mini|400px|Die Diadochenreiche (Ptolemaios, Antigonos und Seleukos) nach dem Diadochenfrieden und dem Babylonischen Krieg (309 v. Chr.) Mit dem Diadochenfrieden wurde im Jahr 311 v. Chr. der dritte Diadochenkrieg beendet und allgemein der Versuch unternommen, die seit 321 v. Chr. andauernden Kämpfe der Nachfolger (Diadochen) Alexanders des Großen untereinander zu beenden. Erstmals in der Geschichte der Antike sollte mit dem Diadochenfrieden eine für die Staatenwelt des gesamten östlichen Mittelmeerraums geltende Friedensordnung errichtet werden, der allerdings kein langer Bestand beschieden war. Stattdessen trug er zum Zerfall des Alexanderreichs und der Etablierung der Diadochenreiche bei.

Hintergrund

Die Diadochen

Seit dem Tod Alexanders im Jahr 323 v. Chr. befanden sich dessen Generäle, „Nachfolger“ (Diadochen) genannt, in einem unablässigen Kampf um die Vorherrschaft in dessen Weltreich. Seit 315 v. Chr. wurde der dritte Diadochenkrieg ausgetragen, in dem Antigonos Monophthalmos (Asien) gegen eine Koalition der letzten selbstständigen Diadochen Kassander (Makedonien), Ptolemaios (Ägypten) und Lysimachos (Thrakien) kämpfte. Antigonos beanspruchte die Nachfolge auf den Thron des gesamten Alexanderreichs, was von seinen Gegnern bestritten wurde, die eine Aufteilung des Reichs anstrebten.

Das alte makedonische Königshaus war seit dem Ende des zweiten Diadochenkriegs 316 v. Chr. faktisch entmachtet und stark dezimiert. Es lebten nur noch der minderjährige König Alexander IV. Aigos und seine Mutter Roxane, die von Kassander von der Öffentlichkeit streng abgeschottet ein Leben im Arrest in Amphipolis führten. Daneben lebte noch der Halbbruder des Königs, Herakles, der bis dahin kaum beachtet in Pergamon lebte, im Herrschaftsbereich des Antigonos.

Die Freiheit der Griechen

Aufs engste verbunden mit den Kämpfen der Diadochen war die Frage nach der „Freiheit der Griechen“. Seit der Zeit König Philipps II. von Makedonien († 336 v. Chr.) befand sich die griechische Poleiswelt unter der ständigen Hegemonie Makedoniens, manifestiert im korinthischen Bund. Unter der Führung Athens hatten einige griechische Stadtstaaten nach dem Tod Alexanders den Versuch unternommen, diese Hegemonie abzuschütteln, waren im lamischen Krieg 322 v. Chr. aber unterlegen. Der damalige makedonische Machthaber Antipater installierte daraufhin Gefolgsmänner als Machthaber in den Poleis, denen er damit oligarchische (Phokion in Athen) oder gar tyrannische Staatsformen aufzwang, die folglich freiheitlich-demokratische Bestrebungen unterdrückten.

Schon während des ersten Diadochenkriegs (321–320 v. Chr.) hatte der damalige Reichsregent Perdikkas die Proklamation zur „Freiheit der Griechen“ ausrufen lassen, in der er ihnen die Wiederherstellung demokratischer Verfassungen und die Befreiung von allen makedonischen Garnisonen versprach, wenn sie sich seinem Kampf gegen den mit ihm verfeindeten Antipater anschlössen. Perdikkas war im Krieg letztlich unterlegen und starb, seine Freiheitsproklamation avancierte allerdings zu einem beliebten propagandistischen Instrument in den folgenden Auseinandersetzungen als Rechtfertigung politischen oder militärischen Engagements in Griechenland. Der Tod Antipaters 319 v. Chr. führte zum zweiten Diadochenkrieg, weil sich dessen Sohn Kassander gegen die Nachfolge des Polyperchon als Reichsregent gestellt hatte. Weil die Machthaber der griechischen Städte dem dynastischen Prinzip folgten und sich für die Seite Kassanders entschieden, gab also Polyperchon einen Freiheitsaufruf aus, der kurzzeitig sogar zu einigen demokratischen Umstürzen führte. Aber letztlich konnte Kassander bis 316 v. Chr. den Krieg für sich entscheiden und die meisten griechischen Städte mittels eigener Gefolgsleute unter seiner Kontrolle halten (Demetrios von Phaleron in Athen).

Als Antigonos Monophthalmos 315 v. Chr. nach der Alleinherrschaft im Alexanderreich griff, fand er in Kassander einen seiner mächtigsten Gegner. Um ihn zu schwächen, folgte er dem Vorbild des Perdikkas und Polyperchon und gab noch während der Belagerung von Tyros ein Freiheitsdekret für die Griechen heraus. In den kommenden Kriegsjahren entsandte er mehrmals Truppenkontingente nach Griechenland zum Kampf gegen Kassander, vor allem 313 v. Chr. seine Neffen Telesphoros und Ptolemaios, die fast den gesamten Peloponnes von den Anhängern Kassanders befreien konnten. Unter dem Deckmantel des Schutzherrn des griechischen Demos war Antigonos freilich darauf bedacht, eine eigene Herrschaft in Griechenland zu errichten, in der er den Poleis allerdings eine weitreichendere politische Autonomie zugestand als Kassander zu geben bereit war. Ebenfalls im Jahr 313 v. Chr. hatte Antigonos die Ägäisinseln im Nesiotenbund zusammengeführt, dessen Hegemon er wurde.

Die Vertragspartner und deren Motivation

Bis zum Jahr 311 v. Chr. hatten die Kämpfe des dritten Diadochenkriegs angedauert, ohne dass eine der beteiligten Seiten eine Entscheidung zu eigenen Gunsten erzielen konnte. Antigonos hatte seine Machtposition vor allem in Syrien und Phoinikien gegen Ptolemaios sowie in der Ägäis und einigen Teilen Griechenlands gegen Kassander ausbauen können. Schon im Verlauf der Kampfhandlungen hatte es diplomatische Versuche gegeben, den Krieg zu beenden. So hatte sich Antigonos im Herbst 313 v. Chr. zuerst am Ekrhegma des sirbonischen Sees mit Ptolemaios und im Frühjahr 312 v. Chr. am Hellespont mit Kassander und wahrscheinlich auch mit Lysimachos zu persönlichen Unterredungen getroffen, die allerdings ergebnislos verlaufen waren.Diodor 19, 64, 8 und 75, 6. Zur Datierung siehe R. M. Errington: Diodorus Siculus and the Chronology of the Early Diadochoi, 320-311 B.C. In: Hermes 105 (1977), S. 478–504. Der einzige Kriegsherr, der von dem Krieg entscheidend profitieren konnte, war Seleukos, der mit der Hilfe des Ptolemaios nach der siegreichen Schlacht von Gaza (312 v. Chr.) die Kontrolle über Mesopotamien und Babylonien an sich bringen und so in die Riege der führenden Diadochen aufsteigen konnte. Dies geschah auf Kosten des Antigonos, der nun nicht mehr der alleinige Herr Asiens war, zu dem er sich einst mit seinem Sieg über Eumenes (316 v. Chr.) hatte aufschwingen können.

Doch letztlich hatte sich Antigonos als stark genug erwiesen, um sich der Koalition seiner Gegner erwehren zu können, zugleich aber war er nicht stark genug um diese aus ihren Machtstellungen verdrängen zu können. Seine überlegene militärische Stärke wurde dabei vor allem durch das Bestreiten eines Zweifrontenkrieges neutralisiert, mit seinen Gegnern Kassander und Ptolemaios in Griechenland und in Ägypten. Mit dem Aufstieg des Seleukos drohte ihm nun gar eine dritte Front in Asien zu erwachsen. Unter diesen Voraussetzungen war Antigonos 311 v. Chr. bereit, die von Kassander und Lysimachos dargebrachten Friedensangebote anzunehmen. Weil mit deren Ausscheiden aus dem Krieg Ptolemaios seine beiden wichtigsten Verbündeten verlor und damit drohte isoliert zu werden, tat er es ihnen kurzerhand gleich und suchte ebenfalls einen Frieden mit Antigonos zu finden. Die zwischen diesen vier Herrschern im Winter 311 v. Chr. getroffenen Vereinbarungen ergaben zusammengefasst den Diadochenfrieden.Zur Datierung siehe Edward M. Anson: The Chronology of the Third Diadoch War, in: Phoenix Vol. 60, No. 3/4 (2006), S. 226–235

Verhandlungen

Die beiden wichtigsten Quellen zum Diadochenfrieden sind einerseits die Überlieferung des antiken Historikers Diodor, andererseits ein an die Bewohner von Skepsis (heute Kurşunlu Tepe in der Türkei) gerichteter Brief des Antigonos, der als Inschrift erhalten blieb, die von Walther Judeich entdeckt worden ist.Diodor 19, 105, 1–4; J. Arthur R. Munro: A Letter from Antigonus to Scepsis, 311 B. C. In: The Journal of Hellenic Studies. Volume 19 (1899), S. 330–340 () = Wilhelm Dittenberger, Orientis Graeci inscriptiones selectae (OGIS), Nr. 5 (; PHI Greek Inscriptions).

Während sich Diodor in seinem Bericht über den Vertrag sehr kurzgefasst hat und auf die Vorgänge zu seiner Entstehung nicht näher eingegangen ist, bietet der Antigonos-Brief, auch wenn er nicht vollständig erhalten ist, einige Details zum Zustandekommen des Vertrags. Demnach waren es Kassander und Lysimachos, die zuerst die diplomatische Initiative ergriffen haben und je einen Abgesandten, Prepelaos und Aristodemos, an den Hof von Antigonos gesandt haben.Die Identität von Lysimachos’ Unterhändler, Aristodemos, ist unklar. Gesetzt den Fall, dass er identisch mit dem in Griechenland aktiven antigonidischen Gefolgsmann Aristodemos von Milet war, ist es nicht unwahrscheinlich, dass die tatsächliche Friedensinitiative von Antigonos ausgegangen war und Aristodemos von Milet als Mittelsmann zwischen ihm und Lysimachos fungierte. Mit ihnen wurde Antigonos über die (nicht näher genannten) Bedingungen für ein Waffenstillstand einig, der sogleich geschlossen wurde.

Auf die Nachricht von diesem Friedensschluss reagierte Ptolemaios mit der Entsendung eines Unterhändlers an Antigonos, über den er seinen eigenen Friedenswillen bekundete, der die Bedingungen des vorangegangenen Vertrags beinhalten sollte. Antigonos bestand dabei auf die Aufnahme des mit ihm alliierten Polyperchon in den Vertrag, der auf dem Peloponnes herrschte, im Gegenzug akzeptierte er die ptolemäische Herrschaft über die Städte Libyens und Arabiens. Darauf wurden die Unterhändler, Aristodemos, Aischylos, und Hegesias, nach Ägypten entsandt, die bei Ptolemaios den Vertrag detailliert aushandelten. Anschließend erschien der ptolemäische Gesandte Aristobulos bei Antigonos zur Besiegelung des Vertrags.

Vertragsbedingungen und deren Umsetzung

Die ausgehandelten Vertragsbedingungen sind einzig bei Diodor vollständig aufgelistet, der sie allerdings bis auf einen Punkt gänzlich unkommentiert lässt. Demnach erkannten Kassander, Ptolemaios, Lysimachos und Antigonos sich gegenseitig in den von ihnen gehaltenen Stellungen als Herrscher an, weiterhin sollte das Autonomierecht der Griechen respektiert werden. Auch wurde die von Kassander eingebrachte Bedingung angenommen, wonach dem jungen König Alexander IV. Aigos beim baldigen Erreichen des Mündigkeitsalters die volle Regierungsgewalt über das Reich seines Vaters, Alexanders des Großen, übergeben werden sollte. Über den Punkt zur Autonomie der Griechen liefert der Antigonos-Brief nähere Erkenntnisse.

Anerkennung der Herrschaft

Der für die Vertragspartner wohl wichtigste Punkt war ihre gegenseitige Anerkennung ihrer Herrschaft in den von ihnen gehaltenen Machtstellungen, also Kassander in Makedonien, Lysimachos in Thrakien, Ptolemaios in Ägypten und Antigonos im asiatischen Teil des Alexanderreichs. Dieses gerade erst fünfzehn Jahre zuvor durch den Asienfeldzug Alexanders des Großen begründete Großreich fand mit dieser Klausel seine faktische staatsrechtliche Auflösung, da die vier Vertragspartner ihre Souveränität gegenseitig anerkannten, die sich beim Ausbruch des dritten Diadochenkriegs etabliert hatte und aufgrund der Pattsituation von keinem der Kriegsparteien mehr rückgängig gemacht werden konnte. Der seit 316 v. Chr. nominelle Regent des Alexanderreichs, Kassander, verzichtete auf seine Weisungsbefugnis über seine Herrscherkollegen, womit die einzige zentralstaatliche Institution, welche die Einheit des Reichs seit Alexanders Tod zu bewahren suchte, abgeschafft wurde.

Das Königtum