Walzenhausen ist eine politische Gemeinde im Vorderland des Kantons Appenzell Ausserrhoden in der Schweiz.
Geographie Walzenhausen liegt auf dem östlichsten Ausläufer der Hügelkette des Appenzeller Vorderlandes und ist in mehrere Ortsteile gegliedert. Das Zentrum der Gemeinde befindet sich beim Bahnhof der Bergbahn Rheineck–Walzenhausen an einem Nordhang oberhalb von Rheineck. Der nahe gelegene Bodensee befindet sich rund 300 m tiefer, so dass man vom Dorf aus ein schönes Panorama der Bodenseeregion hat. In südöstlicher Richtung liegt Walzenhausen-Platz in einem kleinen Talkessel, der nach St. Margrethen abfällt. Auf diesem Gemeindegebiet befindet sich das Kloster Grimmenstein, das eine Exklave des Kantons Appenzell Innerrhoden bildet. Vom Weiler Wilen aus führt eine Verbindungsstrasse ins südlich gelegene Berneck und St. Galler Rheintal hinunter. Ein Dreikantoneeck zu den Kantonen Appenzell Innerrhoden und St. Gallen findet sich bei Wilen (). Der tiefste Punkt der Gemeinde liegt auf (Hof), der höchstgelegene auf (Blasenweid), der Bahnhof der Bergbahn Rheineck-Walzenhausen auf
Die Fläche von Walzenhausen von 698 ha teilt sich auf in:
Siedlungsflächen 92 ha Landwirtschaftliche Nutzflächen 367 ha Wald 242 ha
Geschichte mini|Walzenhausen: Rheinburg-Klinik und Kirchturm mini|Historisches Luftbild von Walter Mittelholzer von 1923 Ursprünglich gehörte Walzenhausen zum Gehöft Höchst–St. Margrethen im Rheintal. Es wurde damals Unter Hirschberg genannt. Dieses Gehöft umfasste Höchst, St. Margrethen, Fußach, Gaißau bis hinauf nach Walzenhausen und erstreckte sich weiter bis zur Grenze von Thal. Eine erste urkundliche Erwähnung des Hofes als „Hostetharro marcha“ (die Mark der Höchster) stammt aus dem Jahre 881, die erste urkundliche Erwähnung von Walzenhausen stammt aus dem Jahre 1320. Nach den Appenzeller Kriegen schloss sich Walzenhausen den Appenzellern an und wurde Teil der appenzellischen Rhode Trogen. Doch es dauerte bis ins 16. Jahrhundert, ehe die Gebietsansprüche des alten Hofes übertragen werden konnten. Während der Reformation traten die meisten Bewohner von Unter Hirschberg zum neuen Glauben über und bauten 1638 eine eigene Kirche. Mit dem Bau der Kirche konstituierte sich Walzenhausen auch als eigenständige Gemeinde.
Im 19. Jahrhundert entstanden erste Schulhäuser und soziale Einrichtungen wie das Armenhaus, es wurden Strassen angelegt, und der Feuerschutz wurde verbessert. Ackerbau und Viehzucht wurden mehr und mehr mit Textilgewerbe ergänzt. Die Bauern woben in Heimarbeit im eigenen Keller. Das typische Walzenhuser Tuch war eine eher grobe Leinwand. Einige Fabrikanten gelangten damit zu Reichtum. Nach 1850 entwickelte sich das Dorf zu einem Zentrum der Grobstickerei (Rideauxfabrikation). Ergänzend etablierten sich mehrere Zwirnereien. Ebenfalls fasste die Seidenbeuteltuchweberei Fuss. Diese Blütezeit endete mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. 1921 stieg die Zahl der Arbeitslosen auf einen Höchststand, die Stickmaschinen wurden verschrottet, auch aus Walzenhausen wanderten viele nach Übersee aus. Eine gewisse Entspannung trat ein, als Ulrich Jüstrich 1930 seine Bürstenfabrik eröffnete.
Ab Mitte des 19. Jahrhunderts begann der Aufstieg Walzenhausens als Kurort. 1870 entstand das Hotel «Kurhaus» (später «Hotel Walzenhausen»), 1878 wurde die «Rheinburg» zum Grand Hotel, es folgten «Sonne», «Falken», «Friedheim». Die Meldegg und die Gebhardshöhe gehörten zu den beliebten Ausflugsorten. In die Blütezeit des Tourismus fällt auch der Bau der Bergbahn Rheineck–Walzenhausen 1896. In Konkurrenz zum nahen Heiden beherbergte Walzenhausen vorwiegend Gäste aus dem Mittelstand. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs beendete den Tourismus schlagartig.
Das Ende der Textilindustrie und des Tourismus bewirkte eine deutliche Abnahme der Bevölkerungszahl. Das Gewerbe, die Niederlassung mehrerer spezialisierter Firmen und die neue Art von Kurtourismus mit der Rehabilitationsklinik in der Rheinburg vermochten dies nur teilweise aufzufangen.
Bevölkerung Bevölkerungsentwicklung Jahr 1667 1813 1850 1870 1888 1900 1920 1941 1960 1980 1990 2000 2010 2020 2022 Einwohner 1013 1483 1794 2235 2959 3078 3029 2408 2345 2004 2152 2181 2050 2015 2040
Politik Michael Litscher ist der aktuelle Gemeindepräsident der Gemeinde Walzenhausen (Stand Juli 2023). Walzenhausen verfügt über einen fünfköpfigen Gemeinderat, der unter der Leitung des Gemeindepräsidenten steht. Der Rat wird für eine vierjährige Amtszeit von den Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern im Majorzverfahren bestimmt. Der Gemeinderat ist ein politisches Organ der Exekutive und kümmert sich im Rahmen seiner Kompetenzen um die laufenden Geschäfte der Gemeinde. Es gibt auf Gemeindeebene keine begrenzte Anzahl Amtszeiten. Die aktuelle Zusammensetzung des Gemeinderats ist auf der Webseite der Gemeinde ersichtlich.Gemeinderat Walzenhausen, Gemeinde Walzenhausen, abgerufen am 22. August 2023
Aufgrund der Einwohnerzahl hat Walzenhausen im Kantonsrat in Herisau, der Legislative des Kantons, zwei Sitze. Die Personen werden im Majorzverfahren von den Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern für eine Amtszeit von vier Jahren gewählt. Die Kantonsrätinnen und Kantonsräte vertreten die Interessen der Gemeinde auf kantonaler Ebene. Die aktuellen Vertretungen aller Gemeinden sind auf der Webseite des Kantonsrats verzeichnet.Mitglieder des Kantonsrates, Appenzell Ausserrhoden, abgerufen am 22. August 2023
Wirtschaft Das Gebiet war ursprünglich landwirtschaftlich geprägt. Gras- und Milchwirtschaft, Getreide- und Obstanbau dominierten. 2021 zählte Walzenhausen aber nur noch 20 Bauernhöfe. Bis 1910 wurde auch Wein angebaut, diese Tradition wurde 2004 wiederaufgenommen.
In der Gemeinde gibt es vielfältige Gewerbebetriebe. Rund 200 Klein- und Mittelbetriebe sind im Gewerbeverein Walzenhausen zusammengeschlossen. Dieser organisiert auch alle paar Jahre die Gewerbeausstellung GEWA.
Die Einkaufszentren in St. Margrethen und Vorarlberg haben zu einem Rückgang des Detailhandels geführt. 2023 schloss die letzte Metzgerei, einzig eine Bäckerei blieb übrig. Der Mercato Shop mit Postagentur im Bahnhofsgebäude wurde 2016 eröffnet.
Unternehmen mini|Der Neubau der Firma Just Schweiz in Walzenhausen 1930 gründete Ulrich Jüstrich in der alten Stickereifabrik seines Vaters eine neue Firma. Sie entwickelte und produzierte zunächst Bürsten. Vertrieben werden die Produkte von Verkaufsberatern, die von Tür zu Tür gehen. Den Direktvertrieb hat Just AG bis heute beibehalten. Die Firma wuchs mit den Jahren und weitete das Sortiment auf Körperpflege- und Kosmetikprodukte aus. Die international tätige Firma hat am Unternehmenssitz in Walzenhausen 2016 ein neues Produktionszentrum eingeweiht. Just wird inzwischen von der dritten Generation Jüstrich geführt.
Die Herrmann AG wurde 1946 vom Werkzeugmacher und Konstrukteur Ernst Herrmann gegründet. Sie stellte in der Anfangszeit mechanische Einzelteile sowie Spritz- und Stanzwerkzeuge her. In den folgenden Jahren verlagerte sich der Tätigkeitsbereich hin zum Spritzguss von Kunststoffteilen. Heute produziert sie vor allem Verschlüsse oder Verschlusssysteme in Spritzgusstechnik. Nach wie vor stellt sie ihre Werkzeuge selber her. Die Fabrik wurde mehrmals erweitert, zuletzt wurde 2010 ein vierstöckiger Erweiterungsbau eingeweiht.
Die Knoepfel AG wurde 1962 von Hugo Knoepfel gegründet. Die Firma ist auf Metallverarbeitung spezialisiert. Sie stellt mechanische Präzisionsteile für den Fahrzeugbau her. Die ursprünglich in der Schlissi beheimatete Werkstätte wurde mehrmals erweitert und befindet sich seit 1991 im Gaismoos.
Medien Seit 1994 gibt Walzenhausen ein eigenes Gemeindeblatt heraus. Neben amtlichen Informationen wird darin z. B. über die Schule oder über Veranstaltungen informiert. Seit 1996 heisst die Publikation «Treffpunkt», erscheint 11-mal im Jahr und wird von einem eigenen Redaktionsteam betreut (Nicole Konrad, Isabelle Kürsteiner, Iris Oberle, Simon Schiess und Sonja Schreiber).
Bildung Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es in Walzenhausen drei Freischulen: im Dorf, in der Lachen und im Platz. Mit dem zunehmenden Wohlstand wurden neue Schulhäuser gebaut. Aufgrund der rückläufigen Schülerzahlen wurde 1968 die Schule Lachen geschlossen. Im Gegenzug wurde ein Schulbusbetrieb eingeführt.
Aktuell wird im Schulhaus Bild die 1. und 2. Klasse unterrichtet, im Schulhaus Wilen die 3. und 4. Klasse, im Schulhaus Güetli die 5. und 6. Klasse und im Schulhaus Dorf die Oberstufe. Das älteste Schulhaus Nef wird von der Musikschule und der Spielgruppe genutzt. In der 1980 erstellten Mehrzweckanlage gibt es eine Doppelturnhalle mit einer Bühne, eine Bibliothek, einen Singsaal, Hauswirtschaftsräume und Werkstätten für die Oberstufe.
Öffentliche Einrichtungen mini | Rheinburg Die Rehaklinik Walzenhausen (ehemals Rheinburg bzw. Rheinburg-Klinik) ist seit 1995 eine Klinik für akutstationäre neurologische und orthopädische Rehabilitation. Sie bietet eine Vielfalt an Therapien für stationäre und ambulante Patientinnen und Patienten an. Ausserdem organisiert die Rehaklinik Walzenhausen Kurse und Seminare zur Ausbildung von Fachkräften. Das markante Haus auf der Geländeterrasse mit Weitblick hat eine lange und wechselvolle Geschichte: Es wurde 1874 vom umtriebigen Pfarrer Johannes Kopp auf eigene Rechnung erbaut. Für den Bau musste der Friedhof verlegt werden. Kopp betrieb in der Rheinburg ein privates Erziehungsinstitut und eine Kuranstalt, ging damit aber Konkurs. Ab 1878 wurde die Rheinburg zum Grand Hotel. Mit dem Ersten Weltkrieg war jedoch die goldene Zeit des Tourismus vorbei. Zwischen 1965 und 1980 bot der Schweizer Verein für Familienherbergen in der Rheinburg preisgünstige Ferienaufenthalte an. 1985 erwarb dann die Ausserrhoder Kantonalbank das Gebäude und restaurierte es stilgerecht. Das Vorhaben, in der Rheinburg ein Zentrum für Schmerzmedizin einzurichten, war nicht erfolgreich und musste nach zwei Jahren wieder aufgegeben werden. 1995 erfolgte ein Neustart als Klinik für neurologische und orthopädische Rehabiliation (auf privatwirtschaftlicher Basis). Seit Dezember 2014 ist die heutige Rehaklinik Walzenhausen Teil der Klinikgruppe Valens.
Das Alterswohnheim Walzenhausen befindet sich im Ortsteil Almendsberg. Das Haus war 1874 als Armenanstalt gebaut worden. 1909 brannte es ab und wurde als Bürgerheim für minderbemittelte und randständige Menschen neu aufgebaut. 1964 wurde das Gebäude renoviert und erweitert und ist seither ein Alterswohnheim. Die Infrastruktur wurde wiederholt modernisiert. Die Kafistube ist öffentlich.
Soziale Institutionen Der «Sonneblick» in Walzenhausen geht auf eine Initiative des Pfarrers Paul Vogt zurück. Sein Hilfswerk für Arbeitslose bot jungen Männern Beschäftigung, Bildung und Sport und damit auch eine Perspektive. 1933 konnte Vogt dafür ein Stickerhämetli erwerben - daraus wurde das Evangelische Sozialheim Sonneblick. Ausser Menschen vom Rand der Gesellschaft nahm das Haus im Zweiten Weltkrieg wie auch später während des Ungarnaufstands 1956 immer wieder Flüchtlinge auf. Bis Mitte der 1980er-Jahre blieb der Sonneblick ein christliches Erholungsheim, das von Diakonissen geführt wurde. Nach einer wechselvollen Zeit betrieb ab 1995 eine Stiftung den Sonneblick als Gästehaus mit sozialer Zielsetzung. 2016 beschloss der Stiftungsrat, die Häuser dem Kanton Appenzell Ausserrhoden zu vermieten für den Betrieb eines Durchgangszentrums für Asylsuchende. Dagegen kam es zu Einsprachen, die bis vor Bundesgericht gingen. Das Asylzentrum Sonneblick wurde schliesslich im Februar 2021 eröffnet.