mini|Schwarz gefärbtes Biberlammfell Als Biberlamm werden geschorene Schaffelle und die Produkte daraus gehandelt, vor allem Kleidung, die im Aussehen dem gerupften Biberfell ähnlich gemacht wurde. Biberlamm gilt als das wohl bekannteste Veredlungsprodukt aus Schaffellen. Die Bezeichnung „Lamm“ ist im Pelzhandel für die Schaffelle aller Altersstufen üblich, beim Biberlamm handelt es sich um Felle erwachsener Schafe.
Die Begriffe Biberlamm wie auch Mouton doré (Mouton d'Oré) sind jedoch im Sprachgebrauch rückläufig, seitdem die Veredlungsart weit überwiegend nur noch als Basis der Velours- und Nappaveredlung angewandt wird. Das so zusätzlich behandelte Produkt wird häufig als Merino-Lamm angeboten.
Für diese Hochschur eignen sich besonders feinwollige, dichthaarige, leichtledrige, merinoschafartige Schaffelle. Bei der Weiterveredlung zu Velours- oder Nappalamm hat die Haarqualität nicht die gleiche Bedeutung, da die hieraus gefertigten Kleidungsstücke mit dem Haar nach innen getragen werden.
Geschichte Im österreichisch-ungarischen Raum, zusammen mit dem Balkan, hat eine kunstvoll gearbeitete Lammfellbekleidung eine lange Tradition. Das Besondere waren die aufwändigen Stickereien, mit der vor allem die Westen, Jacken und Mäntel der Bauernschaft geschmückt wurden, insbesondere die Festkleidung. Das Haarbild blieb dabei immer naturbelassen, dem Schaffell entsprechend weitgehend zottelig. Langhaarige Lamm- und Schaffelle wurden, mit dem Haar nach innen, auf der Lederseite kunstvoll bestickt, für die traditionellen Fellmäntel und -jacken der osteuropäischen Länder verwendet. Sie waren einfach geschnitten und wurden meist mit Husarenverschlüssen geschlossen. In dieser Ausführung dienten die Nacktpelze als Hirtenmäntel, hier auch oft mit dem Haar nach außen getragen, und mit dem Leder nach außen als Dienstkleidung der Eisenbahner. Das langhaarige Fell wurde oft gleichzeitig als schmückende Verbrämung und Besatz genutzt, das Leder war entweder naturbelassen, gebleicht oder gefärbt. Da die Felle häufig in großer Stückzahl aus Afghanistan kommen, nennt sie der Großhandel auch Afghans. Mit durch die Pelzveredlung gestrafftem Haar finden sie immer noch als Besatz und Verbrämung insbesondere jugendlicher Kleidung Verwendung.Mária Kresz: Volkstümliche ungarische Kürschnerarbeiten. Budapest 1979, ISBN 963-13-0419-1 I.
mini|Kindermantel aus gefärbtem, in Teilen leopardbedrucktem Biberlamm (1955) Im 20. Jahrhundert wurde man in den Pelzzurichtereien jedoch zunehmend „veredlungsbesessen, Neuerungen schossen wie Pilze aus dem Boden“. Die Mode, Pelze mit dem Haar nach außen zu tragen, hatte 1842 mit einer Sealjacke begonnen. Für diese Verwendung wurde dem Robbenfell das Grannenhaar entfernt, wobei das gleichmäßige, samtene Unterhaar zum Vorschein kommt. Alle möglichen Pelzarten wurden künftig auf diese Art dem Sealfell ähnlich gemacht, vor allem das Kaninchenfell als „Sealkanin“. In diese, nach dem Zweiten Weltkrieg zu Ende gehende Modeepoche, passte das preisgünstige, weil großflächig einfach zu verarbeitende Biberlammfell hervorragend hinein. Um 1935 gab es bereits mehrere Unternehmen, die unter verschiedenen Namen Nutria- und biberähnliche Schafveredlungen produzierten. Als Erstes gelang einer Firma eine Imitation des von den Grannen entfernten Nutriafells, die als „Nutriette“ gehandelt wurde. Diese erfuhr eine wesentliche Verbesserung, als man bei der Firma Liftschütz & Zickerow die Idee hatte, die Lammfelle zu bügeln. Das Unternehmen gilt deshalb als Initiator der Biberimitation, genannt „Mouton d'Oré“. Nach dem Vorbild der Velvet-(Samt-)bügelmaschine hatte Hans Müller, Leipzig in den 1920er Jahren die erste Fellbügelmaschine konstruiert, die nach Verbesserungen bald eine der wichtigsten Haarveredlungsmaschinen der Rauchwarenveredlung wurde. Es bestand jedoch der Mangel, dass bei Feuchtigkeit das Haar wieder kraus wurde und der Glanz verschwand.Ohne Autorenangabe: Lammfelle und Lammfellveredlung. In: Der Rauchwarenmarkt Nr. 70, 1935, S. 2, 5.A. Ginzel: Das Bügeln von Pelzfellen. In: Das Pelzgewerbe Nr. 2, 1967, Hermelin-Verlag Dr. Paul Schöps, Leipzig, S. 74.
Wenn auch der Artikel veredlungstechnisch weiter entwickelt wurde, blieb der Hauptmangel lange ungelöst, dass das Fell bei Regen seinen Glanz verlor und wieder kraus wurde. Der Ungar Fogl wurde zufällig mit einem Pelzveredler bekannt, der ihm das Problem schilderte. Fogl entwickelte daraufhin ein Mittel und Verfahren, das alle Schwierigkeiten beseitigte. Die Essenz roch unangenehm und stechend, wurde jedoch von allen Veredlern, denen er sie anbot mit sehr großem Interesse aufgenommen. Nur niemand wollte sie ihm abkaufen, jede Firma hoffte von allein hinter das Geheimnis zu kommen, jedoch ohne Erfolg. Letztlich erwarb das Rezept für das sogenannte Fixierverfahren noch vor dem Zweiten Weltkrieg die Firma Pannonia aus Budapest, das Produkt wurde mit dem Markennamen „Pannofix“ bezeichnet. Es gab anschließend eine große Zahl von Nachahmungen, derentwegen das ungarische Unternehmen viele Patentschutzprozesse führte. Bezeichnungen anderer Anbieter waren „Fokafix“ des Wiener Pelzveredlungsunternehmens J. Foggensteiner, „Biberol“ für eine Biberimitation auf hochgeschorenem Fell, „Biberon“, „Bibus“ usw. In der DDR wurde eine entsprechende Schafveredlung als „Nutrofix“ gehandelt, in Anlehnung an das dem, nach dem Entfernen des Grannenhaares, dem gerupften Biberfell ähnlichen Nutriafell.Autorenkollektiv: Rauchwarenherstellung und Pelzkonfektion. VEB Fachbuchverlag Leipzig 1970, S. 270 → Inhaltsverzeichnis. 1955 kam hier als Neuheit von VEB Sachsenpelz in graublauer Tönung „Biberfix“ auf den Markt.Noch einmal Messeneuheiten. In: Putz und Pelz, Verlag Die Wirtschaft, Heft 3, Berlin, März 1955, S. 22. Das ursprüngliche, im Vergleich zum Fellwert teure, weil aufwändige Veredlungsverfahren wird im Prinzip noch heute angewandt, es wurde jedoch seitdem ständig verbessert.
Am Leipziger Brühl, dem Platz, an dem bis zum Zweiten Weltkrieg nahezu alle Pelzarten universell zugerichtet und veredelt wurden, erkannte man erst „zu spät“ die künftige Bedeutung der als geringwertig angesehenen Sorten der Lamm- und Schafware, stellte ein Pelzveredler 1974 fest.Anton Ginzel: Charakteristika der deutschen Pelzveredlung. In: Rund um den Pelz. Heft 4, Rhenania Verlag, Koblenz 1974, S. 142. In Nordamerika machte der Pelzhändler Motty Eitingon nach Ende des Zweiten Weltkrieges das Biberlamm in einer gewaltigen Aktion populär, siehe dazu → „Motty Eitingon#Letzter großer Deal und endgültige Unternehmensaufgabe“.
Im Zweiten Weltkrieg leistete Kleidung aus Biberlamm auch den deutschen, amerikanischen und englischen Soldaten gute Dienste, beispielsweise trugen Teile englischer Piloten der Royal Air Force als Fliegerpelze kurze wendbare Jacken aus Biberlamm, die später als so genannte Bomberjacken Eingang in die Alltagsmode fanden. Elisabeth Ewing rechnet das Material sogar zu den wenigen guten Dingen, die aus diesem Krieg hervorgegangen sind. Nachdem es als Militärpelz überflüssig geworden war, wurde es bis über die 1980er Jahre hinweg zum attraktiven Modeteil, das in seinen besten Zeiten das vierfache seines ursprünglichen Preises erzielte.
Die neue Veredlung bedeutete eine bemerkenswerte Veränderung für das Schaffell. War Schaf bis dahin weitgehend ein reiner Funktionspelz, von Bauern und Hirten und auf Schlitten- oder Kutschenfahrten getragen, rückte es jetzt in die zwar eher preiswertere, aber doch gehobenere Pelzmode auf. Anfang der 1950er Jahre, ausgelassene Pelze waren hochmodern und die Löhne waren noch recht niedrig, wies das damals wesentliche Kürschnerlehrbuch darauf hin, dass nach einer Veredlung auf „Phantombiber“ das Fell aufwändig „wie das echte Material mit hervorragender Wirkung ausgelassen werden“ kann. Zusätzliche Veredlungen kamen hinzu. Die Felle wurden nicht nur bloß gefärbt oder wie für phantomfarben zusätzlich mit einem dunkleren Mittelgrotzen versehen, sondern bedruckt, als Ozelot- oder Leopardlamm. Alle diese farblichen Weiterveredlungen fasst der Handel unter dem Oberbegriff Biberlamm zusammen.
In einem Rückblick auf die Pelzmode hieß es 1981 in England: „Nach Ende der Anforderungen, die der Krieg gestellt hatte, erfolgte in der Mode eine Rückkehr zu den traditionell importierten Pelzen, aber das Biberlamm, immer noch gewendet, war der Ursprung der veloutierten Schaffellmäntel, Jacken, Westen und anderer Kleidungsstücke, die in den 1950er Jahren aufkamen, sie sind noch heute ein wichtiger Bestandteil fast jeder Garderobe für Menschen jeden Alters, jeder Klasse und jeden Typs.“
Veloutiert, oder zusätzlich nappiert, ist Biberlamm inzwischen aus der Mode nicht mehr wegzudenken. Je nach Herkommen, Qualität oder Veredlung werden sie unter Begriffen wie Merinolamm, Velourslamm oder Nappalan-Lamm gehandelt.
Veredlung Wie alle Pelzfelle werden die rohen Schaffelle durch Pelzzurichtung für die Weiterverarbeitung und die spätere Nutzung brauchbar gemacht, wobei im Gegensatz zur Ledergerbung die Haare in der Haut verbleiben. Langwollige Felle werden zum Teil im Rohzustand vorgeschoren, um die Zurichtung zu erleichtern. Auch ist die rohgeschorene Wolle besser zu verwerten. Den sehr fetthaltigen Schafhäuten werden vor der Gerbung die Fettsubstanzen entzogen. Die dabei entstehenden Hohlräume sind typisch für diese Fellart (Doppelhäutigkeit), sie sind bei den hochwertigen Fellen der sogenannten Wollschafen geringer als bei den Fettschafen mit geringerer Fellqualität. Das verfilzte Haar wird gekämmt, geschoren, gebügelt, mit Holzmehl gereinigt („geläutert“) und anderes mehr, die meisten Prozesse werden mehrfach ausgeführt.
Waren die historisch ersten Farben Brauntöne, werden mit den inzwischen entwickelten chemischen Produkten praktisch sämtliche gewünschten Farbnuancen hergestellt. Einfärbungen oder Bedrucken nur des Leders oder nur der Haarseite sind möglich.
Nach dem Waschen werden die Schaffelle auf eine Haarlänge von 12 bis 16 mm geschorenen. Durch mehrfaches Fixieren und Bügeln wird anschließend die Haarkräuselung dauerhaft entfernt, so dass auch Schnee und Regen keine Rückkräuselung bewirken. Das Ergebnis ist ein glattes, samtartiges Fell.
Für die Velours- oder die zusätzliche Nappalanveredlung eignet sich nur ein kleiner Teil der angelieferten Felle. Entscheidend für die Brauchbarkeit ist die Beschaffenheit des Leders, es muss wegen der nach außen getragenen Lederseite fehlerfrei sein.
Endverarbeitung mini|Mantel aus Biberlamm-Stücken (2018, älterer Mantel) Die Verarbeitung zu Bekleidung oder anderem stellt im Vergleich zu den meisten Pelzarten dank der relativ großen Fläche und Einheitlichkeit der Felle keine besonderen Ansprüche an den Kürschner oder Industriearbeiter. Die gegenüber anderen Fellarten vergleichsweise großen abfallenden Reststücke werden zu Tafeln zusammengesetzt und ebenfalls weiterverarbeitet (→ siehe Pelzreste). Insbesondere kleinere Produkte, wie Schuhe oder Fußbettsandalen, aber auch größere Schnittmusterteile können mit entsprechend geformten Stanzformen zugeschnitten werden.Roland Dittrich: So ist es gewesen. Selbstverlag, Kleineibstadt, ca. 1998/1999, S. 187.
Haar außen