Diplom-Bildhauerin ab und war seitdem selbstständig tätig. Sie war von 1957 bis 1990 Mitglied des Verbands Bildender Künstler der DDR und hatte in der DDR und im Ausland eine bedeutende Zahl von Einzelausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen, u. a. von 1962/1963, 1982/1983 und 1987/1988 an der Fünften Deutschen Kunstausstellung und der IX. und X. Kunstausstellung der DDR in Dresden.

Mit ihrem ersten Mann hatte Hartnick zwei Söhne, einer davon ist Jan-Pieter Nitzsche, Kunstschmied und Restaurator. 1990 heiratete sie Willi Geismeier, der 2007 starb. Im selben Jahr stürzte sie 77-jährig in Berlin in einem Bus bei einer Notbremsung so schwer, dass einer ihrer Oberschenkelknochen zertrümmert wurde.

Evelyn Hartnick war Mitglied in der Deutschen Gesellschaft für Medaillenkunst und gehörte dem Künstlerkreis der Berliner Medailleure an. mini|Grab Evelyn Hartnick-Geismeiers auf dem Französischen Friedhof Ihre Grabstätte befindet sich mit der ihres Mannes auf dem Französischen Friedhof in Berlin.

Werk In der Bildhauerei blieb Hartnick den klassischen Vorbildern verpflichtet und folgte konsequent dem in ihrer bildhauerischen Ausbildung beschrittenen Pfad. Die an der Realität orientierte Gestaltungsweise galt ihr als ein adäquates Ausdrucksmittel der modernen zeitgenössischen Kunst. Das Sängerlieddenkmal von Finsterwalde (1999–2001) verdeutlicht ihre Vorliebe für Gruppenkompositionen in der Freiplastik, bei der jede einzelne Figur in einem Bezugssystem zu allen anderen steht. Ihre Reliefarbeiten fallen in zwei Gruppen: die vielfigurigen, vielteiligen und erzählerischen Kompositionen wie etwa Altes Berlin – Neues Berlin und die Reliefporträts wie etwa zu Max Planck, das schließlich auch als Vorlage für eine Gedenkmünze der DDR aus dem Jahr 1983 diente. Der Schritt vom Relief zur Gussmedaille mit den diesen Objekten innewohnenden Gesetzmäßigkeiten war relativ klein. Die Gussmedaille wurde von Evelyn Hartnick in klassischer Manier für Porträts genutzt, aber auch zu Stellungnahmen zum Zeitgeschehen. Mehrfach hat sie an Editionen des Künstlerkreises Berliner Medailleure teilgenommen, so zu den Themen Kunstgeld – Geldkunst (1993), Balance halten (1994) und 1945–1995 – 50 Jahre Frieden? (1995). Etwas anders ist die Welt der Prägemedaille. Hier steht meist die Umsetzung von Vorstellungen der staatlichen oder privaten Auftraggeber im Vordergrund, die Herstellung der Gipsmodelle erfordert millimetergenaue präzise Arbeit, die meist zur Verfügung stehende Reliefhöhe muss genau eingehalten werden.

mini|Otto Nagel, 1997 In Evelyn Hartnicks Werk scheinen immer wieder biographische Bezüge auf. Das Sängerlieddenkmal in Finsterwalde durch die Hand dieser Künstlerin erhält seine besondere Bedeutung durch den Umstand, dass der Urgroßvater Hartnicks, Herrmann Gerhardt, der letzte Sänger von Finsterwalde war. Zu den Personen, die Evelyn Hartnick wichtig waren, gehört Käthe Kollwitz, bei der ihr Vater 1921/22 studierte, während Elisabeth Voigt als Kollwitzschülerin ihre eigene Lehrerin war. Den Maler Otto Nagel lernte sie selbst noch als Studentin kennen. In einem drei Meter großen Relief-Zyklus (1974/76) stellte sie unter anderem Otto Nagel mit Heinrich Zille und Käthe Kollwitz zusammen und wies so auf die sozialkritischen Gemeinsamkeiten dieser drei Künstler hin. An dem Porträt von Otto Nagel blieb sie interessiert. 1997 schuf sie unter Verwendung von dessen Totenmaske eine Plakette, mit der sie auch auf die Brüche in Leben und Werk hinwies. Bei Nagel war das 1934 durch die Nationalsozialisten ausgesprochene Malverbot der große Bruch im Leben, Evelyn Hartnick selbst hat drei ganz unterschiedliche Regierungsformen erlebt.

Bildhauerische Arbeiten im öffentlichen Raum

Bauarbeiter, 1961, Bronze, 1,40 m, Einweihung 1965, Berlin-Niederschönhausen, Mendelstraße/Stiftstraße Parkweg, Zweifigurengruppe, Bronze; 1962/1963 auf der Fünften Deutschen Kunstausstellung Pharmakologie und Toxikologie, Aluminiumguss, 2,80 × 1,35 m, Berlin-Mitte, Charité der Humboldt-Universität zu Berlin Otto-Nagel-Zyklus, 1975, Bronzerelief, 3 × 3 m, Lessingstraße 85, Berlin-Wilhelmsruh Altes Berlin und Neues Berlin, Bronzespritzverfahren, 4,10 × 1,62 m 1. Exemplar: Berlin-Pankow 2. Exemplar: Berlin-Mitte (früher Berolina-Haus, nicht mehr vorhanden) Reliefporträt Otto Nagel (Profil), Bronzerelief, 0,80 × 1,20 m, Berlin: Mitte Museum Zille, Kollwitz und Nagel im Gespräch, Bronzerelief, 0,75 × 0,80 m, 1. Exemplar: Bezirksamt Berlin-Prenzlauer Berg 2. Exemplar: Stadtmuseum Berlin im Ephraim-Palais Ludwig Hoffmann und Ernst Friedel, zwei hochplastische Reliefporträts, Bronze, je 0,45 × 0,70 m, Berlin-Mitte, Märkisches Museum Ariadne-Brunnen auch Zirkusbrunnen oder Löwenbrunnen (zerstört), 1985, Bronze, ca. 1,10 m lang, Karl-Holtz-Platz, 12687 Berlin-Marzahn, Gruppe aus drei wasserspeienden Raubtieren (Panther, Löwen) mit nackter Ariadne auf dem Panther liegend, 1990 eine Löwenfigur zerstört, 1992 die übrigen Figuren gestohlen; 1995 mit durchbohrtem Findling ersetzt Fünf-Kinder-Tröpfelbrunnen Berlin-Mitte, 1980er Jahre, Bronze, Marion-Gräfin-Dönhoff-Platz (Spittelkolonnaden), in den 1980er Jahren vom Berlin Stadtbezirk Mitte bestellt, in der Kunst- und Glockengießerei Lauchhammer gegossen und geplant für den Park Gipsdreieck oder vor der Musikschule Mitte; Plan wurde wegen der Wende in der DDR und damit einhergehender Änderung der Eigentumsverhältnisse nicht ausgeführt – Standort war dann Hartnicks Vorgarten in der Schlossallee 24 in Berlin-Niederschönhausen; 2013 Aufstellung im Monbijou-Park; nach wenigen Wochen Abbau wegen Vandalismus (Schirm verbogen und Farbschmierereien); Restauration und Einlagerung bei Kunstschmied Bernd Helmich in Berlin-Alt-Glienicke; Einweihung am 20. Mai 2016 auf dem Dönhoffplatz hinter den Spittelkolonnaden in Berlin-Mitte auf Initiative der Anrainer-Interessengemeinschaft Leipziger Straße/Krausenstraße Berlin-Buch, 1977, Keramik-Hartbrand, Kupfer, hergestellt in Krauschwitz (Sachsen), Standort Paritätisches Seniorenwohnen Rosengarten, Theodor-Brugsch-Straße 18, 13125 Berlin-Buch Gera, 1977, Keramik-Hartbrand, Kupfer, hergestellt in Krauschwitz (Sachsen), Standort Seniorenheim Grüner Weg, Berliner Straße 210, 07546 Gera Sängerlieddenkmal auch Sängerdenkmal, 2001, lebensgroße Bronzestatuen auf 1,35 m hohem Granitsockel, Berliner Straße 43, Finsterwalde, Niederlausitz; gegossen in der Kunstgießerei Horst Borchardt in Charlottenhöhe (Stüdenitz-Schönermark), drei musizierende Männer Rücken an Rücken: einer mit langem Gehrock und Geige, einer mit Flöte, ein Knabe barfuß singend

Medaillen Seit den siebziger Jahren entstanden zahlreiche Medaillen. Nachgewiesen ist bislang die erste Prägemedaille für 1977, die ersten Gussmedaillen ab 1981.

Katalog der datierten Medaillen Erfasst sind in chronologischer Folge auch die Medaillen, die zwar keine Datierung als Inschrift tragen, deren Entstehungszeit aber bekannt ist.

mini|Medaille auf Helene Weigel, 1981 Helene Weigel, o. J. (1981) Bronze, einseitig, 107 mm Nachweise: Berlin, Münzkabinett; Dresden 1982/66. Literatur: IX. Kunstausstellung 1982/83, 285 mit Abb. der Vs.; Wipplinger 1992, 76 Nr. 7 mit Abb. der Vs. Die Medaille ist ein Nebenprodukt zur Helene-Weigel-Medaille von 1981, die als Theaterpreis der DDR diente.

Karl Friedrich Schinkel, o. J. (1981) Bronze, einseitig, 156 mm Nachweis: Berlin, Münzkabinett; (Guss aus dem Jahr 2003). Literatur: Wipplinger 1992, 75 Nr. 2 (o. Abb.). Das Porträt entstand im Zusammenhang mit der von der Künstlerin gestalteten Schinkel-Medaille, die die Bauakademie der DDR vergab.

Thomas Müntzer, 1989 Bronze, einseitig, 200 mm Nachweis: Berlin. Deutsches Historisches Museum: N 90/1.1 (197 mm); N 90/1.2 (197 mm). Literatur: Wipplinger 1992, 75 Nr. 1 (o. Abb.). Auftragsarbeit für die Ausstellung: „Ich Thomas Müntzer eyn knecht gottes“ (Historisch-biographische Ausstellung des Museums für Deutsche Geschichte vom 8. Dezember 1989–28. Februar 1990). Ebenfalls im Deutschen Historischen Museum befindet sich ein Gipsmodell zu der Medaille von 1988 mit einem Durchmesser von 210 mm. (Inv. DHM N 90/1.3).

mini|Plaste-Dolly – Antike Terrakotte, 1993 Antike Terrakotta – Plaste Dolly, 1993 Bronze, 70–74 mm Nachweis: Berlin, Münzkabinett; Literatur: Horbas 1994, 83 Nr. 106. Die Medaille entstand 1993 im Rahmen der Edition „Kunstgeld“ der Berliner Medailleure. Gezeigt wird die Erziehung des Kindes zum Markenkonsum. Der Barbie-Puppe als Sinnbild für Kitsch wird die Terrakottafigur als Sinnbild für Kunst gegenübergestellt. Die Arbeit steht in Zusammenhang mit den beiden folgenden Werken. Das Wort „Plaste Dolly“ ist selbst ein reizvolles Zeugnis einer Übergangszeit, denn „Plaste“ ist eine nur in der DDR verwendete Begrifflichkeit, während der Anglizismus „Dolly“ auf das amerikanische Markenprodukt hinweist.

Antiker Kopf – Dollykopf, 1993 Bronze, 73–75 mm Nachweis: Berlin, Münzkabinett Literatur: Horbas 1994, 83 Nr. 107. Die Medaille entstand 1993 im Rahmen der Edition „Kunstgeld“ der Berliner Medailleure. Gegenständige Köpfe finden in der Münzprägung ihr Vorbild bei den Dioskurenköpfen der antiken Stadt Istros. Die Rückseiteninschrift stellt Kunst und Stil auf Seiten der Antike Geld und Styling der Gegenwart als Gegensätze gegenüber.

Maria in der guten Hoffnung-Funktionspuppe, 1993 Bronze, 110 mm Nachweis: Berlin, Münzkabinett Literatur: Horbas 1994, 83–84 Nr. 108. Die Medaille steht in engem Zusammenhang mit den Werken, die 1993 für die Edition „Kunstgeld“ der Berliner Medailleure entstanden. Hier wird der Gegensatz von der Antike-Gegenwart auf das Spätmittelalter übertragen und der von den anderen Medaillen dieser Serie bekannten Plastikpuppe eine Maria gravida zur Seite gestellt. Es ist eine Abwandlung der Szene, in der die ebenfalls schwangere Elisabeth Maria begrüßt: „Gesegnet bist du mehr als alle Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes“ (Lukas 1,42).

Der vierte Engel, 1994 Bronze, 74 mm Nachweise: Berlin, Münzkabinett Literatur: Heidemann 1996, 115 Nr. 114. Die Rückseite trägt die Inschrift UND / DER VIERTE / ENGEL GOSS SEINE / ZORNESSCHALE IN / DIE SONNE DA WURDE / IHR MACHT GEGEBEN / MIT IHREM FEUER / DIE MENSCHEN ZU / VERBRENNEN (Offenbarung des Johannes Kap. 16,8). Die Künstlerin beteiligte sich unter dem Titel „Balance halten – Dialog“ an der Edition Kunstgeld von 1994 der Berliner Medailleure. Die Medaille thematisiert die Gefahren des Klimawandels mit einem Bibelzitat. Der Autofahrer auf der Vorderseite steht für die Menschen als Verursacher der Apokalypse.

Gestörter Himmel, 1994 Bronze, 74 mm Nachweis: Berlin, Münzkabinett Literatur: Heidemann 1996, 116 Nr. 115.