Der gute Gott von Manhattan ist das letzte Hörspielvon Jagow, S. 74, 3. Z.v.o. von Ingeborg Bachmann, das 1957 entstand und am 29. Mai 1958 im NDR Hamburg und im BR München unter der Regie von Fritz Schröder-Jahn mit der Musik von Peter Zwetkoff gesendet wurde. Die Produktion wurde 1959 mit dem renommierten Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnet. 1958 hatte der Text bei Piper in München im Druck vorgelegen.Verwendete Ausgabe, S. 661, letzter Eintrag
Das Hörspiel verhandelt eine ekstatische Liebe zwischen Mann und Frau, die von der kapitalistischen Gesellschaft in Manhattan mit dem Tode bestraft wird.
Inhalt
Form und Handlung Die Handlung ist auf zwei Ebenen verteilt. Auf der äußeren Ebene läuft eine Gerichtsverhandlung an einem heißen Augusttag in den 1950er Jahren in New York City ab. Der Richter erkennt in dem Angeklagten, einem alten Mann, den guten Gott von Manhattan. Der gute Gott hat die 23-jährige Studentin Jennifer umgebracht. Die Vorgeschichte der Bluttat wird auf der inneren Ebene in Rückblenden nacherzählt. Es findet beständig ein Ebenenwechsel statt.
Der gute Gott ist unzufrieden. Seine Bombe sollte eigentlich auch noch Jan, den Geliebten der Amerikanerin Jennifer, zerreißen. Aber der junge Europäer, unverletzt geblieben, wartete nicht einmal das Begräbnis der Geliebten ab, sondern nahm sein Schiff nach Cherbourg. Dabei wollte Jan doch bleiben und mit Jennifer leben und sterben. Das hatte er ihr geschworen.
Der allwissende gute Gott tritt als der Nacherzählervon Jagow, S. 76, 7. Z.v.o. der oben genannten inneren Ebene auf. Er sieht sich nicht als Angeklagter, sondern als Kronzeuge und will dem Richter nun „sagen, wie es kam“Verwendete Ausgabe, S. 275, 15. Z.v.o.:
Dem Zug aus Boston entstiegen, hatte Jennifer den ortsfremden Jan auf dem Grand Central Bahnhof angesprochen, ihm gestanden, ihr gefielen Europäer und Hilfe angeboten. Jan behauptete, er käme allein zurecht. Die beiden nehmen im Parterre eines Stundenhotels das letzte freie Zimmer. Jan fordert Jennifer auf, sie möge sich ausziehen. Das junge Liebespaar verlässt danach bald das ungastliche Haus und wechselt das Hotel. Dabei geht es immer höher hinaus. Vom Erdgeschoss des Stundenhotels aus wird ein Zimmer im 7. Stock des Atlantic Hotels – allerdings mit Blick auf den Hof – bezogen. Später geht es noch höher hinaus, zunächst zum 30. Stockwerk und schließlich bis in den 57. Stock mit Meerblick. Jan will Jennifer lieben, bis er alt und hinfällig ist. Jennifer hätte nie geglaubt, dass Liebe so ohnmächtig machen kann. Kinder wollen beide zusammen haben. Jennifer möchte am liebsten die Zeit anhalten.
Solches Glück ist für den guten Gott, für den Liebe schlimmer ist als KetzereiVerwendete Ausgabe, S. 318, 14. Z.v.u., keinesfalls hinnehmbar. Also muss das junge Paar „in die Luft fliegen“Verwendete Ausgabe, S. 318, 6. Z.v.u.. Dieser Gott von Manhattan bringt doch tatsächlich persönlich eine Bombe – als Geschenk verpackt – vorbei. Jennifer nimmt die tödliche Ladung dankend entgegen. Jan springt dem sicheren Tod zufällig von der Schippe. Er will ewig bei Jennifer bleiben. Deshalb möchte er nur rasch seine Schiffskarte zurückgeben.
Zwar hält der Richter die Anklage aufrecht, doch er schweigt; verurteilt den guten Gott nicht, der nur „die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit“Verwendete Ausgabe, S. 275, 16. Z.v.o. gesagt hat.
Selbstzeugnisse Christine LubkollLubkoll in Mayer, S. 133, unten zitiert aus Koschel/von Weidenbaum (1983) zur Schreibabsicht: Das Hörspiel verhandele eine Liebe, für die es noch nie einen Platz gegeben habe – darum der Bezug „auf ein paar der großen, alten Liebespaare, die ja alle zugrunde gehen“. Und Ingeborg Bachmann frage: „Warum denn?“ Stefanie GolischGolisch, S. 89, 3. Z.v.o. zitiert die Autorin: „Es ist auch mir gewiß, daß wir in der Ordnung bleiben müssen.“
Rezeption Christine LubkollLubkoll in Mayer, S. 123, 5. Z.v.o. zitiert Horst-Günter Funke (1969): Die bürgerliche Ordnung triumphiere grausam über die Liebe. Für Peter Beicken ist das Hörstück ein wenig mehr: ein politisches Werk, in dem unter anderem solche historischen Fakten wie die „Einzelvernichtung“Beicken, S. 126, 14. Z.v.u. des Menschen thematisiert werden.
Sprache Nach Werner Weber schwebe die Sprache „zwischen Rapport und Singen“Weber in Schardt, S. 41, 6. Z.v.o.. GolischGolisch, S. 89, 6. Z.v.u. und S. 91, 2. Z.v.u. hingegen stößt sich an dem gelegentlichen Pathos, lobt aber Ingeborg Bachmanns Bemühen, gegen das Versinken des Individuums in einer „konformistischen Zwangsgemeinschaft“Beicken, S. 116, 8. Z.v.u. anzuschreiben.Golisch, S. 92
Gesellschaftskritik Der gute Gott verteidige seine Mordtat mit dem Argument, die Gesellschaft könne „absolute Liebe“Bartsch, S. 82, 21. Z.v.o. nicht tolerieren, eben, weil diese „nicht disziplinierbar“Bartsch, S. 83, 7. Z.v.o. sei. Bartsch sieht die ekstatische Liebe als Absage an den Kapitalismus.Bartsch, S. 83, 21. Z.v.o.
Die „Sprengkraft der Liebe“Höller 2002, S. 114, 11. Z.v.o. Wenn HöllerHöller 2002, S. 114, 10. Z.v.u. den Hörspieltitel liest, dann wird er an Brechts „Guten Menschen von Sezuan“ erinnert. Der Richter bei Bachmann könne nicht anders; er müsse die Untaten des Gottes von Manhattan gutheißen.
Kalter KriegSara Lennox in Albrecht/Göttsche, S. 92–94 Die Stabilität der Gesellschaft dürfe durch solche brennende Liebe nicht bedroht werden. Also bleibe dem guten Gott nichts anderes übrig – er müsse in „einer vollständig verwalteten Gesellschaft“ bomben; die junge Amerikanerin hinrichten. „Es geschah nur Recht.“Verwendete Ausgabe, S. 306, 4. Z.v.o.
Schuldvon Jagow, S. 74–82 Nicht der Angeklagte ist schuld, sondern sein Opfer Jennifervon Jagow, S. 75, 11. Z.v.u.. Also ist geheimes Morden Rechtvon Jagow, S. 76, 1. Z.v.u.. Der Liebe hafte ein Schmerz an, der „mythopoetischen“von Jagow, S. 82, 9. Z.v.o. Ausdruck erhalte und der Tod spielt mit. „Heimgehen“ bedeute „zur Hölle“ fahrenVerwendete Ausgabe, S. 296, 9. Z.v.o.. Ingeborg Bachmann erhebe Anklage gegen das Patriarchatvon Jagow, S. 81, 7. Z.v.o..
Gott – gesehen als Krimineller, der Bomben legt – ist GolischGolisch, S. 86 unten - S. 87 Mitte einfach zu simpel. In seiner Melancholie und in seinem ZynismusGolisch, S. 86, 10. Z.v.o. verurteile der gute Gott Jan zum Leben, während Jennifer zermürbender Ehealltag erspart bleibt.
Indem Jan nach dem Bombenattentat überstürzt den Dampfer nach Europa nimmt, wird er zum Verräter seiner Liebe zu Jennifer.Golisch, S. 88
HöllerHöller 1993, S. 120 unten bespricht Schuld im Verhältnis von Ich und Über-Ich.
Amerika 1955 nahm die Autorin an einem von Henry Kissinger geleiteten Seminar der Harvard Summer School teil.Sara Lennox in Albrecht/Göttsche, S. 92, rechte Spalte, Mitte
Bibliografie Bareiss und Ohloff nennen weiter führende Arbeiten von Michael Gäbler (1964)Bareiss und Ohloff, S. 110, Eintrag 520, Wolfgang HädeckeBareiss und Ohloff, S. 110, Eintrag 521, Hans Jürgen Baden (1971)Bareiss und Ohloff, S. 122, Eintrag 544, Herbert A. Frenzel und Elisabeth Frenzel (1975)Bareiss und Ohloff, S. 127, Eintrag 583, Gunilla Bergsten (1972)Bareiss und Ohloff, S. 267, Eintrag 1907, Otto F. Best (1971)Bareiss und Ohloff, S. 267, Eintrag 1908, Viola Fischerová (1977)Bareiss und Ohloff, S. 268, Eintrag 1908a, Hans Galinsky (1975)Bareiss und Ohloff, S. 268, Eintrag 1910, Wolfgang Gerstenlauer (1970)Bareiss und Ohloff, S. 268, Eintrag 1911, Bruno Heck (1959)Bareiss und Ohloff, S. 268, Eintrag 1912, Hans Rudolf Hesse (1969)Bareiss und Ohloff, S. 268, Eintrag 1913, Siegfried Kienzle (1968)Bareiss und Ohloff, S. 268, Eintrag 1914, Werner Klose (1977)Bareiss und Ohloff, S. 268, Eintrag 1915, Jana Pecharová (1969)Bareiss und Ohloff, S. 268, Eintrag 1916, Kurt Rothmann (1973)Bareiss und Ohloff, S. 270, Eintrag 1917, Wilfried F. Schoeller (1971)Bareiss und Ohloff, S. 270, Eintrag 1918, Albert Arnold Scholl (1959)Bareiss und Ohloff, S. 270, Eintrag 1919, Alfons Thome (1974)Bareiss und Ohloff, S. 270, Eintrag 1920, Werner Weber (1958)Bareiss und Ohloff, S. 270, Eintrag 764, Wolf Wondratschek, Jürgen Becker (1970)Bareiss und Ohloff, S. 270, Eintrag 1921 und geben 41 BesprechungenBareiss und Ohloff, S. 194–198, Einträge 1219-1259 an.
Interpretation Goethe Das Leitmotiv heimlicher Liebe „Sag es niemand.“Verwendete Ausgabe, S. 279, 4. Z.v.o., S. 282, 19. Z.v.o., S. 292, 14. Z.v.o., S. 308, 1. Z.v.u., S. 321, 1. Z.v.u. und S. 324, 7. Z.v.o. stamme aus dem Gedicht „Selige Sehnsucht“ von Goethe:Selige Sehnsucht. In: Johann Wolfgang von Goethe: West-östlicher Divan. „Hegire“. Bertelsmann Lesering; Sagt es niemand, nur den Weisen, Weil die Menge gleich verhöhnet: Das Lebendige will ich preisen, Das nach Flammentod sich sehnet. … Und so lang du das nicht hast, Dieses: Stirb und werde! Bist du nur ein trüber Gast Auf der dunklen Erde.
Wie bei Goethe, so sei auch bei Bachmann die Liebe an den Tod gebunden. Bachmanns Text fehle aber die Goethesche Hoffnung – also das „Stirb und werde!“
Der Wunsch des Liebespaares nach dem Anhalten der Zeit finde ebenfalls sein Pendant bei Goethe. Jennifers „Ich möchte jetzt alles so hinlegen und stellen, als blieb es für immer“Verwendete Ausgabe, S. 314, 7. Z.v.o. entspräche Fausts „Verweile doch! du bist so schön!“ Zudem bespöttelt der gute Gott Jans Glück im Unglück: „Er war gerettet. Die Erde hatte ihn wieder.“Verwendete Ausgabe, S. 327, 14. Z.v.o. Bei Goethe heißt es „Ist gerettet!“ und „die Erde hat mich wieder!“
Produktionen
1958 NDR und BR Erstsendung: 29. Mai 1958 beim NDR und BR
Besetzung: Ernst Schröder: Der gute Gott Fritz Schröder-Jahn: Richter Horst Frank: Jan Margrit Ensinger: Jennifer Hans Clarin: Frankie Karl Lieffen: Billy Anja Buczkowski: Zigeunerin Mario Adorf: Barmann Adalbert von Cortens: Gerichtsdiener Nils Clausnitzer: Stimme u. v. a.
Regie: Fritz Schröder-Jahn
Auszeichnung: Hörspielpreis der Kriegsblinden 1959
Abspieldauer: 81'50 Minuten 1958 SWF, Radio Bremen, RIAS in der Reihe Liebesgeschichten Erstsendung: 29. Mai 1958 beim SWF (später Radio Bremen, RIAS)
Besetzung: Charles Regnier: Der gute Gott Kaspar Brüninghaus: Richter Martin Benrath: Jan, junger Mann aus der alten Welt Gustl Halenke: Jennifer, junges Mädchen aus der neuen Welt Joachim Heege: Billy Kurt Beck: Frankie Mila Kopp: Zigeunerin Ernst Ehlert: Ein Wärter Joachim Teege: Willi Walter Starz: Ein Polizist u. v. a.
Regie: Gert Westphal
Komposition: Peter Zwetkoff
Abspieldauer: 90'20 Minuten
1959 ORF Österreichischer Rundfunk
Besetzung: Günther Haenel: Der gute Gott Erik Frey: Richter Walther Reyer: Jan Aglaja Schmid: Jennifer Johannes Schauer: Billy Otto Schenk: Frankie Regie: Axel Corti.
1977 Rundfunk der DDR Erstsendung 11. Dezember 1977 beim Rundfunk der DDR
Besetzung: Ekkehard Schall: Der gute Gott Volkmar Kleinert: Der Richter Winfried Glatzeder: Jan Jutta Hoffmann: Jennifer Gerd Grasse: Eichhörnchen Billy Ernst Meincke: Eichhörnchen Frankie u. v. a.
Regie: Peter Groeger
Komposition: Reiner Bredemeyer
Abspieldauer: 107 Minuten
2000 DLR Berlin Auftragsproduktion
Erstsendung: 20. August 2000 beim Deutschlandradio Kultur
Besetzung: Gina Durler: Der gute Gott Jakob Dobers: Der Richter Matthias Grupp: Jan Judith Lorentz: Jennifer Jan Kottmann: Eichhörnchen Billy Arne Meissner: Eichhörnchen Frankie u. v. a.
Bearbeitung und Regie: Giuseppe Maio und Judith Lorentz
Abspieldauer: 53'16 Minuten
Theater und Film Das Hörspiel wurde für Bühne und Film bearbeitet. Sprechtheater 2001 Kampnagel: Preis für die beste Diplominszenierung an Patrick Becker, verliehen vom Forum für kulturelle Kooperation, Hamburg 2002 Münchner Galerie Theater Musik: Niel Mitra und Lenz Schuster
Musiktheater 2004 Oper von Adriana Hölszky. Libretto: Yona Kim. Uraufführung am 19. Mai im Schlosstheater Schwetzingen.
TV-Film 1972 Klaus Kirschner verfilmte das Hörstück für das Fernsehen. Verena Buss spielte die Jennifer und Mathieu Carrière den Jan.
Textausgaben Verwendete Ausgabe: