Der Fall Franza ist ein unvollendeter Roman von Ingeborg Bachmann, den sie 1966Britta Herrmann in Albrecht/Göttsche 2002, S. 144, linke Spalte, 19. Z.v.u. abbrach. Im selben Jahr las die Autorin im NDR Hannover aus dem Werk.Bareiss, Ohloff, S. 16, Eintrag 31 Ingeborg Bachman hat in dem Fragment unter anderem ihre Reise durch Ägypten und Sudan im Frühjahr 1964 verarbeitet.Hermann Weber in: Göttsche/Ohl, S. 95, 4. Z.v.o. Der Text aus dem Romanzyklus „Todesarten“ erschien 1978 im Piper Verlag.Britta Herrmann in Albrecht/Göttsche 2002, S. 144, linke Spalte, 10. Z.v.u. Das Werk wurde 1986 von Xaver Schwarzenberger für das Fernsehen verfilmt. Elisabeth Trissenaar spielte die Franza und Gabriel Barylli ihren Bruder Martin (Drehbuch: Rolf Basedow).Der TV-Film
Franza sehnt sich nach dem Tode. Nachdem sie am Fuße der großen Pyramide von Gizeh von einem WeißenVerwendete Ausgabe, S. 465, 7. Z.v.u. vergewaltigt worden ist, schlägt sie sich an einem der Quader den Kopf ein und stirbt anderntags in Kairo.
Inhalt Heimkehr nach Galicien Bevor der 28-jährige Geologe Dr. Martin Ranner eine Studienreise ins nordöstliche Afrika antritt, muss er noch auf einen „SOS-Ruf“ seiner 33-jährigen einzigen Schwester Franza reagieren. Sie hat aus Wien telegraphiert.
In Kärnten aufgewachsen, hatte Franza nach dem Kriege das Studium der Medizin aufgenommen, abgebrochen und Hals über Kopf den wesentlich älteren renommierten Psychiater und PsychoanalytikerBritta Herrmann in Albrecht/Göttsche 2002, S. 150, linke Spalte, 17. Z.v.u. Prof. Dr. Leopold Jordan geheiratet. Später hatte sie der Gatte zu einer Abtreibung genötigtVerwendete Ausgabe, S. 420, unten und in eine Klinik gesteckt. Daraus war Franza die Flucht gelungen.
Martin gibt die Suche nach der Verschwundenen in Wien auf und findet die Schwester im großelterlichen Haus (die Eltern sind verstorben) in Galicien, einem Dorf im Gailtal. Franza – eigentlich Frau Franziska Jordan, geborene Ranner – will mit nach Ägypten und zwar ohne Rückfahrkarte. Ihren Pass hat sie schon entsprechend gefälscht. Martin muss das Ansinnen bei dem sehr schlechten gesundheitlichen Zustand der Schwester ablehnen. Diese Frau, die ihre schwachen Restkräfte aus der Wiederbegegnung mit der Landschaft ihrer Jugendzeit schöpft,Höller 2002, S. 24, 5. Z.v.o. setzt sich durch.
Jordanische Zeit Martin, der Franza helfen möchte, steht vor Schwierigkeiten. Die Geschwister haben sich seit Franzas Wiener Jahren auseinandergelebt. Zudem spricht die schwer kranke Schwester eigentlich äußerst selten Klartext. Und überhaupt, wenn Martin ihr schon einmal nahe ist, so zählt das doch zu den seltenen Momenten.Verwendete Ausgabe, S. 447, 1. Z.v.u.
Im Blick zurück kommt Franza jeder Tag mit dem Professor wie eine Schande vor. Sie sei bereits Jordans dritte Frau. Die Vorgängerin habe sich mit Stadtgas vergiftet. Jordan habe Franza analysiert wie eine Patientin – so lange, bis nichts mehr übrig geblieben wäre als ein Befund. Jordan habe Franza Zittern gemacht, habe ihr alles genommen, sogar ihr „Strahlen“. Martin kann Franza nicht folgen, wenn sie Jordans Verhalten ihr gegenüber faschistisch nennt. Franza versteht nicht, warum Jordan sie vernichten will. Martin sieht nicht, was eine eheliche Auseinandersetzung mit Faschismus zu tun haben soll. Franza bleibt dabei. Sie habe über längere Zeit hinweg Notizen ihres Mannes gelesen. Der Professor hat den „Fall Franza“Verwendete Ausgabe, S. 434, 16. Z.v.o. in einem „großartigen Versuch“ psychologisch unter die Lupe genommen.
Die ägyptische Finsternis Martin will der Schwester helfen. Nach seiner Ansicht muss der Gedanke an Jordan in Franza unbedingt völlig ausgelöscht werden. Aber wie? Martin meint, Franza müsse mit jemand schlafen. Zur Not täte er es vielleicht selbst.Verwendete Ausgabe, S. 434, 9. Z.v.u. und S. 442, 10. Z.v.o. Franzas Verdopplungserlebnis – sie meint für eine nicht allzu lange Zeit aus zwei auf den Rücken liegenden Körpern zu bestehenVerwendete Ausgabe, S. 443. – könnte darauf hindeuten.
Die Todkranke macht den in Kairo untergetauchten SS-Hauptsturmführer Dr. Kurt Körner ausfindig. Franza ist Mitautorin eines Buches ihres Ehemannes. Daran geht es um Spätschäden nach Versuchen an weiblichen Häftlingen in Dachau und Hartheim.Verwendete Ausgabe, S. 455, 4. Z.v.u. Sie kennt Körner aus dem Kapitel „Euthanasieprogramm“Verwendete Ausgabe, S. 456, 18. Z.v.o. dieses Buches. Franza will eine Spritze mit einer garantiert letalen Dosis kaufen. Körner nimmt vor ihr Reißaus. Endlich hat Franza den Spieß umgedreht; hat einen der Repräsentanten des Patriarchats das Fürchten gelehrt. Männer sind für Franza gewalttätige, schlechte Menschen.Bartsch, S. 151, 12. Z.v.o. Zum Beispiel Jordan ist einer. Er hat ihre Mitautorschaft an dem oben genannten Fachbuch unterschlagen.Britta Herrmann in Albrecht/Göttsche 2002, S. 150, rechte Spalte, 3. Z.v.u.
Gegen Abend möchte Martin eine der Pyramiden erklettern. Franza begleitet den Bruder und wartet am Fuß des Bauwerkes. Das Unheil nimmt seinen Lauf (siehe Artikelkopf).
Zitate „Die Angst ist... der massive Angriff auf das Leben.“Verwendete Ausgabe, S. 406, 11. Z.v.u. „Wieviel hält ein Mensch aus, ohne zu krepieren?“Verwendete Ausgabe, S. 409, 1. Z.v.o.
Form Das Fragment ist schwer verdauliche Kost. Zudem ist die wörtliche Rede der Protagonisten Franza und Martin – durchweg ohne jedes Anführungszeichen – manchmal nicht auf den ersten Blick separierbar; besonders, wenn sich ein Dialog in einem Absatz abspielt. HerrmannBritta Herrmann in Albrecht/Göttsche 2002, S. 146, linke Spalte, 15. Z.v.u. vermutet, Ingeborg Bachmann habe in vorliegendem Fragment mehrere Erzählweisen probiert. TabahTabah, S. 91 unten und S. 92 oben hat den Eindruck, der Versuch Ingeborg Bachmanns, den Fall Franza aus der Sicht des Bruders Martin zu begreifen, sei gescheitert. Kleine Schritte vorwärts bei der Ausforschung ihrer Krankheit glückten Franza nur, sobald sie sich vom Bruder absondere. Nach AlbrechtAlbrecht 1998, S. 91, 9. Z.v.o. tangiere der tiefere Textsinn die Relation von Franzas Vita zur Weltgeschichte. Bei solcher Betrachtung schneide die Erzählerin Franza schlecht ab, weil sie sich als Opfer stilisiere.
Rezeption KaiserJoachim Kaiser (Süddeutsche Zeitung vom 16. April 1979) in: Schardt, S. 255, 10. Z.v.u. nennt Franza ein „Nervenbündel“, das aus Todesangst vor dem Gatten mit dem Bruder aus Europa flüchte. KrolowKarl Krolow (Stuttgarter Zeitung vom 21. April 1979) in: Schardt, S. 257–258. heißt den bitteren Bericht über Franzas Todesart ein ironisch-feierliches Requiem. RossWerner Ross (Deutsche Zeitung - Christ und Welt vom 25. Mai 1979) in: Schardt, S. 259–262. verreißt die ideologisch angefärbte Poesie und findet für den anspielungsreichen, verschlüsselten Text eine Kurzformel: An allem Unglück sind die weißen Eroberer schuld. Graf SchwerinChristoph Graf Schwerin (Die Welt vom 13. Juli 1987) in: Schardt, S. 263. blickt tiefer. Er betrauert in Ingeborg Bachmann einen einsamen, leidenden Menschen. GrimkowskiGrimkowski, S. 63. macht auf ein Faktum aufmerksam: Prof. Jordan kommt überhaupt nicht zu Wort. Er sei es auch nicht wert.
Interpretation Krankheit Der „Fall“ im Romantitel sei im Sinne von Krankheitsfall gemeint. Krankheit sei kein Schicksal, sondern Ergebnis sozialer Einwirkungen auf den Körper der Kranken.Morrien, S. 119 Mitte
Inzest Auf der Suche nach Franzas Krankheitsursache belegt Stuber.Stuber, S. 144, 18. Z.v.o. den Eindruck, Franza könnte als Jugendliche vom eigenen Vater sexuell missbraucht worden sein, mit drei Verweisen auf den teilweise nicht edierten Nachlass aus den Jahren 1968 und 1969:Stuber, S. 48, 13. Z.v.o, S. 48, 5. Z.v.u. und S. 49, 1. Z.v.o. Martin erzählt aus seiner Kinderzeit. Zu der habe sich Franza einmal mit Schlaftabletten umbringen und obendrein noch ins Wasser gehen wollenStuber, S. 49, 3. Z.v.o. Franzas Leid im Vaterhaus wiederholt sich – so scheint es – in der Ehe mit Jordan.
Auf ihrer Gratwanderung zwischen Wirklichkeit und Fiktion zitiert MorrienMorrien, S. 86. Haubls „Die Sprache des Vaters im Körper der Mutter“ als Grundierung für ihre Textinterpretation des „Vatersuchbilds“. Zudem werden die Rolle der Mutter Franzas und des Bruders Martin im Verein mit Ingeborg Bachmanns Erörterung des Freudschen Ödipuskonfliktes und der Kastrationsangst für den Fall Franza betrachtet.
Geschwisterliebe Vermutungen zu der Bruder-Schwester-Beziehung werden zuhauf angestellt. Mehrere Autoren – zum Beispiel Geesen,Geesen, S. 190–218. von Jagow,von Jagow, S. 49–62. GrimkowskiGrimkowski, S. 50–68. und auch StuberStuber, S. 20–146. – nehmen den Isis-Osiris-Mythos als Ausgangspunkt für die Eruierung solcher Fragen wie: War das nun Inzest zwischen Franza und Martin? Durch jenen Mythos werde nach von Jagowvon Jagow, S. 50 oben die Lesbarkeit des Fragments gleichsam garantiert. Dabei durchsucht der Leser den Text vergeblich nach Isis und Osiris. GeesenGeesen, S. 197, 4. Z.v.o. hilft mit zwei Verweisen auf Franzas „Kult-Satz“ weiter. In dem Satz, so erzählt Martin, ist die Wendung „unter hundert Brüdern“Verwendete Ausgabe, S. 357, 9. Z.v.o. und S. 469, 12. Z.v.o. oder auch „Unter hundert Brüdern dieser eine. Und er aß ihr Herz.“Verwendete Ausgabe, S. 397, 9. Z.v.o. enthalten. Das nun stammt aus Musils 1923 entstandenem Gedicht „Isis und Osiris“.von Jagow, S. 51, 5. Z.v.u. Dort heißt es Aller hundert Brüder dieser eine, Und er ißt ihr Herz, und sie das seine.Robert Musil (Adolf Frisé (Hrsg.), Rowohlt 1978, S. 465), zitiert bei von Jagow, S. 52, 9. Z.v.u.
BeickenBeicken, S. 132, 11. Z.v.u. verneint obige Frage nach dem Geschwisterinzest. Das erscheint als glaubhaft, denn eigentlich kann sich Franza nur an den Bruder wenden und an niemanden sonst.Höller 1993, S. 270, 1. Z.v.u.
Topoi Martin kehrt per Bahn in sein Heimatdorf Galicien zu seiner Schwester Franza heim. Obwohl die Nachbarorte Dobrowa und Tschinowitz existieren, obwohl die Gail und der Zillerbach durch diese Gegend fließen, gibt es in Kärnten keine Ortschaft Galicien.Reitani, S. 37 Mitte Reitani betont die illusionäre Komponente des Textes und arbeitet in dem Zusammenhang mehrere mögliche Bedeutungen von „Galicien“ heraus. So sei Galicien nicht nur ein fingiertes Dorf in Kärnten, sondern stehe für einen Landstrich in der alten Donaumonarchie. Galicien könnte als Denkmal für die in Galizien aufgewachsenen Joseph Roth, Soma Morgenstern, Mascha Kaléko und Martin Buber gelten.Reitani, S. 37 unten Die Heimat der Romanfiguren wird mit dieser Konnotation als eine verlorene und gleichzeitig idealisierte gekennzeichnet, als ein Gebiet mit einer Gemeinschaft vieler Kulturen. Aber eigentlich geht es Reitani, wenn er von Illusion spricht, um den biblischen Hintergrund des Romanfragments.siehe auch Höller 1993, S. 287 unten - 288 Der Titel „Das Buch Franza“, den Monika Albrecht und Dirk Göttsche für eine neuere Ausgabe des Romans gewählt hätten, sei demnach tiefer als der oberflächliche, psychologisch untermauerte Titel „Der Fall Franza“.Reitani, S. 39 Mitte
Faschismus Ingeborg Bachmanns Arbeit am Manuskript koinzidiere mit dem Auschwitzprozess.Weigel, S. 501 unten EberhardtEberhardt, S. 260. versteht den Text auch als Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. MorrienMorrien, S. 98–99. meint, die Autorin habe mit dem Fragment gezeigt, eine Wurzel des Faschismus sei im intim-familiären Bereich auffindbar.
Literatur Textausgaben Erstveröffentlichung und verwendete Ausgabe Der Fall Franza. Unvollendeter Roman. In: Christine Koschel (Hrsg.), Inge von Weidenbaum (Hrsg.), Clemens Münster (Hrsg.): Ingeborg Bachmann. Werke. Dritter Band: Todesarten: Malina und unvollendete Romane. Piper, München 1978, ISBN 3-492-11703-1, S. 339–482. (Band 1702 der Serie Piper)
Sekundärliteratur Otto Bareiss, Frauke Ohloff: Ingeborg Bachmann. Eine Bibliographie. Mit einem Geleitwort von Heinrich Böll. Piper, München 1978, ISBN 3-492-02366-5.