Die Erstürmung des Zwinin war eine Schlacht des Ersten Weltkriegs zwischen dem Russischen Kaiserreich und den Mittelmächten Deutsches Kaiserreich und Österreich-Ungarn. Diese Schlacht am Zwinin stellt eine Ausnahme an der Ostfront dar und ist ein Unikum des Ersten Weltkrieges: ein Grabenkrieg im Gebirge. Die Russische Armee, in zahlenmäßiger Überlegenheit, gab temporär ihre Karpathentaktik auf und grub sich auf dem Höhenkamm des Zwinins, des Ostrogs und des Ostrys ein. Es kam zu einem Stellungskampf auf einem 1000 m hohen Bergrücken mitten im Winter. Dies war eine außergewöhnliche Leistung, die gegenwärtig, weil an „einer vergessenen Front“, kaum noch im historischen Bewusstsein verankert ist.

Hintergrund Nach der Schlacht von Lemberg (September 1914) konnte die russische Armee mehr als 150 km in die Karpaten vorstoßen und das österreichisch-ungarische Kernland bedrohen. Die k.u.k. Festung Przemyśl wurde eingeschlossen und mehr als 100 Tage belagert. Große Teile Galiziens und die Bukowina mit ihren Ölfeldern bei Drohobycz fielen in russische Hand. Das Deutsche Reich hatte Ende Oktober die Schlacht an der Weichsel verloren und konnte nicht wie geplant die Ostfront von Norden nach Süden aufrollen. Gleichzeitig begann die zweite Belagerung von Przemyśl, wobei über 100.000 k.u.k. Soldaten eingeschlossen wurden. Ende November 1914 drohte ein neuer russischer Durchbruch nach Nordungarn.

In dieser kritischen Situation entschloss sich das Deutsche Reich, den österreichischen Verbündeten mit zwei Divisionen (1. Division und 3. Garde-Division) zu unterstützen. Eilig wurde mit der ungarischen Staatsbahn ein Verband aus k.u.k. und preußischen Soldaten nach Mukatschewo transportiert. Am 20. Januar 1915 etablierte sich der Verband als deutsche Südarmee unter dem Befehl des Generals von Linsingen. Diese Armee wiederum wurde zwischen zwei Armeen eingerahmt: die östliche Armeegruppe Pflanzer-Baltin mit dem Ziel Ostgalizien und der Bukowina sowie die westliche k.u.k. 3. Armee von Boroëvić, die das Ziel hatte, über den Uzsok-Pass der Festung Przemyśl Entsatz zu bringen. Nachdem die 3. Armee die Stellung bei Borynia genommen hatte, schlossen sich die beiden anderen Armeen dem Vorgehen in nordwestlicher bzw. nordöstlicher Richtung an. Die Südarmee hatte das Ziel, über den Verecke-Pass – auch der „Weg der Magyaren“ genannt – zwischen Mukatschewo und Lemberg durch das Latorca-Tal in das Stryj-Tal zu gelangen. In dieser Hauptbewegungsrichtung gliederte sich die Südarmee, bedingt durch die Passstraßen, in nahezu voneinander unabhängig operierende Kampfgruppen: Korps Gerok (48. Reserve-Division, 19. k.u.k. Infanterie-Division sowie die 12. Landsturmbrigade) operierte auf dem Ostflügel, das Korps Hofmann (1. Division; 55. k.u.k. Infanteriedivision und 131. Landsturmbrigade) in der Mitte und schließlich im Westen die 3. Garde-Division.

Dieser Streitmacht stellte sich die russische 78. Reserve-Division (309., 311. und 312. Infanterie-Regiment) unter Generalmajor Wladimir Alftan, verstärkt durch das 260. Infanterie-Regiment der 65. Reserve-Division an der Straße nach Stryi entgegen. Am Uszok-Pass stand die 65. Infanterie-Division (257., 258. und 259. Infanterie-Regiment) unter General Pjotr Postowski, um Toronya die 2. Kuban-Kosaken-Division, verstärkt durch das Infanterie-Regiment 310 von der 78. Division. Führer dieser Kräfte war General der Artillerie Wladimir Nikitin, der sein Hauptquartier in Sambor aufgeschlagen hatte. In der Nähe führt die Eisenbahnlinien von Przemyśl nach Mukatschewo über Stryj und das Laborcza-Tal. Erschwerend war der Umstand, dass bei ihrem Zurückweichen auf die ungarisch-galizische Grenze die verteidigenden österreichischen Truppen, um ihre Verfolger aufzuhalten, alle weiterführenden Eisenbahnbrücken und Tunnel zerstört hatten. Auch einzelne Dörfer, die dem Feind hätten Unterschlupf bieten können, waren vernichtet. Man zog somit durch verbrannte Erde.

Geplant war, von Ungarn kommend, die Beskiden in ca. 14 Tagen zu durchstoßen. Ab dem 25. Januar 1915 eroberte man in rascher Folge bedeutende Gebirgspässe: vom 25. bis 28. Januar Gefecht bei Vezerszallas; vom 29. bis 30. Januar Gefecht am Verecke-Pass und vom 31. Januar bis 2. Februar Gefecht am Lysa-Pass. Dann erreichte man über Tukhol‘ka kommend am 4. Februar Oryava am Fuße des Zwinin.

Lage und Situation

mini|Der Zwinin – eine Postkarte des GR.1

Der Bergrücken des Zwinin erstreckt sich über ca. 10 km vom Südosten nach Nordwesten und ist in seinem gesamten Verlauf über 800 m hoch. Die drei höchsten Erhebungen sind (von W nach O): der Zwinin II (1109 m); die Höhe (1091 m) und der Zwinin I (992 m). Weiter östlich schließen sich dem Bergmassiv der Ostrog (936 m) und der Ostry (1026 m) an. Zwischen dem Zwinin I und dem Ostrog führt eine Passstraße von Oryava nach Koziowa und weiter nach Skole. Dem Zwinin ca. 5 km südlich vorgelagert und fast parallel verläuft das Gebirgsmassiv des Dauzki, ebenfalls über 1000 m hoch. Im Tal zwischen beiden Gebirgskämmen liegen die Dörfer Orjawa, sowie, der Talstraße folgend, Pogar und Kriwe auf etwa 700 m Höhe. In einem holzreichen Tal auf der anderen Seite des Zwinin liegt Kosjowa mit Sägewerken und Fabriken. Dieses Gelände war mit seinen verhältnismäßig breiten Straßen und Eisenbahnanschluss nach Skole für den russischen Nachschub wie geschaffen. Von hier aus konnten Mannschaftsersatz und Munition in sicherer Deckung herangeschafft werden.

Anfang Februar herrschte in den Karpaten noch tiefster Winter. Orte wie auch Berge waren meterhoch eingeschneit. In den Nächten traten Temperaturen weit unter −20 °C auf.

Kampf am Zwinin Die "Überraschungsangriffe" vom 4. bis 11. Februar 1915 Am Morgen des 4. Februar 1915 erreichte das Infanterie-Regiment „von Boyen“ (5. Ostpreußisches) Nr. 41 das Dorf Oryava. Man begann sofort die Höhen des Zwinins zu ersteigen, wurde aber auf halbem Weg durch heftiges Infanteriefeuer gezwungen, sich in den Schnee einzugraben. Gleiches ereignete sich auf der anderen Seite der Passstraße beim Ostpreußischen Grenadierregiment Nr. 1 „Kronprinz“, das sich an den Hängen des Ostrogs eingraben musste. Der Befehlshaber der 1. Division General Richard von Conta erstieg daraufhin die Höhen des vorgelagerten Dauzki, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Unschwer waren die russischen Schanzarbeiten auf dem Kamm des Zwinins, des Ostrogs und des Ostrys zu erkennen. Mehrere Gräben hintereinander mit Drahtverhauen waren schon erstellt. In der Hoffnung, dass diese noch nicht weit gediehen sein würden, entschloss er sich zu einem gemeinsamen überraschenden Angriff. Die russischen Stellungen an der Südwestseite des Zwinin I, der ca. 300 m vom Orava-Tal aufragt, waren acht Reihen übereinander tief eingegraben. Ihre Stellung war dem Zuschauerraum eines Theaters vergleichbar, dessen exklusive Ränge und Logen das gesamte Tal und den Hang im Auge hatten. Ohne sich selbst zu gefährden, konnten sie einfach nur Ecrasitladungen den Berg herunterrollen lassen und damit die angreifenden deutschen Truppen in Gefahr und Unordnung bringen.

So versuchte die 1. Division eine Woche lang, durch fortgesetzte überraschende Angriffe das Bergmassiv des Zwinins zu stürmen. Allein die höher gelegenen russischen Stellungen hatten den besseren Überblick. Durch den tiefen Schnee konnten die Grenadiere und Musketiere nicht überraschend schnell nach vorne stürmen, sondern waren ein leichtes Ziel für die MG-Stellungen des Gegners. Getötete Soldaten fielen nicht um, sondern wurden durch den Schnee aufrecht gehalten. Am Ende der Woche musste von Conta seinen drängenden österreichischen Verbündeten klarmachen, dass ohne ausreichende Artillerieunterstützung ein Erstürmen des Zwinins aussichtslos sei.

Insgesamt kam es zu drei großen Angriffen – am 7., 9. und 11. Februar 1915 –, die allesamt vom Gegner abgewiesen wurden. Viele Soldaten erlitten Erfrierungen. In einem Hin und Her arbeiteten sich nun die deutschen Truppen unter Ausnutzung der kleinsten Deckung, eine Stellung nach der anderen hoch. Über Hundeschlitten wurde ihnen Nachschub zugeführt und Verletzte und Erfrorene ins Tal gebracht. Durch die Abfolge von Tauwetter und Frost waren die Trampelpfade im Schnee spiegelglatt geworden.

Das Erstarren der Front zum Stellungskampf vom 12. Februar bis 22. März 1915 mini|Geschütze werden auf dem Dauzki in Stellung gebracht

Die deutschen Truppen begannen nun ihrerseits mit dem Bau von Gräben und Unterständen. Beide Seiten gingen wechselseitig zum Angriff über, ohne dass sich die Frontlinie auf dem Bergkamm wesentlich verschob. Auf deutscher Seite begann man nun die Artillerie nachzuschieben. Mörser, Haubitzen und alle Steilgeschütze wurden im Tal positioniert. Dazu gehörte auch ein 30,5-cm-Mörser. Die 1. Division hatte dagegen kaum Steilgeschütze, ihre Feldkanonen hatten eine flache Bahn. Unter Aufbringung großer Kraftleistungen für Menschen und Zugpferde gelang es, diese auf den gegenüberliegenden Dauzki zu ziehen und als Batterien in Stellung zu bringen. „Um ein einziges Geschütz auf die Höhe 887 Metern in Feuerstellung zu bringen, waren 14 Pferde nötig, alle entbehrlichen Kanoniere von vier Batterien und zwei Züge Pioniere; Mensch und Tier arbeiteten sich halbtot daran, und nach fünf Stunden erst war es geschehen.“Mönkeberg, Carl: Unter Linsingen in den Karpathen; Berlin 1917, S. 42. Vor allem Feldmarschallleutnant Peter von Hofmann drängte zur Eile, da die Nachrichten aus Przemyśl immer besorgniserregender wurden. Insgesamt gab es drei Angriffe mit Artillerieunterstützung: am 7., 10. und 20. März, die, von kleinen Erfolgen abgesehen, nicht den Berg in Besitz brachten. In der allgemein angespannten Lage glaubte man schließlich auch an Spionage: Die verbliebenen Dorfbewohner wurden ausgewiesen, die österreichischen Militärbehörden hängten im Dorf Komaniki einen Geistlichen, der vom Kirchturm der russischen Armee Signale gegeben haben soll, und den Küster. Am 9. und am 20. März 1915 hatte man schon den Scheitel des Bergkamms erreicht und konnte dennoch den Zwinin nicht in Besitz nehmen. So kam es auf dem oberen Bergkamm zum Stellungskrieg.

Da Freund und Feind vom Dauzki aus nicht mehr zu unterscheiden waren, konnte auch die Artillerie keine Unterstützung mehr geben. Es kam zu erbitterten Handgranatengefechten. Schließlich wurde erwogen, die Infanterie zurückzunehmen und den Gipfel noch einmal durch ein gezieltes Wirkschießen der Artillerie sturmreif zu machen. Dies stieß auf erbitterten Widerstand der Infanterie. Schließlich zog Nebel auf, der solche Überlegungen ad absurdum führte. Die Artillerie vertrieb sich nun die Zeit mit Wettkämpfen im Schnee: „St. Moritz“ nannten sie ihre Spiele aus „Schneeschuhlaufen“ und Figuren bauen. Derweil versuchte die Infanterie immer noch, den Berg zu erobern.

Am 22. März 1915 fiel die Festung Przemyśl in russische Hände. Der Wettlauf mit der Zeit war verloren. Durch russische Jubelfeiern wie auch durch abgeworfene Flugblätter konnten es alle österreichischen und deutschen Soldaten erfahren. Am 23. März 1915 entschloss sich die Südarmee, beide dort kämpfenden Divisionen zu einem Armeekorps zu vereinen und dieses dem Generalkommando Felix Graf von Bothmers zu unterstellen.

Vorbereitungen im Tauwetter vom 23. März bis 8. April