mini|Toulouse Lautrec: Der Salon in der Rue des Moulins. 1894 Die Prostitution in Frankreich ist in der jüngeren Vergangenheit vom Abolitionismus geprägt und wurde im April 2016 unter Strafe gestellt. Strafbar waren zuvor schon Zuhälterei, Frauenhandel, Bordelle und Prostitution mit Minderjährigen. Seit April 2016 wurde Prostitution auch für die Kunden von Prostituierten (Freier) strafbar, bleibt aber für die Prostituierten straffrei (Nordisches Modell für Prostitution).

Im 19. und bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts war die Prostitution in Frankreich, insbesondere in Paris, von Bordellen (französisch maisons closes) geprägt. Berüchtigt waren dabei die Massenbordelle, sogenannte Maison d’abattage (deutsch Schlachthaus): Prostituierte wie Gäste waren gleichermaßen schlimmsten Bedingungen ausgesetzt. Diese Bordelle und die Zustände in ihnen waren neben dem Vorwurf der Kollaboration mit der deutschen Besatzungsmacht im Zweiten Weltkrieg einer der Hauptgründe der Pariser Stadtverordneten Marthe Richard, das französische Bordellverbotsgesetz von 1946 zu initiieren.

Geschichte Prostitution im 17. und 18. Jahrhundert mini|Transport der Freudenmädchen zur Polizeiwache, Étienne Jeaurat, 1755 Im Jahre 1658 veranlasste Ludwig XIV., dass alle Frauen, die der Prostitution nachgingen, wegen Unzucht oder Ehebruchs verurteilt und im Armenhaus Salpêtrière zu internieren seien, bis sie Buße getan und durch einen Priester die Absolution erhalten hätten.Franz S. Hügel: Zur Geschichte, Statistik und Regelung Der Prostitution. Dogma, 2012, ISBN 3-95507-579-6, S. 143

Die Prostituierte auf der Straße musste einen Widerspruch auflösen: Sie musste sich vor den Organen der Obrigkeit verbergen, aber gleichzeitig für mögliche Kunden erkennbar sein.Ulrike Weckel (Hrsg.), Claudia Opitz, Olivia Hochstrasser: Das achtzehnte Jahrhundert. Supplementa: Ordnung, Politik und Geselligkeit der Geschlechter im 18. Jahrhundert. Wallstein, Göttingen 1998, ISBN 3-89244-304-1 Offensichtlich kam dabei dem Blickkontakt eine wichtige Bedeutung zu.Romana Filzmoser: Ikonographie des Liederlichen. Visualisierungsstrategien von Prostitution im Uebergang vom 18. zum 19. Jahrhundert. Forschungsprojekt des IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Wien (2005–2006)

In den Jahren 1781 bis 1784 wurden rund um den Palastgarten (1. Arrondissement) in Paris etwa 60 Häuser mit Arkadengängen gebaut, die Wohnungen, Läden, Gastronomiebetriebe und Vergnügungseinrichtungen beherbergten. Hier konzentrierte sich das Nachtleben der Hauptstadt, und es war ein Haupttreffpunkt, an dem sich täglich circa 1500 Prostituierte versammelten. Da die Anlage dem Herzog von Orléans, einem Verwandten des Königs, gehörte, hatte die Polizei keinen Zutritt. Dies ermöglichte eine gewisse Versammlungsfreiheit. Am 13. Juli 1789 (nach einigen Quellen am 11. Juli oder 12. Juli) rief dort Camille Desmoulins zum bewaffneten Aufstand (Französische Revolution) auf. Paris hatte zu Beginn des 18. Jahrhunderts 500.000 und im Jahre 1789 600.000 Einwohner.B. Moreau: Recherches et considérations sur la population, 1778.

Madame Marguerite Gourdan besaß eines der größten Bordells namens Chateau de Madame Gourdan in der rue des Deux PortesHeute N° 23, rue Dussoubs (2 Arrondissement). an der Ecke der rue Saint-Sauveur.Heute um N° 12 rue Saint-Sauveur Reiche und einflussreichste Politiker, Adelige und sogar Geistliche gingen in ihrem Etablissement ein und aus. Es war eines der größten Bordelle seiner Zeit, auf verschiedene Häuser und sogar Straßenzüge verteilt.Stephanie Bee: 16. März 2009 Im Hause arbeitete Marie-Jeanne Bécu, die spätere comtesse du Barry, die es zur Mätresse Ludwigs XV. brachte.

Ein weiteres Beispiel war die französische Schauspielerin, Philosophin und Feministin Marie-Madeleine Jodin. Sie geriet aus verschiedenen Gründen in Konflikt mit der police des mœurs, einer Sittenpolizei des Ancien Régime. Unter anderem deshalb, weil sie und ihre Mutter aufgrund des Todes ihres Vaters, des Uhrmachers Jean Jodin (1713–1761), und der daraus resultierenden Armut eine gewisse Zeit der Prostitution nachgingen. Die police des mœurs wurde im Jahre 1747 von Nicolas René Berryer ins Leben gerufen und organisierte sich innerhalb des «Bureau de la discipline des mœurs». Als 20-Jährige wurde sie im November 1761 zusammen mit ihrer Mutter in das Frauengefängnis des Hôpital de la Salpêtrière interniert. Ihre Erfahrungen aus dieser Zeit bewogen sie zu verschiedenen Forderungen über die zukünftigen Rechte von Frauen. So setzte sie sich für eine Aufhebung der in der Öffentlichkeit ausgeübten Prostitution ein und dafür, dass sich Prostituierte, filles de joie, nicht mehr vor der police des mœurs für ihr Tun rechtfertigen müssen. Sie war für die Einrichtung einer eigenen Frauen-Gerichtsbarkeit, die für familiäre Konflikten zuständig ist. Ebenso setzte sie sich für die Errichtung von Wohnstätten für bedürftige Frauen und ein Recht auf Scheidung ein.Felicia Gordon: This accursed child: the early years of Marie Madeleine Jodin (1741–1790) actress, philosophe and feminist. In: Women’s History Review, 10:2, S. 229–248, doi:10.1080/09612020100200283

Die Dirnenentlohnung bewegte sich bis um das Jahr 1790 in der Gegend des Palais Royals zwischen 7 und 20 Livres. Die Prostituierten waren verpflichtet, ein vergoldetes Emblem am Gürtel zu tragen. Hieraus entlehnt sich die Redewendung: «Bonne renommée vaut mieux que ceinture dorée.» (zu Deutsch: Ein gutes Renommee ist besser als ein goldener Gürtel.) Dies hatte zur Folge, dass die sich von den Prostituierten abgrenzenden Frauen einen einfachen und schlichten Gürtel wählten.

Prostitution im 19. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Massenbordelle als Folge der industriellen Revolution Es gibt kaum zeitgenössische Berichterstattung über die Massenbordelle; der Sexual- und Prostitutionsforscher Alexandre Jean Baptiste Parent-Duchatelet (1790–1836) erwähnt keine explizit, aber in seinen Schriften ist 1857 durchaus von Massenprostituierten die Rede, Frauen der untersten Gesellschaftsschicht, die den Garnisonen folgen:

Im Jahre 1887 berichtete Gustave Macé, ehemaliger Chef der Kriminalpolizei, über das Massenbordell 29 in seinem Buch namens Eine hübsche Welt:

Mit der Industrialisierung Frankreichs und den wachsenden Fabriken wurden immer mehr billige Hilfsarbeiter gebraucht, die sich zu Tausenden aus den ehemaligen Kolonien rekrutierten. Viele billige Arbeiter drängten aus Afrika nach Frankreich, welche nicht die Möglichkeit hatten, ihre Familien nachzuholen bzw. überhaupt welche zu gründen, da sie infolge des alltäglichen Rassismus und ihrer begrenzten Begüterung für den französischen Heiratsmarkt nicht in Frage kamen. So blieben für die nordafrikanischen Arbeiter nur die billigen Massenbordelle. mini|Marseille, 1919 Ein Auszug aus der Hausordnung von 1929 des Moulin Galant:

Der Schriftsteller Alphonse Bodard zitiert aus einem Brief an Paul Langevin aus dem Jahr 1934:

Boudard gibt in seinem Buch Das goldene Zeitalter des Bordells folgende Beschreibung des Wissenschaftlers und Kriminologen Edmond Locard wieder:

Zu den moderateren Schlachthäusern zählte das Lanterne Verte, geschlossen 1921.

Nach den Polizeiberichten gab es 1938 in Paris zwölf offizielle Schlachthäuser; einige Bordelle hatten gar keine Namen, sondern wurden einfach nach den Hausnummern in der Straße benannt, in welchen sie sich befanden: Bekannt waren das 106 und Panier Fleuri (Boulevard de la Chapelle), das 164 und Bon Accueil (Boulevard de la Villette), das Eden (Rue de Lappe), Le Soleil (Rue Caron), Le Moulin Galant (Rue de Fourcy), das 43 (Rue Frémicourt), 162 (Boulevard de Grenelle), das 9 (Boulevard Auguste-Blanqui), das 26 (Rue Gérard), das Fragonard (Rue Bessière neben dem Rathaus von Clichy).Alphonse Boudard, Romi: Das goldene Zeitalter des Bordells. Heyne Verlag, München 1992, ISBN 3-453-05181-5, S. 44.

Edelbordelle Bordelle wie das One Two Two oder das Le Chabanais galten nicht nur als schlichte sexuelle Befriedigungsstätten, sondern als künstlerische und kulturelle Treffpunkte und während des Zweiten Weltkrieges als wichtige Stützpunkte und Unterschlüpfe der Résistance.

Bordelle als Folge der französischen Kolonialisierung und Militärprostitution mini|Französisches Kolonialreich (hellblau: erste Erwerbungen im 16. Jahrhundert, dunkelblau: Erwerbungen bis 1920) In allen französischen Kolonien war die Prostitution ein fester Bestandteil der französischen Lebensart, wie beispielsweise in New Orleans. Massenbordelle in ehemaligen französischen Besitzungen wie Algerien oder Tunesien haben ihren Ursprung in der Militärprostitution.

Prostitution war in Nordafrika gesetzlich erlaubt und wurde sogar gefördert. Die französischen Militärs empfanden es als wichtig, angesichts der vorherrschenden rigiden Sexualmoral in den islamischen Ländern ihre dort stationierten Soldaten bei Laune zu halten. Außerdem sollte die Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten mit Hilfe medizinisch kontrollierter Prostituierter vermieden und die als Sodomie gefürchtete und verurteilte Homosexualität unterbunden werden.

In Algier im 18. Jahrhundert von Venture de Paris ist zu lesen:

Die Feldärzte waren damit beauftragt, Militärbordelle einzurichten, streng nach Soldaten und Offizieren getrennt. Meist waren die Militärbordelle im Niveau sehr unterschiedlich; während die Offiziere edle Häuser mit schönen und gebildeten Frauen besuchen konnten, standen für die gemeinen Soldaten und Söldner fast ausschließlich sehr schlecht geführte Häuser zur Verfügung mit katastrophalen Arbeitszuständen für die Frauen, ein Elend für beide Seiten, da sich die Frauen im Massenansturm der Soldaten kaum waschen geschweige denn gegen Geschlechtskrankheiten schützen konnten und diese wiederum an die Männer weitergaben.

Im Ersten Weltkrieg wurde die Militärprostitution durch die großflächige Einführung der von der Armee verwalteten Bordels militaires de campagne (BMC) auf eine offizielle, wenn auch öffentlich kaum thematisierte Grundlage gestellt. Diese Feldbordelle hatten die Einrichtungen in den nordafrikanischen Kolonien als Vorbild und waren zuerst nur für Kolonialsoldaten und Fremdenlegionäre bestimmt, da die Militärführung sexuelle Kontakte zwischen diesen und einheimischen Frauen vermeiden wollte. Folglich waren in den BMC keine Französinnen des Mutterlandes, sondern hauptsächlich Algerierinnen anzutreffen. Die Militärbordelle blieben für die Fremdenlegion und in den Kolonien auch dann noch bestehen, als in Frankreich 1946 das Bordellverbotsgesetz in Kraft trat.

Der Zweite Weltkrieg und die Besetzung Frankreichs durch die deutsche Wehrmacht mini|Soldatenbordell, Brest, 1940 Nach der Niederlage Frankreichs von 1940 im Zweiten Weltkrieg nahm die deutsche Besatzungsmacht die Dienstleistungen französischer Prostituierter in Anspruch (Wehrmachtsbordell). Billige Bordelle dienten den Mannschaften der Wehrmacht, teure Häuser wie das One Two Two oder Le Chabanais waren Offizieren vorbehalten. Die Bordelle machten hohe Gewinne, während die Arbeitsumstände schlecht waren und der körperliche und seelische Gesundheitszustand der Frauen durch die Massenabfertigung angegriffen wurde. Jeder Soldat erhielt am Bordelleingang eine Karte, in welcher der Name des Bordells und des Mädchens mit Datum der Vergnügung einzutragen war. Darunter waren die Worte gedruckt:

Entwicklungen seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mini|Marseille, 1920er Jahre mini|Wohnwagenprostitution in Frankreich, 2006

Durch das von Christdemokraten und Kommunisten initiierte Gesetz („Loi Marthe Richard“), beschlossen am 13. April 1946, wurden Bordelle verboten. Geschlossen wurden 1946 unter anderem die Pariser Bordelle Aux Belles Poules und Le Chabanais, das Massenbordell L’Étoile de Kléber und das Etablissement One Two Two. Der Schließung widersetzte sich das L’Étoile de Kléber.