mini|Heinrich Volbert Sauerland (1839–1910) mini|Grab auf dem Campo Santo Teutonico, Rom Heinrich Volbert Sauerland (* 11. Mai 1839 in Arnsberg;fälschlicherweise ist auf seinem Grab Soest als Geburtsort angegeben † 13. Juni 1910 in Rom) war ein katholischer Priester, deutscher Historiker und Kirchenkritiker.

Frühe Jahre Er war der Sohn des Drechslers Johann Sauerland und der Mutter Marianne (geb. Meinolf). Er besuchte nach der Volksschule das Gymnasium Laurentianum in Arnsberg. Im Jahr 1849 starb sein Vater an Schwindsucht. Dennoch konnte Sauerland seine schulische Ausbildung 1859 mit dem besten Abitur seines Jahrgangs beenden. Er studierte anschließend katholische Theologie in Münster und Paderborn.

Kaplan in Hagen und Dortmund Nach dem Abschluss des Studiums wurde er in Paderborn zum Priester geweiht und war als Kaplan in Hagen und seit 1865 in Dortmund tätig. In Hagen trug er 1864 zur Gründung eines „Bürgervereins“ bei. Die Versetzung nach Dortmund erfolgte gegen seinen Willen und war möglicherweise als Strafversetzung gedacht, wenn auch die Hintergründe unbekannt sind. Sein neuer Vorgesetzter Propst Wiemann wurde aufgefordert, ein wachsames Auge auf Sauerland zu haben. Es kam schon bald zu Konflikten mit dem Propst. Sauerland lehnte es nicht nur ab, lange im Beichtstuhl zu sitzen und die Abendmesse zu lesen. Er hatte auch nicht an der Begrüßung des preußischen Königs teilgenommen. Der Bitte Sauerlands nach einer Versetzung kam Paderborn nicht nach, so dass die Konflikte zwischen Propst und Kaplan weitergingen.Norbert Reimann: Der Rote Kaplan aus Dortmund. Zur Biographie des umstrittenen Priesters und Historikers Heinrich Volbert Sauerland (1839–1910). In: Westfälische Zeitschrift Bd. 140 (1990) S. 340f.

Auf Missfallen nicht nur beim Propst stieß auch Sauerlands politische Einstellung, stand er doch in Kontakt zu Persönlichkeiten der örtlichen Fortschrittspartei um Hermann Becker. Während einer Wahlversammlung 1867 ergriff Sauerland zu Gunsten von Becker als erster Redner sogar das Wort und gehörte dessen Wahlkomitee an. Sein Auftreten erregte über Dortmund hinaus das Missfallen der katholischen Presse.Norbert Reimann: Der Rote Kaplan aus Dortmund. Zur Biographie des umstrittenen Priesters und Historikers Heinrich Volbert Sauerland (1839–1910). In: Westfälische Zeitschrift Bd. 140 (1990) S. 342 Auch bei den Neuwahlen im August 1867 setzte er sich öffentlich wieder für die Wahl Beckers ein. Von konservativer Seite wurde dessen Wahlerfolg nicht zuletzt Sauerland zugeschrieben, so dass interessierte Kreise die bischöfliche Verwaltung bestürmten, Sauerland zu versetzen. Auf eine entsprechende Aufforderung hin verfasste der Propst ein Schreiben, in der er seine Kritikpunkte an Sauerland ausführlich schilderte. Neben der Vernachlässigung der Amtspflichten und der unliebsamen politischen Betätigung war da auch von Sauerlands Interesse an jungen Frauen die Rede und er deutete eine Trunksucht an. Einige Zeit später folgten weitere Eingaben von Gemeindemitgliedern zur Abberufung Sauerlands.Norbert Reimann: Der Rote Kaplan aus Dortmund. Zur Biographie des umstrittenen Priesters und Historikers Heinrich Volbert Sauerland (1839–1910). In: Westfälische Zeitschrift Bd. 140 (1990) S. 346–349

Diese erfolgte 1868. Gleichzeitig wurde er zum Leiter der Rektoratsschule in Steinheim ernannt. Es handelte sich dabei um keine Strafversetzung, sondern eher um eine Beförderung. Offenbar hat Bischof Konrad Martin die Qualitäten Sauerlands in intellektueller Hinsicht, aber auch seine soziale Einstellung höher eingeschätzt als die ihm vorgeworfenen Verfehlungen. Wie beliebt er in Dortmund gewesen war, zeigt ein großes Abschiedsfest und ein großer Fackelzug zu seinen Ehren. Die Anteilnahme der Bevölkerung macht deutlich, dass die Beschwerden nur ein einseitiges Bild vom Wirken Sauerlands zeigen. Besonders sein Einsatz für die wachsende Arbeiterbevölkerung wird eine große Rolle gespielt haben. Auch mit Blick auf die zunehmende Zahl von katholischen Arbeitern in der Stadt hatte er sich für den Bau einer zweiten katholischen Kirche eingesetzt. Wenn auch mit anderen Schwerpunkten als seine Vorgesetzten hatte Sauerland sein Amt durchaus ernst genommen.Norbert Reimann: Der Rote Kaplan aus Dortmund. Zur Biographie des umstrittenen Priesters und Historikers Heinrich Volbert Sauerland (1839–1910). In: Westfälische Zeitschrift Bd. 140 (1990) S. 349–352

Schuldienst und Studium Im Jahr 1868 bestand er das Examen zur Berechtigung, eine Mittelschule zu leiten. Sauerland zeigte bei der Leitung der Schule großes Engagement. Zu irgendwelchen Konflikten kam es nicht.Norbert Reimann: Der Rote Kaplan aus Dortmund. Zur Biographie des umstrittenen Priesters und Historikers Heinrich Volbert Sauerland (1839–1910). In: Westfälische Zeitschrift Bd. 140 (1990) S. 354

In ihm wuchs der Wunsch, ein historisches und philologischen Studium aufzunehmen, und er wandte sich mit einer entsprechenden Bitte an Bischof Martin, der dem wohlwollend gegenüberstand. Nachdem ein Nachfolger für die Schulleiterstelle gefunden worden war, konnte er 1872 die Stelle niederlegen. Auch wenn die Zeit in Steinheim nach außen hin konfliktfrei verlaufen war, nahm seine kritische Haltung zur Kirche wahrscheinlich im Zusammenhang mit den Diskussionen um das Unfehlbarkeitsdogma des 1. vatikanischen Konzils zu.Norbert Reimann: Der Rote Kaplan aus Dortmund. Zur Biographie des umstrittenen Priesters und Historikers Heinrich Volbert Sauerland (1839–1910). In: Westfälische Zeitschrift Bd. 140 (1990) S. 355

Er studierte zwischen 1872 und 1875 Geschichte und Philologie in Berlin und Göttingen. In seiner Berliner Zeit 1872/73 verfügte er über keinerlei Einkommen und lebte von der Erteilung von Privatstunden.Norbert Reimann: Der Rote Kaplan aus Dortmund. Zur Biographie des umstrittenen Priesters und Historikers Heinrich Volbert Sauerland (1839–1910). In: Westfälische Zeitschrift Bd. 140 (1990) S. 355

Hermann Becker, der einer der Mitbegründer des Historischen Vereins für Dortmund und die Grafschaft Mark war, beauftragte Sauerland, die im preußischen Staatsarchiv in Berlin lagernden Handschriften Dortmunder Chronisten abzuschreiben und sie dem Stadtarchiv in Dortmund zugänglich zu machen. Er veröffentlichte im ersten Heft der Vereinszeitschrift, das 1875 erschien, mehrere kleine Aufsätze. In Göttingen promovierte er bei Georg Waitz über Dietrich von Nieheim. Die Arbeit widmete er Hermann Becker.Norbert Reimann: Der Rote Kaplan aus Dortmund. Zur Biographie des umstrittenen Priesters und Historikers Heinrich Volbert Sauerland (1839–1910). In: Westfälische Zeitschrift Bd. 140 (1990)S. 353 Im Mai 1876 legte er die philologische Staatsprüfung ab.Norbert Reimann: Der Rote Kaplan aus Dortmund. Zur Biographie des umstrittenen Priesters und Historikers Heinrich Volbert Sauerland (1839–1910). In: Westfälische Zeitschrift Bd. 140 (1990) S. 356

Seit dem Herbst des Jahres 1875 war er Hilfslehrer am kaiserlichen Lyzeum in Metz. Bereits 1876 wechselte er als ordentlicher Lehrer an das kaiserliche Realgymnasium in Gebweiler, ehe er 1877 an das städtische Gymnasium in Frankfurt am Main ging. In dieser Zeit nahm auch die Zahl seiner wissenschaftlichen Veröffentlichungen zu. Noch 1876 schrieb er drei Aufsätze über das Dominikanerkloster Dortmund und in der Historischen Zeitschrift über Papst Gregor XII. Im Jahr 1877 folgte ein erster Beitrag zur Geschichte von Metz. Zwei Jahre später erschien in der örtlichen Zeitung eine ganze Serie von Beiträgen.Norbert Reimann: Der Rote Kaplan aus Dortmund. Zur Biographie des umstrittenen Priesters und Historikers Heinrich Volbert Sauerland (1839–1910). In: Westfälische Zeitschrift Bd. 140 (1990) S. 356

Auch in Frankfurt fiel er öffentlich zunächst nicht weiter auf, bis 1879 in der Zeitung Germania eine Nachricht erschien, dass Sauerland aus der katholischen Kirche ausgetreten sei. Mit Blick auf den Kulturkampf hätte man eine wohlwollende Haltung der preußischen Schulbehörden gegenüber Sauerland erwarten können. Dem stand aber dessen erneute politische Betätigung im Sinne der demokratischen Bewegung entgegen. Auch mit dem Direktor seiner Schule, Tycho Mommsen, hatte sich Sauerland zerstritten. Der Schulleiter warf ihm unter anderem vor, eine anonyme Schmähschrift gegen die Schule verfasst zu haben. Daneben war auch wieder von Gerüchten über einen tadelswerten Lebenswandel die Rede. Obwohl sich Sauerland verpflichtet hatte, nicht mehr politisch hervorzutreten, hatte er 1883 wieder an demokratischen Versammlungen teilgenommen, was dazu führte, dass ein Disziplinarverfahren gegen ihn eingeleitet wurde.Norbert Reimann: Der Rote Kaplan aus Dortmund. Zur Biographie des umstrittenen Priesters und Historikers Heinrich Volbert Sauerland (1839–1910). In: Westfälische Zeitschrift Bd. 140 (1990) S. 356–358 Dabei geriet immer mehr der angeblich „unsittliche Lebenswandel“ Sauerlands in den Fokus. Es war von Trunksucht und Verhältnissen zu zweifelhaften Frauenpersonen die Rede. Vor allem Mommsen tat sich dabei hervor, Sauerland in einem möglichst schlechten Licht erscheinen zu lassen. Das Verfahren war mit der Suspendierung Sauerlands verbunden. Es endete mit der Entlassung Sauerlands wegen „anstößigen und unwürdigen Verhaltens in- und außerhalb des Amtes“. Seine Berufung konnte daran nichts ändern. Die endgültige Entlassung folgte zum 31. Januar 1885.Norbert Reimann: Der Rote Kaplan aus Dortmund. Zur Biographie des umstrittenen Priesters und Historikers Heinrich Volbert Sauerland (1839–1910). In: Westfälische Zeitschrift Bd. 140 (1990) S. 359–361

Privatgelehrter Anders als in Dortmund hatte sich in Frankfurt kaum jemand für Sauerland eingesetzt. Nur sein ehemaliger Kollege Johannes Janssen, dessen ultramontane Positionen Sauerland ablehnte, half ihm dadurch, dass er den Kontakt zu Ludwig von Pastor herstellte, der sich als Papsthistoriker einen Namen gemacht hatte. Dieser sorgte dafür, dass Sauerland 1886 nach Trier übersiedelte und eine Wohnung im dortigen Simeonstift beziehen konnte. Sauerland söhnte sich in dieser Zeit mit der Kirche aus. Er besuchte wieder Gottesdienste und feierte Ende des Jahres seit Jahren wieder selbst eine Heilige Messe. Der Trierer Bischof bescheinigte ihm 1888 eine für einen Priester würdige Lebensführung. Im Jahr 1890 war er aus dem Stift ausgezogen und hatte eine eigene Wohnung bezogen. Eine kirchliche Funktion hat er nicht ausgeübt. Er hat sich zeitweilig mit der Kategorisierung der Dombibliothek befasst.Norbert Reimann: Der Rote Kaplan aus Dortmund. Zur Biographie des umstrittenen Priesters und Historikers Heinrich Volbert Sauerland (1839–1910). In: Westfälische Zeitschrift Bd. 140 (1990) S. 361f.

In diesem Zusammenhang reifte sein Vorhaben, die in den vatikanischen Archiven liegenden Quellen für die Diözesen Trier und Köln zu sammeln und zu veröffentlichen. Das Trierer Domkapitel unterstützte das Vorhaben mit 200 Mark. Kirchenrechtlich unterstand Sauerland noch immer der Diözese Paderborn. Diese verfügte am Priesterseminar Campo Santo Teutonico über eine Kaplanstelle, um Priestern aus der Diözese historische Studien in Rom zu ermöglichen. Diese Stelle wurde Sauerland 1890 bewilligt und er traf im Mai 1891 in Rom ein. Sein Ziel war die Erforschung der Quellen des Großen Abendländischen Schismas.Norbert Reimann: Der Rote Kaplan aus Dortmund. Zur Biographie des umstrittenen Priesters und Historikers Heinrich Volbert Sauerland (1839–1910). In: Westfälische Zeitschrift Bd. 140 (1990) S. 362f.