Paul Heinrich Diehl (* 10. Januar 1886 in München; † 3. Januar 1976 in GräfelfingChristoph Cobet (Hrsg.): Deutschlands Erneuerung, 1945–1950: Bio-bibliographische Dokumentation mit 433 Texten. Antiquariat Cobet, 1985, ISBN 3-925389-01-6 ().) war ein deutscher Gymnasiallehrer, Filmproduzent, Filmregisseur und Autor. Politisch engagierte er sich in der von Silvio Gesell begründeten Freiwirtschaftsbewegung und in der Christlich-Sozialen Union (CSU). Von 1948 bis 1960 war er Bürgermeister der Gemeinde Gräfelfing.

Leben Paul Heinrich Diehl war der leibliche Sohn des Kunstmalers Adolf Wentzel (1854–1928) und dessen Ehefrau Auguste, geborene Eberhardt (1868–1946). Aus der Verbindung ging ein zweiter Sohn hervor, der spätere Kunstmaler Ernst Robert Diehl (* 1887).Dass Paul Diehls Mutter in erster Ehe mit dem Kunstmaler Adolf Wentzel verheiratet war, geht aus folgendem amtlichen Nachweis hervor: Standesamt Berlin-Steglitz: Eheurkunde Ernst Robert und Anna Elisabeth Diehl. Nach 1887 ließ sich das Ehepaar Wentzel scheiden. Auguste heiratete den Kunstmaler Ferdinand Diehl (1856–1927). Ihre beiden Söhne aus erster Ehe erhielten den Namen des Stiefvaters. Aus dieser Verbindung gingen fünf Kinder hervor, unter ihnen die Brüder Ferdinand (1901–1992) und Hermann (1906–1983), mit denen Paul Heinrich später die Gräfelfinger Firma Gebrüder Diehl-Filmproduktion gründete. Während die beiden genannten Brüder künstlerische Berufe wählten, absolvierte Paul Diehl verschiedene geisteswissenschaftliche Studiengänge und wurde schließlich Gymnasiallehrer.Ernst Winkler: Paul Heinrich Diehl, 10.1.1886 – 3.1.1976. In: Aufstieg oder Untergang. Geldreform und Wirtschaftsverfassung als Schicksalsfrage der menschlichen Gesellschaft. (Hrsg. Ernst Winkler). Verlag des Seminars für freiheitliche Ordnung, Bad Boll 1980, S. 138. mini|Schertlinhaus – Land­erziehungs­heim für Mädchen Er besuchte das Realgymnasium in München, das heutige Oskar-von-Miller-Gymnasium, und studierte an der Ludwig-Maximilians-Universität die Fächer deutsche Philologie, Geschichte und Geographie und legte 1911 das Erste Staatsexamen für Lehramt ab. Die pädagogische Phase des Studiums leistete er an der Königlichen Luitpold-Kreisrealschule, dem heutigen Luitpold-Gymnasium, und wurde 1912 Lehrer an der privaten, von der evangelischen Kirche geprägten, Höheren Mädchenschule Pasing, in deren Gebäude sich heute die Grundschule an der Oselstraße befindet. 1913 wechselte er an das pädagogisch führende Landerziehungsheim für Mädchen „Schertlinhaus“ in Burtenbach, Landkreis Günzburg. Währenddessen arbeitete er an seiner Doktorarbeit und wurde 1914 zum Thema Die Dramen des Thomas Naogeorgus in ihrem Verhältnis zur Bibel und zu Luther bei Franz Muncker promoviert.Nach dem Lebenslauf in der Dissertation: Paul Heinrich Diehl: Die Dramen des Thomas Naugeorgus in ihrem Verhältnis zur Bibel und zu Luther. Robert Noske Verlag, Borna-Leipzig 1915.

Paul Diehl war verheiratet mit Elisabeth Sessig (1891–1966), Tochter des Kunstmalers Franz Carl Sessig (1854–1914). Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor: Eleonore (1922–2002) und Bruno (1923–2006).Die biografischen Eckdaten finden sich auf dem Grabstein des Diehlschen Familiengrabes auf dem Gräfelfinger Friedhof (Findagrave.com: Foto des Grabsteins der Familie Elisabeth und Dr. Paul Diehl). Bei der dort verzeichneten Hildegund Diehl (1898–1982) handelt es sich um eine Halbschwester Paul Diehls.

Pädagoge Nach Ende des Ersten Weltkriegs unterrichtete Diehl zunächst an einem Gymnasium in Kaiserslautern. Zu seinen Schülern gehörte unter anderem Otto Lautenbach, mit dem er nach dem II. Weltkrieg politisch eng zusammenarbeitete. Ab 1925 übernahm er die Stelle eines Gymnasialprofessors an einer Höheren Schule in München. Zu seinen Kollegen gehörte Ernst Winkler, der spätere Mitbegründer der Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft.Zu Ernst Winkler siehe Fritz Andres, Eckhard Behrens, Jobst von Heynitz: Nachruf für Dr. Ernst Winkler (Bad Boll 1996; nwo.de PDF-online). Diehl blieb Lehrer bis zum Eintritt in den Ruhestand im Jahr 1951.Rolf Giesen, J.P. Storm: Animation under the Swastika. A History of Trickfilm in Nazi Germany, 1933–1945. McFarland & Company: Jefferson, North Carolina, 2008 (Taschenbuch), S. 153.

In pädagogischen Fachkreisen erhielt Diehls 1959 erschienenes Buch Der Weg zur FormPaul Heinrich Diehl: Der Weg zur Form. Kunstbegabung im Kindesalter. Reinhardt-Verlag, München 1959 und 1961². Anerkennung. Anhand von rund 220 Zeichnungen, die sein Bruder Hermann zwischen seinem 2. und 17. Lebensjahr angefertigt hatte, stellte er in dieser Veröffentlichung die künstlerische Entwicklung eines Kindes beziehungsweise eines Jugendlichen dar.Ernst Winkler: Paul Heinrich Diehl, 10.1.1886 – 3.1.1976. In: Aufstieg oder Untergang. Geldreform und Wirtschaftsverfassung als Schicksalsfrage der menschlichen Gesellschaft. (Hrsg. Ernst Winkler). Verlag des Seminars für freiheitliche Ordnung, Bad Boll 1980, S. 135–145; hier: S. 144.

Freiwirt mini|Wahlvorschlag des Freiwirtschaftbundes anlässlich der Reichstagswahl Dezember 1924 mini|150px|Historisches FFF-Logo des Freiwirtschaftsbundes In den 1920er Jahren stieß Paul Diehl zur Freiwirtschaftsbewegung des deutsch-argentinischen Finanztheoretikers Silvio Gesell (1862–1930). In seiner ersten politischen Veröffentlichung, die 1927 erschien, setzte er sich kritisch mit Alfred Lansburghs Briefen eines Bankdirektors an seinen Sohn auseinander. In Diehls Schrift beantwortet der Sohn die Briefe seines Vaters und zeigt sich dabei als überzeugter Anhänger der Anschauungen Gesells.Paul Diehl: Die Briefe des Bankdirektors Argentarius vom Gelde, beantwortet von seinem Sohn. Spectator-Verlag, Kaiserslautern 1927. Ein Nachdruck in Auszügen findet sich in Aufstieg oder Untergang? Geldreform und Wirtschaftsverfassung als Schicksalsfrage der menschlichen Gesellschaft (Hrsg. Ernst Winkler). Verlag des Seminars für freiheitliche Ordnung, Bad Boll 1980, S. 146–166.

Bei der Reichstagswahl Dezember 1924 kandidierte Paul Diehl gemeinsam mit Bertha Heimberg, Benedikt Uhlemayr und anderen auf der Vorschlagsliste des Freiwirtschaftsbundes FFF (Freiland, Freigeld, Festwährung). In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre schloss er sich dem Freiwirtschaftsbund an und wurde Mitglied des Bundesvorstandes. 1931 erschien im Nürnberger Rudolf-Zitzmann Verlag eine weitere Schrift, mit der er die nationalsozialistische Ideologie wegen ihrer wirtschaftlichen und politischen Vorstellungen scharf attackierte.Paul Diehl: Wohin führt uns der Nationalsozialismus? Rudolf Zitzmann Verlag, Lauf bei Nürnberg, Bern/Leipzig 1931. Er schrieb darin unter anderem, die Politik der Nazis führe „zu einem Polizeistaat schlimmster Sorte“.Günter Bartsch: Die NWO-Bewegung Silvio Gesells: Geschichtlicher Grundriß 1891–1992/93. Gauke, Lütjenburg 1994, ISBN 3-87998-481-6, Teil 2 (1933–45) Zur damaligen Situation. S. 93. In seinem erschienenen Buch über Hitlers Mein Kampf schrieb der Historiker Othmar Plöckinger unter Berufung auf die erwähnte Diehl-Schrift:

Nach der Machtergreifung geriet Paul Diehl deshalb ins Visier der Gestapo, die unter anderem eine Hausdurchsuchung bei ihm durchführte und die Beschlagnahme aller einschlägigen Schriften veranlasste. Sie setzte ihn – wie etliche seiner Gesinnungsfreunde auch – auf eine Liste zu internierender Personen. Darin fand sich die Bemerkung: „Diehl ist ein gefährlicher Feind des Nationalsozialismus und muß strengstens bestraft werden.“ Diehl hatte jedoch Glück: Ein Polizeibeamter, auch Anhänger der Freiwirtschaft, war mit der Registratur von Akten in der Justizbehörde betraut und ließ die Akte Paul Diehls verschwinden, bevor sie registriert war. Da der Freiwirtschaftsbund von den Nazibehörden auch verboten worden war, verlegte sich Paul Diehl auf die Pflege geheimer Kontakte zu anderen Anhängern der Freiwirtschaftslehre.Ernst Winkler: Paul Heinrich Diehl, 10.1.1886 – 3.1.1976. In: Aufstieg oder Untergang. Geldreform und Wirtschaftsverfassung als Schicksalsfrage der menschlichen Gesellschaft. (Hrsg. Ernst Winkler). Verlag des Seminars für freiheitliche Ordnung, Bad Boll 1980, S. 135–145; hier: S. 143. Nach dem Münchner Abkommen Ende September 1938 gründeten Diehl, Otto Lautenbach, Karl Walker und Franz Hochstetter trotz des erlassenen Verbotes der Freiwirtschaftsbewegung den informellen Freiwirtschaftlichen Arbeitskreis (FAK). Man kam hier „Unregelmäßig, aber kontinuierlich“ zusammen. Die drei Letztgenannten entwickelten im Rahmen dieses Kreises 1943/44 ein Sofortprogramm zur finanziellen und wirtschaftlichen Überwindung der Kriegsfolgen, das im Sommer 1944 auf einer Tagung des FAK angenommen und zum Beschluss erhoben wurde.Günter Bartsch: Anarchismus in Deutschland. Band I: 1945–1965, Hannover 1972, S. 81; siehe auch: Günter Bartsch: Die NWO-Bewegung Silvio Gesells. Geschichtlicher Grundriß 1891–1992/93. (= Studien zur Natürlichen Wirtschaftsordnung. Band 1). Gauke Fachverlag für Sozialökonomie, Lütjenburg 1994, ISBN 3-87998-481-6, S. 127 f.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte Paul Diehl 1946 zu den Gründungsmitgliedern des Freiwirtschaftsbunds (FWB), in dem er über viele Jahre leitende Positionen bekleidete und für den er mehrere Schriften verfasste; darunter Deutschland ist tot, es lebe Deutschland (1947), Unserer Jugend eine freie Zukunft (1947) und Planwirtschaft – die Sklaverei des 20. Jahrhunderts (1948). Besonders verbunden war er dem freiwirtschaftlich orientierten Seminar für freiheitliche Ordnung in Bad Boll und der von ihm herausgegebenen Schriftenreihe Fragen der Freiheit.

Kommunalpolitiker mini|Paul-Diehl-Park in Gräfelfing Bereits vor der sogenannten Machtübernahme war Paul Diehl Bürgermeister der Gemeinde Gräfelfing. In dieser Funktion kaufte er innerhalb Gräfelfings zwischen 1929 und 1933 über eine Million Quadratmeter Boden auf, um es anschließend für unterschiedliche Nutzungen zu verpachten. Dahinter steckte der Versuch, eine im Ansatz freiwirtschaftliche Bodenreform auf lokaler Ebene durchzuführen.Hans-Joachim Werner: Geschichte der Freiwirtschaftsbewegung. 100 Jahre Kampf für eine Marktwirtschaft ohne Kapitalismus. Waxmann: Münster/New York, 1989. ISBN 3-89325-022-0. S. 62 Als 1933 die Nationalsozialisten die Macht übernahmen, wurde Diehl seines Amtes enthoben und durch das NSDAP-Mitglied Otto Freiherr von Stengel ersetzt.Münchner Merkur: Die erste Wahlanfechtung gab es bereits im Jahr 1947 (3. April 2003 / 7. April 2009); eingesehen am 10. November 2022. Nachdem er 1945 von den Amerikanern wieder in sein früheres Amt eingesetzt worden war, stellte er fest, dass sich nur noch gut 43.000 m² des aufgekauften Landes im Besitz der Gemeinde befanden. Bei Untersuchungen stellte sich heraus, dass die Nationalsozialisten den größten Teil der kommunalen Grundstücke „privat versilbert“ hatten. Auf dem noch vorhandene Grundbesitz konnten in den Nachkriegsjahren immerhin noch 41 Häuser für Flüchtlingsfamilien errichtet werden.Hans-Joachim Werner: Geschichte der Freiwirtschaftsbewegung. 100 Jahre Kampf für eine Marktwirtschaft ohne Kapitalismus. Waxmann: Münster / New York, 1989. S. 62