Neandertal 1 (auch Neanderthal 1, seltener Feldhofer 1) ist die wissenschaftliche Bezeichnung für das Typusexemplar (Holotypus) der biologischen Art Homo neanderthalensis.Die Schreibung des Lemmas Neandertal 1 folgt: Wilhelm Gieseler: Germany. In: Kenneth Page Oakley et al. (Hrsg.): Catalogue of Fossil Hominids: Europe Pt. 2. Smithsonian Institution Proceedings, 1971, S. 198–199. – Als Folge der Orthographischen Konferenz von 1901 wurde die vormalige Schreibung von Thal in Tal geändert, woran die Sammlungsnummer angepasst werden konnte. Auch die von der American Association for the Advancement of Science herausgegebene Fachzeitschrift Science folgt dieser Schreibung, siehe zum Beispiel . Die Internationalen Regeln für die Zoologische Nomenklatur erlauben hingegen keine Veränderung gültiger Benennung von Gattungs- und Artnamen, weswegen die lateinische Bezeichnung weiterhin Homo neanderthalensis lautet. Das Fossil wurde Mitte August 1856 in einem als Neandertal bezeichneten Talabschnitt der Düssel im niederbergischen Land, 13 Kilometer östlich von Düsseldorf, entdeckt und 1864 erstmals in einer naturwissenschaftlichen Fachzeitschrift mit dem noch heute gültigen Artnamen bezeichnet.William King: The Reputed Fossil Man of the Neanderthal. In: Quarterly Journal of Science. Band 1, 1864, S. 88–97, Volltext. Es war jedoch nicht der erste Beleg für diese Art, der entdeckt wurde; vielmehr war die Bedeutung früherer Funde zunächst nicht erkannt und deshalb für diese Funde kein gesonderter Artname vergeben worden.
Das Fossil wird seit 1877 im LVR-Landesmuseum Bonn verwahrt.Michael Schmauder, Ralf W. Schmitz: Der Neandertaler und weitere eiszeitliche Funde im Rheinischen LandesMuseum Bonn. In: Heinz Günter Horn (Hrsg.): Neandertaler + Co. Philipp von Zabern, Mainz am Rhein 2006, ISBN 3-8053-3603-9, S. 252–253. Seit dem Jahr 2000 ist das Fossil eines zweiten Individuums vom selben Fundort sicher als Neandertaler bestimmt, benannt Neandertal 2.
Entdeckung mini|Kleine Feldhofer Grotte (Querschnitt); aus: Charles Lyell (1863): The Geological Evidences of the Antiquity of Man. mini|hochkant|Johann Carl Fuhlrott Bereits für das frühe 16. Jahrhundert ist der Abbau von Kalkstein im Neandertal belegt, ab Mitte des 19. Jahrhunderts erfolgte er in industriellem Maßstab. Im August 1856 erweiterten zwei italienische Arbeiter den Eingang zur Kleinen Feldhofer Grotte,Die Grotte war benannt worden nach dem nahegelegenen Gut Feldhof, vgl. indem sie den in diese Kalksteinhöhle eingelagerten versinterten und daher steinharten Lehm beseitigten. Beim Abtragen dieser Sedimentfüllung stießen die Arbeiter in zwei Fuß (rund 60 cm) Tiefe auf fossile Knochen, die zunächst unbeachtet mit Lehm- und Gesteinsschutt zu Tal geworfen wurden. Dort fielen sie dem Besitzer des Steinbruchs, Wilhelm Beckershoff, auf, der sie für die Überreste eines Höhlenbären hielt. Beckershoff und der Mitbesitzer des Steinbruchs, Friedrich Wilhelm Pieper,Gerd-Christian Weniger: Mettmann – Fundort Neandertal. In: Heinz Günter Horn (Hrsg.): Neandertaler + Co. Philipp von Zabern, Mainz am Rhein 2006, ISBN 3-8053-3603-9, S. 183. – Pieper und Beckershoff waren Mitglieder in dem von Fuhlrott gegründeten Naturwissenschaftlichen Verein für Elberfeld und Barmen; Pieper informierte Fuhlrott über den Fund. ließen 16 größere Knochenfragmente aus dem Schutt aufsammeln und dem Elberfelder Lehrer und Fossiliensammler Johann Carl Fuhlrott übergeben: ein Schädeldach mit einem Bruchstück des linken Schläfenbeins, ein Bruchstück des rechten Schulterblatts, ein rechtes Schlüsselbein, beide Oberarmknochen (der rechte vollständig erhalten), eine komplette rechte Speiche, Bruchstücke einer rechten und linken Elle, fünf Rippen, eine fast vollständige linke Beckenhälfte sowie beide vollständig erhaltenen Oberschenkelknochen.Friedemann Schrenk, Stephanie Müller: Die Neandertaler. C.H. Beck, München 2005, ISBN 3-406-50873-1, S. 14.
Fuhlrott erkannte eigenem Bekunden zufolge auf Anhieb,Johann Carl Fuhlrott: Menschliche Überreste aus einer Felsengrotte des Düsselthals. S. 137. dass die Überreste einem Menschen zuzuordnen waren, der sich allerdings vom Menschen der Neuzeit erheblich unterschied. Ohne Fuhlrotts Billigung erschien bereits unter dem Datum des 4. September 1856 in der Elberfelder Zeitung sowie im Barmer Bürgerblatt folgende Notiz:
mini|hochkant|Hermann Schaaffhausen Durch diese Berichterstattung wurden zwei Bonner Professoren der Anatomie, Hermann Schaaffhausen und August Franz Josef Karl Mayer, auf diesen Fund aufmerksam, meldeten sich bei Fuhlrott und baten ihn um Zusendung der Knochen. Fuhlrott brachte sie im folgenden Winter persönlich nach Bonn, wo sie zunächst von Schaaffhausen in Augenschein genommen wurden. Sechs Monate später, am 2. Juni 1857, präsentierten Schaaffhausen und Fuhlrott vor den Mitgliedern des Naturhistorischen Vereins der preussischen Rheinlande und Westphalens die Ergebnisse ihrer Untersuchungen, die der Primatologe und Paläoanthropologe Ian Tattersall folgendermaßen beschreibt:
Schaaffhausen beschrieb detailliert den ungewöhnlich massiven Knochenbau des Fundes und stellte insbesondere die Form des Schädeldaches heraus – vor allem die niedrige, fliehende Stirn und die knöchernen Wülste über den Augen:
Schaaffhausen publizierte seine Befunde 1858 im Archiv für Anatomie, Physiologie und wissenschaftliche Medicin,Hermann Schaaffhausen: Zur Kenntniss der ältesten Rassenschädel. In: Archiv für Anatomie, Physiologie und wissenschaftliche Medicin. 1858, S. 453–478 (Digitalisat). Fuhlrott veröffentlichte ein Jahr später eine Abhandlung über Menschliche Überreste aus einer Felsengrotte des Düsselthals im Vereinsblatt des Naturhistorischen Vereins der preussischen Rheinlande und Westphalens.Johann Carl Fuhlrott: Menschliche Überreste aus einer Felsengrotte des Düsselthals. Ein Beitrag zur Frage über die Existenz fossiler Menschen. In: Verhandlungen des Naturhistorischen Vereins der preußischen Rheinlande und Westphalens. Band 16, 1859, S. 131–153, Volltext (PDF; 4,1 MB). In dieser Abhandlung erörterte er ebenfalls die anatomischen Gegebenheiten und erwähnte zunächst zurückhaltend (auch unter Berücksichtigung ihrer Einbettung in eiszeitliche Lehmeinwehungen), dass diese Knochen vermutlich „aus der vorhistorischen Zeit, wahrscheinlich aus der Diluvialperiode stammen und daher einem urtypischen Individuum unseres Geschlechts einstens angehört haben.“ (S. 136) Im Anschluss an seine Anmerkungen zur Geologie des Fundortes vermutete er dann aber weitergehend, dass „in diesen Knochen antediluviane [vor der Sintflut entstandene], also fossile Menschenreste vorliegen“. (S. 145)
Fuhlrotts und Schaaffhausens letztlich korrekte Deutung der Funde aus dem Neandertal wurde jedoch von den anderen Gelehrten ihrer Zeit nicht ernst genommen. Als Fuhlrott 1859 seine Abhandlung im Vereinsblatt des Naturhistorischen Vereins der preussischen Rheinlande und Westphalens veröffentlichte, kommentierten die Mitglieder der Redaktion seine Interpretationen beispielsweise mit dem Nachsatz, dass sie „die vorgetragenen Ansichten nicht theilen können.“ (S. 153)
Historischer Hintergrund mini|Fossilienfunde von 1829 aus Engis: unten in der Mitte das Oberkieferfragment des Neandertaler-Kindes (Engis 2) 1758 hatte Carl von Linné in der 10. Auflage seiner Schrift Systema Naturæ (S. 20) die Bezeichnung Homo sapiens als Artname für den Menschen eingeführt, jedoch ohne eine sogenannte Diagnose, also ohne präzise Beschreibung der arttypischen Merkmale.
Der niederländische Arzt und Naturforscher Philippe-Charles Schmerling beschrieb 1833 einen fossilen Schädel und mehrere andere Knochen, die 1829 in einer Höhle nahe der belgischen Gemeinde Engis entdeckt worden waren. Er ordnete sie aufgrund von Tierfossilien und gleichfalls entdeckten Steinwerkzeugen dem „Diluvium“ zu.Philippe-Charles Schmerling: Recherches sur les ossements fossiles découverts dans les cavernes de la Province de Liège. P.-J. Collardin, Liège 1833, S. 1–66. Dieser erste wissenschaftlich beschriebene Neandertaler-Fund (Engis 2) wurde jedoch von den Fachkollegen als „modern“ verkannt. Es fehlten zum einen Kriterien zur Abgrenzung fossiler Arten der Gattung Homo von Homo sapiens; zum anderen verwiesen Fachkollegen auf die Bibel (1. Buch Mose), aus der ein so hohes Alter nicht abgeleitet werden konnte.
Selbst Thomas Henry Huxley, ein Unterstützer von Darwins Evolutionstheorie, schrieb 1863 den Fund aus Engis einem „Menschen von niedrigem Grad an Zivilisation“ zu. Den Fund aus dem Neandertal interpretierte er ebenfalls als innerhalb der Variationsbreite des modernen Menschen liegend.Thomas Henry Huxley: On some fossil remains of man. Kapitel 3 in: Evidence as to man’s place in nature. D. Appleton and Company, New York 1863. Auch der 1848 im Kalksteinbruch Forbes’ Quarry in Gibraltar entdeckte, relativ gut erhaltene weibliche Schädel Gibraltar 1 wurde erst Jahrzehnte später endgültig als Jahrzehntausende alt anerkannt und zur inzwischen etablierten Art Homo neanderthalensis gestellt.
Wie Huxley ordneten selbst noch Anthropologen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts die zunehmend zahlreicher werdenden homininen Fossilien den menschlichen „Rassen“ als deren frühe Repräsentanten zu.
Fund als Streitobjekt der Gelehrten mini|Neandertal 1: Drei Ansichten aus Thomas Henry Huxley, Evidence as to Man’s Place in Nature, London, 1863 Das Fossil aus dem Neandertal wurde 1856 entdeckt, drei Jahre vor dem Erscheinen von Darwins Hauptwerk Über die Entstehung der Arten. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung um die Frage, ob Arten unveränderlich oder veränderlich seien, war jedoch schon deutlich früher entbrannt. So hatte sich Hermann Schaaffhausen bereits 1853 in einer ausführlichen Abhandlung Über die Beständigkeit und Umwandlung der Arten der Auffassung angeschlossen, „dass auch die Art nicht unvergänglich sei, dass sie wie das Leben der Einzelwesen einen Anfang, eine Zeit der Blüthe und einen Untergang habe, nur in grösseren Zeitabschnitten, und dass den verschiedenen Arten eine verschiedene Lebensdauer zugemessen sei.“Hermann Schaaffhausen: Über die Beständigkeit und Umwandlung der Arten. In: Verhandlungen des Naturhistorischen Vereins der preussischen Rheinlande und Westphalens. Band 10, 1853, S. 420–451.Nachdruck in: Hermann Schaaffhausen: Über Beständigkeit und Umwandlung der Arten. In: ders.: Anthropologische Studien. Verlag von Adolph Marcus, Bonn 1885, S. 134–164, (Digitalisat). Schaaffhausen hatte auf die große Nähe diverser anatomischer und physiologischer Merkmale des Menschen und der „menschenähnlichsten Affen“ hingewiesen und zusammenfassend festgestellt: „Die Unveränderlichkeit der Art, die von den meisten Forschern als ein Naturgesetz betrachtet wird, ist nicht erwiesen.“
Hermann Schaaffhausen gehörte jedoch nicht zu den naturwissenschaftlichen Autoritäten des mittleren 19. Jahrhunderts in Deutschland. Hier wurden zu dieser Zeit die biologischen Wissenschaften von Rudolf Virchow beherrscht, „dem Vater der modernen Zellbiologie und aus politischen Gründen einem Gegner evolutionären Gedankenguts. Virchow vertrat sozialliberale Ideale. Er kämpfte für eine Gesellschaft, in der nicht Herkunft, sondern die Fähigkeiten des Einzelnen über seine Zukunft entscheiden sollten. Die Evolutionstheorie war für ihn ein Elitedenken, eine naturgegebene Bevorzugung einer bestimmten ‚Rasse‘, die mit seinen Idealen unvereinbar war.“Ian Tattersall: Neandertaler. Der Streit um unsere Ahnen. S. 77.
Ehe Virchow aber die Gebeine aus dem Neandertal 1872 persönlich begutachtete, überließ er sie dem Bonner Anatomen und Augenspezialisten August Franz Josef Karl Mayer, der „ein entschlossener Anhänger des christlichen Schöpfungsglaubens in seiner traditionellen Form“ war;Martin Kuckenberg: Lag Eden im Neandertal? Auf der Suche nach dem frühen Menschen. Econ Verlag, Düsseldorf 1997, ISBN 3-430-15773-0, S. 51. Mayer hatte die erste Begutachtung im Winter 1856/57 aufgrund einer Erkrankung versäumt: