Algermissen ist eine Gemeinde im Landkreis Hildesheim in Niedersachsen in Deutschland.

Geografie Geografische Lage Die Gemeinde liegt inmitten der Hildesheimer Börde und erstreckt sich über 35,56 km². Mitten durch das Gemeindegebiet fließt der Stichkanal Hildesheim und nördlich am Hauptort vorbei der Alpebach nach Süden in den Bruchgraben.

Nachbargemeinden

Gliederung (Ortschaften) Ortschaft Einwohner(1. Januar 2026) Algermissen 4877 Bledeln 698 Groß Lobke 609 Lühnde 1423 Ummeln 753 Wätzum 209 (Quelle zur Tabelle:)

Geschichte Die älteste urkundliche Erwähnung Algermissens ist aus dem Jahr 985 erhalten.

Die beiden ehemals selbstständigen Dörfer Groß- und Klein-Algermissen zählen zu den ältesten Siedlungen im Gau Astfala und gehörten gemeinsam als Pfarrbezirk zum Bann Lühnde. Vom 12. bis 14. Jahrhundert kommt ein Adelsgeschlecht „von Algermissen“ vor. Ein Dietrich von Algermissen führte 1350 eine Elster in seinem Siegel, heute das Wappentier der Gemeinde.

Durch die Zugehörigkeit zum Hochstift Hildesheim blieb Algermissen von der Reformation weitgehend unberührt und hat auch heute noch einen deutlichen und für Niedersachsen überraschend hohen katholischen Bevölkerungsanteil von rund 45 %. Die nach Norden angrenzenden Orte sind dagegen vorwiegend evangelisch-lutherisch geprägt. Während des Dreißigjährigen Krieges wurde Algermissen im März 1626 von den Dänen verwüstet.

Von 1807 bis 1810 bestand das Kanton Groß-Algermissen. Die größten Umwälzungen brachte das 19. Jahrhundert mit der Einweihung der Eisenbahnstrecke Hildesheim–Lehrte (1846), dem Bau des Ziegelwerkes, der Zuckerfabrik und der Molkerei sowie der Gründung zahlreicher Firmen und Vereine. Die Molkerei versandte zum Beispiel ihre Produkte nach Hamburg, Berlin und Köln. Bis zu 130.000 Gänse sind früher in den Betrieben des Dorfes zum Weihnachtsfest gemästet worden. Die Reichsbahn baute eigens für die Gänsetransportzüge aus Polen und Russland einen eigenen Gänsebahnhof.

mini|hochkant|St.-Matthäus-Kirche Unter Pfarrer Franz-Kaspar Köhnen, der 56 Jahre in der Gemeinde amtierte, entstand die heutige katholische Hauptkirche St. Matthäus mit einem Barockaltar, geweiht am 5. Mai 1720. Wertvoll ist das Gestühl mit den geschnitzten Wangen. Die noch ältere gotische St.-Mauritius-Kapelle aus dem 14. Jahrhundert mit den Jahreszahlen 1670, 1710, 1875, 1915 und 1961 im Wetterhahn ist das älteste Gebäude im Ort.

Ein Großfeuer im Herbst des Jahres 1878 auf dem Tieberg vernichtete vier Häuser und Stallungen, alle Bewohner dieser Häuser verloren ihr Hab und Gut. Aus dieser Erkenntnis heraus wurde am 3. August 1879 in der Göbbelsschen Gastwirtschaft eine Versammlung des Kriegervereins abgehalten. Hieraus ergab sich wahrscheinlich die Gründung der Freiwilligen Feuerwehr.

1985 feierte Algermissen sein 1000-jähriges Bestehen. 2012 hatte Algermissen rund 7900 Einwohner.

Ortsname Der Ortsname von Algermissen ist erstmals für die Jahre 980–982 als Algrimsen bezeugt. Spätere Namensformen waren Alegrimesheim (985 und 990), Aleghrimesheim (989), Alegremishusun (989–992), de Alegrimessem und Alegrimeshem (1143), Algermissen und Aligrimeshem (1161), Alegremessen oder Alegrimessen (1204) sowie Lutteken, to Groten Alghermissen (1356/57).

Im ersten Teil des Ortsnamens steckt der germanische Personenname Alagrim, dessen zweiter Bestandteil unzweifelhaft als das germanische Adjektiv *grimmaz „wütend, zornig, grimmig“ angesetzt wird, welches sich etwa im altsächsischen grim „feindlich, böse, schmerzlich, schlimm“ und im althochdeutschen grim, grimmi „grausam, wild, streng“ erhalten hat, dessen Enkel das veraltete neuhochdeutsche grimm „wütend, wild, schrecklich“ ist.Eintrag grimm, in: Wolfgang Pfeifer (Hrsg.): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, zitiert nach dem Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache. Der erste Bestandteil des Personennamens wird bald als germanisch *aljaz „ein anderer“,Manfred Niemeyer (Hrsg.): Deutsches Ortsnamenbuch. Walter de Gruyter, Berlin und Boston 2012, S. 24. bald als *allaz „all, ganz“ gesehen.

Der letzte Teil des Ortsnamens schwankt in der Überlieferung zwischen -husen (-hausen) und -hem (-heim). Als belastbarer wird die Prägung auf -hem der Hildesheimer Quellen angesehen.

Eingemeindungen Am 1. April 1936 wurden die Dörfer Groß- und Klein-Algermissen zur Gemeinde Algermissen vereinigt.

Am 1. März 1974 wurden die Gemeinden Bledeln, Groß Lobke, Lühnde, Ummeln und Wätzum eingegliedert.

Einwohnerentwicklung Jahr 1885 1910 1925 1933 1939 2013 2014 2018 2019EinwohnerKernort Algermissen 1865 2589 2776 2680 2699 4777 4697 4793 4697EinwohnerGemeinde Algermissen (ab 1974) – – – – – 8275 8173 8266 8259 (Quellen: 1885, 1910 [mit Groß- und Klein-Algermissen], 1925–1939, 2013–2014, 2018–2019)

Politik Rat Der Rat der Gemeinde Algermissen besteht aus 20 Ratsfrauen und Ratsherren. Dies ist die festgelegte Anzahl für eine Gemeinde mit einer Einwohnerzahl zwischen 7001 und 8000 Einwohnern. Die Ratsmitglieder werden durch eine Kommunalwahl für jeweils fünf Jahre gewählt. Neben den 20 in der Gemeinderatswahl gewählten Mitgliedern ist außerdem der hauptamtliche Bürgermeister im Rat stimmberechtigt.

Aus dem Ergebnis der Kommunalwahl 2021 ergab sich folgende Sitzverteilung:

Bürgermeister Der direkt gewählte hauptamtliche Bürgermeister ist seit dem 6. März 2023 Frank-Thomas Schmidt (parteilos). Er gewann die Wahl am 5. März 2023 mit 77,63 % der Stimmen vor Matthias Brinkmann (GRÜNE) mit 22,37 %. Sein allgemeiner Stellvertreter ist Markus Peisker. Schmidts Vorgänger war von dem 1. Februar 2005 bis zu seinem Tod am 14. Oktober 2022 Wolfgang Moegerle (CDU).

Ortsrat Der Ortsrat, der den Ortsteil Algermissen vertritt, setzt sich aus elf Mitgliedern zusammen. Die Ortsratsmitglieder werden durch eine Kommunalwahl für jeweils fünf Jahre gewählt.

Bei der Kommunalwahl 2021 ergab sich folgende Sitzverteilung:

Ortsbürgermeister Der Ortsbürgermeister des Kernortes Algermissen ist Ulrich Käsehage (CDU). Seine Stellvertreter sind Jan Phillip Krause (SPD) und Norbert Wirries (CDU).

Wappen

Religionen Die katholischen Christen in Algermissen gehören zur Pfarrgemeinde St. Cäcilia in Harsum. Die bis 2014 eigenständige Pfarrgemeinde St. Matthäus wurde am 1. November 2014 mit den vormaligen Pfarrgemeinden St. Cäcilia in Harsum und St. Catharina in Asel fusioniert. Kath. Hauptkirche von Algermissen ist die St.-Matthäus-Kirche an der Marktstraße. Für Werktagsmessen wird auch die St.-Mauritius-Kapelle an der Langen Straße genutzt. Die kath. Pfarrgemeinde gehört zum Dekanat Borsum-Sarstedt im Bistum Hildesheim.

Die Evangelisch-lutherische Kirchengemeinde Algermissen, zu der in Algermissen die Adventskirche am Grasweg gehörte, wurde am 1. Januar 2012 mit den Kirchengemeinden in Groß Lobke, Hotteln, Gödringen, Lühnde, Oesselse und Wirringen-Müllingen-Wassel zur Evangelisch-lutherischen Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde Sarstedt-Land im Kirchenkreis Hildesheim-Sarstedt zusammengeschlossen.

Kultur und Sehenswürdigkeiten mini|hochkant|Pietà an der Hottelner Straße

Bauwerke St. Matthäus: katholische Hauptkirche von Algermissen; 1720 erbaute barocke Hallenkirche, quadratischer Turm, achteckiger Chorabschluss. Vollständig erhaltene originale Barockausstattung von Ernst Dietrich Bartels. Bemerkenswerte Deckengemälde und figurenreiche Altäre. Seit 1. November 2014 Filialkirche der kath. Pfarrgemeinde St. Cäcilia in Harsum. St.-Mauritius-Kapelle: Erbaut im 14. Jahrhundert; kath. Filialkirche der kath. Pfarrgemeinde St. Cäcilia in Harsum. Adventskirche: Die Kirche wurde 1950 erbaut als Gemeindezentrum nach Plänen von Otto Bartning („Notkirche Typ D“). Der freistehende Glockenturm entstand 1966. Die direkt an die Kirche angebaute Pfarrwohnung diente seit 1964 als Gemeindehaus und wurde 2005 durch einen Neubau ersetzt. Domküsterhof: Der Domküsterhof in der Alten Straße, erbaut 1629, ist einer der ältesten Bauernhöfe im Landkreis Hildesheim. Alter Dorffriedhof: Der alte Dorffriedhof an der St.-Matthäus-Kirche weist 20 wertvolle Grabsteine auf, deren älteste von 1700 stammen. Der Stein des Seiltänzers und Gleichgewichtskünstlers Joseph Bruns steht am Hauptweg. Kriegsopferdenkmal: Das Kriegsopferdenkmal an der Neuen Straße wurde in den 1970er Jahren errichtet. Es ist ein Werk von Hanns Joachim Klug. Heimatmuseum: Das Heimatmuseum im Haus Neue Straße 10 zeigt u. a. eine ostdeutsche Heimatstube, handwerkliche und hauswirtschaftliche Sammlungen, historische Schuleinrichtungen, eine sporthistorische Sammlung und zahlreiche Bilddokumente des Dorfalltags ab 1864. Es gibt im Ort 17 Wege- und Flurkreuze, Standbilder und Bildstöcke, darunter auch die Fronleichnamsaltäre von 1744.

Stolperstein für Sophie Wichmann mini|Stolperstein für Sophie Wichmann Am 1. Juni 2026 wurde im Rahmen des Kunstprojektes Stolpersteine von Gunter Demnig ein Stolperstein verlegt. Dieser soll an ein Opfer des Nationalsozialismus erinnern. Mit dem Stolperstein in Algermissen wird der 1912 geborenen Sophie Wichmann gedacht, die 1941 im Rahmen der Aktion T4 in der Tötungsanstalt Hadamar ermordet wurde. Er liegt vor dem heutigen Ladengeschäft an der Adresse Neue Straße 3, ihrem ehemaligen Wohnhaus.

Regelmäßige Veranstaltungen mini|Die Band ZSK beim Gänserock Festival 2022 Im Ort werden zahlreiche Traditionen gepflegt, wie Fronleichnam mit Kesselpauken, Böllerschießen und eigenen Musikstücken; Fastnacht mit Rosenmontagsvergnügen der Junggesellschaft, Wegbringen von Fastnachtskerlen nach Mitternacht, „Fuhen“ der Mädchen und Jungen, bei dem sie von Haus zu Haus ziehen, Gedichte aufsagen und Süßigkeiten erbitten; Fastnachtsumzug mit Bären; Sammeln von Heilkräutern (Weihbund) zum Tag Mariä Himmelfahrt, die Flur- und Bittprozession sowie die Wallfahrt in das westfälische Werl zum Fest Mariä Heimsuchung Anfang Juli. 2013 wurde das alte Wasserwerk an der Kranzwegbrücke in ein kulturelles Veranstaltungszentrum mit 50 Sitzplätzen umgebaut und wird seither von Bürgern als gemeinnütziger Verein betrieben. Dort finden unter anderem Konzerte, Lesungen, Kochveranstaltungen, Sommerfeste und Theaterstücke statt.

Seit 2015 findet jeden Sommer das Gänserock Festival auf dem Freizeitpark an der Alpe in Algermissen statt. Unter dem Motto Algermissen bleibt bunt treten alljährlich Musikbands für mehr Toleranz und Demokratie auf. Im Jahr 2022 zählte das Festival mehr als 2000 Besucher.

Verkehr mini|Bahnhof Algermissen Westlich der Gemeinde verläuft die Bundesautobahn 7; südöstlich verläuft die Bundesstraße 494 von Hildesheim nach Peine.

Algermissen liegt an der Bahnstrecke Lehrte–Hildesheim. Seit 2008 bietet die Linie S 3 der S-Bahn Hannover stündliche Verbindungen über Lehrte nach Hannover Hauptbahnhof sowie über Harsum nach Hildesheim Hauptbahnhof.

Linie Verlauf Takt

Wirtschaft Am Stichkanal Hildesheim zwischen der Schleuse Bolzum und dem Hafen Hildesheim sind einige Gewerbebetriebe angesiedelt. Ein Schiffsanleger bietet die Möglichkeit, Getreide, Dünger und Brennstoffe umzuschlagen.

Persönlichkeiten Söhne und Töchter der Gemeinde

Gerhard Hartmann (1806–1880), Mathematiker, Hochschullehrer und Zweiter Direktor der Technischen Hochschule Hannover Hermann Rasch (1810–1882), von 1854 bis 1881 Stadtdirektor von Hannover, geb. in Groß Lobke Anna Fründ (1861–1913), Malerin Joseph Ernst (1863–1928), Priester, Professor am Hildesheimer Priesterseminar, 1915–1928 Bischof von Hildesheim Heinrich Willers (1870–1915), Archäologe und Numismatiker Christel Machens (1877–1941), Politiker (Zentrum) Heinrich Fründ (1880–1952), Chirurg Ursula Ernst (* 1944), Politikerin (CDU), war Mitglied des Niedersächsischen Landtags Walter Ruffler (* 1949), Politiker, Abgeordneter in der Bremischen Bürgerschaft Bruno Eyron (* 1964), Moderator, Produzent, Autor, Geschäftsmann und Schauspieler; bekannt wurde er in seiner Rolle als „Hauptkommissar Balko“, geb. in Lühnde Diane Kruger geb. Heidkrüger (* 1976), Schauspielerin Franziska Machens (* 1984), Schauspielerin