mini|Lew Tolstoi 1887 Der Leinwandmesser. Die Geschichte eines Pferdes (russisch Холстомер) sind Titel und Untertitel einer in den 1860er Jahren entstandenen und 1885Polnoe sobr. Soč. 12 Bdwe. 1880–1886, Bd. 3. publizierten Erzählung Lew Tolstois, in deren Binnenhandlung ein Pferd von seinem Leben und der Behandlung durch seine Besitzer erzählt. Die erste deutsche Übersetzung von Hermann Roskoschny erschien 1887. (s. Entstehungs- und Publikationsgeschichte)

Inhalt Als Binnenerzählung innerhalb eines Erzählrahmens schildert in fünf aufeinanderfolgenden Nächten der Protagonist,Die meisten internationalen Ausgaben behalten den Originaltitel „Kholstomer“ bei oder ersetzen ihn durch „Läufer“ der in der deutschen Übersetzung wegen seiner weit ausschreitenden, gleichsam „Leinen durchmessenden Gangart“, „Leinwandmesser“ genannt wird, den jüngeren Artgenossen seine wechselhafte Lebensgeschichte und kommentiert kritisch die Menschen, v. a. seine verschiedenen Besitzer.

Rahmenerzählung Der Wallach Leinwandmesser lebt, wenig beachtet von den Menschen und geneckt oder ausgegrenzt von den jüngeren Tieren, als altes Pferd auf einem herrschaftlichen Pferdehof. Er dient den Pferdehirten als Reitpferd, wenn sie die Stuten mit den Fohlen von der Koppel zum Fluss treiben (Kap. 1–4): „[E]s lag etwas Majestätisches in der Gestalt dieses Pferdes sowie in der schrecklichen Vereinigung der abstoßenden Anzeichen des Alters […] diesem Ausdruck von Selbstvertrauen, Schönheit und kraftbewusster Ruhe. Es stand wie eine lebendige Ruine einsam inmitten der taufrischen Wiese, während man unweit davon des Stampfen und Schnauben und das frische Wiehern der umherirrenden Rossherde vernahm.“Leo Tolstoi: Der Leinwandmesser. Die Geschichte eines Pferdes. Deutsch von A. v. Jakimow-Kruse. In: Leo Tolstoi: Erzählungen. GGT Bd. 424. Wilhelm Goldmann Verlag, München, 1961, S. 147.

Als eines Nachts alle Pferde mit gefletschten Zähnen den Wallach auf dem Hof herumjagen, kommt die älteste Stute Wjasopuricha, seine Jugendliebe aus Chrenowo, zu ihm und seufzt. Das ist das Zeichen für die Herde, sich zu beruhigen und sie hören in den fünf folgenden Nächten schweigend seiner Erzählung zu (Kap. 5)

Leinwandmessers Lebenslauf Leinwandmesser kann eine stolze Ahnenreihe vorweisen. Geboren in einem gräflichen Gestüt ist er wegen seines bunten scheckigen Fells zwar bei den Pferden beliebt, aber der General, der Leiter des Betriebs, schließt ihn nach einer Liebesbeziehung mit der jungen Stute Wjasopuricha von der Zucht aus und lässt ihn kastrieren (Kap. 5, erste Nacht, Kap. 6, zweite Nacht). Dieser Eingriff hat eine entscheidende Veränderung zur Folge: Er wird von den Stuten nicht mehr ernst genommen, zieht sich in sich selbst zurück und wird ernst und tiefsinnig.

Er denkt über die Ungerechtigkeit der Menschen nach, die ihn „verurteilten, weil [er] scheckig [ist]“, er denkt „über die Unbeständigkeit der mütterlichen und der weiblichen Liebe überhaupt nach, über ihre Abhängigkeit von den physischen Zuständen, hauptsächlich aber [denkt er] über die Eigenschaften jener merkwürdigen Tierart nach, mit der [sie] so eng verbunden sind und die [sie] Menschen nennen, über jene Eigenschaften, die [seine] besondere Stellung im Gestüt bestimmten, für die [er] wohl ein Gefühl hat[-], die [er] aber nicht verstehen [kann]“.Leo Tolstoi: Der Leinwandmesser. Die Geschichte eines Pferdes. Deutsch von A. v. Jakimow-Kruse. In: Leo Tolstoi: Erzählungen. GGT Bd. 424. Wilhelm Goldmann Verlag, München, 1961, S. 159, 160. V. a. versteht Leinwandmesser nicht die Bedeutung des Wortes „mein“ für die Menschen, das sie auf Länder und Häuser beziehen, die sie niemals gesehen haben, aber auch auf Frauen, die mit anderen Männern zusammenleben. Sie wollen so viele „Dinge als nur möglich ihr eigen“ nennen. Später erkennt er den Zusammenhang mit „einem niedrigen, menschlich-tierischen Instinkt, der von ihnen Eigentumsgefühl oder Eigentumsrecht genannt wird“ und sieht darin einen Hauptunterschied zwischen den Menschen und den Tieren. Deshalb stehen die Tiere „höher auf der Leiter der Lebewesen […] als die Menschen.“Leo Tolstoi: Der Leinwandmesser. Die Geschichte eines Pferdes. Deutsch von A. v. Jakimow-Kruse. In: Leo Tolstoi: Erzählungen. GGT Bd. 424. Wilhelm Goldmann Verlag, München, 1961, S. 161.

Das Besitzrecht an Leinwandmesser geht nach der Kastration auf den Stallmeister über. Dieser lässt ihn für den Wagendienst trainieren, verkauft ihn als „Deichselpferd“ an einen Händler und dieser wiederum an den schönen leichtlebigen Fürsten Nikita Sserpuchowskoj (Kap. 7, dritte Nacht). Dem Husaren gefällt Leinwandmessers Kraft und Schnelligkeit und er nutzt ihn als Fahrpferd für seine Kutsche. Bei diesem draufgängerischen Lebemann verbringt der Wallach die besten zwei Jahre seines Lebens. Sein Besitzer wettet gerne mit seinen Freunden, welches ihrer Pferde am schnellsten läuft, und meistens gewinnt Leinwandmesser die Rennen und steht im Mittelpunkt der Bewunderung. Seine schöne Zeit endet, als der Fürst mit ihm in einer Nacht seiner untreuen Geliebten hinterherjagt.

Das Pferd ist durch die Strapaze erschöpft, wird krank und an einen Händler verkauft. Weitere Besitzer sind eine alte Dame, die er bis zu deren Tod in die Kirche fährt, ein Kurzwarenhändler, ein Bauer und ein herumziehender Zigeuner. Sie benutzen Leinwandmesser als Arbeitspferd und wirtschaften ihn herunter. Schließlich kommt er an seinen derzeitigen Aufenthaltsort, den Pferdehof (Kap. 8, vierte und fünfte Nacht).

Erzählrahmen (Schlussteil) Einen Tag nachdem Leinwandmesser seine Erzählung beendet hat und daraufhin von den anderen Pferden wegen seiner Lebensleistung geachtet wird, trifft er seinen ehemaligen Herrn Sserpuchowskoj wieder. Dieser ist zu Besuch bei dem Gutsherrn und seiner schwangeren Mätresse Marie, die einmal die Geliebte des fürstlichen Husaren war und deren Flucht den gesundheitlichen und gesellschaftlichen Abstieg des Pferdes einleitete. Jetzt ist der Gast eine aufgedunsene Militärperson in den vierziger Jahren (Kap. 9 und 10). Er hat sein Vermögen verspielt, ist offenbar „physisch, moralisch und pekuniär heruntergekommen“ und betrachtet voller Neid das Glück des ihn nachsichtig behandelnden Gutshauspaares. Tief verschuldet musste er eine Arbeit suchen und seine einflussreiche Verwandtschaft verschaffte ihm den Posten als „Direktor einer Pferdezucht“.

Der Gutsherr zeigt ihm seine edlen Pferde, doch der Gast interessiert sich wenig dafür und entfaltet unter zunehmendem Alkoholgenuss die einstigen Erfolge seines schnellen scheckischen Wallachs aufschneiderisch zu einem Lügengemälde (Kap. 11), aber auf dem Pferdehof erkennt er den alten Leinwandmesser nicht wieder. Damals hat er nach einem Wettrennen-Sieg die Kaufangebote mit den Worten abgelehnt, Leinwandmesser sei „kein Pferd, sondern [sein] Freund“ und er gebe ihn „für nichts her und wenn es Berge von Gold wären“.Leo Tolstoi: Der Leinwandmesser. Die Geschichte eines Pferdes. Deutsch von A. v. Jakimow-Kruse. In: Leo Tolstoi: Erzählungen. GGT Bd. 424. Wilhelm Goldmann Verlag, München, 1961, S. 179.

In derselben Nacht reitet der Pferdeknecht auf Leinwandmesser zu einer Kneipe und lässt ihn vor dem Haus neben einem räudekranken Bauernpferd stehen. Leinwandmesser steckt sich an und wird von einem Abdecker getötet (Kap. 12). Im Sterben wird ihm „viel leichter zumute. Die ganze Last des Lebens [wird] plötzlich leichter!“Leo Tolstoi: Der Leinwandmesser. Die Geschichte eines Pferdes. Deutsch von A. v. Jakimow-Kruse. In: Leo Tolstoi: Erzählungen. GGT Bd. 424. Wilhelm Goldmann Verlag, München, 1961, S. 179. Mit seinem Fleisch ernährt eine Wölfin ihre Kleinen, der Rest verfällt.

„Den auf der Erde wandelnden, essenden und trinkenden Leichnam Sserpuchowskoj bestattete man erst viel später“ in einer schönen Uniform und schönen Stiefeln. „Und wie sein auf der Erde einherwandelnder toter Körper schon zwanzig Jahre lang für alle eine schwere Last war, so war auch sein Begräbnis nur eine überflüssige Mühewaltung für die Menschen.“Leo Tolstoi: Der Leinwandmesser. Die Geschichte eines Pferdes. Deutsch von A. v. Jakimow-Kruse. In: Leo Tolstoi: Erzählungen. GGT Bd. 424. Wilhelm Goldmann Verlag, München, 1961, S. 180.

Form Erzählperspektive Die Rahmenhandlung, das Leben des alten „Leinwandmessers“ auf dem Gutshof, seine letzte Lebensetappe, wird in einer personalen Erzählhaltung aus verschiedenen Perspektiven vorgetragen. Die Binnenhandlung, den Lebenslauf Leinwandmessers, schildert der Wallach in der Ich-Form.

Schklowski nennt „Kholstomer“ ein Beispiel für die Technik der „Entfremdung“:Schklowski prägte den Begriff „ostranenie“ (остранение) oder „Verfremdung in der Literatur“, den er u. a. in seinem Aufsatz Kunst als Verfahren erläutert: Alltägliches Sprechen ist automatisiert, Menschen erkennen Wörter wieder, ohne sie zu empfinden; Literatur erschwert den Verstehensprozess und revitalisiert dadurch die Empfindung. Das Erzählen der Geschichte aus der Wahrnehmung eines denkenden Pferdes sei ein „Prozess der Singularisierung“ und ermögliche es dem Autor, die Welt mit den Augen eines Pferdes vorzuführen und, beispielsweise, die Institution des Eigentums durch ein denkendes Wesen zu kritisieren, das ihr zum ersten Mal begegnet.

Sprache Wedel lobt die „vielfältigen stilistischen Ausdrucksmittel der russischen Sprache“, die Tolstoi für seine Erzählung nutze, ebenso die „minuziösen Beschreibungen der Pferde“ und den „geschickten Gebrauch des verlebendigenden historischen Präsens“ im 8. Kapitel, wo der Wallach von seinem Missgeschick beim Husaren berichtet. Der Autor stelle auch das „Innenleben des Cholstomer so überzeugend dar“, dass der Leser den Eindruck erhalte, „er habe wirklich dessen ‚Denken‘ und ‚Fühlen‘ ergründet und es nur in menschliche Sprache übersetzt.“Erwin Wedel: Cholstomer. In: Kindlers Literaturlexikon im dtv. Deutscher Taschenbuchverlag, München 1974, Bd. 6, S. 1948.

Entstehungs- und Publikationsgeschichte 1856 erzählte der Pferdezüchter Alexander Stachowitsch Tolstoi die Geschichte von einem gescheckten Traber: Er wurde 1803 in dem Gestüt Chrenowoim Dorf Sloboda im Rajon Bobrovsky in der Region Woronesch des Grafen Orlow-Tschesmenskij geboren. Nach dem Stammbaum hieß das Pferd „Mushik I“, seines ausgreifenden Ganges wegen nannte ihn Orlow „Kholstomer“,Холст (kholst) bedeutet „Leinwand“. Das russische Wort „мер“ (mer) hat mehrere mögliche Bedeutungen: 1. Abkürzung für „мер“ (Maß oder Messung): In vielen Fällen wird es als Abkürzung für „мерить“ (messen) oder als Teil eines zusammengesetzten Begriffs wie „микромер“ (Mikrometer) verwendet. In diesem Fall könnte man „мер“ mit „Maß“ oder „Messung“ übersetzen. 2. Alt-russische Bedeutung: In älteren Texten oder historischen Kontexten kann „мер“ auch als Abkürzung für „мера“ (Mera) verwendet werden, was „Maß“ oder „Größe“ bedeutet. „Leinwandmesser“ in den deutschen Übersetzungen. 1812 ließ Orlows Stallmeister das Pferd kastrieren und verkaufte es. Sein weiteres Schicksal ist unbekannt.L. N. Tolstoij: Sämtliche Erzählungen. Dritter Band. Herausgegeben von Gisela Drohla. Insel-Verlag, Frankfurt a. M. 1970, S. 644. Der Bruder des Pferdezüchter, der Schriftsteller Michail Stachowitsch, plante, die Geschichte in der Erzählung Die Abenteuer des gescheckten Wallachs auszugestalten, durch seinen Tod im Jahr 1858 kam es jedoch nicht dazu.