mini|hochkant|Logo des Papstbesuches 2011 mini|350px|Benedikt XVI. bei der Sonntagsmesse in Freiburg Der Papstbesuch in Deutschland 2011 war die 21. apostolische Reise Benedikts XVI. und der dritte Besuch in Deutschland seit Beginn seines Pontifikats. Er fand vom 22. bis zum 25. September 2011 statt. Das Motto der Reise lautete: „Wo Gott ist, da ist Zukunft“.
Vorbereitung Neben den Vorbereitungen der Deutschen Bischofskonferenz und der gastgebenden Bistümer Berlin, Erfurt und Freiburg fand vom 6. bis zum 10. Februar 2011 die Vorbereitungsreise des Heiligen Stuhls statt, die von Reisemarschall Alberto Gasbarri durchgeführt wurde. Während der Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz wurden am 15. März das Motto und das Logo der Papstreise sowie deren geplanter Verlauf vorgestellt. Während die ursprünglichen Planungen vorsahen, die Heilige Messe am 22. September in Berlin vor dem Schloss Charlottenburg zu feiern, wurde am 15. Juni bekanntgegeben, dass der Gottesdienst aufgrund der hohen Zahl der Anmeldungen im Berliner Olympiastadion stattfinden würde. Im April 2011 bestätigte der Papst Programm und den Reiseverlauf. Das vollständige Programm des Papstbesuches wurde am 20. Juli 2011 veröffentlicht. Am 11. August wurde das Anmeldeverfahren für den Gottesdienst im Olympiastadion wegen des großen Interesses vorläufig ausgesetzt, da über 64.000 Anmeldungen vorlagen.
Im Vorfeld und zur Einstimmung auf den Besuch sprach Papst Benedikt XVI. am 17. September 2011 im Ersten „Das Wort zum Sonntag“. In der vierminütigen Sendung betonte der Papst, dass er sich auf den Deutschlandbesuch freue und seine Reise weder Show noch religiöser Tourismus sei. Er wolle vielmehr, dass Gott wieder in unser Blickfeld trete.Video: Das Wort zum Sonntag – Papst Benedikt XVI. spricht das Wort zum SonntagText des Beitrages bei Radio Vatikan. Website radiovaticana.org. Abgerufen am 18. September 2011.
Reiseverlauf Berlin mini|Papstempfang beim Bundespräsidenten mini|Papst Benedikt XVI. feierte mit rund 61.000 Gläubigen die Heilige Messe im Olympiastadion Berlin. mini|Ehrenrunde mit dem Papamobil durch das Olympiastadion. mini|Musiktribüne Ankunft und Empfang Der Besuch begann am Morgen des 22. September 2011, als das Flugzeug des Papstes in den deutschen Luftraum einflog und mit einer Eskorte von vier Eurofightern nach Berlin geleitet wurde. Nach der Landung auf dem Flughafen Berlin-Tegel wurde Papst Benedikt XVI. unter anderem von Bundespräsident Christian Wulff, Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem Apostolischen Nuntius in Deutschland, Erzbischof Jean-Claude Périsset begrüßt. Der Papst wurde unter anderem vom vatikanischen Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone und vom Kurienkardinal Kurt Koch begleitet.
Danach fuhr der Papst zum offiziellen Empfang in das Schloss Bellevue. In seiner Begrüßungsansprache verwies Bundespräsident Wulff auf die Verantwortung der Kirche in der modernen Welt und zeigte sich zuversichtlich, dass der Heimatsbesuch des Papstes eine Stärkung der Christen und eine Orientierungshilfe für alle mitbringe. Er dankte auch für den Beitrag der Kirche, insbesondere von Papst Johannes Paul II., zur Wiedervereinigung Deutschlands und Europas. Benedikt XVI. beklagte in seiner Ansprache unter anderem eine zunehmende Gleichgültigkeit in der Gesellschaft gegenüber der Religion. Der Papst hob zudem den religiösen Charakter seiner Reise hervor. Er sei nicht in erster Linie gekommen, „wie es andere Staatsmänner zu Recht tun, um bestimmte politische und wirtschaftliche Ziele zu verfolgen, sondern um den Menschen zu begegnen und über Gott zu sprechen“.
Anschließend begab sich der Papst in die Katholische Akademie in Berlin und zum Sitz der Deutschen Bischofskonferenz, zu einem Gespräch mit der Bundeskanzlerin.
Bundestagsrede Am Nachmittag hielt Benedikt XVI. als erster Papst eine RedeText der Rede von Benedikt XVI. vor dem Bundestag auf vatican.va vor dem Deutschen Bundestag im Reichstagsgebäude. Die Einladung zu dieser Rede gelte ihm als Papst, als Bischof von Rom, der die oberste Verantwortung für die katholische Christenheit trage. Er spreche [aber] auch als Landsmann, hob er hervor, „der die Geschicke der deutschen Heimat mit Anteilnahme verfolgt“. In seiner stark philosophisch-theologisch geprägten, grundsatzpolitischen Rede über die Entwicklung des Rechts (Rechtspositivismus versus Naturrecht), betonte er, das Recht sei als Grundlage jedes Staatswesens unverzichtbar und werfe daher die – für Politiker eines freiheitlichen Rechtsstaates entscheidende – Frage auf, wie die Politik „zwischen Gut und Böse, zwischen wahrem Recht und Scheinrecht unterscheiden [könne]“. In einem Großteil der rechtlich zu regelnden Materien könne die Mehrheit ein genügendes Kriterium sein, es sei aber offenkundig, dass „in den Grundfragen des Rechts, in denen es um die Würde des Menschen und der Menschheit geht, das Mehrheitsprinzip nicht ausreicht“. Das Christentum, so betonte er, habe dem Staat und der Gesellschaft „nie ein Offenbarungsrecht, nie eine Rechtsordnung aus Offenbarung vorgegeben“. Stattdessen habe es aber schon seit Paulus auf Natur und Vernunft als die wahren Rechtsquellen verwiesen. So definiere sich auch Gewissen „als die der Sprache des Seins geöffnete Vernunft“. Unter Bezug auf die Anfang des 20. Jahrhunderts von Hans Kelsen entwickelte Reine Rechtslehre wies er allerdings auf das inzwischen fast allgemein angenommene positivistische Verständnis von Natur und Vernunft hin. Ein positivistischer Naturbegriff könne aber keine Brücke zu Ethos und Recht herstellen. Das Gleiche gelte auch für die Vernunft in einem positivistischen Verständnis. Was nicht verifizierbar oder falsifizierbar sei, gehöre danach nicht in den Bereich der Vernunft im strengen Sinn. Wo aber „die alleinige Herrschaft der positivistischen Vernunft gilt – und das ist in unserem öffentlichen Bewußtsein weithin der Fall –, da sind die klassischen Erkenntnisquellen für Ethos und Recht außer Kraft gesetzt“. Eine wesentliche Absicht seiner Bundestagsrede sei es, über diese dramatische Situation eine notwendige öffentliche Diskussion zu initiieren. Denn diese Situation verkleinere den Menschen, ja sie bedrohe seine Menschlichkeit. „Ich sage das gerade im Hinblick auf Europa, in dem weite Kreise versuchen, nur den Positivismus als gemeinsame Kultur und als gemeinsame Grundlage für die Rechtsbildung anzuerkennen, alle übrigen Einsichten und Werte unserer Kultur in den Status einer Subkultur verweisen und damit Europa gegenüber den anderen Kulturen der Welt in einen Status der Kulturlosigkeit gerückt und zugleich extremistische und radikale Strömungen herausgefordert werden“. Zur Frage, wie Vernunft also wieder ihre Größe finden und Natur wieder in ihrer wahren Tiefe, in ihrem Anspruch und mit ihrer Weisung erscheinen könnte, erinnerte er, „in der Hoffnung, nicht allzusehr mißverstanden zu werden und nicht zu viele einseitige Polemiken hervorzurufen“, an das Auftreten der ökologischen Bewegung in der deutschen Politik. Jungen Menschen sei bewusst geworden, dass die Erde selbst ihre Würde in sich trage und wir ihrer Weisung folgen müssten. Es gäbe jedoch auch „eine Ökologie des Menschen. Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muß und die er nicht beliebig manipulieren kann. Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit. Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur hört, sie achtet und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat. Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit.“ Er fragte, ob es denn wirklich sinnlos sei zu bedenken, ob die objektive Vernunft, die sich in der Natur zeige, nicht eine schöpferische Vernunft, einen Creator Spiritus voraussetzt, dessen Wille gewisse Normen in sie hineingelegt hätte. Von der Überzeugung eines Schöpfergottes hergeleitet, sei die Idee der Menschenrechte, die Idee der Gleichheit vor dem Recht, die Erkenntnis der Unantastbarkeit der Menschenwürde und das Wissen um die Selbstverantwortung entwickelt worden. Die aus der Begegnung von Jerusalem, Athen und Rom gebildete innere Identität Europas, habe „Maßstäbe des Rechts gesetzt, die zu verteidigen uns in unserer historischen Stunde aufgegeben ist“.
Etwa 50 der insgesamt 620 Abgeordneten blieben der Rede fern, Stern vom 22. September 2011, da sie das Verfassungsgebot der Trennung von Kirche und Staat verletzt sahen. Während der Rede des Papstes im Deutschen Bundestag protestierten mehrere tausend DemonstrantenAnti-Papst-Demo Bericht in der taz am 23. September 2011 auf dem Potsdamer Platz gegen den Besuch und die aus ihrer Sicht „menschenfeindliche Geschlechter- und Sexualpolitik des Papstes“.Homepage des Bündnisses gegen den Papstbesuch Nach seiner Rede begegnete der Pontifex Vertretern des Zentralrates der Juden.
Gottesdienst Am Abend zelebrierte Benedikt XVI. eine Heilige Messe im Olympiastadion, an der 61.000 Menschen teilnahmen. Unter den Mitfeiernden war die gesamte Staatsführung vertreten durch den Bundespräsidenten, die Bundeskanzlerin, Bundesratspräsidentin Hannelore Kraft, Bundestagspräsident Norbert Lammert, der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, sowie zahlreiche Bundesminister und Abgeordnete des Deutschen Bundestages.
Zeitgleich zur Messe zogen die Demonstranten vom Potsdamer Platz zur St. Hedwigs-Kathedrale, der Hauptkirche der Berliner Katholiken; auch daran nahmen Bundestagsabgeordnete teil.„Keine Macht den Dogmen“. Website Welt online. Abgerufen am 23. September 2011.
Am Morgen des 23. September traf der Papst vor seiner Abreise nach Erfurt in der Apostolischen Nuntiatur in Berlin mit Vertretern des Islams in Deutschland zusammen.
Erfurt mini|Marienvesper mit Papst Benedikt auf dem Pilgerfeld bei der Wallfahrtskapelle Etzelsbach mini|Papst Benedikt XVI fotografiert von Oliver Mark in seinem Papamobil im Marienwallfahrtsort Etzelsbach Empfang Danach flog er vom Flughafen Tegel nach Erfurt. Auf dem Flughafen Erfurt-Weimar erwarteten ihn Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht sowie die Ministerpräsidenten von Sachsen und Sachsen-Anhalt, Stanislaw Tillich und Reiner Haseloff. Als erster Papst besuchte er die Gläubigen in den östlichen Bundesländern und zugleich mit Thüringen ein Kernland der Reformation.
Benedikt XVI. wurde anschließend im Erfurter Dom von Bischof Joachim Wanke empfangen. Anschließend begegnete er im Kapitelsaal des Augustinerklosters Erfurt, dem Kloster, in das der Reformator Martin Luther eingetreten war, den führenden Vertretern der evangelischen Kirche in Deutschland. Nach dem Treffen feierte der Papst in Gemeinschaft mit Präses Bischof Nikolaus Schneider einen ökumenischen Gottesdienst.
Gottesdienste Am Abend flog Benedikt XVI. mit einem Hubschrauber zur Wallfahrtskapelle Etzelsbach im Eichsfeld. Dort feierte er mit 90.000 Pilgern auf dem Pilgerfeld bei der Kapelle eine marianische Vesper. Danach flog Benedikt XVI. zurück nach Erfurt, wo er im Priesterseminar mit Opfern sexuellen Missbrauchs durch Priester und kirchliche Mitarbeiter zusammentraf. Dabei sprach er den Betroffenen sein tiefes Mitgefühl und Bedauern aus. Anschließend begegnete Benedikt XVI. Menschen, die sich um Missbrauchsopfer kümmern und ihnen helfen. Diese Treffen gehörten nicht zum offiziellen Besuchsprogramm des Papstes, Benedikt XVI. hat solche Treffen aber am Rande seiner apostolischen Reisen in den letzten Jahren wiederholt durchgeführt.Benedikt trifft Missbrauchsopfer. Website spiegel online. Abgerufen am 23. September 2011. Das Treffen wurde vom Sprecher des SNAP (Survivors Network of those Abused by Priests) als „bedeutungslose Geste“ kritisiert.Bericht auf spiegel.de