Étretat ist eine französische Gemeinde und ein Seebad mit Einwohnern (Stand ) im Département Seine-Maritime in der Region Normandie. Die Bewohner werden Étretatais und Étretataises genannt.

Bekannt ist Étretat vor allem durch die steilen Felsklippen mit ihren außergewöhnlichen Felsformationen, die den Ort auf beiden Seiten umrahmen. Der Ort ist mit Hotels, Restaurants, Souvenirläden sowie vielfältigen Freizeit- und Sportangeboten auf den Tourismus ausgerichtet.

Die Gemeinde erhielt 2022 die Auszeichnung „Zwei Blumen“, die vom Conseil national des villes et villages fleuris (CNVVF) im Rahmen des jährlichen Wettbewerbs der blumengeschmückten Städte und Dörfer verliehen wird.

Geographie und Geologie mini|Étretat von SPOT Étretat liegt auf Meereshöhe direkt am Ärmelkanal in einer der wenigen Talöffnungen in der 120 km langen Steilküste zwischen Dieppe und Le Havre, die wegen ihrer hellen Färbung Alabasterküste genannt wird. Der Tidenhub ist, wie überall in der Normandie, beträchtlich.

Die Klippen von Étretat entstanden in der Oberkreide. Sie bestehen im Wesentlichen aus weißer Kreide und aus Feuerstein.Pierre Auger, Gérard Granier: Le guide du Pays de Caux. éditions la Manufacture 1993, S. 76–77. Andere Mineralien, die an der Küste der östlichen Normandie häufig sind, kommen bei Étretat nicht vor. Man findet dort weder den Sandstein, der im Norden des Départements in der Gegend von Dieppe auftritt, noch den gelblichen Oolith aus der Gegend von Caen.

Bei Fécamp, etwas weiter nördlich, findet man die höchsten Klippen dieses Typs mit 105 m Höhe. Die Falaises d’Aval südwestlich von Étretat sind 75 m hoch, die östlich gelegenen Falaises d’Amont sind 84 m hoch. Unterhalb der Klippen findet man Geröll, das vom Absturz großer Felsbrocken herrührt. Die Erosion durch Regenwasser, das in die poröse Kreide eindringt, und Frost fördern diesen Zerfall. An der Basis erodiert die Meeresbrandung den Fels.

Die Kreide wird im Meerwasser gelöst und fortgespült. Der schichtweise abgelagerte Feuerstein bleibt unterhalb der Felsen liegen. Er wird in der Meeresbrandung zu rundlichen Kieseln geschliffen. Diese bilden die charakteristischen Kiesstrände an der Alabasterküste. Die Erosion durch Süßwasser und Eis hat einen stärkeren Einfluss als diejenige durch das Meer. Dies zeigt sich an den Kiesstränden im Seinetal, bei denen das Meer keine Rolle spielt.Pierre Auger, Gérard Granier: Le guide du Pays de Caux. S. 79.

Die drei markanten Felsbögen Porte d’Amont, Porte d'Aval und Manneporte verdanken ihre Entstehung jedoch der Meeresbrandung und nicht einem Fluss, der parallel zur heutigen Küstenlinie verlaufen wäre, wie es häufig unrichtig dargestellt wird.Françoise Foucher, Étretat, Éditions d’Art Jack, Louannec, Juni 2018, ISBN 978-2-37773-037-7, S. 4. Die Felsnadel Aiguille besteht aus etwas härterem Kalkstein, der dieser rückschreitenden Erosion bis heute widerstanden hat. Eine weitere bekannte Formation ist der Pointe de la Courtine.

Ortsname Entgegen älteren QuellenRaymond Lindon: Étretat, son histoire, ses légendes. les Éditions de Minuit 1963.Abbé Cochet: Petite histoire d'Étretat, Éditions PyréMonde, 2006, Urverlag 1845. ist der Name Étretat weder lateinischen noch gallorömischen Ursprungs. Wahrscheinlich handelt es sich um einen altnordischen Namen. In dieser Region der Normandie sind solche Namen besonders häufig.

Um 1040 wurde der Ort zum ersten Mal als Strutat erwähnt. Dieser Name findet sich auch in Quellen vom 12. bis zum 15. Jahrhundert wieder, regelmäßig als Estrutat und Estrutart erwähnt. Andere Formen wie Estretot und Estretal traten nur vereinzelt auf und waren wahrscheinlich Schreibfehler.

Der erste Namensteil findet sich in Eturville (Département Manche, 1165 Sturvilla), in Étreville (Département Eure, 1054 Sturivilla, 1148 Esturvilla) und in Eturqueraye (Département Eure, neben Étreville).François de Beaurepaire: Les noms des communes et anciennes paroisses de l’Eure, éditions Picard 1981, ISBN 2-7084-0067-3. Es handelt sich wahrscheinlich um den skandinavischen männlichen Vornamen Styri oder Sturi. Im Familiennamen Estur, der im Pays de Caux noch verbreitet ist, findet er sich wieder. Im altnormannischen Fachnamen esturman („Mann des Steuers, Lotse“), der als Strumannus latinisiert worden ist, wird die gleiche phonetische Entwicklung festgestellt. Dieses Wort ist im Cartulaire de Jersey zum ersten Mal erwähnt und es leitet aus dem altnordischen stýrimaðr ab.Elisabeth Ridel: Bateaux de type scandinave en Normandie (Xe siècle – XIIIe siècle), S. 311. In: Colloque international de la Hague, L'héritage des Vikings en Europe de l’ouest, Université de Caen 2002.

Das zweite Element ist möglicherweise das altnordische staðr „Ort“.De Beaurepaire 75

Eine andere Interpretation besagt, dass der erste Namensteil sich von dem Personennamen Thor, ThoriNordic Names (englisch) ableitet, wie bei den normannischen Orten namens Tourville. In diesem Fall gibt es zwei Metathesen: *Thorstaðr zu *Stortat, *Sturtat und endlich zu Strutat 1040. Besonders häufig sind diese Metathesen im Dialekt des Pays de Caux, dem Cauchois.

Geschichte Anfänge Archäologische Funde belegen, dass der Ort schon im Altertum besiedelt war. Es sind aber keine Einzelheiten über die Bedeutung des Ortes oder das Leben seiner Bewohner in der Antike bekannt. Selbst der antike Name ist nicht überliefert.

Mit der Stadt Iuliobona, Lillebonne, war der Ort über eine Römerstraße verbunden. Mehrere Objekte aus der gallorömischen Zeit haben bis in die heutige Zeit überdauert: ein drei Kilometer langer Aquädukt, dessen obere Hälfte im 19. Jahrhundert zerstört wurde, Münzfunde, Gefäße, eine Villa rustica, eine Grabstätte für Feuerbestattungen mit einigen wenigen Urnen aus Terrakotta, roten Steinguttellern und Eisennägeln. Der Abbé Cochet exhumierte vier weitere Grabstätten mit 18 Vasen. Wie andernorts auch beweisen diese Fundstücke römischer Zivilisation nicht eindeutig die Anwesenheit von Römern, sondern die allmähliche Wandlung der keltischen Bevölkerung, in diesem Fall der Caleti, zur römischen Lebensweise. Vorangetrieben wurde dieser Wandel von den eigenen Eliten dieser Bevölkerung. Aus der Zeit bis etwa 200 nach Christus wurde kein römisches Militärgrab und kein Feldlager im gesamten Nordwesten Galliens entdeckt.

Im jardin du presbytère, dem Presbytergarten, befindet sich ein Friedhof aus Merowingischer Zeit. Unter anderem wurden in jener Zeit einige römische Soldatengräber dorthin verlegt. Sie enthielten eine Spatha, Agraffen aus Bronze, Centurionen-Schilde und ein Scramasax sowie ein Dutzend Skelette in sitzender Haltung. Andere Grabstätten enthielten Gegenstände aus Feuerstein am Fuß der Beigesetzten, drei Scramasaxe, Schließen und Schilde aus tauschiertem Eisen, knöchernen Nadeln und anderen Gegenständen. Die ausgegrabenen Gegenstände und die Waffenfunde, deren Verbreitung auf Grabstätten beschränkt war, deuten auf Franken oder Sachsen hin, die sich dort niederließen, ähnlich wie in Frénouville oder Vron. Ebenso wie die Kelten assimilierten sich auch die Germanen an die römische Lebensweise.

Austernpark Der Austernpark wurde 1777 gebaut, angeblich für Königin Marie-Antoinette. Die gezüchteten Austern stammten nicht aus Étretat selbst, sondern wurden von zwei Booten (Syrène und Cauchoise) aus Cancale angeliefert, 100 Millionen Austern im Jahr. Diese blieben hier einige Monate, abwechselnd in Salz- und Süßwasser, was der Geschmacksverfeinerung dienen sollte. Dann wurden sie nach Paris weitertransportiert.

19. Jahrhundert mini|Häuser der Fischersiedlung aus dem 19. Jahrhundert

Für Étretat bedeutete das 19. Jahrhundert den Übergang vom traditionellen Fischerdorf zum Badeort. Den Plan, dort einen Kriegshafen zu bauen, den bereits von Franz I. bis Napoleon Bonaparte überlegten, wurde in dieser Zeit endgültig aufgegeben. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts zählte man nicht weniger als 25 bis 30 Fischkutter am Perrey, dem Strandbollwerk. Dann ging ihre Zahl rasch zurück, bis schließlich nur noch ein einziger übrig blieb. Sie wurden durch kleine Boote ersetzt, mit denen in Küstennähe gefischt wurde. Clinques, Schiffe mit traditioneller Klinker-Beplankung, fuhren bis Dieppe, um Hering zu fischen. Das Dorf zählte gegen Herbstende regelmäßig 250 bis 300 Seeleute. Ende des Jahrhunderts blieb die Makrele als einziger nennenswerter Fangfisch übrig, dem man während der drei Sommermonate nachstellte.

Die Unzugänglichkeit des Ortes erschwerte den Bau von Telegrafen- und Telefonleitungen. Aufgrund des sandlosen Kiesstrandes blieb Étretat als Badeort weniger erfolgreich als Trouville-sur-Mer oder selbst Dieppe oder Le Havre. Die Entwicklung des Tourismus kam erst nach 1843 in Schwung. Alphonse Karr, der einen erfolgreichen Roman über den Ort schrieb, trug viel zu dessen Popularität bei. In jener Zeit wurden die Straßen nach Fécamp und nach Le Havre gebaut. Regelmäßige Verbindungen mit Pferde-Omnibussen wurden eingerichtet. Schließlich erlösten 1890 eine Bahnlinie und ein Bahnhof den Ort, der damals als Sommerfrische schon bekannt war, aus der Isolation.

In immer rascher wachsender Zahl baute man große Villen im Stil, wie er in den Badeorten vorherrschte. Auch der Ort selbst wurde zum großen Teil neu erbaut, mit Häusern aus behauenem Feuerstein und aus Ziegelsteinen. 1852 eröffnete ein Casinohaus, das aus Holz und Schiefer bestand. Es wurde von der neu gegründeten Société des Bains de mer d’Étretat betrieben.dt. Gesellschaft der Seebäder von Étretat in ihm fanden Bühnenaufführungen, wie beispielsweise Orpheus in der Unterwelt von Jacques Offenbach statt. Der Komponist besaß in Étretat eine Villa, die er nach dieser komischen Oper benannte.

20. Jahrhundert mini|Mairie (2011) Nach dem Ersten Weltkrieg, als die Lebensbedingungen und Verkehrsmittel sich verbesserten und bezahlter Urlaub üblich wurde, nahm der Tourismus stark zu. Der dichten Besiedlung geschuldet, sank die Wasserqualität, die Biodiversität und selbst die Luftqualität. Eine große Anzahl von Künstlern, Intellektuellen und Politikern, die den Ort zuvor besucht hatten, mieden nun diesen Ort des Massentourismus. Der Zweite Weltkrieg setzte diesem Wachstum ein Ende. Die deutschen Besatzer bauten das Meeresufer um, rissen sogar das Casino und Villen zugunsten von Wehranlagen ab. Nach dem Krieg wurde die Meeresfassade in umstrittener Form wiederaufgebaut. In den 2000er Jahren waren die Wiederaufbauarbeiten an der Strandpromenade Perrey und der Wiederaufbau des Casino abgeschlossen.

Mehr und mehr wurde der Ort zum Ziel eines internationalen Tourismus. Unter anderem durch die Gemälde von Claude Monet und Gustave Courbet wurden die Kreideklippen von Étretat bekannt. Auch die Nähe zu Paris, Rouen und Le Havre förderte den Zustrom des internationalen Publikums. Trotzdem gibt es auch weiterhin die traditionellen Sommerfrischler. Diese Feriengäste kommen häufig aus der Pariser Region. Viele besitzen seit Generationen ein Haus und pflegen Freundschaften mit der örtlichen Bevölkerung.Sendung Les États d'Étretat, Interview von Benoît Duteurtre, ausgestrahlt 1991.

In den engen Straßen des Ortes wurde der Autoverkehr und das Miteinander von Fußgängern und Autos zu einem Problem, besonders an den Wochenenden und während der Sommerferien. Um den Verkehr zu mindern, ließ die Stadtverwaltung große Parkplätze in der rue Guy de Maupassant einrichten, in der Nähe der kleinen protestantischen Kirche und gegenüber dem Seniorenheim Germaine Coty. In jüngster Vergangenheit wurde ein weiterer großer Parkplatz an der route du Havre erbaut.

1990 gab der letzte Berufsfischer am Ort sein Gewerbe auf.

Legenden und Begebenheiten Brunnen von Olive