mini|hochkant|Wappen der Grafen von Wassenberg/Grafen von Geldern im Armorial Gelre, ca. 1380 (unvollständig koloriert) Die Grafen von Wassenberg waren im Hochmittelalter ein niederrheinisches Adelsgeschlecht, das die Grafschaft Wassenberg regierte und seit vor 1096 bis 1371 auch die Grafen und Herzöge von Geldern stellte. Wassenberg ging bereits 1129 als Heiratsgut der Jutta, Tochter des Grafen Gerhard III. von Wassenberg, an deren Mann Graf Walram I. von Limburg und damit an die Grafen und späteren Herzöge von Limburg über, später dann an das Herzogtum Jülich. Die Grafen von Wassenberg verlagerten ihr Herrschaftszentrum in die Burg Geldern.
Geschichte mini|Wassenberg im frühen 19. Jh. mini|Burg Wassenberg
Zum Ursprung dieses adeligen Geschlechtes können urkundlich viele Fakten im Detail nicht belegt werden oder sind strittig. Die Vorgänger dieser Adelsfamilie kamen vermutlich aus St. Anton (Antoing) in der westflanderichen Grafschaft Hennegau. Aus einer dort ansässigen Familie, die „freie Grundherren“ waren, wurden die Brüder, Gerhard und Rutger, die bei ihrem Auftreten nach dem Jahre 1000 am Niederrhein, nach ihrer räumlichen Herkunft Flamenses (aus Flandern), genannt wurden, am Niederrhein ansässig. Für „Flamenses“ wird angenommen, dass von „Vlaming“ abgeleitet wurde, da ihre Herkunft in Flandern lag. Nach einer anderen Vermutung könnte Flamenses auch von „rothaarig“ abgeleitet worden sein. Kaiser Heinrich II. vergab um 1020 an diesen beiden Brüder (Flamenses) „Gebiete bei Wassenberg“ und „Gebiete im Bereich von Kleve“ zu Lehen, wobei sie sich als Grafen umgehend nach diesen beiden Höhenburgen (von denen es lediglich drei am Niederrhein gibt) benannten (Grafen zu Wassenberg, Grafen zu Kleve).Anton Fahne. In: Die Dynasten, Freiherren und Grafen von Bocholtz. S. 277.Laut Fahne könnten nach den lateinischen Texten Gerhard und Rutger auch Neffe und Onkel statt Brüder gewesen sein. In: Anton Fahne: Die Dynasten, Freiherren und Grafen von Bocholtz. S. 276.
Nachkommen dieser beiden „Flamenses“ waren mit fast allen wichtigen Adelsdynastien im Gebiet von Maas und Niederrhein verwandt. Nachfolger von Gerhard wurden die Grafen von Wassenberg und danach die Grafen von Geldern. Die Nachkommen von Rutger waren die Grafen von Kleve. Neben diese beiden Grafschaften, die später zu Herzogtümern wurden, gab es weitere Verwandtschaften mit den Herren von Heinsberg und Falkenburg und mit den Herzogtümern Jülich und Berg.Anton Fahne führt eine Stammtafel für Heinsberg, Valkenstein, Wassenberg, Kleve und Geldern an. Anton Fahne: Die Dynasten, Freiherren und Grafen von Bocholtz. S. 276.
Bereits die Nachfolger des ersten Gerhard Flamenses, Sohn „Gerhard II.“ und Enkel „Heinrich“ hatte die Machtbasis über Wassenberg hinaus mit zusätzlichen Lehen im Bereich Maas und nördlich davon ausgebaut. Unter Graf Gerhard III. von Wassenberg, der bereits auch Graf Gerhard I. von Geldern genannt wurde, begann die Verlagerung des Wohnsitzes in die Grafschaft Geldern und deren Erweiterung. Auch den nächsten Grafen gelang es das Gebiet von Geldern weiter zu vergrößern. Unter Otto II. von Geldern war bereits Mitte des 13. Jahrhunderts das Gebiet der Grafschaft Geldern mit den vier Quartieren: Veluwe, Nijmegen, Zutphen und Obergeldern, in der die Stadt Geldern lag, weitgehend abgerundet.Hermann Terhalle. In: Von der Territorialgrenze zur Staatsgrenze.
Inzwischen hatte nach dem Tode von Gerhard III. von Geldern 1129 dessen Tochter Judith „Wassenberg“ an die Grafen von Limburg vererbt, da sie Walram III. von Limburg geheiratet hatte.Wilhelm von Mirbach-Harrf. In: Zur Territorialgeschichte des Herzogthums Jülich. 1874, S. 25. Die Grafschaft Wassenberg war somit keine eigenständige Grafschaft mehr, da sie nun ein Bestandteil anderer Herrschaftsgebiete war. Ab dem Spätmittelalter wurde sie deshalb zum Amt Wassenberg.
Zum Zeitpunkt der Schlacht von Worringen 1288 war der damalige Graf Rainald I. von Geldern auch kurzzeitig Herzog von Limburg. Da Rainald I. zu den Verlierern gehörte, mussten sowohl Wassenberg wie auch das Herzogtum Limburg wieder abgetreten werden. Das Amt Wassenberg wechselte danach noch häufiger die Zugehörigkeit und gehörte beispielsweise ab 1311 zu Jülich, ab 1317 zu Heinsberg und ab 1421 kurzzeitig zur Grafschaft Moers.Wilhelm von Mirbach-Harff. In: Zur Territorialgeschichte des Herzogthums Jülich. 1874, S. 22.
Geschichte der Adelsfamilie Gerhard Flamenses mini|Propsteikirche St. Georg, Wassenberg Der erste Edelherr von Wassenberg aus der Familie „Flamenses“ war wohl Gerhard Flamenses (oder Gerardus Flamens). Dieser ist urkundlich 1033 Zeuge eines Vertrages unter Kaiser Konrad II.Wilhelm Janssen. In: Johannes Stinner, Karl-Heinz Tekath (Hrsg.): Geschichte Gelderns bis zum Traktat von Venlo (1543). Teil 1. 2001, S. 13. Dessen Vater mit Namen Dietrich soll vermutlich ein Graf in Westflandern gewesen sein. Wie bereits angeführt, mussten die Söhne Gerhard und Rudger nach 1000 Westflandern verlassen. 1021 erhielt Gerhard das Gebiet Wassenberg zum Dank für seine Dienste von Kaiser Heinrich II. zu Lehen und Gerhard wurde zum „Herrn zu Wassenberg“. Nachfolger wurde sein Sohn „Graf Gerhard II.“, der für 1042 nachweisbar ist. 1053 wurde dieser Graf von Teisterbant und Betuwe (Betau) und 1057 Graf des Hattuariergaus als Lehen von Erzbischof Hermann II. von Köln.Ralf G. Jahn. In: Johannes Stinner, Karl-Heinz Tekath (Hrsg.): Geschichte Gelderns bis zum Traktat von Venlo (1543). Teil 1. 2001, S. 31
Nach den Belehnungen gründete 1118 der Graf Gerhard III. in Wassenberg das Stift St. Georg als Grablege der ersten Grafen.Theodor Joseph Lacomblet. In: Urkundenbuch für die Geschichte des Niederrheins oder des Erzstiftes Köln, Urkunde 289. Band 1: 779 bis 1200. 1840, S. 189. Die nächsten Grafen wurden in den Zisterzienserklostern Kamp und Roermond beigesetzt. Nach der Verlagerung des Familiensitzes nach Geldern wurde unter Otto II. von Geldern 1248 das Kloster der Zisterzienserinnen in Graefenthal bei Goch gegründet. Die Grablege der Grafen und der ersten Herzöge von Geldern wurde danach bis 1337 in dieses Kloster verlegt.In: Onlinefassung des Klosters Graefenthal.Wilhelm Janssen. In: Johannes Stinner, Karl-Heinz Tekath (Hrsg.): Geschichte Gelderns bis zum Traktat von Venlo (1543). Teil 1. 2001, S. 15.
Zur Regierungszeit und dem Todesjahr des ersten Gerhards, Herr zu Wassenberg, fehlen eindeutige urkundliche Nachweise.In der Neuen deutschen Biographie wird 1057 als Todesjahr angegeben, während Ralf G. Jahn nach 1033 anführt. Nachfolger von Gerhard Flamenses wurde der Sohn Gerhard als Graf Gerhard II. von Wassenberg, der dieses Adelsgeschlecht fortsetzte. Dieser hatte drei Söhne und zwar: Heinrich, Gerhard und Dietrich. Während Heinrich als Ältester die Dynastie in Wassenberg fortführte, wurde Gerhard 1082 Graf in Hamaland und 1085 Graf im Westfalengau. Dietrich dagegen wurde als „Herr zu Heinsberg und Falkenberg“, erster nachweisbarer Stammvater dieses Adelsgeschlechts. Er ist 1058 Zeuge in einer Utrechter Urkunde, wurde 1056 Graf in Veluwe und 1058 Graf in Teisterbant.Ralf G. Jahn. In: Johannes Stinner, Karl-Heinz Tekath (Hrsg.): Geschichte Gelderns bis zum Traktat von Venlo (1543). Teil 1. 2001, S. 32.
Gerhard II. von Wassenberg wurde 1076 mit der Grafschaft „Maasgau“ belehnt, zu dem auch Gebiete der Vogtei Geldern gehörten. 1079 wird die Vogtei zur Grafschaft Geldern. Sein Sohn Heinrich folgte von 1082 bis 1085 als Graf Heinrich von Wassenberg. Graf Heinrich hatte zwei Söhne, Gerhard und Heinrich. Letzterer war von 1096 bis 1118 „Graf von Krickenbeck“.Da die „Gerhards“ zuerst Grafen von Wassenberg und erst später auch Grafen von Geldern wurden, ist die Zählweise der Grafen für Wassenberg und Geldern zwangsläufig unterschiedlich, wodurch die richtige Zuordnung zu Wassenberg und Geldern in alten Urkunden und Schriften manchmal schwierig ist. Dies gilt besonders für viele Daten der Grafen bis Mitte des 12. Jahrhunderts. Für diese ersten Grafen werden von den Historikern sowohl drei wie auch vier Generationen vermutet. Nach der Meinung ältere Historiker folgte auf Gerhard I. von Wassenberg bereits Graf Heinrich I. Inzwischen wird dieser aber als Sohn von Gerhard II. angesehen, der nach dem Tod des Vaters 1082 bis 1085 amtierte. Teilweise bestehen auch noch Lücken, so fehlt beispielsweise bisher für Geldern von 1131 bis 1138 noch ein eindeutiger Nachweis für den regierenden Graf.
Der ältere Sohn und Nachfolger Gerhard III. von Wassenberg benutzte ab 1096 als erster den Titel Graf Gerhard I. von Geldern.Wilhelm Janssen. In: Johannes Stinner, Karl-Heinz Tekath (Hrsg.): Geschichte Gelderns bis zum Traktat von Venlo (1543) / in einer Urkunde von 1096 der Gräfin Ida von Boulogne. Teil 1. 2001, S. 15 Er war mit Clementia von Poitou verheiratet. Während seiner Regierungszeit wurden die Befestigungen von Wassenberg verstärkt und 1107 das „Castrum Wassenbergha“ erweitert.’s-Gravenhage: Nijhoff. In: Urkundenbuch der Grafschaft Gelre en Wassenberg. 1872, S. 210. Weiterhin wurde der Bau der Colligiatkirche zu Wassenberg 1118 ebenfalls unter Graf Gerhard III. von Wassenberg vollendet.Anton Fahne. In: Chroniken und Urkundenbücher hervorragender Geschlechter, Stifter und Klöster, S. 211. Zu dieser Zeit gehörte Wassenberg mit Heinsberg und Sittard zu den einzigen Kirchspielen am Niederrhein, die östlich der Maas lagen und die zum Diözesanverband von Lüttich und nicht zum Erzbistum Köln gehörten. Die Kirche wurde deshalb 1118 von Bischof Otbert von Lüttich eingeweiht.Anton Joseph Binterim, Joseph Hubert Mooren. In: Die Erzdiocese Köln bis zur Französischen Staatsumwälzung. 1892, S. .
Sein Sohn Gerhard wurde nach dem Tode des Vaters um 1129 als Graf Gerhard II. von Geldern Nachfolger. Er war der letzte aus der Familie, der auch den Titel eines amtierenden „Grafen von Wassenberg“ führte. Lediglich Rainald I. von Geldern war später nochmals kurzzeitig auch amtierender Graf von Wassenberg. Gerhard II. heiratete Ermgard von Zutphen (auf Deutsch: Zütphen), die die Erbtochter des Grafen Otto II. von Zutphen war. Über seine Ehefrau wurde die Grafschaft Zütphen nach Ottos II. Tod Bestandteil des Herrschaftsgebietes von Geldern. Er regierte nur von 1129 bis 1131. Seine Tochter Judith (* 1074 oder 1090, † 1151) heiratete Walram III. von Limburg und war die Erbin von der Grafschaft Wassenberg.Nach den Angaben von Gaál und Gresmann gehörte Wassenberg im Mannesstamm nach 1118 nicht mehr dem Geschlecht Flamenses, während Fahne noch später Grafen von Wassenberg aus dem Hause Flamenses angibt. Bis auf die Jahresangabe, Gerhard II. starb erst 1131, dürfte die Aussage, dass in Wassenberg ab Anfang des 12. Jahrhunderts keiner der Familie Flamenses mehr amtierte, richtig sein.
Nachfolger wurde der Sohn Heinrich, der als Graf Heinrich I. von Geldern und Zütphen bis 1182 regierte. Das Gebiet der Grafschaft Geldern umfasste zu dieser Zeit bereits viele Bereiche zwischen Roer und Maas bis zur Zuidersee und war eine der größten Grafschaften in Niederlothringen. Durch den Streubesitz in Friesland und Westfalen aus dem Zutphener Erbe hatte der Graf viele Händel mit den Bischöfen von Lüttich, Münster und Paderborn. Da er gute Beziehungen zu Kaiser Barbarossa unterhielt, konnte er aber seinen Besitz weitgehend absichern.Ralf G. Jahn. In: Johannes Stinner, Karl-Heinz Tekath (Hrsg.): Chronik der Grafschaft und des Herzogtums Geldern. Teil 1. 2001, S. 491. mini|Karte vom Herzogtum Geldern um 1350