Die Sing-Akademie zu Berlin ist die älteste gemischte Chorvereinigung der Welt. Die seit 1791 bis heute ununterbrochen fortbestehende Institution umfasst gegenwärtig einen großen Hauptchor für Erwachsene, einen Kammerchor, einen Mädchenchor sowie ein Archiv, das zu den bedeutendsten Notensammlungen des 18. und 19. Jahrhunderts zählt. Musikalischer Leiter des Hauptchores der Sing-Akademie ist seit 2006 Kai-Uwe Jirka, Professor an der Universität der Künste Berlin. Der Mädchenchor wird geleitet von Friederike Stahmer, Professorin an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Für Programmleitung und Dramaturgie zeichnet Christian Filips verantwortlich.
Geschichte Gründung und Aufbau 1791–1900 mini|hochkant|Carl Friedrich Christian Fasch, Stifter der Sing-Akademie zu Berlin
Die Gründung der Sing-Akademie zu Berlin wird auf den 24. Mai 1791 datiert, an dem ihr Begründer und erster Direktor Carl Friedrich Christian Fasch, Hofcembalist Friedrichs des Großen, zum ersten Mal ein Probentagebuch zu führen begann. Fasch vermerkte in diesem 1791: „Den 24. May bey Mad. Voitus zum ersten mahl“.Georg Schünemann: Die Singakademie zu Berlin. 1791–1941, Regensburg 1941, S. 14. Der Chor hatte zu dieser Zeit 28 MitgliederHinrich Lichtenstein: Zur Geschichte der Sing-Akademie in Berlin, Berlin 1843, VI. und aus dem gelegentlichen Üben und Proben war ein regelmäßiges Zusammenkommen geworden. Bekannt wurde der Chor zuerst für seinen gemischten A-cappella-Chorklang, der den Geschmack der damaligen Zeit traf.
Private Probenräume reichten wegen der ständigen Zunahme der Mitgliederzahl bald nicht mehr aus, weshalb Fasch beim zuständigen Minister die Bereitstellung des Saales der Königlichen Akademie der Künste erbat. Am 5. November 1793 konnte der Chor im Saal der Akademie erstmals proben. „Den 5. November wurde dem zufolge die Akademie eröffnet und die Vorsteher der Gesellschaft vorgestellt“, schrieb Fasch in seinem Probentagebuch.Hinrich Lichtenstein: Zur Geschichte der Sing-Akademie in Berlin, Berlin 1843, VIII. Seit diesem Tag nannte sich der Chor Singe-Accademie. Ab dem Jahr 1794 studierte Fasch regelmäßig, neben Eigenem, Werke von Johann Sebastian Bach ein. Die Sing-Akademie wurde schnell über Berlin hinaus bekannt. Komponisten wie Joseph Haydn und Ludwig van Beethoven, der die Sing-Akademie 1796 besuchte, schrieben für sie. Als Fasch am 3. August 1800 starb, zählte der Chor bereits 137 Mitglieder.Hinrich Lichtenstein: Zur Geschichte der Sing-Akademie in Berlin. Berlin 1843, XIV.
Faschs Nachfolger und zweiter Direktor, Carl Friedrich Zelter, erwirkte 1817 auf der Basis der Ersten Grundverfassung die Erteilung der Korporationsrechte an die Sing-Akademie durch das Preußische Ministerium des Innern und verankerte sie fest in einem System preußischer Musikpflege. Er gliederte ihr 1807 eine Orchesterschule an und ließ aus ihr 1808 eine Liedertafel hervorgehen, den ersten Männerchor der deutschen Geschichte. Unter seiner Direktion wurde 1827 der Bau eines eigenen Konzertgebäudes am Festungsgraben (das heutige Gebäude des Maxim Gorki Theaters) in der Nähe der Straße Unter den Linden abgeschlossen.
Im 19. Jahrhundert bestand die Bedeutung der Sing-Akademie in der Pflege des musikalischen Werks Johann Sebastian Bachs und darin, die geistliche Musik einem bürgerlichen Publikum außerhalb der Kirche zugänglich gemacht und somit einen Übergang von der höfischen Musikkultur zur bürgerlichen Musikpflege ermöglicht zu haben. In der Sing-Akademie fand am 11. März 1829 jene legendäre Wiederaufführung der Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach erstmals nach dessen Tod unter dem 20-jährigen Felix Mendelssohn Bartholdy statt, die eine umfangreiche Bach-Renaissance einleitete. Das Cembalo des Berliner Instrumentenbauers Johann Christoph Oesterlein, welches Carl Friedrich Zelter gehörte und von dem aus Felix Mendelssohn Bartholdy vermutlich die berühmte Aufführung der Matthäuspassion leitete, befindet sich als Dauerleihgabe der Sing-Akademie im Musikinstrumenten-Museum Berlin. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ließ sich eine gewisse Stagnation im Repertoire erkennen.
Modernisierung und Renommee 1900–1950 mini|Die Sing-Akademie mit Direktor Georg Schumann im Haus am Festungsgraben hinter der Neuen Wache (1940)
Erst unter der Direktion des Komponisten und Pianisten Georg Schumann öffnete sich der Chor mit Beginn des 20. Jahrhunderts der modernen Musik. Schumann entwickelte die Sing-Akademie zu einem Spitzenchor, der bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs außer Abo-Konzertreihen im eigenen Haus regelmäßig Konzertreisen innerhalb Deutschlands und Europas unternahm und neben dem Berliner Philharmonischen Orchester, mit dem der Chor regelmäßig musizierte, zu einem der bedeutendsten musikalischen Botschafter Berlins im Ausland wurde.
Konzertreisen in das europäische Ausland 1913, April und Mai: Mailand, Turin und Bologna mit dem Berliner Philharmonischen Orchester; Aufführungen der J. S. Bachschen Passionen sowie des Deutschen Requiems von J. Brahms; (Erstaufführungen in Italien). 1926, Oktober 1926: Mitteleuropa; Prag (mit der Tschechischen Philharmonie), Brünn, Wien (mit dem Wiener Concertverein / Wiener Sinfonieorchester, den heutigen Wiener Symphonikern) und Budapest; J. S. Bach, h-Moll-Messe; L. van Beethoven, Missa solemnis; G. F. Händel, Israel in Egypt; 1927, Mai 1927: Konzerte mit dem Scala-Orchester in der Mailänder Scala; J. S. Bach, h-Moll-Messe; G. F. Händel, Israel in Egypt. 1930, Oktober: Stockholm, Oslo, Göteborg und Kopenhagen; J. S. Bach, h-Moll-Messe; G. F. Händel, Israel in Egypt. 1935, April: Kopenhagen; J. S. Bach, Johannes-Passion; G. F. Händel, Israel in Egypt. 1939, März: Rom, Neapel, Venedig (Teatro La Fenice), Florenz (Palazzo Vecchio), Bologna; J. S. Bach, h-Moll-Messe, Matthäus-Passion; J. Haydn, Die Jahreszeiten (6 Konzerte in 12 Tagen).Georg Schünemann: Die Singakademie zu Berlin. 1791–1941. Regensburg 1941, S. 178 ff.
Neubeginn 1950–1973 Dieses hohe Niveau künstlerischen Wirkens ging der Sing-Akademie durch den Zweiten Weltkrieg und dessen Folgen – Zerstörung des eigenen Hauses und damit der wirtschaftlichen Grundlage, Teilung Berlins und Deutschlands – verloren. Gleichwohl gelang es Georg Schumann, die Sing-Akademie während des Krieges dem Zugriff des Goebbelsschen Propaganda-Ministeriums zu entziehen, indem er sie unter Wahrung ihrer rechtlichen Selbständigkeit der Akademie der Künste angliederte. Dies verhinderte ein Verbot nach Kriegsende, ein Schicksal, dem fast alle Vereine und Verbände in Deutschland zum Opfer fielen, und sicherte ihr unter alliierter Besatzung das Überleben. Die Sing-Akademie hat daher seit ihrer Gründung einen lückenlosen Namens- und Rechtsbestand. Während und nach dem Krieg wurde stets die Proben- und Konzerttätigkeit aufrechterhalten. Am 14. April 1945, kurz vor dem Einmarsch der Roten Armee, als an Musik oder gar Konzerte im zerstörten Berlin kaum mehr zu denken war, gab der Chor im noch unzerstörten Beethoven-Saal zusammen mit den Berliner Philharmonikern mit dem Deutschen Requiem von Johannes Brahms das letzte Konzert vor Kriegsende. Bereits am 21. und 24. November 1945 folgte gemeinsam mit dem Staatsopernorchester unter Georg Schumann mit J. S. Bachs h-Moll-Messe das erste Nachkriegskonzert.Gottfried Eberle: 200 Jahre Sing-Akademie zu Berlin. Berlin 1991, S. 196.
1950 übernahm Mathieu Lange die Leitung der Sing-Akademie, an deren Spitze er fast 25 Jahre stand. Er setzte die Bach-Pflege des Chores fort. Für die Erneuerung im Sinne einer modernen, transparenteren Bach-Klangs und „[…] weil er als neuer Leiter […] unter schwierigen Bedingungen den Chor der Sing-Akademie wieder zu dem vollwertigen Instrument gemacht hat, das er in Berlin war […]“ erhielt Mathieu Lange 1951/52 den Musikpreis des Verbandes der Deutschen Kritiker in Berlin. Das Bundesverdienstkreuz im September 1967, die Zelter-Plakette im März 1970 und der Georg-Friedrich-Händel-Ring im Mai 1971 würdigten außerdem die hervorragenden Verdienste, die sich Mathieu Lange durch die Pflege wertvoller Chor-Musik mit der Sing-Akademie erworben hatte. Mit den alljährlichen Aufführungen von Bachs h-Moll-Messe, Matthäus-Passion und Weihnachtsoratorium führte er die Tradition der Sing-Akademie fort.
Da das Haus der Sing-Akademie Unter den Linden gegenüber der Staatsoper beschlagnahmt worden war, fanden die Chorproben zunächst in den Hörsälen der Charité, später in der Schulaula einer Berufsschule am Halleschen Ufer statt. Mit dem Bau der Philharmonie 1963 gelang es Mathieu Lange, unterstützt vom Berliner Senat, endlich einen angemessenen Probenraum als Domizil zu nutzen. Neben Chorwerken von Georg Friedrich Händel, Joseph Haydn, Wolfgang Amadeus Mozart, Johannes Brahms, Anton Bruckner und Robert Schumann überraschte er auch international immer wieder mit Aufführungen versunkener und zum Teil vergessener Werke großer Komponisten. So förderte er z. B. eine Messe des 18-jährigen Giacomo Puccini und ein Te Deum des 20-jährigen Georges Bizet ans Licht, außerdem weithin unbekannte Werke von Claudio Monteverdi, Alessandro Scarlatti, Carl Philipp Emanuel Bach, Antonio Caldara, Carl Maria von Weber, Otto Nicolai und anderen. Auch die Moderne fehlte unter seiner Leitung nicht im Repertoire der Sing-Akademie: Igor Strawinsky, Max Baumann, Hans Werner Henze (Musen Siziliens, Auftragswerk zum 175-jährigen Bestehen des Chores 1966). Konzertreisen führten die Sing-Akademie unter Mathieu Lange ins In- und Ausland, z. B. nach Schweden, Frankreich und Polen.
Nach dem Bau der Berliner Mauer 1961 war Ost-Berlinern der Zugang zum Chor der Sing-Akademie verwehrt, wobei durch den jahrelangen Probenort in West-Berlin kaum noch aktive Mitglieder aus dem Ostteil verblieben waren. 1963 gründete der Dirigent Helmut Koch in Ost-Berlin am Schauspielhaus in Berlin-Mitte unter Protest aus dem Westteil der Stadt mit fast gleicher Namensbezeichnung eine Berliner Singakademie, während in West-Berlin weiterhin die Sing-Akademie zu Berlin fortbestand. Bis heute existieren beide Ensembles getrennt voneinander und bereichern das Kulturleben der Stadt.
Repertoire-Erweiterungen 1973–2006 Zum Nachfolger Langes wurde 1973 der Dirigent und Komponist Hans Hilsdorf gewählt. Er erweiterte das Repertoire nach allen Seiten, stellte Stabat-mater-Kompositionen von Francis Poulenc, Gioachino Rossini und Antonín Dvořák vor. Osteuropa trat mit Zoltán Kodály (Psalmus Hungaricus) ins Blickfeld. Die Auseinandersetzung mit der Moderne – Bernd Alois Zimmermann, Hans Gál, Nikolai Badinski, Helge Jörns und anderen – gelangte 1983 bis zur Kantate Das Augenlicht von Anton Webern („Durch unsre offnen Augen“, Op. 26, 1935), gemeinhin Laienchören verschlossen. Unter Hilsdorfs Leitung feierte die Sing-Akademie 1991 ihr 200-jähriges Bestehen mit einem Konzert in der Deutschen Oper Berlin sowie vor ihrem Stammhaus hinter der Neuen Wache.
Der Verbindung historischer und zeitgenössischer Musikpraxis widmet sich die Sing-Akademie zu Berlin bis heute. Als Hilsdorf 1999 verstarb, hinterließ er sie in schwieriger Situation. Es gab innerhalb der Chorvereinigung Richtungsstreitigkeiten und Querelen über einen neuen Umgang mit der Berliner Singakademie in der wiedervereinten Stadt sowie die Ausrichtung der künstlerischen Arbeit. Die Sing-Akademie konnte sich lange nicht über einen Nachfolger im Direktorenamt einigen. Die Bürde und Verantwortung gegenüber ihrer Geschichte wurde zur Last, Interimsleiter führten die Proben- und Konzertarbeit fort.
Im September 2002 übernahm Joshard Daus die künstlerische Leitung und begründete eine enge Kooperation mit der EuropaChorAkademie. In diese Zeit fallen erste Aufführungen aus dem zurückgegebenen Musikarchiv und Einspielungen der Passionswerke von Carl Philipp Emanuel Bach. Daus bildete einen Kammerchor insbesondere zur Aufführung der Archiv-Werke. Im Dezember 2005 wurde die gemeinsame Zusammenarbeit einvernehmlich beendet.
Seit 2006