Ein Geschäft mit Träumen ist ein Hörspiel von Ingeborg Bachmann, das am 28. Februar 1952 unter der Regie von Walter DavyBareiss, Ohloff, S. 15, Eintrag 29 von Rot-Weiß-Rot Wien gesendet wurde. Der Druck des Textes aus dem Nachlass erfolgte 1976 bei Piper in München.Verwendete Ausgabe, S. 661, erster Eintrag
Der Deutschlandfunk Köln brachte am 20. Dezember 1975 Heinz von Cramers Fassung. Ernst Jacobi sprach den Laurenz, Gertrud Kückelmann die Anna und Wolfgang Kieling den Generaldirektor Sara Lennox in: Albrecht/Göttsche, S. 85 rechte Spalte, 18. Z.v.u..
Zeitlich vor dem Hörspiel hat die Autorin eine – inhaltlich ähnliche – gleichnamige Erzählung geschrieben.Bartsch, S. 49, 16. Z.v.u.
Inhalt Handlung Anna und Laurenz, zwei einfache Angestellte, werden im Büro tagtäglich vom Generaldirektor tyrannisiert. Die beiden verschüchterten Untergebenen wollen es dem Vorgesetzten stets recht machen.
Nach Dienstschluss schlendert Laurenz durch die Stadt und betritt zufällig ein Geschäft, in dem Träume verkauft werden. Der Verkäufer führt Laurenz drei Träume vor.
Im ersten Traum zettelt der Generaldirektor im tiefsten Frieden gegen Laurenz und Anna einen Luftkrieg an. Anna meint, sie verblute. Laurenz will Anna und sich aus der Schusslinie bringen und unter die Erde retten.
Der Traum gefällt Laurenz gar nicht. Er lässt sich einen zweiten zeigen. Der ist schon besser. Die Rollen sind vertauscht. Laurenz führt Krieg. Der Generaldirektor steht Gewehr bei Fuß und spricht Laurenz mit „verehrter Herr Generaldirektor“ an. Laurenz zögert. Dann möchte er doch nicht kaufen. Ein dritter Traum muss her.
Darin geht Anna in einem großen weißen Schiff unter. Unerschrocken folgt Laurenz der Geliebten hinab zu den Fischlein, Seesternen, Muscheln und Algen-Girlanden. In der düsteren Tiefe gestehen sich Anna und Laurenz ihre Liebe. Den Traum will Laurenz haben. Da er aber nicht, wie vom Verkäufer gefordert, mit Zeit statt mit Geld bezahlen möchte, kehrt er ohne Traum zurück in den Alltag. Im Büro wartet der Generaldirektor bereits auf seinen gefügigen Angestellten Laurenz.
Rezeption
Günter Eichs Hörspiel „Träume“ habe Pate gestandenHöller 2002, S. 47, 1. Z.v.u.. HöllerHöller 1993 geht auf die Traumsprache ein.
BartschBartsch, S. 76 Mitte - S. 81 Mitte charakterisiert den kleinen Büroangestellten Laurenz mit einem Zitat aus „Dem dreißigsten Jahr“: Laurenz erfahre im Leben eine „ungeheuerliche Kränkung“Koschel/von Weidenbaum/Münster, Zweiter Band, S. 101, 10. Z.v.o. und suche im Traum Entschädigung. In den drei Träumen erhalte Laurenz aber „zuviel Erkenntnis“Bartsch, S. 77, 1. Z.v.o.. Anna werde in den ersten beiden Träumen als Opfer einer vorherrschenden Männerwelt dargestelltBartsch, S. 79, Mitte. Im dritten Traum dann gelänge Laurenz die „mystische Vereinigung“Bartsch, S. 79, 9. Z.v.u. mit der geliebten Anna. Bartsch hebt den lyrischen Ton im dritten Traum hervor, zu dem das Liebespaar in der Traum-Unterwasserwelt findet und stellt ihn dem Rückfall in das schweigsame Gehorchen des Kleinbürgers Laurenz am nächsten Arbeitstag gegenüber.
LaurenzSara Lennox in: Albrecht/Göttsche, S. 85–89 begegne im Traumladen dem UnmöglichenSara Lennox in: Albrecht/Göttsche, S. 86 linke Spalte, 9. Z.v.u.. Die Liebesbeziehung zur Sekretärin Anna, die im dritten Traum als „Undine-ähnliche Meerjungfrau“ figuriert, phantasiere Laurenz herbeiSara Lennox in: Albrecht/Göttsche, S. 87 rechte Spalte, 14. und 19. Z.v.o..
Für GolischGolisch, S. 69–76 ist das frühe Hörstück Ingeborg Bachmanns trotz der Klischees und fehlenden Überraschungen ein Dokument der Nachkriegszeit und des zeitigen Aufbegehrens.Golisch, S. 76 Mitte
Bareiss und OhloffBareiss, Ohloff, S. 115, Eintrag 527 und S. 192–193, Einträge 1197–1211 nennen eine weiter führende Arbeit und 15 Besprechungen.
Erzählung Der Text der ganz oben genannten gleichnamigen Erzählung ist erheblich kürzer als der des Hörspiels. Die im Hörspiel erlebbare Büro- und Traumwelt ist in der Erzählung überhaupt nicht ausgearbeitet. SteinhoffSteinhoff, S. 54–89 vergleicht das Hörspiel mit der Erzählung.
Inhaltliche Unterschiede zwischen Erzählung und Hörspiel
Personen Die Personen in der Erzählung sind kaum ausgearbeitet, lediglich Anna wird namentlich erwähnt. Außerdem ist die Anzahl der Personen deutlich reduzierter: In der Erzählung kommen lediglich der Ich-Erzähler, Anna, der Traum-Verkäufer und ein unbeteiligter Arbeiter, der nur Auskunft gibt, vor.
Verhalten Im Hörspiel flüchtet Laurenz vor dem Lärm und ein bisschen neugierig in den Laden, während er in der Erzählung den Laden rein aus Neugierde betritt, angelockt vom schlecht beleuchteten Schaufenster. Während der Träumer in der Erzählung nach dem Träumen wochenlang erkrankt und danach seine Arbeit verliert, taucht der Laurenz des Hörspiels anderntags wieder sang- und klanglos in den farblosen Büroalltag ein.
Dargestellt Träume In der Erzählung werden nur zwei Träume behandelt. Anna steht auf einem Schiff und ein Vogel, der sie verletzen könnte, kreist über ihr. Deswegen wird ein anderer Traum gesucht. Im zweiten Traum fliegen goldene Bälle durch die Luft, die von der Hauptperson als schön empfunden werden. Danach verlangt der namenlose Träumer nach dem ersten Traum, kauft ihn jedoch nicht, da er nicht mit Zeit bezahlen möchte.
Produktion Das Hörspiel wurde 1952 vom Sender Rot Weiß Rot Wien produziert. Es sprachen unter anderem Wolf Neuber (Laurenz), Traute Servi (Anna), Eric Frey (Herr Mandl), Ulrich Bette (Der Generaldirektor) und Erich Schenk (Der Verkäufer der Träume). Regie führte Walter Davy.
Eine spätere Neubearbeitung (1975) stammt vom Deutschlandfunk.
Literatur Textausgaben Verwendete Ausgabe Christine Koschel (Hrsg.), Inge von Weidenbaum (Hrsg.), Clemens Münster (Hrsg.): Ingeborg Bachmann. Werke. Erster Band: Gedichte. Hörspiele. Libretti. Übersetzungen. 683 Seiten. Piper, München 1978 (5. Aufl. 1993), Band 1701 der Serie Piper, ISBN 3-492-11701-5, S. 177–216
Sekundärliteratur Otto Bareiss, Frauke Ohloff: Ingeborg Bachmann. Eine Bibliographie. Mit einem Geleitwort von Heinrich Böll. Piper, München 1978. ISBN 3-492-02366-5 Christine Koschel (Hrsg.), Inge von Weidenbaum (Hrsg.), Clemens Münster (Hrsg.): Ingeborg Bachmann. Werke. Zweiter Band: Erzählungen. Piper, München 1978 (5. Aufl. 1993), Band 1702 der Serie Piper, ISBN 3-492-11702-3 Hans Höller: Ingeborg Bachmann. Das Werk. Von den frühesten Gedichten bis zum „Todesarten“-Zyklus. Hain (Athenäums Programm), Frankfurt am Main 1993. ISBN 3-445-08578-1, S. 75–94 Kurt Bartsch: Ingeborg Bachmann. Metzler, Stuttgart 1997 (2. Aufl., Sammlung Metzler. Band 242). ISBN 3-476-12242-5 Stefanie Golisch: Ingeborg Bachmann zur Einführung. Junius, Hamburg 1997. ISBN 3-88506-941-5 Hans Höller: Ingeborg Bachmann. Rowohlt, Reinbek 1999 (Aufl. 2002), ISBN 3-499-50545-2 Monika Albrecht (Hrsg.), Dirk Göttsche (Hrsg.): Bachmann-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Metzler, Stuttgart 2002. ISBN 3-476-01810-5 Sigrid Weigel: Ingeborg Bachmann. Hinterlassenschaften unter Wahrung des Briefgeheimnisses. dtv, München 2003 (Zsolnay, Wien 1999). ISBN 3-423-34035-5, S. 260–264 Christine Steinhoff: Ingeborg Bachmanns Poetologie des Traumes. Königshausen & Neumann, Würzburg 2008. ISBN 978-3-8260-3862-4
Weblinks
Jonas Nesselhauf: „Ein Geschäft mit Träumen“. Lexikon Traumkultur, 2019.
Anmerkung Weigel (Weigel, S. 263, Fußnote 31) zieht die Reihenfolge in Zweifel.
Einzelnachweise
Kategorie:Werk von Ingeborg Bachmann Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Deutsch) Kategorie:Hörspiel (Titel) Kategorie:Literatur (Österreich)