mini|Werbung für ein Panorama (Deutschland, 1906)

Panorama (Allsicht von griechisch pan, all, und horama, Sicht) nennt man eine perspektivische Darstellung von Landschaften oder Ereignissen, die von einem festen Punkt aus von mehreren Personen gleichzeitig zu übersehen sind. Sind die Bilder feststehend, so werden die zylindrischen Flächen als Rundbilder oder Rundgemälde bezeichnet, zu deren Betrachtung sich der Beschauer in der Mitte befindet. Varianten ohne eine 360°-Sicht, dafür mit beweglichen Bildstreifen oder Längenbilder in der Art des Rheinpanorama werden im deutschsprachigen Raum als Cyclorama (auch: Cyklorama),Panorama, in: Meyers Konversationslexikon, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885–1892 Bd. 12, S. 655–656, auf: retrobibliothek.de, abgerufen am 12. August 2015. bezeichnet, in anglophonen Ländern als Moving Panorama.Erkki Huhtamo, Illusions in Motion. Media Archaeology of the Moving Panorama and Related Spectacles, Overview auf: mitpress.mit.edu, abgerufen am 12. August 2015.

Das Moving Panorama ist technisch eine Vorform des Films, da sich dabei vor dem Auge der Betrachter das auf zwei Spulen aufgewickelte Bild an ihm vorbeibewegt. Das Publikum sieht jeweils nur einen Ausschnitt des gesamten Gemäldes. Schon diese Panoramabilder waren als Unterhaltungsform für ein Massenpublikum angelegt. Um die Sehfreude des Publikums durch neue "Erlebnisse" zu erhalten, wanderten in Großbritannien, den Vereinigten Staaten sowie in europäischen Ländern solche Bilder auf regelrechten Tourneen von Stadt zu Stadt.

Neben diesen beiden Hauptformen gibt es jedoch noch eine Vielzahl weiterer Varianten des Panoramas.

Geschichte und Entwicklung

Das Panorama geht auf den Iren Robert Barker (1739–1806) zurück. Am 19. Juni 1787 meldete er in Edinburgh ein Patent an, das umschrieben wurde als „vollständiger Blick auf eine Landschaft oder eine Situation, wie sie vor dem Beobachter erscheint, wenn er sich einmal ganz herumdreht“ (). Bemerkenswert daran ist, dass hier erstmals ein Kunstobjekt wie eine technische Erfindung patentiert wurde. Ursprünglich ließ er es unter dem Namen „la nature à coup d’oeil“ (Natur auf einen Blick) eintragen, änderte jedoch (unter anderem aus markttechnischen Überlegungen) später den Namen auf „Panorama“. Barker hatte 1787 einen ersten Versuch, im Kleinen, mit der Ansicht von Edinburgh gemacht und hatte dann 1791 in London nach seinen inzwischen patentierten Verfahren zunächst London from the Roof of the Albion Mills gezeigt, dann 1792 eine Rotunde mit einem Durchmesser von 30 Metern ausführen lassen, worin er die Darstellung der russischen Flotte bei Spithead zeigte.

Der deutsche Architekturmaler Johann Adam Breysig (1766–1831), Direktor der Kunstschule Danzig, hat in einer 1799 veröffentlichten Schrift behauptet, dass er die Idee zu einem kompletten Rundgemälde bereits ein Jahr vor Barker, nämlich 1788 [!], entwickelt hatte und vermutete, dass seine Ideen irgendwie den Weg nach England gefunden hätten und dort von Barker veröffentlicht gestohlen worden sind. Auch wenn er an dieser Aussage festhielt, war alleine schon dadurch, dass Barker seine Erfindung bereits ein Jahr vor der Idee Breysings patentiert hatte, bewiesen, dass Breysings Anspruch nicht valide war. Trotzdem schaffte er es dadurch zumindest jemanden zu finden, der ihm sein eigenes Panorama finanzierte. Die Maler Johann Carl Enslen und sein Sohn Karl Georg Enslen, von 1808 bis 1811 ein Schüler Breysigs, führten in Deutschland die Panoramen in großem Stil ein, wobei der Vater wohl mehr für die Technik und der Sohn nach dem Besuch der Berliner Akademie bis 1815 als der Maler zusammenarbeiteten.

Im Jahr 1800 wurde in Berlin das Rom-Panorama, gemalt von Johann Adam Breysig und Karl Ludwig Kaaz, in einem eigens dafür gebauten Rundbau gezeigt. Karl Friedrich Schinkel folgte 1808 mit seinem Palermo-Panorama, und zusammen mit Carl Wilhelm Gropius 1819/20 mit dem Marienburg-Panorama. Das Diorama in Berlin von Gropius wurde 1827 eröffnet.

Etwas später stellte man Panoramen in Paris auf, wo sie durch Pierre-François-Léonard Fontaine, Constant Bourgeois (1767–1841) und Pierre Prévost (1764–1823) verbessert wurden; danach verbreitete sich diese Form der Unterhaltung in allen größeren Städten Europas.

Das älteste erhaltene Panorama-Gemälde der Welt ist das Wocher-Panorama (1814) von Thun in der Schweiz.

Einen neuen Aufschwung nahm die Panoramenmalerei nach dem Deutsch-Französischen Krieg, nachdem schon 1867 in den Champs-Elysées in Paris ein Versuch mit einem Panorama der Schlacht von Solferino gemacht worden war. Dasselbe wurde 1875 durch ein kolossales, die Verteidigung von Paris darstellendes Rundbild von Félix Philippoteaux ersetzt, auf welchem der Künstler nicht bloß mit malerischen, sondern auch mit plastischen Mitteln die Illusion der Wirklichkeit zu erreichen suchte. 1879/1880 malte Louis Braun im Auftrag der Stadt Frankfurt am Main das Panoramabild Die Schlacht von Sedan, das später auch in den Vereinigten Staaten und in Japan gezeigt wurde und dem mehrere weitere Schlachtenmotive folgten.

Das Prinzip der plastischen Erweiterung und Ergänzung der Darstellung blieb fortan für die Panoramenmalerei maßgebend und gelangte durch zahlreiche Schöpfungen hervorragender Künstler als Schlachtenpanoramen, Panoramen von den Deutschen Kolonien, Szenen aus der biblischen Geschichte etc. in zahlreichen deutschen Städten wie Berlin, München, Frankfurt am Main, Leipzig, Hamburg, Düsseldorf, Stuttgart u. a., für welche besondere Gebäude errichtet wurden, zur Aufführung.

mini|The Battle of Atlanta, 1885/1886, Atlanta, heutige Präsentation mit erneuerter plastischer Figurenstaffage im Vordergrund In den Vereinigten Staaten verschrieb sich der Unternehmer William Wehner ab etwa 1883 der Entwicklung von Panoramen. Seine American Panorama Company warb hierzu Künstler aus Deutschland an, unter ihnen August Lohr, Friedrich Wilhelm Heine, Hermann Michalowski, Franz Rohrbeck, Bernhard Schneider, Otto von Ernst, Richard Lorenz, Albert Richter, Wilhelm Schröter, Gustav Wendling, Paul Wilhelmi, Theodor Breitwieser, Otto Dinger, Franz Biberstein und Peter Woltze. In Milwaukee stellten sie mehrere Panoramen für ihn her, darunter 1885/1886 das heute in Atlanta ausgestellte Historienbild The Battle of Atlanta, das eine Szene aus der entscheidenden Schlacht im Sezessionskrieg darstellt. Parallel entstand ein Panorama-Gemälde über Schlacht von Chattanooga, das von Eugen Bracht, Georg Koch und Carl Röchling im Auftrag der Stadt Philadelphia gemalt wurde.

Weitere Panoramaformen Die Erfindung des Panoramas zog in den 1830er Jahren die Entwicklung zahlreicher anderer Oramen nach sich. Dazu gehören außer dem Diorama und dem Moving Panorama das Georama, das Neorama und das Myriorama, sowie das Kosmorama und das Pleorama.

Alle diese Oramen sind entweder durch Panoramen verdrängt oder auf das Schaubudenniveau herabgedrückt worden. Stephan Oettermann fasst zusammen: „Die Geschichte des Panoramas umfasst ein Jahrhundert, das neunzehnte – und nur dieses. Vor- und Nachläufer lassen sich wie überall finden, sie sind bedeutungslos“.Stephan Oettermann: Das Panorama. 1980, S. 9. Dem gegenüber steht Oliver Grau, der das Panorama als technologischen Vorläufer der immersiven Umgebungen (wie z. B. dem Cave Automatic Virtual Environment) sieht.

Seit den 1970er-Jahren entstehen in schneller Folge weltweit neue Panoramen. Das Kunst- und Medienphänomen wird dabei in klassischer Form als Malerei auf Leinwand neu ausgeführt oder unter Nutzung heutiger Technologien als Bild am Computer zusammengefügt und dann auf große Stoffbahnen gedruckt. Diese Entwicklung, sowie neuere Forschungsergebnisse, relativieren obige Aussage von Stephan Oettermann, wonach das Panorama ein Phänomen des 19. Jahrhunderts sei.

mini|Ausschnitt des Panorama Mesdag in Den Haag

Bedingungen um die Panoramenentstehung Durch die industrielle Revolution bildeten sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts in den Städten Ballungszentren. Zudem entwickelte sich dadurch die neue gesellschaftliche Schicht des Bürgertums. Diese verlangten neue kulturelle Unterhaltungsformen. Die Horizontgrenze wurde „entdeckt“. Der Beginn des Tourismus, die Anfänge des Alpinismus, die ersten Aeronautikexperimente mit Heißluftballons und die Ära der ausgedehnten Entdeckungsreisen fallen in diese Zeit.

Ursprung des Panoramabegriffs Als Panorama war ursprünglich eine gleichberechtigte geographische Darstellungsform neben Karte, Relief und Profil (das heute fast nur noch als Geologisches Profil verwendet wird) bezeichnet. Es erhielt großen Einfluss auf die Landesvermessung, weil sowohl Methoden der Höhenmessung, wie der Landesaufnahme (das Messtischverfahren) daraus entwickelt wurden. Es gab Panoramadarstellungen in zwei Grundformen:

Als lange Bildstreifen, die an den Enden zusammengefügt entweder eine 360° Rundumsicht (zylindrisches Vollrundpanorama) oder einen längeren Ausschnitt davon wiedergaben oder den Blick nach einer Seite einer Wegstrecke oder eines Flussufers, manchmal auch einer Meeresküste.

Seltener ist die Draufsicht auf ein Gelände, wie mit einem Fischaugenobjektiv (Weitwinkel 180°) aufgenommen, teilweise auch als Kreisringpanorama bezeichnet. In der Mitte ist der Aussichtspunkt und am Rand die Horizontlinie zu sehen. Zur genaueren Betrachtung wird das Blatt um den Mittelpunkt gedreht. Diese Form wurde fast ausschließlich für touristische oder pädagogische Zwecke genutzt.

mini|Prospect géométrique des montagnes neigées (1755) Die größte Bedeutung für wissenschaftliche Zwecke hatten Panoramen vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Das erste wissenschaftliche Gebirgspanorama zeichnete Jacques-Barthélemy Micheli du Crest aus Genf im Jahre 1754. Gedruckt erschien es unter dem Titel Prospect géometrique des montagnes neigées dites Gletscher, telles qu’on les découvre en tems favorable depuis le château d’Arbourg dans les territoires des Grisons, du Canton d’Ury et de l’Oberland du Canton de Berne bei Tobias Conrad Lotter in Augsburg 1755. Doch es gab schon zahlreiche panoramaartige Darstellungen bis zurück ins 15. und vor allem ins 16. Jahrhundert gehend. Diese wurden allerdings noch nicht auf exakter geometrischer Grundlage erstellt. Möglicherweise hat der Topograph Anton van den Wyngaerde (1525–1571) aus Amsterdam schon 1548/49 unter dem Titel Zelandia Descriptio ein zylindrisches Vollrundpanorama hergestellt.Gustav Solar: Das Panorama und seine Vorentwicklung bis zu Hans Conrad Escher von der Linth. Zürich 1979, S. 72 f.

Beachtenswert sind auch die auf Entdeckungsreisen hergestellten langen streifenförmigen Küstenansichten z. B. von William Westall (1781–1850) aus dem Tafelband zum Reisewerk Matthew Flinders’. Populär wurden Panoramadarstellungen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts besonders auch als Illustrationen in Reiseführern, z. B. der Schweiz.

Panorama als Kunst Die von Robert Barker patentierte Inszenierung der zylindrischen Großbildflächen durch, an Aussichtsplattformen erinnernde, Geländer und durch den Vordergrund einnehmende Naturgegenstände, machte sie seit 1792 zur gewinnbringenden und populären Kunstunterhaltung. Im Grad ihrer Nachahmung der Wirklichkeit ging sie über das einfache breitformatige, aber zweidimensionale Panoramabild hinaus.

Die Vermarktung des Patents in den Metropolen durch Barker und seine Nachahmer hat zu überhöhten Bewertungen geführt: Stephan Oettermann definiert das Panorama in seiner gleichnamigen Monografie als: „Maschine, in der die Herrschaft des bürgerlichen Blicks gelernt und zugleich verherrlicht wird, als Instrument zur Befreiung und zur erneuten Einkerkerung des Blicks, als erstes optisches Massenmedium im strengen Sinne“. Albrecht Koschorke bezeichnet das Panorama als „entrahmtes Bild“, also als Vorläufer der panoramatischen Apperzeption, und Walter Benjamin spricht von „Aquarien der Ferne und Vergangenheit“.

Illusionserzeugung