Das kindliche Wohlbefinden ist ein mehrdimensionales Konzept, um die Lebensqualität von Kindern zu messen.OECD: Doing better for Children. 2009, S. 24, , Stand: 20. Juni 2011. Der Kindheitsbegriff orientiert sich an der UN-Kinderrechtskonvention der UNO, nach der ein Kind eine Person im Alter bis 18 Jahre ist. Umstritten ist jedoch, ob die Zeit vor der Geburt in diesen Begriff einzuschließen ist – und wenn ja ab welchem Zeitpunkt. Die Messung des kindlichen Wohlbefindens stellt eine sehr komplexe Herausforderung für die Wissenschaft dar. Aufgrund des sehr breit angelegten Begriffs ist eine Verständigung, was denn unter kindlichem Wohlbefinden (genau) zu verstehen sei, noch nicht erfolgt. Gleichwohl gibt es bestimmte Parameter, mit Hilfe derer eine strukturierte Einordnung möglich ist. Das von den Kinderrechten abgeleitete Konzept steht daher auch im Zusammenhang mit den Diskussionen um Wohlbefinden als ganzheitlicher Wohlstandsindikator und bezieht sich trotz des universellen Anspruchs noch vornehmlich auf die OECD-Länder.
Theoretische und empirische Erfassung des kindlichen Wohlbefindens Seit der Ratifizierung der UN-Kinderrechtskonvention erfreut sich der Begriff des kindlichen Wohlbefindens eines zunehmenden Interesses. Im Zuge dessen bemühen sich Organisationen, wie die UNICEF und die OECD um eine theoretische und empirische Konzeption.
UNICEF und das Innocenti Research Center Im Laufe der Zeit wurden die Aufgaben der UNICEF ständig erweitert. Ursprünglich gegründet, um nach dem Krieg Kindern in Not zu helfen, sind neue Zuständigkeitsbereiche hinzugekommen. Es geht dabei weniger um die Gewährleistung des Kinderschutzes, wie es früher der Fall war, als vielmehr um das Wohlbefinden des Kindes an sich. In dem UNICEF-Bericht „Child Poverty in perspective: An overview of child well-being in rich countries“UNICEF: Child Poverty in perspective. An overview of child well-being in rich countries. Innocenti Report Card 7, UNICEF Innocenti Research Centre, Florence 2007, (PDF; 1,6 MB), Stand: 20. Juni 2011. wird das Konzept zur Messung des kindlichen Wohlbefindens vorgestellt. Dabei wird versucht das kindliche Wohlbefinden in unterschiedlichen Dimensionen zu erfassen.
Als erste Dimension wird das „materielle Wohlbefinden“ eines Kindes aufgeführt und empirisch an der relativen Einkommensarmut (relative income poverty), dem Anteil der Kinder, die in Haushalten ohne einen erwerbstätigen Elternteil leben (households without jobs) sowie an dem Anteil der Kinder, die über einen geringen Wohlstand ihrer Familie berichten (reported deprivation) gemessen. Der geringe Wohlstand drückt sich dabei unter anderem im prozentualen Anteil der befragten Kinder aus, die in einem Haushalt leben, der weniger als zehn Bücher besitzt.
Die zweite Dimension Gesundheit und Sicherheit setzt sich ebenfalls aus drei Indikatoren zusammen. Der erste Indikator spiegelt die Säuglingssterblichkeitsrate und ein geringes Geburtsgewicht (health at age 0-1) wider. Als Gewichtsmaßstab wird dabei ein Wert von unter 2500 g angesetzt. Der zweite Indikator ist der Prozentanteil der Kinder, die im Alter von unter einem Jahr geimpft wurden (preventative health service). Schließlich wird auch die Anzahl der Todesfälle durch Unfälle und Verletzungen bei Kindern und Jugendlichen unter 19 Jahren (safety) als Indikator aufgeführt.
Eine weitere Dimension ist die Bildung und Ausbildung der Kinder. Die dazugehörigen Indikatoren beziehen sich zum einen auf die Erfassung der Leistungen in den Bereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften (school achievement at age 15). Zum anderen wird der Anteil der Jugendlichen zwischen 15 und 19 Jahren gemessen, die sich in einer Voll- und Teilzeitausbildung befinden (beyond and basics). Der letzte Indikator dieser Dimension drückt den Anteil der Jugendlichen aus, die nicht in einer Ausbildung oder erwerbstätig sind, sowie den Anteil der Schüler, die eine Arbeit mit niedriger Qualifizierung erwarten (the transition to employment).
Der Bereich Beziehungen zu Familie und Gleichaltrigen wird durch die Anzahl junger Menschen bestimmt, die in alleinerziehenden Familienstrukturen und in stieffamiliären Strukturen leben (family structure). Zudem wird der Anteil der Kinder bzw. Jugendlichen erfasst, die ihre Hauptmahlzeit mehrmals in der Woche an einem Tisch einnehmen und der Anteil der Schüler, die es „leicht finden mit ihren Eltern zu reden“ (family relationship). Letztlich wird auch die Beziehung zu Gleichaltrigen berücksichtigt (peer relationship). Dabei geht es um die Frage, wie viele junge Menschen im Alter von 11, 13 und 15 Jahren Gleichaltrige als „freundlich und hilfsbereit“ empfinden.
Die Dimension Verhaltensrisiken wird an dem Essverhalten und dem (Über-)Gewicht der jungen Menschen (health behaviours), dem Anteil des Zigaretten-, Alkohol- und Cannabiskonsums und dem Anteil der Jugendlichen, die bereits sexuellen Verkehr hatten und dabei ein Kondom verwendet haben, sowie der Anzahl der Geburten junger Frauen (risk behaviours) gemessen. Schließlich wird diese Dimension durch einen Indikator bestimmt, der die physischen Erfahrungen der Kinder mit Gewalt umfasst (experience of violence).
Letztlich wird das subjektive Wohlbefinden des Kindes als eine Dimension erfasst. Hierbei wird die subjektive Einschätzung der Kinder und Jugendlichen über ihren Gesundheitszustand (health) berücksichtigt. Weiterhin wird die subjektive Lebenszufriedenheit (personal well-being) junger Menschen abgefragt. Der letzte Indikator bezieht sich auf den Anteil junger Menschen die die „Schule sehr gern mögen“ (school life).
Die Indikatorenauswahl der Unicef beruht auf dem Bemühen, das Wohl der Kinder adäquat abzubilden. Durch die sechs Dimensionen erfolgt so eine umfangreiche Erfassung, die auch das subjektive Wohlbefinden der Kinder mit berücksichtigt. In dem UNICEF-Bericht Child Poverty in perspective: An overview of child well-being in rich countries ist hierzu folgendes festgehalten:
OECD Auch die OECD leitet ihr Konzept zur Messung des kindlichen Wohlbefindens von der UN-Kinderrechtskonvention ab.OECD: Doing better for Children. 2009, S. 28, , Stand: 20. Juni 2011. Auf dieser Basis werden ebenfalls sechs Dimensionen herausgearbeitet. Diese überschneiden sich teilweise mit den Dimensionen der UNICEF, wobei die erfassten Indikatoren leicht voneinander abweichen. Die Anzahl der Indikatoren, die für die Messung der einzelnen Dimensionen betrachtet wurden, reicht von der Qualität des Schulbesuchs bis zur Gesundheit. Insgesamt wurden 21 Indikatoren genutzt.
Das materielle Wohlbefinden wird durch drei Indikatoren gemessen. Diese betreffen das durchschnittliche Haushaltsnettoeinkommen (average disposable income), den Anteil der Kinder in Haushalten mit weniger als 50 % des durchschnittlichen Haushaltsnettoeinkommens (children in poor homes) und den Anteil der Kinder, die weniger als vier notwendige Bildungsmittel zur Verfügung haben (educational deprivation). Dazu zählen ein verfügbarer Schreibtisch, ein Computer für Hausaufgaben, Bildungssoftware, Internetanschluss, Taschenrechner, Wörterbuch und Schulbücher.
Eine weitere OECD-spezifische Dimension des kindlichen Wohlbefindens stellen die Wohnverhältnisse und das Wohnumfeld dar. Sie wird mit Hilfe zweier Indikatoren empirisch erfasst. Ein Indikator bezieht sich auf das Leben in beengten Wohnverhältnissen (overcrowding). Dies ist der Fall, wenn im Haushalt mehr Personen leben als Wohnräume (ohne Küche und Bad) zur Verfügung stehen. Der zweite Indikator wird aus einer Fragebatterie zum Wohnumfeld zusammengesetzt (poor environmental conditions). Dazu gehören u. a. Fragen zum Lärm, zur Luftverschmutzung, zu Vandalismus und Kriminalität, sowie zum Zustand der Häuser.
Wie die UNICEF nutzt auch die OECD die unter dem Namen PISA bekannt gewordenen Daten zur Erfassung von Bildung als weitere Dimension des kindlichen Wohlbefindens. PISA-Daten von 15-Jährigen (2006) werden genutzt, um einen durchschnittlichen Wert der Punktezahlen in den Bereichen Rechnen, Schreiben und Naturwissenschaften zu generieren (average mean literacy score). Darüber hinaus wird aus den Daten ein Ungleichheitsmaß berechnet und als ein Indikator eingeführt (literacy inequality). Vervollständigt wird diese Dimension durch den Anteil der Jugendlichen, die weder in schulischer noch in beruflicher Ausbildung sind (youth NEET rates).
Neben der Bildungsdimension wird die Qualität des Schulbesuchs als eigenständige Dimension konzipiert. Unter 11- bis 15-Jährige werden dazu nach Erfahrungen mit Mobbing in der Schule (bullying) und nach einem persönlichen Bezug zu den Schülern und Schülerinnen gefragt (liking school).
Die am umfänglichsten erhobene Dimension des Kindeswohls ist die Gesundheit und Sicherheit. Ein Schwerpunkt darin stellen die Indikatoren dar, welche die früheste Entwicklung von Kindern erfassen. So werden etwa Daten über das Geburtsgewicht von Kindern, die Kindersterblichkeitsquote, der Anteil der Mütter, die jemals ihr Neugeborenes mit Muttermilch versorgt haben und Keuchhusten- sowie Masernimpfungen mit berücksichtigt. Der weitere Lebensweg, in Bezug auf das kindliche Wohlbefinden, wird über die Sterbe- und Selbstmordrate unter Kindern und Jugendlichen abgebildet. Als letzten Faktor wird die sportliche Aktivität der Kinder herangezogen.
Unter dem Label des Risikoverhalten von Jugendlichen (13–19 Jahre) wird eine letzte Dimension des kindlichen Wohlbefindens zusammengefasst. Wie in der UNICEF-Studie werden auch hier die Indikatoren zum Zigaretten- und Alkoholkonsum sowie der Anteil von Teenagergeburten herangezogen.
Für die Auswahl der Indikatoren werden von der OECD folgende Kriterien festgelegt:OECD: Doing better for Children. 2009, S. 29ff, , Stand: 20. Juni 2011. Es sollte sich bei den Daten möglichst um aktuelle, kinderzentrierte und standardisierte Erhebungen handeln, welche die Qualität des Lebens von Kindern im Alter von 0 bis 17 Jahren abbilden. Dem Selbstverständnis der OECD entsprechend sollten, neben dem Anliegen möglichst viele Mitgliedsländer einzubeziehen, die Indikatoren so gewählt werden, dass aus den Ergebnissen der Studie praktische Möglichkeiten zur politischen Intervention gegeben sind. Hierin liegt ein Hauptgrund warum bei der OECD im Gegensatz zur UNICEF eine Erfassung des subjektiven Wohlbefindens von Kindern nicht vorhanden ist.
Eine weitere Maßgabe, die die Auswahl bestimmen sollte, war die möglichst umfassende Erfassung der sechs Dimensionen. Dazu zählt unter anderem, dass die Dimensionen des Kindeswohls sowohl Aspekte des momentanen Wohlbefindens als auch Aspekte des auf die Zukunft gerichteten Wohlbefindens abdecken sollte.
Die letztlich vorgelegte Studie entspricht in weiten Teilen diesen Leitlinien, wobei auch bestimmte Defizite benannt werden.OECD: Doing better for Children. 2009, S. 31, , Stand: 20. Juni 2011. So werden nicht alle Altersgruppen abgedeckt, und die Dimensionen sind unzureichend erfasst (z. B. psychische Indikatoren bei Gesundheit).
Unterschied der OECD zur UNICEF Die Messungen des kindlichen Wohlbefindens von UNICEF und OECD unterscheiden sich maßgeblich durch die benutzten konzeptionellen Perspektiven. So bezieht sich UNICEF unter anderem auf die Dimension „subjektives Wohlbefinden“, die eine subjektive Perspektive des Kindes zum Ausgangspunkt nimmt. Die OECD hingegen verwendet Dimensionen und Indikatoren, deren Merkmale zum Teil bereits auf politische (Handlungs-)Strategien ausgerichtet sind. Eine subjektive Betrachtungsweise des Kindeswohls findet hier keine Berücksichtigung.
Was die Anzahl der untersuchten Länder betrifft, bezieht sich UNICEF für ihre Studie auf 21 Länder; die OECD hingegen untersucht das kindliche Wohlbefinden in 30 Nationen. Die neun zusätzlich untersuchten Länder der OECD-Studie sind: Australien, Japan, Korea, Neuseeland, Türkei, Slowakei, Luxemburg, Island und Mexiko.