Die Vertonung des Dramas Mutter Courage und ihre Kinder umfasst die Entstehung der Bühnenmusik zu diesem Schauspiel, die entstandenen Partituren und ihre Interpretation und Veränderung in der Aufführungspraxis. Für das 1939 im schwedischen Exil entstandene Drama hatte der Autor Bertolt Brecht von vornherein eine musikalische Ausgestaltung vorgesehen. Es enthielt bereits in der Urfassung eine Reihe von Songs, zu denen größtenteils bereits Melodien unterschiedlicher Komponisten vorlagen. Brecht suchte in der Folge Komponisten, die auf dieser Basis eine neue, für das gesamte Stück stimmige Musik entwickeln sollten; dabei bestand er aber insbesondere für das thematische Lied der Mutter Courage entschieden auf einer bestimmten Melodie. Das Drama wurde dreimal vertont, zunächst durch den finnischen Komponisten Simon Parmet. Diese Komposition gilt als verschollen. Die Musik zur Uraufführung der Mutter Courage in Zürich am 19. April 1941 komponierte Paul Burkhard, der auch selbst dirigierte. Die Premiere am Deutschen Theater Berlin am 11. Januar 1949 wurde musikalisch von Paul Dessau in Zusammenarbeit mit Bertolt Brecht gestaltet. Brecht erklärte als Urheber des Stücks Dessaus Musik für verbindlich; sie wurde daher bei allen späteren Aufführungen verwendet.
Die Mutter Courage ist beispielhaft für Brechts Konzept des epischen Theaters. Dabei spielen Musik und Songs eine besondere Rolle. Die Schauspieler treten als Singende kommentierend aus ihrer Rolle heraus, wenden sich ans Publikum, schaffen Distanz zum Bühnengeschehen. Allerdings sind die Songs, anders als in früheren Stücken, stärker in das Geschehen auf der Bühne eingebunden.
Entstehungsgeschichte Als Brecht die Mutter Courage 1938/1939 im dänischen und schwedischen Exil schrieb, konnte er für die Musik nicht auf seinen langjährigen Produktionspartner Hanns Eisler zurückgreifen, der sich in den USA befand. Dennoch wollte er musikalische Elemente in das Drama integrieren. Die Zeit drängte, da Brecht eine baldige Aufführung des Stücks in Skandinavien plante. Daher lief die Konzeption der Songs weitgehend auf eine Wiederverwertung früherer Kompositionen hinaus.Lucchesi: „Emanzipieren Sie Ihr Orchester!“ 2011, S. 19; Hennenberg: Dichter, Komponist – und einige Schwierigkeiten.
Die ursprüngliche Fassung des Stücks enthielt fast ausschließlich Songs, die entweder bereits existierten oder für die zumindest eine Melodie vorlag. So integrierte Brecht die Ballade vom Weib und dem Soldaten, die bereits in zwei musikalischen Fassungen vorhanden war, von Franz Servatius Bruinier in Zusammenarbeit mit Brecht selbst (aus der Hauspostille) und von Hanns Eisler. Der Salomon-Song, vertont von Kurt Weill, war bereits Bestandteil der Dreigroschenoper gewesen und wurde für die Mutter Courage lediglich textlich modifiziert. Auch die Ballade vom Wasserrad, vertont von Eisler, war ursprünglich für die Courage vorgesehen, wurde im Verlauf der Arbeit aber ausgeschieden.Hennenberg: Brecht Liederbuch, S. 428. Das Lied vom Surabaya-Johnny, komponiert von Kurt Weill, sollte offenbar zunächst in Originalform eingebaut werden, Brecht änderte aber dann Text und Titel grundlegend in der Art einer Kontrafaktur.Hennenberg: Brecht Liederbuch, S. 405f. Daraus wurde dann zunächst das Lied vom Pfeif- und Trommelhenny, später das Lied vom Fraternisieren. Von vornherein als Kontrafaktur angelegt war das Lied der Mutter Courage, und zwar auf die Melodie der Ballade von den Seeräubern aus der Hauspostille, die ihrerseits auf dem Chanson L’Étendard de la Pitié von Émile Wesly basiert. Für andere Stücke gab es ebenfalls Melodievorlagen: Die Melodie von Prinz Eugen, der edle Ritter sollte für den anfangs vorgesehenen Song „Als wir lagen vor Milano“ verwendet werden, das Lied von der Bleibe basierte auf einem Kirchenlied, für das Wiegenlied („Eia popeia“) soll Helene Weigel eine Volksweise angegeben haben. Lediglich für das Lied von der Großen Kapitulation konnte keine Vorlage ausgemacht werden.Lucchesi: „Emanzipieren Sie Ihr Orchester!“, S. 17–30; Hennenberg: Dichter, Komponist – und einige Schwierigkeiten; Hennenberg: Brecht Liederbuch, S. 430–433.
Die Pläne für eine Uraufführung in Skandinavien zerschlugen sich wegen der Kriegslage und der dadurch erzwungenen weiteren Emigrationsschritte von Brecht; aber das Zürcher Schauspielhaus meldete Interesse an einer Inszenierung an. In diesem Zusammenhang kam Brecht von der Idee eines „Pasticcio“Hennenberg: Brecht Liederbuch, S. 429. verschiedener Kompositionen ab. Er erwog zunächst eine Vertonung durch Hilding Rosenberg oder Hanns Eisler, dem er das Typoskript des Stücks nach Amerika schickte, bat aber schließlich den finnischen Komponisten Simon Parmet, den er im Exil in Helsinki kennen lernte, um eine vollständige Vertonung der Songs.Lucchesi: „Emanzipieren Sie Ihr Orchester!“, S. 20; Hennenberg: Dichter, Komponist – und einige Schwierigkeiten.
Simon Parmet Über Parmets Vertonung ist wenig bekannt. Die spärlichen Informationen stammen aus verstreuten Bemerkungen in Brechts Arbeitsjournal und aus einem Aufsatz des Komponisten in der Schweizerischen Musikzeitung von 1957, der ihre Existenz überhaupt erst bekannt machte. Die Partitur gilt als verschollen.
In der Zusammenarbeit mit Parmet zeigte sich schnell, dass Brecht für seine Entscheidung, bereits vorliegende Musikstücke zu verwenden, nicht nur pragmatische, sondern auch künstlerische Gründe hatte. Er stellte sich die Musiknummern als „mechanische Einsprengseln“ vor, „etwas darin von dem plötzlichen aufschallen jener butiken-apparate, in die man einen groschen wirft“.Hennenberg: Brecht Liederbuch, S. 429; Jan Knopf: Brecht-Handbuch. Theater, S. 192. Von Parmet verlangte er, sich stilistisch an den Songs aus der Dreigroschenoper zu orientieren. Er sang, pfiff und trommelte Parmet mehrfach die Melodie von L’Étendard de la Pitié vor und forderte die Verwendung dieser Melodie für das Auftrittslied der Mutter Courage. Parmet war wenig begeistert von der Zumutung, eine Art Stilkopie Weill’scher Musik zu verfassen, und wollte nach der Komposition von drei Songs aufhören, ließ sich dann aber doch dazu bewegen, alle verlangten Stücke zu komponieren.Lucchesi: „Emanzipieren Sie Ihr Orchester!“, S. 20f., 22; Hennenberg: Dichter, Komponist – und einige Schwierigkeiten.
Am 1. Februar 1941 sandte Brecht einen fertigen Klavierauszug an den Theaterverlag Kurt Reiss, wo bereits der Text für die Uraufführung lag. Für den Fall endgültiger Annahme stellte er eine Instrumentation für sieben- bis achtköpfiges Orchester in Aussicht, erlaubte es aber den Theatern, andere Musik zu verwenden, die allerdings von ihm gebilligt werden müsse.Lucchesi: „Emanzipieren Sie Ihr Orchester!“, S. 22; Hennenberg: Dichter, Komponist – und einige Schwierigkeiten.
Was dieser Klavierauszug genau enthielt, ist nicht klar, da sowohl das Autograph Parmets als auch das Archiv von Kurt Reiss verloren sind. Jedenfalls erhielt der Regisseur der Uraufführung, Leopold Lindtberg, musikalisches Material, doch worin dieses bestand, ist nicht mehr zu klären. Lindtberg erinnert sich nur, „ein paar Noten“ bekommen zu haben, darunter das Lied der Mutter Courage und das Wiegenlied; seine Frau Valeska Lindtberg, damals musikalische Assistentin am Zürcher Schauspielhaus, meint, Brecht habe von ihm so bezeichnete „alte Landsknechtslieder“ geschickt und von diesen auch nur die Singstimme.Lucchesi: „Emanzipieren Sie Ihr Orchester!“, S. 22; Hennenberg: Dichter, Komponist – und einige Schwierigkeiten. Jedenfalls ist Parmets Vertonung nie aufgeführt worden; seine Arbeit ist vermutlich vor allem im Wiegenlied der Uraufführung erhalten geblieben.Lucchesi: „Emanzipieren Sie Ihr Orchester!“, S. 22–26.
Paul Burkhard Welches Material in welchem Umfang und welcher Form auch immer in Zürich angekommen ist – die Bühnenmusik für die Uraufführung schuf jedenfalls der durch seine Operetten bekannte Hauskomponist des Zürcher Schauspielhauses, Paul Burkhard. Er schrieb nicht nur die Instrumentierung und übernahm die Einstudierung, sondern komponierte auch den größten Teil der Songs neu.Lucchesi: „Emanzipieren Sie Ihr Orchester!“, S. 23–26.
Nur drei der zehn Nummern stammten nicht vollständig von Burkhard, wie aus einer Aufstellung des Komponisten für den Theaterverlag Kurt ReissDiese Aufstellung wird ausgewertet bei Lucchesi: „Emanzipieren Sie Ihr Orchester!“, S. 24–26. hervorgeht: Die Ballade vom Weib und dem Soldaten wurde in der von Hanns Eisler vertonten Fassung übernommen, da man sie, wie Valeska Lindtberg meint, gar nicht schöner schreiben könne; Burkhard kopierte die Klavierfassung Eislers und schrieb die Instrumentenstimmen aus.Hennenberg: Dichter, Komponist – und eine Schwierigkeiten. Die Melodie der „Vorstrophe“ des Lieds der Mutter Courage übernahm er in der Form, wie er sie von Brecht erhalten hatte, vertonte aber den Refrain neu. Und schließlich übernahm er das Wiegenlied von dem „Freund Brechts, der die Lieder lieferte, die wir dann zum Teil wegließen“,Lucchesi: „Emanzipieren Sie Ihr Orchester!“, S. 24. also vermutlich von Simon Parmet. Dafür spricht auch, dass Parmet das Lied bei einer Aufführung in Helsinki wiedererkannt haben will. Dagegen kannte das Zürcher Team offenbar die Weill’sche Vertonung des Salomon-Songs nicht, verwendete sie jedenfalls nicht. Das Lied vom Pfeifen- und Trommelhenny wurde kurzerhand weggelassen. Dafür fügte Burkhard einen wortlosen „Pfeiffer- und Trommler-Marsch“ hinzu.Lucchesi: „Emanzipieren Sie Ihr Orchester!“, S. 26.
Burkhard scheint sehr schnell gearbeitet zu haben. Für die Komposition der Lieder hat er offenbar nur einen Tag gebraucht (den 27. März 1941), am folgenden Tag fing er bereits mit Therese Giehse (der Mutter Courage der Uraufführung) zu proben an. Schon am 15. April lag die endgültige Partitur vor, die sechs Instrumente vorsah: Klavier, Harmonium, Akkordeon, Flöte, Trompete, Schlagzeug. Am 19. April fand die Premiere statt.Lucchesi: „Emanzipieren Sie Ihr Orchester!“, S. 24, der sich auf die Notiz- und Tagebücher Burkhards stützt.
Burkhards Musik erhielt ausgezeichnete Kritiken und wurde bis 1946 für alle Aufführungen benutzt, teilweise sogar noch erheblich später; Brecht scheint sie jedoch zumindest bis 1948 gar nicht gekannt zu haben.
Paul Dessau mini|Komponist Paul Dessau 1974 im Berliner Ensemble
1943 hatte Brecht im amerikanischen Exil Paul Dessau kennen gelernt. Brecht trug Dessau 1946 Lieder aus der Mutter Courage vor, und dieser vertonte sie „in engster Zusammenarbeit mit Brecht“,Hennenberg: Brecht Liederbuch, S. 430. eine Kooperationsform, wie sie Brecht von seinen früheren Komponisten kannte und schätzte.
Die Kooperation verlief nicht ohne Reibungen. Dessau war irritiert von Brechts „zwar höflichem“ Hinweis, dass er die Dessau banal erscheinende Melodie von L’Étendard de la Pitié für das Lied der Mutter Courage „verwendet haben wolle“ – ihm sei „diese Art Plagiierung“ damals gänzlich fremd gewesen.Lucchesi, Shull: Musik bei Brecht. 1988, S. 54f. Andererseits hatte Dessau auch Bedenken, das Lied vom Weib und dem Soldaten neu zu komponieren, da ihm Eislers von ihm sehr geschätzte Vertonung bereits bekannt war. Brecht ging insofern darauf ein, als er eine Szenenanweisung einfügte, dass Eilif beim Singen des Liedes einen Säbeltanz vollführen sollte – so erhielt Dessau einen neuen Ausgangspunkt für seine eigene Vertonung.Lucchesi, Shull: Musik bei Brecht, S. 82. Im Verlauf der Zusammenarbeit kam auch die Idee auf, das Klavier zu präparieren: Durch Reißnägel auf den Hämmern sollte es einen gitarren- oder cembaloartigen Klang erhalten. Dieses so genannte Wanzenklavier oder Gitarrenklavier blieb dann in allen späteren Fassungen erhalten.Vgl. etwa die beiden Erstveröffentlichungen der Songs, Sieben Lieder aus der Mutter Courage und Neun Lieder aus der Mutter Courage, beide 1949, wo diese Anweisung von Brecht und Dessau gemeinsam gezeichnet ist.