miniatur| Uraufführung des DEFA-Films 1961 im "Oranienburger Tor Lichtspiele" (OTL) in Berlin Das Drama Mutter Courage und ihre Kinder von Bertolt Brecht von 1938/1939 wurde dreimal in der DDR verfilmt, 1954 als abgebrochenes DEFA-Fragment, 1957 als Theateraufzeichnung für den Deutschen Fernsehfunk und 1961 mit dem DEFA-Studio für Spielfilme.
Planungen Vorüberlegungen
Schon 1947 entwickelte Bertolt Brecht Pläne, sein Antikriegsstück Mutter Courage und ihre Kinder zu verfilmen. Das 1938/39 im schwedischen Exil verfasste Drama spielt im Dreißigjährigen Krieg: Die Marketenderin Mutter Courage versucht, ihr Geschäft mit dem Krieg zu machen, und verliert dabei ihre drei Kinder.
Trotz verschiedener gescheiterter Versuche, das Stück publikumswirksam zu verfilmen, wollte Brecht von Anfang an einen Film, der seinem Konzept des epischen Theaters folgt und die Aufführung des Berliner Ensembles dokumentiert. Er wehrte sich mit allen Mitteln gegen die Absichten der DDR-Regierung und der DEFA, die einen opulenten Historienfilm mit internationalen Stars gestalten wollten, und legte sich dabei auch mit der großen Politik an. Brecht wollte auch im Kino nicht durch Identifikation und große Gefühle das Publikum erreichen, sondern durch Nachdenken aus der Distanz heraus. Um diese Distanz des Betrachters zu erreichen, entwickelte er auch für den Film spezielle Verfremdungseffekte.
Theateraufführung am Berliner Ensemble als Vorbild
Trotz des großen Publikumserfolgs stellte die Berliner Inszenierung von Anfang an kulturpolitische Konzepte der DDR in Frage. Die DDR-Kulturpolitik erwartete proletarische Helden, positive Vorbilder, mit denen das Publikum sich identifizieren konnte. Brecht dagegen zeigte das Scheitern der Mutter Courage. Nicht die Figuren auf der Bühne wiesen den richtigen Weg, sondern das Publikum sollte aus ihren Fehlern lernen.
Der junge Mitarbeiter Brechts Manfred Wekwerth, später Regisseur der Verfilmung, kommentiert Brechts Bemühungen um das proletarische Publikum so: Noch vor der Premiere „bestand er darauf, eine Vor-Aufführung vor Fabrikarbeitern zu machen. … Er sprach nach der Aufführung mit ihnen. Die Arbeiter hatten bei der für sie ungewohnten Aufführung viele Fragen, Kritiken, es gab auch schroffe Ablehnung und Unverständnis. Brecht beantwortete alles mit großer Geduld. … Das war ja das Publikum für das Brecht mit Vorliebe schrieb oder schreiben wollte.“
Am 11. Januar 1949 fand die Premiere mit großem Erfolg statt. Aus der Berliner Inszenierung ließ Brecht das „Couragemodell“ entwickeln, eine Sammlung von Fotos von Ruth Berlau und Hainer Hill, Regieanweisungen und Kommentaren, die als Muster für alle weiteren Aufführungen – auch an anderen Theatern – dienen sollte.Anmerkungen zum Couragemodell, in: Bertolt Brecht, Berliner und Frankfurter Ausgabe, Schriften 5, Bd. 25, S. 516f. Dieses Modell zeigt auch die Linie, die Brecht in Bezug auf eine Verfilmung verfolgen wollte.
Frühe Pläne und Vorarbeiten miniatur|hochkant|Louis Daguerre 1844, Daguerreotypie von Jean-Baptiste Sabatier-Blot (1801–1881), Vorbild für filmische Verfremdung Bereits 1947 nahm Emil Burri Kontakt mit Brecht wegen der Verfilmung des Leben des Galilei auf. Brecht schlug in einem Brief aus Santa Monica vom September 1947 ohne Begründung alternativ die Mutter Courage als Filmstoff vor.Bertolt Brecht: Briefe 2, Berliner und Frankfurter Ausgabe Band 29, Brief 1252, S. 422f. Einen ersten Drehbuchentwurf von Robert Adolf Stemmle lehnte Brecht im September 1949 ab. Schon früh suchte Brecht nach Möglichkeiten, wie er sein Konzept des epischen Theaters auf den Film übertragen könnte, „das Naturalistische ausschalten“ kannBertolt Brecht: Journale 2, Berliner und Frankfurter Ausgabe, Band 27, S. 307, 14. Oktober 1949. Eine technische Idee Brechts war, eine daguerreotypenhafte Fotografie anzustreben und analog zu seinen Bühnenbildern nur sparsam zu dekorieren.Bertolt Brecht: Journale 2, Berliner und Frankfurter Ausgabe, Band 27, S. 307, 14. Oktober 1949
Anfang 1950 übernahmen Alexander Graf Stenbock-Fermor und Joachim Barckhausen den Auftrag, ein Drehbuch zu entwickeln. Es kam zu verschiedenen Beratungen mit Brecht.Bertolt Brecht: Prosa 5, Berliner und Frankfurter Ausgabe Band 20, S. 581 Die Regie soll Erich Engel übernehmen. Es existiert ein Typoskript über den Inhalt des geplanten Films mit handschriftlichen Anmerkungen von Brecht und anderen.Bertolt Brecht: Prosa 5, Berliner und Frankfurter Ausgabe Band 20, S. 582 Neben einigen kleinen Veränderungen fällt zunächst die neue Figur des Müllers ins Auge, der zum Liebhaber Kattrins wird und ihr eine alternative Lebensmöglichkeit bietet. Deutlicher herausgearbeitet werden auch die großen und kleinen Geschäfte zwischen den Armeen, Eilif wird deutlich negativer als Räuber gezeichnet. Kattrin nimmt in der Skizze den Säugling mit in den Wagen und versteckt ihn dort, aber die Mutter lässt ihn einige Tage später verschwinden. Am Ende des Skripts nehmen empörte Bauern Rache für die ermordete Kattrin. Die Courage schleppt sich dennoch weiter den Truppen nach.Bertolt Brecht: Prosa 5, Berliner und Frankfurter Ausgabe Band 20, S. 582–587
Im September 1950 schlug Brecht der DEFA Emil Burri als neuen Drehbuchautor vor. Gestritten wurde nun über das Ende des Films und über die Verstärkung der positiven Perspektiven. Brecht stellte daraufhin in einem kurzen Exposé mit dem Titel „Wie muss die Mutter Courage verfilmt werden?“Bertolt Brecht: Prosa 5, Berliner und Frankfurter Ausgabe Band 20, S. 587f. einen positiveren Schluss in Aussicht:
„Der Schluß des Stücks, der im Film verstärkt werden soll, zeigt, wie eines ihrer Kinder, die stumme Kattrin, gegen den Krieg rebellisch wird und die bedrohte Stadt Halle rettet. Im Film wird man sehen, wie ihr Beispiel die verelendeten Bauern dazu bringt, die plündernde Soldateska niederzukämpfen.“Bertolt Brecht: Prosa 5, Berliner und Frankfurter Ausgabe Band 20, S. 588
Von Januar bis Juni 1951 erarbeitete Burri zu Brechts Zufriedenheit eine erste Fassung des Drehbuchs, die nicht erhalten ist. Der Drehbeginn scheiterte jetzt an Erich Engel, der im Westen engagiert war. Burri begann mit der Arbeit an der zweiten Fassung des Drehbuchs, unterstützt von Brecht und dem Regisseur Wolfgang Staudte. Am 18. Februar 1952 hatte Burri eine zweite Fassung des Drehbuchs abgeschlossen, aber die Konflikte blieben bestehen. Obwohl die Courage deutlich negativer gezeichnet worden war und revolutionäre Ansätze mit der Figur des Müllers und den aufständischen Bauern eingeführt worden waren, monierte die DEFA weiterhin rein pazifistische Tendenzen und die unzureichende Widerlegung des Glaubenskriegs. Erich Engel zog sich wegen der Streitigkeiten zurück.vgl. Bertolt Brecht: Prosa 5, Berliner und Frankfurter Ausgabe Band 20, S. 587–591
DEFA-Fragment 1954 Im Juni 1952 war eine weitere Fassung des Drehbuchs abgeschlossen, aber die DEFA zögerte. Brecht ging immer mehr auf Konfrontationskurs zur DEFA und beschwerte sich massiv bei DDR-Kulturfunktionären über die Behandlung seiner Person und des Projekts, zuletzt im Mai 1954 bei Kulturminister Johannes R. Becher.
Schließlich kam es im November 1954 doch zum Vertragsabschluss. Brecht erhielt 10.000 US-Dollar und 20.000 DM für die Weltfilmrechte, Mitspracherecht bei Besetzung und Inhalt und übernahm die Aufgabe, benötigte Dialoge zu schreiben. Helene Weigel wurde die Rolle der Mutter zugesichert.Bertolt Brecht: Prosa 5, Berliner und Frankfurter Ausgabe Band 20, S. 591–593
Grundlegende Konflikte blieben aber bestehen, etwa in Bezug auf das Drehbuch, dessen Anpassungstendenz an herrschende ästhetische Vorstellungen der DDR Brecht nicht gefallen haben dürften. „Auffallend sind die fast propagandistischen Sequenzen wie der Bauernsieg, die sich mit Brechts Konzeption des Stückes nicht decken. Auch die direkte Darstellung des Krieges, die immer wieder in Bildern von Leichen und zerstörten Landstrichen zum Ausdruck kommt, lässt sich kaum mit Brechts Vorstellung von ‚dünnsten und sparsamsten Bildern‘ in Einklang bringen.“Joachim Lang: Episches Theater als Film: Bühnenstücke Bertolt Brechts in den audiovisuellen Medien, Königshausen & Neumann 2006, S. 232
Am 18. August 1955 begannen die Dreharbeiten unter der Regie von Wolfgang Staudte. Auch hier lag Konfliktstoff in der Luft: Staudtes sehr auf Emotionen ausgerichteten Erfolgsfilme passten wenig zu Brechts puristischen Ideen. „Staudte galt zu dieser Zeit durch Filme wie ‚Die Mörder sind unter uns‘ ‚Rotation‘ und ‚Der Untertan‘ als einer der bedeutendsten Regisseure in Deutschland. Diese Arbeiten stehen mit ihrer expressiven, effektvollen und suggestiven Bildersprache von vornherein im Gegensatz zu Brechts Vorstellungen.“
Die DEFA „war entschlossen, aus ‚Mutter Courage‘ einen ‚Großfilm‘ zu machen, und stellte einen auch für östliche Staatsfilmbetriebe enormen Etat bereit: drei Millionen Mark (…), für die Rollen des Lagerliebchens Yvette und des Küchenbullen engagierte die Defa die französischen Stars Simone Signoret (Gage: 120 000 Mark) und Bernard Blier (80 000 Mark).“Der Spiegel, BRECHT. Braun eingefärbt. 20. Januar 1960, S. 49; in weiteren Rollen: Mutter Courage: Helene Weigel; Kattrin: Siegrid Roth; Eilif: Ekkehard Schall; Schweizerkas: Joachim Teege; Feldprediger: Erwin Geschonneck; Müller: Hans-Peter Minetti; Quelle: Bertolt Brecht: Prosa 5, Berliner und Frankfurter Ausgabe Band 20, S. 593
Wolfgang Staudte erinnert sich, er habe als Bedingung für seine Regiearbeit gestellt, Brecht dürfe das Studio nicht betreten, weil er die Schwierigkeiten der Zusammenarbeit gekannt habe.
„Dann habe ich mit Brecht zusammen ein neues Drehbuch geschrieben, und wir haben uns dabei blendend verstanden. (…) Aber dann kamen schon die ersten Konflikte. Ich wollte einen richtigen internationalen Film machen, in Cinemascope und Farbe, mit großer Besetzung. Das paßte Brecht nicht. Da konnte ich mich nicht durchsetzen. So wurde die Signoret engagiert für die Rolle der Lagerhure, die Weigel für die Mutter, Geschonneck als Feldprediger, Blier als Koch usw. Mit unheimlicher Akribie haben wir Probeaufnahmen gemacht, die Ausstattung wurde mit viel Überlegung entwickelt. Herrliche Kostüme wurden entworfen, ein großartiges Szenenbild (Oskar Pietsch) verwirklicht – die Vorbereitungen dauerten fast ein Jahr.“Ingrid Poss, Peter Warnecke: Spur der Filme. Zeitzeugen über die DEFA, Ch. Links, 2. Auflage, 2006, ISBN 3-86153-401-0, S. 100
Es kam dennoch zur Katastrophe, Brecht begann die Arbeit zu torpedieren, deckte „den Defa-Stab mit einer Unmenge telephonischer Ratschläge und handgekritzelter Verbesserungsvorschläge ein. Helene Weigel forderte Drehpause für jeden Tag, an dem sie in Ostberlin auf der Theaterbühne auftreten mußte, mäkelte ständig an den Filmkostümen herum und konnte sich nicht damit abfinden, daß Staudte der von der Signoret gespielten Yvette-Rolle wesentlich mehr Raum gab, als die Bühnenfassung vorsah.“