miniatur|Die Mathildenhöhe mit Hochzeitsturm und Akademie ist in beiden Erzählungen als ironisch beschriebener, über der Alltagstadt thronender „Schlossberg“Arno Schmidt: Goethe und Einer seiner Bewunderer. In: Drei Erzählungen. Fischer, Frankfurt a. M. 1997, S. 140. Erstveröffentlichung in der Zeitschrift Texte und Zeichen, 3. Jg. 1957, S. 232–264. sichtbar: Bei Tag über dem Gewimmel und Lärm: „da war es still und kühl. Ich stieg den vornehmen Hügel hinan, auf umbüschelten Beinen“.Schmidt, 1997, S. 135. Und bei Nacht: „Das Diafragma des Mondes, sieh die platte Schweinsblase, neben dem Hochzeitsturm. / Bergunter: ein Handwagen stieß sein altes Weib“Arno Schmidt: TINA oder über die Unsterblichkeit. In: Drei Erzählungen. Fischer, Frankfurt a. M. 1997, S. 130. Erstveröffentlichung in der Zeitschrift Augenblick, 2. Jg., 1956, Nr. 4, S. 13–28 / Bargfelder Ausgabe – Werkgruppe 1, Band 2, S. 165–187. Eberhard Schlotter hat diese Szenerie in seinem Tina-Zyklus (s. u.) gestaltet. Arno Schmidts Erzählungen Tina oder über die UnsterblichkeitArno Schmidt: TINA oder über die Unsterblichkeit. In: Drei Erzählungen. Fischer, Frankfurt a. M. 1997, S. 99 ff. Erstveröffentlichung in der Zeitschrift Augenblick, 2. Jg., 1956, Nr. 4, S. 13–28 / Bargfelder Ausgabe – Werkgruppe 1, Band 2, S. 165–187. und Goethe und einer seiner BewundererArno Schmidt: Goethe und Einer seiner Bewunderer. In: Drei Erzählungen. Fischer, Frankfurt a. M. 1997, S. 131 ff. Erstveröffentlichung in der Zeitschrift Texte und Zeichen. 3. Jg. 1957, S. 232–264. entstanden 1955 bzw. 1956 in seiner Darmstädter Zeit (1955–1958).Bernd Rauschenbach: Mein Leben?!: ist ein Kontinuum (Biogramm Arno Schmidt). Arno Schmidt – Stiftung Bargfeld 2006. Sie thematisieren mit Anspielungen auf den Autor die Existenz des Menschen am Beispiel der Vergänglichkeit des dichterischen Ruhmes aus zwei verschiedenen Perspektiven und Akzentuierungen.

Handlungsübersicht Während Goethe für einen kurzen Aufenthalt in die Welt der Lebenden zurückgerufen und vom Erzähler im Auftrag der Akademie bei einem Stadtrundgang über Veränderungen und neue Errungenschaften informiert wird, ist die Grundsituation in Tina umgekehrt: Zwei verstorbene Schriftsteller – Christian Althing (Pseudonym von Christian August Fischer) und Tina Halein (Kathinka Zitz-Halein) – bringen den Protagonisten in die Unterwelt und führen ihn durch das „Elysium“.Schmidt, 1997, S. 111.

Die beiden Erzählungen haben jeweils einen Handlungsrahmen für die im Mittelpunkt stehenden Gespräche.

Tina

(1) Nach der Bekanntschaft mit Fischer in einer Apotheke und seinem Angebot eines Unterweltbesuchs (2) treffen sie Tina und fahren gemeinsam mit dem in der Kiosk-Litfaßsäule versteckten Fahrstuhl nach unten. (3) Weg durch die abendlichen Straßen. (4) Fischer informiert ihn über die zum Leben verdammten Bewohner der Stadt. (5/6) Nacht und Morgen mit Tina im „Junggesellinnenheim“Schmidt, 1997, S. 116. in der „Inselstraße 42“.Schmidt, 1997, S. 107. (7) Mittagessen mit Tina und Fischer. (8) Nachmittag bei Tina und Verabredung, ihre Beziehung in ihren Mittagspausen in der Oberwelt fortzusetzen.

Goethe

Die Erzählung ist fortlaufend ohne Abschnitte geschrieben. Nach der Vorgeschichte mit Information über die Toten–Dichter–Führungen beginnt der erste Teil des Rundgangs durch den Alltag der Stadt, einschließlich der Kaufhalle. Ziel ist die Wohnung des Erzählers. Auf neunzehn Seiten wird das Dichtergespräch wiedergegeben. Themen sind Schriftstellerbewertungen, Kritik der Öffentlichkeit, Rezeption von Goethes Werken in der Gegenwart, Präsentation der Arbeiten des Erzählers, die historische Entwicklung Deutschlands, Zukunftsaussichten, die Rettung der Menschheit, Fortschritt und Technik, „Pantex“,Schmidt, 1997, S. 161. der Allesseher. Der zweite Teil der Stadtführung endet im Bahnhofsrestaurant mit dem Verschwinden Goethes. Als Anhang ist das Protokoll der anschließenden Pressekonferenz in Tabellenform beigefügt.

Vorstellungen vom Elysium „Ja, Mann, haben Sie denn immer noch nicht gemerkt, dass sie im Elysium sind ? !“ fragt Fischer den Erzähler nach dem ersten Gang durch die Stadt.Schmidt, 1997, S. 111. Der Begriff wird in der Literatur unterschiedlich verwendet, ursprünglich bezog er sich auf die Insel der Seligen am Ende der Welt, auf der Helden leben dürfen, die von den Göttern mit der Unsterblichkeit belohnt worden sind (s. Bild Goethes Ankunft im Elysium).

Diese Vorstellung erweitert der in beiden Schmidt–Erzählungen erwähnteArno Schmidt 1997, S. 111, 133. Jean Paul in seinem letzten, unvollendeten Roman Selina oder über die Unsterblichkeit der SeeleJean Paul: Selina oder über die Unsterblichkeit der Seele. In: Werke Bd. 6. Hanser, München 1967, S. 1105 ff. auf die ganze Menschheit und lokalisiert das Paradies in die zweite Weltkugel des Universums (steigende GlückseligkeitsinselJean Paul, 1967, S. 1207.). Soviel zur Handlung: In einer idyllischen arkadischen ParklandschaftJean Paul, 1967, S. 1107. wohnen die beiden befreundeten, an Literatur, Kunst, Philosophie und Religion interessierten Familien Karlson und Wilhelmi. Sie haben Jean Paul eingeladen, um mit ihm u. a. über die Frage der Unsterblichkeit der Seele zu sprechen. Große Teile des Romans sind Diskussionen zwischen dem Verfasser und Karlsons Sohn Alexander über die Seelenunsterblichkeit, Hypothesen der SeelenwanderungJean Paul, 1967, S. 1146. und den „Vernichtglauben“ ohne Himmel und Hölle. Beide versuchen ihre Ansichten in langen theoretischen Ableitungen unter Einbeziehung naturwissenschaftlicher Spekulationen der Zeit wie dem MagnetismusJean Paul, 1967, S. 1172 ff., S. 1191: „Leib und Geist“ darzulegen. Hintergrund dieser Erörterungen ist die Sorge um Karlsons zweiten Sohn Henrion, der in Griechenland vor der Festung Napoli di Romania für die Freiheit des Landes kämpft. Wilhelmis Tochter Selina und Henrion lieben sich. Als „edle Seele[n]“Jean Paul, 1967, S. 1137. glauben sie fest an die Unsterblichkeit. Indiz dafür sind Selinas Visionen. Sie sieht den schwer verwundeten Henrion auf dem Krankenlager,Jean Paul, 1967, S. 1156 ff., 1215. bevor Briefe mit der Nachricht eintreffen.

Vermutlich kannte Arno Schmidt Jean Pauls Roman, die Titelvariation deutet darauf hin, ebenso Alexanders Argumentation („ihr hiesiges Leben bis in die Ewigkeit fortfristen“, ihr „plattes Land der Wirklichkeit“Jean Paul, 1967, S. 1207.). Vielleicht sprechen gerade der ungewisse Handlungsausgang des Fragments und die kontroverse Diskussion über die Thematik Autoren der Neuzeit wie Walter Kappacher (Selina oder Das andere LebenWalter Kappacher: Selina oder Das andere Leben. Dtv, München 2009.) an.

Tina und andere Führungen durch die Unterwelt Während Jean Pauls Protagonisten über eine Überwelt nachdenken, ohne diese konkret zu beschreiben, gibt es eine andere literarische Tradition der Modellierung in Verbindung mit dem Motiv: Führung durch die Unterwelt (Descensus-Motiv: Abstieg ins Reich der FinsternisElisabeth Frenzel: Motive der Weltliteratur. Ein Lexikon dichtungsgeschichtlicher Längsschnitte (= Kröners Taschenausgabe. Band 301). 2., verbesserte und um ein Register erweiterte Auflage. Kröner, Stuttgart 1980, ISBN 3-520-30102-4.) bzw. das Elysium. Durch die Begegnung mit den Toten erhält der Besucher Einblicke in Vergangenheit und Zukunft und erfährt damit eine Bewusstseinserweiterung, die er an den Leser weitergibt. Das wohl bekannteste Beispiel ist die um 1307 entstandene Göttliche Komödie (Divina Commedia)Dante Alighieri (Übersetzung von Hartmut Köhler): La Commedia/Die Göttliche Komödie. I. Inferno/Hölle. II. Purgatorio/Läuterungsberg. Reclam, Stuttgart 2010, 2011. des italienischen Dichters Dante Alighieri : Vergil zeigt dem Besucher die trichter- und terrassenförmig in die Tiefe führenden zehn Kreise der Hölle und die unter grausamen Strafen leidenden Sünder. Durch die neun Sphären des himmlischen Paradieses wird er von seiner früh verstorbenen tugendhaften Geliebten Beatrice emporbegleitet.

In Schmidts Erzählung wie in anderen Gestaltungen, z. B. aus der Zeit des Existentialismus, gibt es, entsprechend dem ursprünglichen griechischen Unterweltmythos, diese Zweiteilung nicht. Vielmehr führen die Bewohner in ähnlicher Weise ihr erstes Leben weiter: TinaSchmidt, 1997, S. 117 ff. erwacht nach ihrem Tod in einer großen Halle, wo das neue Leben geregelt wird: Z. B. wählt sie wie die meisten ihren jungen (Anfang–20–) Körper. In einer Menschenschlange vor einem Schalter anstehend, trifft sie alte Bekannte, erhält neue Papiere, fährt mit einem Bus zum Bahnhof, steigt, mit Reiseverpflegung ausgestattet, in einen Zug und landet am ihr zugewiesenen Ort, wobei die Behörde bei der Einteilung Wünsche berücksichtigt.

Damit unterscheidet sich Schmidts Elysium-Modell wesentlich von der existentialistischen Höllen-Gesellschaft Jean-Paul Sartres (Deutsche Erstaufführung 1949),Jean Paul Sartre: Bei geschlossenen Türen. In: Gesammelte Dramen. Rowohlt, Reinbek 1969, S. 67 ff. die nicht wie in Dantes Inferno von Dämonen körperlich gequält wird, sondern diese Aufgabe selbst übernimmt, da sie nach dem Aspekt der Feindschaft gruppiert in einem Raum eingesperrt ist (Die Hölle sind die Anderen). In Tinas Unterwelt dagegen achtet die Behörde auf Unverträglichkeiten: „man könnte ja nie und nimmer Goethe und Bielschowsky zusammensperren. Nein, hier unten ist man wohl gerecht, aber nicht unnötig grausam“.Schmidt, 1997, S. 117.

Schmidts literarisches Elysium ist auch alles andere als eine am antiken Vorbild orientierte Schattenwelt wie etwa in Hermann Kasacks Nachkriegs-Roman Die Stadt hinter dem Strom.Hermann Kasack: Die Stadt hinter dem Strom. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1947, 1956. Der Autor war 1953–1963 Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt und schrieb das entscheidende entlastende Gutachten im Pornographie- und Gotteslästerungsverfahren gegen Schmidt (s. u.). In seinem Werk kommt nach dem Muster der Comedia der Orientalist Robert Lindhoff als Besucher auf Zeit in die unterirdische, bergwerksähnliche Ruinen-Totenstadt, trifft seine verstorbene schattenhafte Geliebte Anna und beobachtet die mechanisch-automatenhaften, sinnlosen Kreislaufaktivitäten der gespensterhaften Wesen.

Ganz anders bei Schmidt: Die Unterwelt ist ähnlich einer an dem Bild der Jugendlichkeit orientierten modernen pluralistischen Gesellschaft organisiert: Die Menschen können sich frei bewegen: Die im Abstand von etwa hundert Kilometer liegenden Riesenhöhlenstädte mit ihren nach sprachlichen Gesichtspunkten sortierten Bewohnern sind durch U-Bahnen miteinander verbunden. Ein Zuteilungssystem regelt die Versorgung: Geld wurde ersetzt durch kontingentierte „Promessen“.Schmidt, 1997, S. 109. Da es sich jedoch z. B. bei der Bezahlung in Restaurants oder Geschäften um „wörtliche Versprechen“Schmidt, 1997, S. 109. handelt, sieht man die nicht überprüfbare imaginäre Überweisung als Vertrauenssache an.Schmidt, 1997, S. 109 ff. Zu Problemen führt dies allerdings nicht: Die Warenproduktion ist gesichert, denn die Meisten arbeiten freiwillig, da nur eine Beschäftigung ihr Dasein erträglich macht. Lücken werden durch Zukäufe aus der Oberwelt geschlossen, mit Hilfe von Verbindungsleuten wie Fischer und Tina. Diese Unterwelt ist im Gegensatz zu antiken Modellen kein Schattenreich, sondern eine von einem Ausschuss entworfene und durch Technik ermöglichte künstliche Welt,Schmidt, 1997, S. 114 ff. eine Imitation des natürlichen Vorbildes: tages- und jahreszeitlich geregelte Beleuchtung, Temperatur sowie Luftfeuchtigkeit, Niederschläge und von oben herabsickernder Nebel im Herbst, Windritzen an Eckhäusern für Heul- bzw. Pfeifwindgeräusche. Technik gibt es auch in den gut beheizten Wohnungen: in Tinas Junggesellinnenheim eine Freisprech-Telefonanlage und Wandklappen für prompte Lieferung z. B. der nach dem Brausebad benötigten vorgewärmten Frotteehandtücher.