mini|Kantha Bopha III, Siem Reap (2018): Staatstrauer um Beat Richner mini|Kambodscha Unter dem Namen Kantha Bopha wurden in der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh seit 1992 auf Wunsch des kambodschanischen Staates unter der Leitung des Schweizer Kinderarztes Beat Richner vier Kinderspitäler errichtet. In Siem Reap steht ein fünftes von ihm gegründetes Kinderkrankenhaus Jayavarman VII, das ebenfalls zur Kantha-Bopha-Gruppe gehört.
Ursprung des Namens Kantha Bopha („duftende Blume“) war der Name einer im Kindesalter verstorbenen Tochter des Königs Norodom Sihanouk.
Spitäler Kantha Bopha I Im Dezember 1991 bat die kambodschanische Regierung Beat Richner, der bereits Mitte der 1970er-Jahre im Kinderkrankenhaus Kantha Bopha in Phnom Penh gearbeitet hatte, das während der Herrschaft der Roten Khmer zerstörte Spital wieder aufzubauen und zu leiten. Mit dem Wiederaufbau wurde im März 1992 begonnen, und die Einweihung konnte am 22. September des gleichen Jahres erfolgen.
Richners erster Mitarbeiter, Laurent Gross, war Spezialist für erneuerbare Energien und bioklimatische Architektur. Er hatte in verschiedenen Ländern Spitäler wieder aufgebaut und beherrschte die Khmer-Sprache. Das Zweierteam Gross als Bauleiter und Richner hat zuerst an die Bedürfnisse der Kranken gedacht, an das Kind und die Mutter, an jene des Pflegepersonals und dann die Pläne entsprechend gemacht. Der Wiederaufbau des zerstörten Spitals im kriegsversehrten Land gestaltete sich schwierig. Wasser- und Stromversorgung, ein Abwassersystem und eine Abfallverbrennungsanlage mussten selbst organisiert werden. Das erhältliche Baumaterial war von schlechter Qualität und im Bauwesen gab es Korruption. Gross musste die Arbeiter sorgfältig aussuchen, als Vorarbeiter konnte er Leute vom IKRK einstellen. Auf der Baustelle wurde anfänglich sieben Tage die Woche gearbeitet.
Richner wollte keine Kompromisse machen, nur weil man in einem armen Land war. Ein Operationssaal musste für ihn überall auf der Welt gleich funktionell und sauber sein. Die Wäscherei und die Toiletten wurden an die Bräuche des Landes angepasst und einfach konzipiert, damit sie jeder benutzen konnte. Die Schwestern und Pfleger sollten an einem Tisch in der Mitte des Saales arbeiten, von wo aus sie jederzeit alle Betten im Auge hatten. Im August, knapp zwei Monate vor der Einweihung, kamen zwei Krankenschwestern und der Kinderarzt Peter Studer zum Zweierteam. Studer half bei der Konzeption und der Organisation des Spitals und ging mit den Krankenschwestern auf dem Markt und in Thailand (Betten, Medikamente für die Spitalapotheke usw.) alles Nötige für den Spital einkaufen. Um der Korruption vorzubeugen, wurden alle Medikamente mit dem Stempel «Not for sale, Kantha Bopha» versehen und die Verpackung musste zurückgegeben werden. Die beiden Krankenschwestern waren für die Einrichtung der Apotheke und des Bettenhauses zuständig. Zwei Laborantinnen aus der Schweiz richteten das Labor ein und instruierten das einheimische Laborpersonal.
Mit dem Kinderspital Zürich wurde eine Partnerschaft eingegangen, um eine Medizin nach europäischem Standard anbieten zu können. Professoren und Ärzte kamen für kurze Zeit nach Kambodscha, um neue medizinische Dienste aufzubauen (Bilddiagnostik, Gastroenterologie, Ernährung, Nephrologie, Jugendgynäkologie, Pneumologie, Herzkatheter, Leukämiebehandlung, Diabetesbehandlung usw.). Die Zürcher Mediziner gingen freiwillig nach Kambodscha, weil es für sie eine Horizonterweiterung war. Sie konnten sehen, dass man es anders machen kann, einfacher und effizienter.
Das wieder aufgebaute und renovierte Spital war nach einem halben Jahr Bauzeit bezugsbereit und bot alles wie in einem westlichen Spital. Im Parterre liegen Empfang und Untersuchungsräume, Labor, Röntgen, Echografie, Fluoroskopie, ein klinisches Biologielabor für Analysen, Infektiologielabor, Blutbank, zwei Operationssäle, Apotheke sowie Ärzte- und Schwesternräume. Im ersten Stock sind die großen Patientenzimmer für je bis zu 40 Patienten und insgesamt 240 Betten.
Kaum war Kantha Bopha I eröffnet, kamen jeden Tag tausend und mehr kranke Kinder mit ihren Eltern in den Spital. Die Kinderärzte im Stiftungsrat stellten sich vor, wie der Kinderspital Zürich einen solchen Ansturm bewältigen könnte. Kantha Bopha I konnte dem Ansturm nicht lange standhalten. Ab Oktober 1994 mussten teilweise schwer kranke Kinder abgewiesen werden.
2017 wurde ein Besucher- und Informationszentrum eröffnet.
Kantha Bopha II Im Oktober 1996 wurde das zweite Krankenhaus in Phnom Penh in Anwesenheit des kambodschanischen Königs Norodom Sihanouk und des Schweizer Bundespräsidenten Jean-Pascal Delamuraz eingeweiht. Es war als Annex zu Kantha Bopha I auf einem vom König zur Verfügung gestellten Grundstück in den königlichen Gärten errichtet worden und genießt dadurch einen besonderen Schutz. Ein Schweizer Ehepaar finanzierte den Spital schlüsselfertig mit einer Spende von drei Millionen Franken im Andenken an seine verstorbene Tochter. Jayavarman VII (Kantha Bopha III) mini|links|Eingang des Kinderspitals Kantha Bopha III Im März 1999 konnte ein drittes Spital der Kantha-Bopha-Gruppe, Jayavarman VII, in Siem Reap nahe der berühmten Tempelanlage von Angkor als Außenstation von Kantha Bopha I und II auf einem vom Ministerpräsidenten Hun Sen zur Verfügung gestellten Grundstück eröffnet werden. Das Spital war nötig geworden, weil das einzige Provinzspital in einem katastrophalen Zustand war. Gross und Richner konzipierten das Spital von Grund auf neu, wobei sie die Erfahrungen der beiden ersten Spitälern einfließen ließen. Es sollte mit Konzept, Bau und Funktionalität Modellcharakter haben. Sie planten es in der Form von einzelnen Pavillons, die miteinander mit offenen, gedeckten Passagen verbunden waren und eine natürliche Ventilation ermöglichten. Die durchlüfteten Passagen reduzierten die Ansteckungsmöglichkeiten mit Viren und Bakterien.
Die Finanzierung des Spitals war einen Monat vor Baubeginn noch nicht gesichert. Dann war eine Schweizer Familie bereit, drei Millionen CHF für den Bau zu spenden, sie hatten bereits in den vorhergehenden fünf Jahren 15 Millionen gespendet. Damit konnte Kantha Bopha III zu einem gut funktionierenden Modell für ein Kinderspital in einem armen Land werden. Es enthält ein großes Präventions- und Gesundheitszentrum samt Ambulatorium und ein Akutspital für schwerkranke Kinder. Im Jahr 2000 wurde die Chirurgie eröffnet.
Seit Oktober 2001 ist dank einer Landspende der Regierung neben dem Jayavarman-VII-Spital in Siem Reap eine Entbindungsstation unter anderen für HIV-positive Mütter in Betrieb. Dort kann die Übertragung von HIV von der Mutter auf das neugeborene Kind verhindert werden.
2002 wurde ein Ausbildungs- und Konferenzzentrum eingeweiht, in dem unter anderem internationale Symposien über Pädiatrie und Perinatologie abgehalten werden, um die Prinzipien von Beat Richner weiterverbreiten zu können.
Das Krankenhaus wurde 2008 um fünf neue Bettenstationen (300 Betten) und 2011 um weitere fünf Bettenstationen (200 Betten) sowie eine Intensivstation erweitert. Bis 2018 wurde das Spital sechsmal erweitert (2005, 2008, 2009, 2010, 2015) und gilt als eines der größten Kinderkrankenhäuser der Welt. Es verfügt über eine Röntgenabteilung, ein Labor, eine Spitalapotheke, mehrere Operationssäle, vier Bettenhäuser und eine Herzchirurgie.
Kantha Bopha IV In Phnom Penh wurde das vierte Krankenhaus im Dezember 2005 eingeweiht. Es war nötig geworden, weil Kantha Bopha I teilweise in einem baulich sehr schlechten Zustand war und unter Kapazitätsproblemen litt (es wurde inzwischen renoviert).
Zur Finanzierung von KB IV erfand Richner die «Zwänzgernötli-Aktion». Bei jeder Schweizer Poststelle lag ein Einzahlungsschein mit einem Flyer, wo Richner beschrieb, was man mit zwanzig Franken für kranke Kinder alles machen kann. Die Aktion wurde ein großer Erfolg.
Kantha Bopha V Da Kantha Bopha IV an Kapazitätsgrenzen stieß, wurde der Bau des fünften Spitals beschlossen. Es wurde im Dezember 2007 eingeweiht.
Patienten und Krankheiten mini|Jeden Tag kommen Kinder aus ganz Kambodscha Jeden Tag kommen bis 2500 kranke Kinder mit ihren Eltern in die fünf Spitäler. Alle werden untersucht, behandelt, gepflegt und jedes bekommt ein Dossier. Die schweren Fälle haben Priorität und werden hospitalisiert.
Bei den ersten Untersuchungen im Kantha Bopha I kamen größere Gesundheitsprobleme in Kambodscha zu Vorschein, die man bisher unterschätzt hatte. 90 Prozent der Kinder litten an einer oder mehreren Infektionskrankheiten gleichzeitig (Tuberkulose, Malaria, Polio, Tetanus, Denguefieber, Hirnhaut- und Lungenentzündungen, Typhus, Knochen- und Leberentzündungen usw.).
Die Tuberkulose, eine Folge des Krieges, war das größte Problem. Viele Krankheiten wurden bisher behandelt, ohne dass man erkannte, dass sie wegen einer Tuberkulose aufgetreten waren. Bei den Kindern unter fünf Jahren stellte man eine explosionsartige Verbreitung von HIV fest, eine Seuche die in das Land eingeschleppt wurde. Der Medikamentenmissbrauch war ein weiteres Problem, weil Medikamente abgegeben wurden, die wegen ihrer Nebenwirkungen in Europa verboten waren.
Prävention und Diagnose Für Richner war auch präventive Medizin wichtig. Um die Autonomie und Selbstverantwortung zu stärken, wurden während der Wartezeiten die Eltern in Hygiene und der richtigen Anwendung von Medikamenten geschult. Medikamente wurden zum Beispiel bei der Tuberkulosetherapie nur für die erste Phase abgegeben, damit die Patienten für die nächsten Schritte wieder ins Spital kommen mussten. Damit die Behandlung zu Ende geführt werden konnte, wurden auch die Reisekosten übernommen. Um HIV-Primärinfektionen durch Übertragung bei der Geburt zu vermeiden, ließ er eine integrierte Gebärklinik bauen.
Für Richner war das Gespräch mit den Müttern besonders wichtig, weil sie das Kind am besten kannten. 80 Prozent der Diagnose konnte so durch die Anamnese gestellt werden. Wenn eine Mutter sagte, das Kind sei anders als sonst, dann war es meistens schwer krank. Richner hatte den kambodschanischen Ärzten jahrelang vorgemacht, wie man bei der Visite am Bett mit der Mutter sprechen muss. Weil er die Khmer-Sprache nicht beherrschte, mussten sie für ihn übersetzen und lernten so an seinem Vorbild.
Mit der Anschaffung eines Computertomografen (CT) für Kantha Bopha III wurde erstmals die Diagnose von Tuberkulose (TB) bei Kindern möglich. Auch die durch die endemische Japanische Enzephalitis (JE) verursachten Hirninfarkte konnten nachgewiesen werden. Dabei zeigte sich, dass es in Kambodscha viel mehr TB- und JE-Fälle gab, als bisher von der WHO offiziell ausgewiesen wurden. Dank den neuen Geräten (CT, Farbdoppler-Ultraschall, Elektroenzephalografen) konnte die Sterblichkeit dieser bisher unklaren Krankheiten, die bei falscher Behandlung tödlich verliefen, von 65 auf 1,8 Prozent reduziert werden. Von diesen medizinisch diagnostischen Fortschritten profitierten Tausende von Kindern. In Kantha Bopha II wurden ab 1996 die Kinder unter drei Jahren gegen die JE geimpft, erstmals in Kambodscha.
Spitalbetrieb mini|links|Eltern sorgen für die Verpflegung Der Betrieb der Kantha Bopha Krankenhäuser orientiert sich an den lokalen, kulturellen Gepflogenheiten. Kinder, die nicht ambulant behandelt werden können, werden zusammen mit einem Elternteil hospitalisiert, weil es Tradition ist und weil die Eltern die Kinder am besten kennen.
Die Eltern sorgen für die Betreuung und Ernährung, schlafen unter dem Kinderbett und kaufen das Essen, das vom Spital bezahlt wird, außerhalb des Spitals an Marktständen ein. Dank der 24-Stunden-Betreuung durch die Eltern geht in den Krankensälen alles friedlich und ruhig zu und her. Weil die Spitäler chronisch überfüllt sind, müssen pro Bett zwei Kinder hospitalisiert werden.
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