Als Blasenkrebs (Blasenkarzinom) werden allgemein von der Harnblase ausgehende bösartige Geschwülste (maligne Tumoren) bezeichnet. Als ursächlich für die Entstehung von Blasenkrebs gelten chronische Entzündungen (einschließlich Parasiteninfektionen), Tabakkonsum, die Aufnahme bestimmter chemischer Substanzen (beispielsweise aromatische Amine wie 2-Naphthylamin), Strahlenexposition und abwehrunterdrückende Medikamente (Immunsuppressiva). Behandelt wird der Harnblasenkrebs je nach Ausdehnung mit einer transurethralen Resektion der Harnblase (TUR-B), der kompletten Entfernung der Blase, einer lokalen Chemotherapie oder auch einer Strahlentherapie in Kombination mit einer systemischen Chemotherapie. Bei oberflächlichen nicht-muskelinvasiven Blasentumoren kommt zunehmend die minimal-invasive Laserablation (transurethral laser ablation) zum Einsatz. Dieses schonende Verfahren wird heute als alternative oder ergänzende Therapie zur klassischen transurethralen Resektion genutzt. Die Heilungsaussichten sind bei früh entdecktem Krebsleiden gut, bei bereits ausgedehnter Erkrankung mit Metastasen jedoch gering.
Häufigkeit (Epidemiologie) Das Blasenkarzinom gilt (Stand vor 2006) insgesamt als die fünfthäufigste bösartige Tumorerkrankung des Menschen. Das Risiko für Männer, an Blasenkrebs zu erkranken, ist rund dreimal so hoch wie das Risiko von Frauen. In Deutschland sind Blasenkarzinome der vierthäufigste Tumor bei Männern und der zwölfthäufigste bei Frauen. Pro Jahr treten rund 30.000 neue Fälle von Blasenkrebs auf. + Häufigkeit des Blasenkarzinoms in Deutschland 2018 (Robert Koch-Institut) Inzidenz Männer Frauen Neuerkrankungen nur invasive Tumoren 13.500 4.770 mit Vorstufen auch nichtinvasiven papillären Karzinomen und in situ Tumoren 23.410 7.630 rohe Erkrankungsrate 33,0 11,4 standardisierte Erkrankungsrate 19,7 5,5medianes Erkrankungsalter7576 Anmerkungen: die „rohe Erkrankungsrate“ gibt die jährliche Anzahl neuer Erkrankungen pro 100.000 Einwohner an. Die „standardisierte Erkrankungsrate“ berücksichtigt das Alter der Erkrankten und setzt sie im Verhältnis zu einer europäischen Altersverteilung der Bevölkerung. Die Tabelle zeigt, dass ein großer Anteil der Vorstufen nie in ein invasives Karzinom übergeht. Das liegt an der langsamen Entwicklung der Krebsvorstufen und dem hohen medianen Erkrankungsalter der Patienten, die vor dem Übergang in ein invasives Karzinom an anderen Erkrankungen sterben.
Das Durchschnittsalter des Auftretens variiert je nach Quelle,Hartwig Huland, M. G. Friedrich: Harnblasenkarzinom. In: Richard Hautmann, Hartwig Huland: Urologie. 3. Auflage. Heidelberg 2006, S. 202–212. in Deutschland für Frauen bei 76 Jahren, für Männer bei 75 Jahren (Stand 2018). Erkrankungen bei Patienten jünger als 50 Jahre sind selten.Ivan Damyanov: The Lower Urinary Tract and Male Reproductive System. In: R. Rubin, D. Strayer u. a.: Rubin’s Pathology. 5. Auflage. Philadelphia 2008, S. 752–758. In Industrieländern ist Harnblasenkrebs rund sechsmal häufiger als in Entwicklungsländern,J. N. Eble, G. Sauter, J. I. Epstein, I. A. Sesterkenn (Hrsg.): World Health Organization Classification of Tumours – Pathology and Genetics of Tumours of the Urinary System and Male Genital Organs. Lyon 2004, S. 90–108. die Häufigkeit der Erkrankung stieg während des 20. Jahrhunderts insgesamt an. Bei der Erstdiagnose wird zu rund 75 % ein oberflächliches Karzinom gefunden. In 20 % der Fälle ist es bereits invasiv und in 5 % liegen schon Metastasen vor. Harnblasenkrebs tritt dabei oft gleichzeitig an verschiedenen Stellen innerhalb der Blase auf. Nach erfolgreicher Heilung tritt der Tumor häufig wieder auf (Rezidiv).
Risikofaktoren Aromatische Amine Der Kontakt zu aromatischen Aminen (2-Naphthylamin, Benzidin) ist der am längsten bekannte Risikofaktor. In zahlreichen Berufen ist der Kontakt zu solchen krebsverursachenden Stoffen möglich und Blasenkrebs als Berufskrankheit anerkannt. Dazu zählen Arbeiter in der Chemie-, Stahl- und Lederindustrie, Automechaniker sowie Zahntechniker und Friseure. Die aromatischen Amine werden in der Leber durch Kopplung mit Hydroxygruppen und Glucuronsäure wasserlöslich gemacht, damit der Körper sie im Urin ausscheiden kann. Dabei entwickeln sie allerdings eine krebserregende Potenz. Aromatische Amine können durch das Enzym N-Acetyltransferase inaktiviert werden. Dabei haben einige Menschen, bei denen aufgrund eines genetischen Polymorphismus eine höhere Aktivität des Enzyms entsteht, ein geringeres Risiko, an Harnblasenkrebs zu erkranken. Laut einer spanischen Studie sind diese Polymorphismen so weit verbreitet, dass sie bei rund 31 % der Blasenkrebserkrankungen eine Rolle spielen könnten.
Tabakrauchen Tabakrauchen ist der wichtigste Risikofaktor für Blasenkrebs, was in der Öffentlichkeit nicht allgemein bekannt ist. In einer Befragung urologischer Patienten gaben zwar fast alle einen Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs an, aber nur 34 % wussten, dass Blasenkrebs durch Rauchen verursacht werden kann.A. M. Nieder, S. John, C. R. Messina, I. A. Granek, H. L. Adler: Are patients aware of the association between smoking and bladder cancer? In: J Urol. Band 176, 2006, S. 2405–2408. PMID 17085114. Die Menge der insgesamt konsumierten Tabakprodukte korreliert dabei proportional mit dem Risiko, an einem Harnblasenkarzinom zu erkranken. Es erhöht sich je nach Konsumverhalten und -dauer um das Zwei- bis Sechsfache. Als Ursache wird das Vorkommen aromatischer Amine wie des 2-Naphthylamin im Rauch angesehen. Ob das Beenden eines Nikotinmissbrauchs nach dem Auftreten des Krebses die Prognose der Erkrankung verbessern oder ein Wiederauftreten verhindern kann, ist bisher (2002) noch nicht abschließend geklärt.
Laut einer Studie aus dem Jahr 2011 ist Tabakrauchen bei Männern für 50 Prozent und bei Frauen für 52 Prozent aller Blasenkrebserkrankungen verantwortlich. Für aktive Raucher wurde ein 4-fach erhöhtes, für ehemalige Raucher ein 2,2-fach erhöhtes Risiko einer Erkrankung errechnet.
Chronische Entzündungen Chronische Entzündungen im Bereich der Blase erhöhen ebenso das Risiko für eine bösartige Neubildung. Dazu zählen langjährige Blasensteinleiden und chronische Harnwegsinfekte. In Afrika und Teilen der arabischen Welt ist die durch Parasiten ausgelöste Schistosomiasis ein wichtiger Risikofaktor für das Entstehen von Blasenkrebs. Durch Entzündungen ausgelöste Karzinome sind in der Regel Plattenepithelkarzinome. Als Ursache wird eine Bildung von Nitrosaminen im Rahmen der Entzündungsreaktion angenommen.
Bestrahlung Ebenso ist eine Strahlentherapie im Beckenbereich ein Risikofaktor für ein Blasenkarzinom.
Medikamente Weitere iatrogene Risikofaktoren stellen einige Medikamente dar. Chlornaphazin, ein Mittel zur Behandlung der Polycythaemia vera, und Phenacetin, ein Schmerzmedikament, fördern die Bildung von Harnblasenkrebs. Der erstgenannte Wirkstoff ist seit 1963 nicht mehr im Handel, der zweitgenannte wurde 1983 vom Markt genommen. Als weiteres Medikament kann das Immunsuppressivum Cyclophosphamid eine hämorrhagische Zystitis auslösen und dadurch Blasenkrebs begünstigen. Bei korrekter Anwendung zusammen mit dem Wirkstoff Mesna ist das Krebsrisiko allerdings vernachlässigbar gering. Das Zytostatikum Chlornaphazin, welches bis 1963 bei der Behandlung der Polycythaemia vera eingesetzt wurde, löste bei rund einem Drittel der behandelten Patienten Harnblasenkarzinome aus.
Auch das orale Antidiabetikum Pioglitazon steht im Verdacht, Blasenkrebs auslösen zu können. Die US-amerikanische Food and Drug Administration veröffentlichte 2011 und 2016 aktualisierte Sicherheitsinformationen, die auf das potentielle Risiko hinweisen.FDA Safety Alerts: FDA Drug Safety Communication: Update to ongoing safety review of Actos (pioglitazone) and increased risk of bladder cancer.Deutsches Ärzteblatt: 20. September 2010.
Süßungsmittel Künstliche Süßungsmittel wie Saccharin und Cyclamat haben in Tierversuchen das Auftreten von Harnblasenkrebs erhöht. Studien am Menschen haben dagegen beim Verzehr normaler Dosen diesen Effekt nicht nachgewiesen, das Risiko wird als unbedeutend eingestuft. Zudem sind die Studien im Tierversuch insoweit nicht relevant, als die Substanzen mit einer Kanüle direkt in die Blase injiziert wurden. Die beobachteten Tumoren sind eher mit der Penetration der Nadeln zu assoziieren als mit dem Süßungsmittel.
Wasser Die Trinkmenge ist ein häufig in der Literatur mit der Harnblasenkarzinomentstehung diskutierter Ernährungsfaktor. Die Studienlage ist uneindeutig, daher ist eine Einstufung der Gesamtflüssigkeitsaufnahme als Risikofaktor nicht möglich.
Der Konsum von Kaffee ist kein gesicherter Risikofaktor.
Ernährung Ob ein erhöhter Gesamtverzehr von Obst, Gemüse und Olivenöl einen schützenden Effekt gegen Blasenkrebs entfaltet, ist nicht geklärt – die Studienlage ist widersprüchlich. Ein schützender Effekt von Vitamin E wird in der Literatur debattiert, ist allerdings nicht belegt. Eine Empfehlung zur Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln ist nicht gegeben. Positive Effekte für Grünen Tee, α-Tocopherol und ß-Carotin wurden nicht nachgewiesen.
Symptome Das klassische Symptom des Blasenkrebses ist die Beimengung von Blut im Urin, ohne dass dabei Schmerzen auftreten. Dies kann mit dem bloßen Auge erkennbar sein (Makrohämaturie) oder auch nur im Labor bei einer Untersuchung des Urins auffällig werden (Mikrohämaturie). Der Tumor kann in seltenen Fällen auch Schmerzen verursachen, wenn durch geronnenes Blut die Harnröhre verstopft wird. Im Spätstadium kann es durch einen großen Tumor zu einem Harnstau oder einer Nierenstauung kommen (wenn der Tumor den Blasenaus- oder -eingang verlegt) und damit verbunden zu Schmerzen im Bereich der Harnblase oder den Flanken führen. Falls Knochenmetastasen vorliegen, machen sich diese häufig durch Schmerzen der betroffenen Skelettanteile bemerkbar.
Diagnostik mini|Blasenkrebs in der FDG-PET/CT-Darstellung Erster Schritt in der Diagnostik ist ein Urinstatus. Hier kann auch eine mit dem bloßen Auge nicht sichtbare Blutbeimengung im Urin nachgewiesen werden. Die zytologische Untersuchung des Urins kann einen weiteren Hinweis auf Blasenkrebs liefern, insofern sich unter dem Mikroskop sichtbare entartete Zellen zeigen. Die Urinzytologie liefert vor allem bei fortgeschrittenen und schwer entarteten Tumoren einen positiven Befund. Bei gut differenzierten Tumoren ist oft eine Unterscheidung zu entzündlichen Veränderungen schwierig. Eine negative Zytologie schließt einen Blasenkrebs nicht aus. Es befinden sich verschiedene Markersysteme in Entwicklung, welche über den Nachweis von tumorspezifischen Molekülen im Urin eine Diagnose ermöglichen sollen. Aufgrund der Unsicherheit dieser Tests sollten diese weder in der Früherkennung noch in der Erfolgskontrolle der Behandlung eingesetzt werden.S3-Leitlinie Früherkennung, Diagnose, Therapie und Nachsorge des Harnblasenkarzinoms, Langversion 2.0 – März 2020, AWMF-Registernummer : 032/038OL, S. 78, S. 311.
Eine Ultraschalluntersuchung kann Raumforderungen der Harnblase nachweisen und somit einen Hinweis auf Blasenkrebs liefern. Ebenso können dadurch von einem eventuellen Tumor ausgelöste Veränderungen der Nieren oder der ableitenden Harnwege sichtbar gemacht werden. Die Ultraschalluntersuchung kann jedoch keine endgültige Diagnose liefern.Thomas Martini: Urothelkarzinom der Harnblase : Diagnostik. In: Maurice Stephan Michel, Joachim Wilhelm Thüroff, Günter Janetschek, Manfred Wirth (Hrsg.): Die Urologie – Retroperitoneum, Niere, Harnblase, Harnröhre, Tumortherapie. Heidelberg, 2016, S. 711–719.