mini|Georg Epstein, um 1908 Georg Johannes von Eppstein (bis zur Nobilitierung Johannes Georg Epstein, * 20. März 1874 in Breslau; † 28. September 1942Todesfallanzeige aus dem Tschechischen Nationalarchiv in Prag, veröffentlicht im Projekt Holocaust.cz (Datenbank der Holocaust-Opfer, unterstützt von der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Prag). im Ghetto Theresienstadt) war ein deutscher Schriftsteller, Phaleristiker, Hofbeamter, Hochschulkurator und Publizist.
Leben
Herkunft und Werdegang Georg Epstein wurde als Sohn des Kaufmanns Julius Epstein und seiner Frau Jenny geb. Silbermann in Breslau geboren.Hildegard Frisius: Soll ich meines Bruders Hüter sein? Christen jüdischer Herkunft in Lichterfelde und Steglitz. Hrsg. von der Ev. Johannes-Kirchengemeinde Berlin Lichterfelde-West, 2009; S. 23–28. Er besuchte das Breslauer Realgymnasium und das Johannesgymnasium und studierte anschließend Philosophie und Literatur an der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Breslau. Daneben war er schon als Student als Hilfsredakteur für Zeitungen tätig. 1895 ging er für anderthalb Jahre als Redakteur zur Tilsiter Allgemeinen Zeitung nach Tilsit und leistete anschließend seinen Militärdienst beim Niederschlesischen Infanterie-Regiment Nr. 51 in Breslau ab. Im Sommer 1898 trat er bei der Breslauer Frauen-Zeitung als Feuilletonist und Theaterkritiker ein.Franz Brümmer: Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Band 2. 6. Auflage. Leipzig 1913, S. 153; S. 153. Er promovierte 1899 zum Dr. phil. und veröffentlichte diverse literarische Skizzen, Novellen und Lyrikbände.Georg H. Schlatter Binswanger: Eppstein, Georg Johannes (Freiherr) von. In: Deutsches Literatur-Lexikon. Das 20. Jahrhundert. Band 7. Saur, Zürich/München 2005, Sp. 564.
Um die Jahrhundertwende zog er nach Berlin-Mitte. 1901 ließ sich der Autor, der jüdischer Herkunft war, in Berlin-Kreuzberg christlich taufen. Als Publizist beschäftigte er sich mit staatsrechtlichen und historischen Themen, wobei er hauptsächlich Pressestimmen und Archivquellen kompilierte, edierte und kommentierte.Paul Laband in: Archiv für öffentliches Recht, 18 (1903), S. 127–128. Epstein publizierte verschiedentlich gemeinsam mit Paul von Roëll (1854–1917), der dem Centralverband deutscher Industrieller nahestand. Er war Mitherausgeber und seit 1903 verantwortlicher Leiter des von Roëll im Jahr 1901 gegründeten halboffiziösen Organs Neue politische Correspondenz, in dem häufig amtliche Verlautbarungen und Stellungnahmen erschienen, weshalb er sich regelmäßig in Berliner Ministerien bewegte.Der deutsche Kronprinz, S. 275. 1909 veröffentlichte er an der Universität Breslau eine juristische Staatsexamensarbeit zum Kündigungsrecht der Beamten,Bibliographischer Nachweis: Sudoc / Worldcat. die ihn als Regierungsassessor für die Beamtenlaufbahn qualifizierte.
Über von Roëll, der sich auch als Adelsforscher und Ordenskundler betätigte und 1902–1903 Fürstlich Lippischer Kammerherr war, kam Epstein mit den Fragen des lippischen Erbfolgestreits in Berührung und begann, sich mit den Rechtsangelegenheiten des damaligen Regenten Leopold zur Lippe aus der Linie Lippe-Biesterfeld zu befassen. Nach dessen Thronbesteigung wurde Georg Epstein als Rechts- und Finanzberater des Fürstenhauses herangezogen und trat Anfang 1912 als Leiter des Zivilkabinetts des Fürsten Leopold IV. zur Lippe in dessen Dienste.Jürgen Hartmann: „Vom Zahne der Reform und des Indifferentismus benagt“. Zur religiösen Ausrichtung der jüdischen Lipper von der Mitte des 19. bis ins 20. Jahrhundert. In: Rosenland. Zeitschrift für lippische Geschichte, Nr. 14 (Juni 2013), S. 34 u. Anm. 61. Mit seiner Familie lebte er bis dahin in Berlin-Wilmersdorf, ab 1912 als lippischer UntertanKai Drewes: Jüdischer Adel: Nobilitierungen von Juden im Europa des 19. Jahrhunderts. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2013, Seite 342 f., Anm. 220. in Detmold, wo ihm als Kabinettsrat eine Dienstwohnung zur Verfügung stand.Der deutsche Kronprinz, S. 346 f. Aus seiner Ehe mit Hertha Reymann (1876–1937) stammte die 1909 geborene Tochter Ingeborg († 1922).Christian Althoff: Wie der Fürst um das Leben eines Juden kämpfte. In: Westfalen-Blatt, 10. März 2019; abgerufen am 31. Januar 2021.
Ordensfachmann und Hofbeamter Als Schriftleiter des Deutschen Ordens-Almanachs gab er in den Jahren 1904 bis 1908 zusammen mit v. Roëll und anderen Ordenskundlern ein umfangreiches, halboffizielles Sammelwerk heraus, das alle deutschen Träger in- und ausländischer Orden verzeichnen sollte, die keinem regierenden oder depossedierten Fürstenhaus angehörten.Rezension von Hans Ficker in: Lorenz R. Rheude (Hrsg.): Archiv für Stamm- und Wappenkunde. Organ des Roland Vereins zur Förderung der Stamm-, Wappen- und Siegelkunde. 9. Jahrgang 1908/09. Papiermühle b. Roda i. Sachsen-Anhalt 1909, S. 94. — Zu dem Werk vgl. Eckart Henning, Dietrich Herfurth: Orden und Ehrenzeichen: Handbuch der Phaleristik. Böhlau Verlag, Köln / Weimar 2010, S. 160 f. Er selbst wurde von Fürst Leopold IV. am 30. Januar 1912 mit dem lippischen Leopold-Orden ausgezeichnet,Verleihungsrolle des Fürstlich Lippischen Leopold-Ordens mit der Krone (II. Kl.), dort ist auch die spätere Verleihung des Leopoldordens 1. Klasse vermerkt (Angaben von der phaleristischen Webseite Ordensmuseum, abgerufen am 29. Juni 2014). im Jahre 1915 geadelt und 1918 zum Freiherrn erhobenJürgen Hartmann: Felix Fechenbach, der Sozialdemokratische Pressedienst und die Endphase der Weimarer Republik in Lippe. In: Rosenland. Zeitschrift für lippische Geschichte, Nr. 15 (September 2013), S. 37, Anm. 35. und nannte sich fortan von Eppstein.
Zu Beginn seiner Hoflaufbahn war Epstein maßgeblich mit der Beschaffung der Mittel für den Neubau des im Februar 1912 abgebrannten Detmolder Hoftheaters befasst. Der Bau konnte trotz Ausbruchs des Ersten Weltkriegs mithilfe von Spenden aus der Bürgerschaft und fürstlichen Zuschüssen in den Jahren 1914/15 realisiert werden. Im Krieg war er nach anfänglicher Verwendung bei der Armeeabteilung Woyrsch in Schlesien ab Sommer 1915 für einige Zeit bei übergeordneten Stäben in der Umgebung des in Belgien und Frankreich eingesetzten Kontingentverbands des Fürstentums Lippe tätig. Dort wurde er zeitweise als Ordonnanzoffizier im Stab des Generals Hermann von François verwendet.Der deutsche Kronprinz, S. 40; 275. In dieser Funktion lernte er auch den deutschen Kronprinzen Wilhelm kennen, der damals die 5. Armee und ab November 1916 die Heeresgruppe Deutscher Kronprinz befehligte, zu der auch das lippische Kontingent gehörte. Eppstein freundete sich mit dessen (laut späteren antisemitischen Gerüchten angeblich jüdischstämmigen) Adjutanten Louis Müldner von Mülnheim an.Der deutsche Kronprinz, S. 402–405 (schildert u. a. Eppsteins Besuch beim Kronprinzen auf Wieringen in Begleitung Müldners im Herbst 1923). 1917 wurde er zum Wirklichen Geheimen Rat mit dem Titel „Excellenz“ ernannt und begleitete den Fürsten bei Frontbesuchen und auf offiziellen Reisen, unter anderem bei seinem Staatsbesuch in München vom 11. bis 13. Dezember 1917.Helmut Reichold: Bismarcks Zaunkönige: Duodez im 20. Jahrhundert. Eine Studie zum Föderalismus im Bismarckreich. Ferdinand Schöningh, Paderborn 1977, S. 249 f.
An der vom Fürsten Ende 1916 auf Eppsteins Initiative errichteten und in den folgenden Jahren aufgebauten Fürst Leopold-Akademie für Verwaltungswissenschaften in Detmold, an der kriegsversehrte Offiziere zu Kommunalbeamten umgeschult werden sollten, wirkte Georg von Eppstein als Kurator mit dem Titel „Professor“.Helmut Reichold: Bismarcks Zaunkönige: Duodez im 20. Jahrhundert. Eine Studie zum Föderalismus im Bismarckreich. Paderborn 1977, S. 99 f., 194 f. Dgl. Julia Alexandra Luttenberger: Verwaltung für den Sozialstaat – Sozialstaat durch Verwaltung?: Die Arbeits- und Sozialverwaltung als politisches Problemlösungsinstrument in der Weimarer Republik. LIT-Verlag, Berlin 2013, S. 176; ; vgl. neuerdings Carsten Doerfert: Die Fürst Leopold-Akademie für Verwaltungswissenschaften. Versuch und Scheitern einer Hochschule in Detmold (1916–1924). Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2016. Die Akademie, die bis 1924 bestand, ehrte ihn für sein Engagement mit der Ehrendoktorwürde.
Seine Erlebnisse während der Novemberrevolution in Detmold, wo er als einer der engsten Berater des Fürsten mit örtlichen und zugereisten Revolutionären verhandelte, schildert er in seiner von autobiographischen Anekdoten durchsetzten Kronprinzenbiographie bruchstückhaft selbst. Schon seit Oktober 1918 führte er mit dem fortschrittlichen Reichstagsabgeordneten Adolf Neumann-Hofer, der dann in den Tagen des Detmolder Umsturzes eine wichtige Rolle als Berater und Vermittler spielte, einen Briefwechsel, um die Möglichkeiten zum Erhalt der Monarchie in Lippe auszuloten.Helmut Reichold: Bismarcks Zaunkönige: Duodez im 20. Jahrhundert. Eine Studie zum Föderalismus im Bismarckreich. Paderborn 1977, S. 254–257. Eppstein behandelt die Vorgänge um das Ende der Monarchie in Lippe später noch einmal ausführlicher in seinem niederländischen Buch über Prins Bernhard (1936).
Titelvergaben in letzter Minute Als Chef des Zivilkabinetts fielen auch Ordensverleihungen, Titelvergaben und Adelserhebungen in seine Zuständigkeit, die während des Kaiserreichs eine nicht unbedeutende Einnahmequelle vieler deutscher Kleinstfürstentümer darstellten.Helmut Reichold: Bismarcks Zaunkönige: Duodez im 20. Jahrhundert. Eine Studie zum Föderalismus im Bismarckreich. Paderborn 1977, S. 206–212. Eppsteins Kenntnisse im Ordens- und Titelwesen waren also nicht nur persönliche Liebhaberei, sondern qualifizierten ihn entscheidend für seine Stellung bei Hofe. Ebenso wie Eppstein jüdischer Herkunft und als enger Berater für ein Fürstenhaus tätig war auch Kurt Kleefeld, ein Schwager von Gustav Stresemann, der vom Fürsten zur Lippe noch am 12. November 1918, dem Tag seiner Abdankung, als letzte in Deutschland überhaupt geadelte Person nobilitiert wurde.Kai Drewes: Jüdischer Adel: Nobilitierungen von Juden im Europa des 19. Jahrhunderts. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2013, S. 104 f., Anm. 280. Vgl. die Schilderung des Vorgangs und der Hintergründe von Christian Bommarius: Und dann kam keiner mehr. In: Berliner Zeitung, 5. Februar 2011; abgerufen am 5. Februar 2016. Gleichzeitig verlieh der Fürst dem mit Eppstein befreundeten Zeitungsverleger und Inhaber der Meyerschen Hofbuchhandlung und Hofbuchdruckerei in Detmold, Max Staercke, der das Haus Biesterfeld im Thronfolgestreit unterstützt hatte (und der sich trotz seiner nationalliberalen Gesinnung und gegen völkische Widerstände in Detmold in den 1920er Jahren als konsequenter Gegner des Antisemitismus profilierte)Andreas Ruppert: Max Staercke (1880 - 1959) – Publizist und Politiker in Lippe. In: Rosenland. Zeitschrift für lippische Geschichte, Nr. 12 (September 2011), S. 35–52 (hier: 48 f.). den Titel Hofrat und Eppstein selbst den Freiherrntitel.