Tabl (, Plural ṭubūl) ist im Arabischen die allgemeine Bezeichnung für Membranophone unabhängig von ihrer Bauart. Die ein- und zweifelligen Trommeln haben ihren Ursprung im Alten Orient. In islamischer Zeit verbreiteten sich die Spielweisen der Militärkapellen, der religiösen volkstümlichen Musik und der klassischen arabischen Musik, in denen fast immer Trommeln eine besondere Rolle spielen. Vom Wort ṭabl abgeleitet sind unter anderem die im Maghreb verbreiteten unterschiedlichen Trommeln t'bol und die indische, paarweise gespielte Handpauke tabla. Membranophone im arabischen Raum lassen sich nach der Bauform in drei Hauptgruppen einteilen: zweifellige Röhrentrommeln, einfellige Kesseltrommeln und ein- oder seltener zweifellige Rahmentrommeln. miniatur|Zylindertrommeln kurzer Bauart: t'bol. Algerische Musiker 2006 in Frankreich
Etymologie Das arabische Wort ṭabl hängt mit dem aramäischen tablā und dem akkadischen tabālu zusammen.Farmer, EI(2), Band 10, S. 32 Neben diesem semitischen Ursprung in der Wortbedeutung „Trommel“, gibt es den Versuch, ṭabl von griechisch tabla und lateinisch tabula herzuleiten, was mit „Brett“ übersetzt wird. Mit der entsprechenden Bedeutung entstand daraus im Deutschen „Tablett“ und „Tafel“. Der Begriff ṭabl findet sich noch in den europäisch-mittelalterlichen Trommelnamen tabel, tabor und weiter in tambour, tamburin.Farmer, EI(2), Band 10, S. 32f Mit Artikel, also als aṭ-ṭabl, fand das arabische Wort in der Bedeutung „Kesseltrommel“ ebenfalls in einige europäische Sprachen: spanisch atabal, italienisch ataballa und altfranzösisch attabal. Bei den Tuareg hieß früher die Kriegstrommel der Männer auf Tamascheq ettebel oder ṭobol.
In der heutigen türkischen Sprache heißt die Rahmentrommel davul, entwickelt aus dem mittelalterlichen osmanischen ṭabıl, ṭabl.Korkut Budgay: Osmanisch. Lehrbuch: Einführung in die Grundlagen der Literatursprache. Harrassowitz, Wiesbaden 1999, S. 211 Die persische Trommelfamilie heißt entsprechend duhul. Einen gleich klingenden Namen trägt ferner die südindische Doppelfelltrommel dhavul, auch tavil. Eine weitere Verwandtschaft der tavil über den Namen hinaus zeigt sich in ihrem Zusammenspiel mit Blasinstrumenten, das demselben türkisch-zentralasiatischen Muster folgt.
Geschichte Altes Ägypten Der erste überlieferte Trommelspieler wird in einer Inschrift aus der altägyptischen 4. Dynastie während der Regierungszeit von Pharao Cheops (26. Jahrhundert v. Chr.) als Hausverwalter Merj erwähnt. In der bildhaften Darstellung sitzt er vor seiner Herrin Ifi, spielt eine tönerne Bechertrommel und singt vermutlich dazu. Das Instrument ist der Vorläufer der heute in der arabischen Volksmusik populären darbuka. Einige Jahrzehnte später, gegen Ende der 4. Dynastie, lebte der älteste bekannte Berufsmusiker Chufu-ʿauch. Er war ein hoch angesehener Flötenspieler und Leiter der höfischen Sänger. Im Orchester des Pharaos gab es für die verschiedenen Musikinstrumente und für jede Tätigkeit Spezialisten, auch für Händeklatschen und Fußstampfen. In der Ritualmusik am Tempel traten neben den Sängern Harfner, Lauten-Spieler, Trompeter, Trommler, Händeklatscher und Frauen mit Sistren auf. Sänger genossen grundsätzlich eine höhere Wertschätzung, dennoch gab es auch bedeutende Instrumentalisten, die bis heute durch Inschriften namentlich bekannt sind. Emhab, der in der 17. Dynastie (16. Jahrhundert v. Chr.) Spieler der großen Fasstrommel war, begleitete seinen Herren, einen wandernden Schauspieler. Obwohl Emhab eine niedrige Position innehatte, war er offensichtlich vermögend genug, um seinen Namen auf einer Stele verewigen lassen zu können.Hans Hickmann, Altägyptische Musik, 1970, S. 143–148, 152
Mesopotamien In Mesopotamien waren die ältesten Schlaginstrumente von Tänzerinnen gespielte Klappern. Sie wurden zusammen mit Harfen und Leiern in den Königsgräbern von Ur aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. gefunden. Häufiger als Zweihandklappern sind auf Abbildungen Trommeln zu sehen. Ein in Tell Agrab gefundenes Tongefäß aus der Dschemdet-Nasr-Zeit (um 3000 v. Chr.) zeigt drei nackte Frauen, die mit der linken Hand einen als rundes Tamburin gedeuteten Gegenstand in die Höhe halten und mit einem Stab in ihrer Rechten daraufschlagen. Die Darstellung könnte als älteste Abbildung einer Trommel gelten, ist aber nicht eindeutig zu interpretieren. Dagegen sind ab dem Beginn der Ur-III-Zeit (um 2000 v. Chr.) auf zahlreichen Abbildungen Rahmentrommeln eindeutig erkennbar. Sie ersetzten wahrscheinlich die zuvor von den Tänzerinnen bei Kultveranstaltungen benutzten Klappern. Die einzelnen Fundorte und -lagen weisen darauf hin, dass die Tänzerinnen zum Kult einer Muttergöttin gehörten. Die dargestellten Rahmentrommeln sind kreisrund und werden von den Frauen mit beiden Händen vor der Brust gehalten, es ist daher gut möglich, dass es nicht Schlaginstrumente, sondern mit Körnern gefüllte Rasseln waren, die geschüttelt wurden.
Auf Stelen der sumerischen Herrscher Ur-Nammu und Gudea ist eine riesige, beinahe mannshohe Rahmentrommel zu sehen, deren beide Felle von jeweils einem seitlich stehenden Spieler mit den Händen geschlagen werden. Nach der Ur-III-Zeit verschwanden in Mesopotamien derart große Trommeln.Wilhelm Stauder: Die Musik der Sumer, Babylonier und Assyrer, 1970, S. 182–185
Die kleine Rahmentrommel wurde in der babylonischen Zeit in der ersten Hälfte des 2. Jahrtausends zum üblichen Schlaginstrument und breitete sich von Mesopotamien ans Mittelmeer und bis nach Ägypten aus. Aus der einstigen zweifelligen Rassel der Ur-III-Zeit ist das wichtigste Schlaginstrument geworden. In einer standardisierten Größe besteht das Tamburin aus einem Reifen mit einer kreisförmigen Wicklung von biegsamen Material. Über diesen spannt sich eine enthaarte und an der Luft getrocknete Tierhaut. Terrakottafiguren aus Babylon und Nippur zeigen die Rahmentrommel nicht mehr als eine mit beiden Händen gehaltene Rassel, sondern mit der linken Hand an die linke Schulter gehalten und ohne Stöckchen mit der rechten Hand geschlagen. Möglicherweise hat die Tänzerin bereits die heutige Spielweise praktiziert, indem sie mit den Fingern der linken Hand den Rand des Fells und mit der rechten Hand die Mitte angeschlagen hat. Dadurch lassen sich hell und dunkel klingende Töne bei unterschiedlicher Lautstärke erzeugen. Auf einer Figur aus der Zeit von Hammurapi (18. Jahrhundert v. Chr.) hält eine Spielerin ein Tamburin auf Kopfhöhe weit von sich. Die Tänzerin tritt zur Begleitung einer Leier in einem im Vergleich zu früher weniger streng geregelten kultischen Zusammenhang auf. Ähnliche Spieltechniken sind auch von Abbildungen der nördlich lebenden Assyrer bekannt; bei beiden Völkern scheinen die zuvor ausschließlich im Kult und solistisch gebrauchten Rahmentrommeln vermehrt im Zusammenspiel mit Melodieinstrumenten und auch für andere Anlässe verwendet worden zu sein.
Eine große stehende Bechertrommel auf einer Inschrift von etwa 300 v. Chr., die Priestern Anweisungen für Opferzeremonien gibt, stellt die heilige Trommel lilissu dar, die – obwohl ansonsten nur ein weiteres Mal abgebildet – bereits in babylonischer Zeit existiert haben muss. Im Detail wird das Ritual für Ea, den Gott der Weisheit und Musik, und für andere babylonische Götter geschildert, bei dem ein schwarzer Stier geopfert wurde. Die abgezogene und gesäuberte Haut des Tieres zog man über den bereits zuvor gefertigten Trommelkorpus und befestigte sie mittels Holzpflöcken, die man durch die Haut in Löcher im Korpus schlug. Schließlich sorgte eine Stiersehne in einer Kehle am Trommelrand für die notwendige Spannung des Fells. Aus dem göttlichen Stier war die heilige ilissu geworden, die nur ein bestimmter Priester spielen durfte. Es ist die älteste bekannte Bechertrommel und Vorbild der späteren Pauken.Wilhelm Stauder: Die Musik der Sumer, Babylonier und Assyrer, 1970, S. 197–200
Mehrere assyrische Abbildungen zeigen die Rahmentrommel unter anderem auf Reliefs der Könige Sin-ahhe-eriba (reg. 705–680) und Assurbanipal. Zwei weitere Trommeltypen auf assyrischen Flachreliefs sind eine einfellige schmale lange Röhrentrommel und eine vermutlich zweifellige kürzere Trommel. Beide hingen, an einem Gürtel befestigt, dem Spieler an der Hüfte, der sie mit beiden Händen von oben schlagen konnte. Ihre Bedeutung dürfte relativ gering gewesen sein. Auf dem Wandrelief Assurbanipals aus dem 7. Jahrhundert v. Chr. am Nordpalast in Ninive sind ein Musikerquartett bestehend aus einem Leierspieler, einem Rahmentrommler und zwei Musikern mit unterschiedlich großen beidhändig gespielten Zimbeln abgebildet.Wilhelm Stauder: Die Musik der Sumer, Babylonier und Assyrer, 1970, S. 208
Frühislamische Zeit Mehrere griechische Geschichtsschreiber, unter ihnen Herodot im 5. Jahrhundert v. Chr. und Strabon im 1. Jahrhundert v. Chr. hoben die Qualität iranischer Musikinstrumente hervor. Alexander der Große soll in seinen Militärkapellen die große Lautstärke iranischer Fasstrommeln geschätzt haben. Im alten Griechenland waren Trommeln im Gegensatz zum Orient wenig gebräuchlich. Auf sassanidischen Felsreliefs von Taq-e Bostan sind große und kleine Fasstrommeln zu sehen, deren Spieler zu einer Militärkapelle gehören. Das bekannteste Beispiel für eine arabische Übernahme in frühislamischer Zeit ist die persische Laute barbaṭ, aus deren runder Bauform sich der arabische ʿūd entwickelte. Darüber hinaus gab es kulturelle Einflüsse im Zusammentreffen von Chaldäern, Nabatäern, Syrern, palmyrenischen und südarabischen Stämmen. Besonders Aramäer und Juden bewahrten auch nach der arabischen Eroberung alte Traditionen. Zugleich kamen Musiker der unterworfenen Völker in die größeren Städte und prägten dort mit ihren Spielweisen die arabische Musik.
Die musikalischen Bereicherungen durch fremde Völker thematisiert die islamische Legende zum Ursprung der Musik, die in einer türkischen Quelle aus dem 17. Jahrhundert erwähnt wird. Demnach haben neben Bilal al-Habaschi, dem aus Afrika stammenden ersten Muezzin und Sänger, im Umkreis des Propheten noch drei Musiker gelebt, die wie Bilal zu Urvätern der Musik geworden sind. Ḥamza ibn Yatīm, der Vorfahr aller Sänger, soll bei Familienfeiern aufgetreten sein, ebenso Bābā ʿAmr, dessen Instrument die runde Rahmentrommel al-dāʾira war. Er wurde angeblich zum Schutzheiligen aller Trommler. Ferner gab es den indischen Paukenspieler Bābā Sawandīk, der mit seiner großen Pauke kūs (Plural kūsāt) an den Militärexpeditionen des Propheten teilnahm. Er soll bei Mosul begraben worden sein.Hans Hickmann: Die Musik des Arabisch-Islamischen Bereichs, 1970, S. 16; Henry George Farmer, 1929, S. 38
Die vor- und frühislamischen Araber lauschten überwiegend Singmädchen (qaina, Plural qiyān), die – verglichen mit Mesopotamien – im musikalisch wenig entwickelten Hedschas in unisono oder im Oktavabstand vorgetragenen Gesängen wenige Verse in stimmlichen Variationen stundenlang wiederholten. Die rhythmische Begleitung bildeten Fasstrommeln, die rechteckigen Rahmentrommeln (daff) und qaḍīb, taktgebende Schlaghölzer. Gelegentlich spielten die Tänzerinnen Metallklappern (ṣinj, Plural ṣunūj, heute im Maghreb qarqaba) und Zimbeln. Mit ṭabl bezeichnete man zu der Zeit nur die Fasstrommeln. Alle drei Rhythmusinstrumente wurden auch in der Militärmusik verwendet.Henry George Farmer, 1929, S. 13, 16
Bauformen Einfellige Trommeln miniatur|hochkant|Ägyptische Bechertrommel darbuka