Der Great Lakes Storm of 1913, von Zeitgenossen auch als Big Blow, Freshwater Fury oder White Hurricane bezeichnet, war ein Blizzard, der vom 7. bis 9. November 1913 mit Windgeschwindigkeiten in Orkanstärke über das Gebiet der Großen Seen im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten und der kanadischen Provinz Ontario strich. Am intensivsten war der Sturm am 9. November, an dem er Schiffe auf vier der fünf Großen Seen, insbesondere auf dem Huronsee in Seenot und zum Kentern brachte. Trügerische Schwachwindphasen während des Sturms und die Langsamkeit bei der Übermittlung von Wetterberichten trugen zu den zerstörerischen Auswirkungen des Sturms bei.
Diese Naturkatastrophe war die bislang folgenschwerste, die das Gebiet der Großen Seen heimgesucht hat; mehr als 250 Personen starben durch die Auswirkungen des SturmesHemming, Robert J. (1992). Ships Gone Missing: The Great Lakes Storm of 1913. Chicago: Contemporary Books, Inc. ISBN 0-8092-3909-4. Maritime History of the Great Lakes.Annual Report of the Lake Carriers' Association. 1913 und 19 Schiffe wurden zerstört, weitere 19 liefen auf Grund. Der finanzielle Schaden durch die gesunkenen Schiffe belief sich auf fast 5 Millionen US-DollarBrown, 2002, S. 245. (in heutigen Preisen rund Millionen US-Dollar). Darin schlug die vernichtete Fracht mit rund einer Million US-Dollar zu Buch, insgesamt rund 68.300 Tonnen Kohle, Eisenerz und Getreide.Brown, 2002, S. 203, 225.
Der Sturm hatte seinen Ursprung in der Konvergenz zweier ausgeprägter Sturmfronten, die von dem relativ warmen Wasser der Großen Seen erzeugt wurden. Diesen Vorgang bezeichnet man in der Region als , also als „Novembersturm“. Der Sturm erreichte Windgeschwindigkeiten von 145 km/h und erzeugte Wellen mit einer Höhe von mehr als 11 m sowie in Schneeböen schlechte Sichtbedingungen durch Whiteout. Die Analyse des Sturms und seiner Auswirkungen auf Menschen, Ingenieurwerke und die Landschaft führten zu besseren Vorhersagen und schnellere Reaktionen auf Sturmwarnungen, stärkeren Konstruktionsweisen (insbesondere von Seeschiffen) und erhöhte allgemein den Vorkehrungsgrad gegenüber solchen Ereignissen.
Hintergrund Im Herbst konvergiert kalte, trockene Luft, die vom nördlichen Kanada nach Süden strömt, mit warmer, feuchter Luft, die aus dem Golf von Mexiko nordwärts gelangt, wodurch in der Mitte des nordamerikanischen Subkontinents ausgedehnte Sturmsysteme entstehen. Mehrere dieser Systeme ziehen vorzugsweise in Richtung der Großen Seen. Wenn die Kaltluft aus diesen Stürmen über die Seen gelangt, wird diese vom Wasser darunter angewärmt. Diese zusätzliche Wärme verzögert in der Region das Vordringen arktischer Luft nach Süden, sodass die Seen viel länger relativ warm bleiben, als es sonst der Fall wäre.
Im November treffen über den Großen Seen oft zwei Sturmsysteme zusammen. Eines wandert aus der kanadischen Provinz Alberta nach Südosten; das andere bringt Stürme von der Leeseite der zentralen Rocky Mountains nach Nordosten in Richtung der Großen Seen. Eine solche Konvergenz wird allgemein als oder bezeichnet. Wenn ein zyklonales System über die Seen zieht, wird seine Kraft durch den Jet Stream darüber und das warme Wasser darunter intensiviert. Dies erlaubt den Stürmen, Winde in Orkanstärke zu bilden, mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 160 km/h und Wellen mit einer Höhe von über 15 m. Im Zusammenhang mit solchen Stürmen kommt es zu hohen Niederschlagsmengen als Regen oder Schnee. Durch das warme Seewasser angetrieben, können sich solche Stürme mehrere Tage über den Großen Seen halten. Intensive Winde fegen dann über die Seen und die umliegenden Ufer, erodieren die Uferlinien und führen zur Überschwemmung des Ufers.
Solche Novemberstürme sind eine Gefahr auf den Großen Seen, mindestens 25 solcher schweren Stürme haben die Region seit 1847 getroffen. Während der sogenannten Big Blow of 1905 gingen 27 aus Holz gebaute Schiffe verloren. 1975 ging in einem Novembersturm der Eisenerz-Frachter SS Edmund Fitzgerald unter, ohne dass ein Notrufsignal gesendet wurde.Brown, 2002, S. 246.
Vor dem Sturm mini|The Detroit News, 13. November 1913, Seite 1 Der Sturm wurde erstmals am Donnerstag, dem 6. NovemberSiehe auch US-Wetterkarten für den 5. November und 6. November (Bilder) auf der Westseite des Oberen Sees beobachtet. Er bewegte sich rasch in Richtung des nördlichen Abschnitts des Michigansees. Die Wettervorhersage in The Detroit News kündigte „mäßigen bis frischen“ Wind für die Großen Seen an, an den oberen Seen, mit Ausnahme des südlichen Huronsees mit gelegentlichen Regenfällen Donnerstagnacht und am Freitag. Für die unteren Seen wurden günstige bis unruhige Bedingungen vorausgesagt.Weather forecast, The Detroit News, Detroit, Michigan, 5 Nov 1913.
Gegen Mitternacht geriet das Dampfschiff Cornell etwa 80 km westlich von Whitefish Point im Oberen See plötzlich in Nordsturm und wurde stark beschädigt. Dieser Sturm dauerte bis Montagabend, dem 10. November, und blies die Cornell fast aufs Ufer.
Verlauf des Sturms 7. November mini|Sturmwarnung mit nordwestlichen Winden Am FreitagSiehe auch US-Wetterkarte für den 7. November (Bild) beschrieb der Wetterbericht im Port Huron Times-Herald aus Port Huron, Michigan den Sturm als „mäßig stark“.Titelseite, Port Huron Times-Herald, Port Huron, Michigan. 7. November 1913. Zu dem Zeitpunkt lag das Zentrum des Sturmsystems über dem oberen Mississippi Valley und hatte mäßige bis frische Südwinde mit wärmerem Wetter über das Gebiet der Großen Seen gebracht. Die Vorhersage ging von zunehmenden Windstärken und fallenden Temperaturen innerhalb der folgenden 24 Stunden aus.
Um 10:00 Uhr zogen die Basen der United States Coast Guard und die Wetterstationen des United States Department of Agriculture (USDA) am Oberen See weiße Wimpel über quadratischen roten Flaggen mit schwarzen Zentrum auf und zeigten damit eine Sturmwarnung mit nordwestlichen Winden an. Am späten Nachmittag wurde dieses Signal durch eine vertikale Sequenz von roten, weißen und roten Laternen ersetzt, was einen Orkan mit Windgeschwindigkeiten von mehr als 118 km/h ankündigte. Der Wind auf dem Oberen See hatte bereits 80 km/h erreicht, und ein begleitender Blizzard bewegte sich auf den Huronsee zu.Brown, 2002, S. 28–44, Windgeschwindigkeiten und andere Angaben für den 7. November.
8. November Am SamstagSiehe auch US-Wetterkarte für den 8. November (Bild) wurde der Status des Sturmes erhöht; er wurde nun als „Unwetter“ eingestuft. Das Sturmzentrum befand sich über dem östlichen Oberen See, dessen Einzugsgebiet er vollständig bedeckte. Der Wetterbericht des Port Huron Times-Herald stellte fest, dass die südlichen Winde „mäßig bis frisch“ geblieben waren.Titelseite, Port Huron Times-Herald, Port Huron, Michigan, 8. November 1913. Nordwestliche Winde hatten auf dem nördlichen Michigansee und westlichen Oberen See Orkanstärke erreicht, in Duluth wurden Windgeschwindigkeiten von bis zu 60 Meilen pro Stunde (97 km/h) gemessen.
Am Vormittag dieses Tages las Milton Smith, der stellvertretende Maschinist des Frachters Charles S. Price in Cleveland, Ohio den Wetterbericht und entschied sich, die Crew nicht auf ihrer bevorstehenden Fahrt zu begleiten. Smith, der bereits einige Tage Unruhe gefühlt hatte, versuchte auch seinen Freund und Nachbarn Arz McIntosh, den Steuermann des Schiffes, zu überreden, nicht mit dem Schiff auszufahren, doch McIntosh entschied sich aus finanziellen Gründen für die Reise. Anstelle von Smith wurde ein anderer Maschinist angeheuert, bevor die Charles S. Price von Ashtabula auslief.
Ein zwischenzeitliches Abflauen des Sturmes erlaubte die Wiederaufnahme des Verkehrs, sowohl abwärts auf dem St. Marys River als auch aufwärts auf dem Eriesee sowie auf Detroit und St. Clair River in Richtung Huronsee. Das Sturmsignal wurde an mehr als einhundert Häfen aufgezogen, wurde jedoch von vielen Schiffskapitänen ignoriert. Große-Seen-Schiffe verkehrten den ganzen Tag über auf dem St. Marys River, durch die Straits of Mackinac noch durch die Nacht hindurch und auf Detroit River und St. Clair River noch am frühen Sonntagmorgen.Brown, 2002, S. 44–67, Windgeschwindigkeiten und andere Angaben für den 8. November.
9. November mini|Eine Welle bricht sich am Ufer des Michigansees, ein Mann schaut von einer Brücke aus zu.
Am Sonntag gegen Mittag waren die Bedingungen auf dem unteren Huronsee im Vergleich zu anderen Novemberstürmen fast normal. Der Luftdruck stieg in manchen Gebieten, sodass Hoffnung auf ein baldiges Ende des Sturmes aufkam. Das Tiefdruckgebiet, das über den Oberen See gezogen war, wanderte nach Nordosten, von den Seen weg.
Das Weather Bureau gab gegen 8:00 Uhr morgens den ersten der zweimal täglich erstellten Berichte aus; der nächste Wetterbericht sollte erst um 20:00 Uhr nach Washington, D.C. gekabelt werden. Dies stellte sich als ernstes Problem heraus, da der Sturm den größten Teil des Tages zur Verfügung hatte, um sich aufzubauen, bevor die Zentrale des Weather Bureaus in Washington, D.C. genauere Informationen über den Sturm erhielt.Brown, 2002, S. 12.
Entlang des südöstlichen Eriesees, in der Nähe von Erie, Pennsylvania bewegte sich jedoch ein südlicheres Tiefdruckgebiet auf den See zu. Dieses hatte sich über Nacht entwickelt und war somit auf den Wetterkarten vom Freitag noch nicht verzeichnet. Es zog nordwärts und schlug eine nordwestliche Zugbahn ein, nachdem es über Washington, D.C hinweggezogen war.
Die intensive, gegen den Uhrzeigersinn gerichtete Rotation des Tiefdruckgebietes wird deutlich aus den sich ändernden Windrichtungen in der Umgebung seines Zentrums. In Buffalo, New York hatte der morgendliche Nordwestwind gegen Mittag auf Nordosten gedreht, und gegen 17:00 kam der Wind aus Südosten, wobei die stärksten Böen mit 130 km/h zwischen 13:00 und 14:00 Uhr auftraten. Etwa 290 km weiter südwestlich, in Cleveland, Ohio, behielt der Sturm seine nordwestliche Richtung den Tag über bei, drehte gegen 17:00 Uhr auf West und erreichte durchweg Windgeschwindigkeiten von mehr als 80 km/h. Die stärkste Bö in Cleveland mit 127 km/h wurde um 16:40 gemessen. Es gab in Buffalo einen deutlichen Rückgang des Barometerdruckes, von 999,7 mbar um 8:00 Uhr morgens auf 974,3 mbar um 20:00 Uhr.
Das rotierende Tiefdruckgebiet setzte seine nordwärts gerichtete Wanderung bis in den Abend hinein fort und machte so die entgegen dem Uhrzeigersinn strömenden Winde gleichphasig mit dem Nordwestwind, der bereits auf dem Oberen See und dem Huronsee blies. Dies führte zu einer enormen Zunahme der nördlichen Windgeschwindigkeiten und des herumwirbelnden Schnees, und Schiffe auf dem Huronsee südlich von Alpena – insbesondere die in der Gegend um Harbor Beach und Port Huron in Michigan sowie Goderich und Sarnia – wurden von hohen, südwärts in Richtung St. Clair River gehenden Wellen getroffen.
Zwischen 20:00 Uhr und Mitternacht wurde der Sturm zu dem, was moderne Meteorologen eine „“ nennen, eine explosive Zyklogenese, das heißt, der Luftdruck sinkt innerhalb von 24 Stunden um mehr als 24 hPa (mbar). Andauernde Orkanwinde mit einer Geschwindigkeit von mehr als 110 km/h wühlten die vier westlichen Seen auf. Der größte Schaden entstand am Huronsee, an dessen südlichem Ende sich zahlreiche Schiffe um Zuflucht balgten. Böen von mehr als 140 km/h wurden vor Harbor Beach, Michigan gemeldet. Die Form des Sees erlaubte es nördlichen Winden, sich ungehindert zu verstärken, weil die Reibung über Wasser wesentlich geringer ist als über Land und der Wind entlang der langen Achse des Sees verlief.Brown, 2002, S. 68–127, Windgeschwindigkeiten und andere Angaben für den 9. November 1913.