Der Fluch des Gewinners () beschreibt in der Wirtschaft den Effekt, dass der Meistbietende in Versteigerungen bei unvollständiger Information systematisch einen zu hohen Preis zahlt.P. Pindyck, D. Rubinfeld (2009): Mikroökonomie. 7. Auflage. Pearson Studium, München 2009, S. 665–666. Der Fluch des Gewinners gehört zum Bereich der Auktionstheorie und zur Verhaltensökonomik.

Theorie

Idee

Die Idee des Fluchs des Gewinners kam erstmals 1971 in einem wissenschaftlichen Aufsatz von E. C. Capen, R. V. Clapp und W. M. Campbell auf.Thaler, R. H. (1988): Anomalies – The Winner’s Curse, Journal of Economic Perspectives, Vol. 2, Nr. 1, S. 192/193 Die drei Ingenieure hatten Unternehmen beobachtet, die im Golf von Mexiko nach Öl bohrten. Diese hatten sich einen bestimmten Ertrag erhofft und auf Basis dessen Ölbohrrechte für ein Gebiet ersteigert. Obwohl sie viel Öl und Gas in dieser Gegend gefunden hatten, machten sie nicht so viel Gewinn wie erhofft. Basierend auf dieser Beobachtung formulierten sie folgende Idee: Die Ausgangssituation ist, dass Wettbewerb in Form einer verdeckten Auktion zum Verkauf von Patentrechten herrscht. In dieser Situation sage uns nun der gesunde Menschenverstand das Folgende: Der Gewinner dieser Versteigerung sei derjenige, welcher den Wert der abzubauenden Rohstoffe am meisten überschätze. Daraus folge, dass der Gewinner nicht nur gewinne – sondern potenziell die Kosten der Ersteigerung nicht durch spätere Einnahmen decken könne oder seinen Gewinn schmälere. Capen und seine Kollegen fanden außerdem heraus, dass die einzelnen Bieter entweder zu hoch oder zu niedrig bieten, im Durchschnitt könnte das Gebot allerdings dem wahren Wert des zu ersteigernden Objekts entsprechen.Capen, E. C. / Clapp, R. V. / Campbell, W. M. (1971): Competitive Bidding in High-Risk Situations, Journal of Petroleum Technology, Vol. 23, S. 641ff.

Definition

Bei der beschriebenen Situation der Ölfeldversteigerung handelt es sich um eine Common Value Auktion. Das bedeutet, dass die Bohrrechte allen Bietern gleich viel wert sind – also einen objektiven wahren Wert haben, welcher hier als der Marktpreis von Öl (und Gas) verstanden werden kann – und die Bieter unvollständige Information über den Wert haben. Die Unsicherheit der Bieter über den wahren Wert ist ein bezeichnendes Merkmal des Fluchs des GewinnersBazerman, M. H. / Samuelson, W. F. (1983): I Won the Auction but Don’t Want the Prize, The Journal of Conflict Resolution, Vol. 27, Nr. 4, S. 622f.. Die Bieter können sich von einem Experten eine Schätzung über den Wert einholen. Da es sehr schwierig ist, den genauen Wert des Öls in der Region zu bestimmen, werden die Bieter unterschiedliche Schätzungen erhalten. Diejenigen Bieter, welche die höheren Schätzungen erhalten haben, werden tendenziell höher bieten als diejenigen, die niedrigere erhalten habe. Der Bieter mit dem höchsten Gebot wird die Versteigerung gewinnen. Der Gewinner wird in diesem Fall allerdings verlieren und „verflucht“ sein.

Wenn der Fluch des Gewinners eintritt, liegt eine Situation vor, in welcher der „Gewinner einer [Common Value Auktion] […] oft schlechter ab[schneidet], als diejenigen, die nicht gewonnen haben, denn der Gewinner ist meist übermäßig optimistisch und bietet deshalb mehr für das Auktionsobjekt als es eigentlich Wert ist“. Bieter übersehen oft, dass es bei Common Value Auktionen zum Fluch des Gewinners kommt und können sich somit nicht auf ihn einstellen.

Es gibt zwei Versionen dieses Fluchs: Das Gebot, mit welchem die Auktion gewonnen wird, kann größer sein als der Wert des ersteigerten Gebiets und somit wird das Unternehmen Verlust machen. Die zweite (mildere) Möglichkeit ist, dass der Wert des Gebiets unter der Schätzung des Experten liegt und somit die Firma enttäuscht sein wird. Die Enttäuschung beruht darin, dass das Unternehmen keinen Gewinn macht – allerdings auch keinen Verlust – oder weniger Gewinn macht als erhofft. In beiden Fällen sei der Bieter unglücklich mit dem Ergebnis der Versteigerung, so Richard Thaler.

Der Fluch des Gewinners wird gemessen als die Differenz vom individuellen Gebot und dem objektiven (unbekannten) wahren Wert des Gutes.Bazerman, M. H. / Samuelson, W. F. (1983): I Won the Auction but Don’t Want the Prize, The Journal of Conflict Resolution, Vol. 27, Nr. 4, S. 620

Ursachen

Der Grund, warum Individuen dem Fluch des Gewinners erliegen, sei das Auslassen von relevanten Informationen beim Entscheidungsprozess des Bietens, argumentierten Bazerman und Samuelson im Jahr 1983. Wenn ein Bieter annimmt, dass sein Gebot die Auktion gewinnen wird, sollte ihm das zeigen, dass er wahrscheinlich im Vergleich zu den anderen Bietern den Wert des Gutes überschätzt und er diesen nach unten korrigieren sollte. Es ist allerdings möglich, dass das Gewinnen dem Bieter einen Nutzen stiftet oder das Gut einen persönlichen Wert für den Bieter hat und er somit keine Reue zeigt, obwohl es zum Fluch des Gewinners kommt. Andersherum kann auch ein gewinnender Bieter weniger als den objektiven Wert bezahlen und den subjektiven Fluch des Gewinners erfahren. Dies kann zum Beispiel passieren, wenn eine Person genau 85 % des objektiven Werts bezahlen möchte, wäre sie enttäuscht, wenn sie es zu 92 % ihres Wertes kaufen würde. Die psychologische Literatur deutet darauf hin, dass Fall Eins wahrscheinlicher ist als Fall Zwei.

Unter welchen Bedingungen ist es nun wahrscheinlich, dass der Fluch des Gewinners auftritt? Bazerman und Samuelson identifizieren zwei Faktoren, die sich auf die Wahrscheinlichkeit und das Ausmaß des Fluchs des Gewinners auswirken. Der erste Faktor ist der Grad der Unsicherheit über den Wert des zu versteigernden Gutes. Je größer diese Unsicherheit ist, desto größer ist die Varianz der Schätzungen des Wertes der Bieter. So gibt es beispielsweise bei der Versteigerung eines Ein-Dollar-Scheins keine Unsicherheit über den Wert und es würde keine Gebote über einem Dollar geben. Bei einem Glas mit etwa 100 Pennys, wobei die genaue Anzahl den Bietern nicht bekannt ist, ist die Unsicherheit höher und es gibt eine größere Varianz, was die Möglichkeit des Fluchs des Gewinners bietet. Eine Möglichkeit, dem Fluch vorzubeugen, wäre nun, mit steigender Unsicherheit das eigene Gebot zu verringern. Wenn ein Bieter diese Reduktion des Gebots nicht vornimmt, obwohl Unsicherheit herrscht, erhöht das die Wahrscheinlichkeit und das Ausmaß des Fluch des Gewinners. Der zweite Faktor ist die Zahl der Bieter. Wenn sich die Anzahl der Bieter erhöht, wird sich die Spannweite der Schätzungen und Gebote auch erhöhen. Auch in diesem Fall gilt: Wenn sich die Anzahl der Bieter erhöht, sollten die Bieter ihr Gebot verringern, um der erhöhten Wahrscheinlichkeit des Überbietens entgegenzuwirken.

Bazerman und Samuelson haben 1983 ein Auktionsexperiment mit MBA Studenten an der Boston University durchgeführt. Das zu versteigernde Objekt war ein Einmachglas voller Münzen. Den Studenten war nicht bekannt, dass der Wert der Münzen jedes Glases acht Dollar betrug. Nun mussten die Studenten geheime Gebote abgeben und das höchste Gebot würde das Glas gewinnen. Der Durchschnitt aller abgegebenen Gebote betrug 5,13 Dollar, was unter dem wahren Wert von 8 Dollar liegt, es lag also eine systematische Unterschätzung vor. Trotzdem lag das durchschnittliche Gewinnergebot bei 10,01 Dollar, was einen durchschnittlichen Verlust des Gewinners von 2,01 Dollar bedeutet. Obwohl die Bieter sich dessen bewusst sind, dass Unsicherheit herrscht, zeigt das Experiment, dass sie das in ihren Geboten nicht ausreichend berücksichtigen. Die Ergebnisse zeigen außerdem, dass sie ihre Gebote nicht mit der größer werdenden Anzahl an Bietern anpassen.Bazerman, M. H. / Samuelson, W. F. (1983): I Won the Auction but Don’t Want the Prize, The Journal of Conflict Resolution, Vol. 27, Nr. 4, S. 631

Kagel und Levin haben 1986 ein weiteres Experiment durchgeführt, bei welchem sie herausfanden, dass der Fluch des Gewinners bei großen Gruppen eher auftritt als bei kleinen Gruppen, weil die Subjekte aggressiver in großen Gruppen bieten. Diese Ergebnisse wurden für die Erstpreisauktion und die Zweitpreisauktion gezeigt.Thaler, R. H. (1988): Anomalies – The Winner’s Curse, Journal of Economic Perspectives, Vol. 2, Nr. 1, S. 195

Wenn der Bieter nicht vollständig für die Folgen haftet, kann es rational sein, Verluste zu provozieren und sehr hohe Gebote abzugeben. Sollten Nachverhandlungen möglich sein und durch andere Leistungen Profite erwirtschaftet werden können, kann dieser Effekt auch eintreten.Sieg, G. (2007): Volkswirtschaftslehre - Mit aktuellen Fallstudien, Oldenbourg Wissenschaftsverlag GmbH: München, S. 157

Empirie Im Folgenden werden beispielhaft Fachgebiete dargestellt, in welchen der Fluch des Gewinners beobachtet wurde und wird.

Ölfeldversteigerungen Die Ölfeldversteigerungen – untersucht von Capen, Clapp und Campbell – wurden oben bereits erwähnt. Jahre nachdem Capen et al. ihre Idee vorgestellt haben, haben andere Forscherteams die Situation evaluiert. Empirische Evidenz für den Fluch des Gewinners bei den Ölfeldversteigerungen im Golf von Mexiko liefern sowohl Mead, Moseidjord und Sorensen im Jahr 1983, als auch Hendricks, Porter und Boudreau 1987.Thaler, R. H. (1988): Anomalies – The Winner’s Curse, Journal of Economic Perspectives, Vol. 2, Nr. 1, S. 197f.

UMTS-Auktion in Deutschland Im Jahr 2000 wurden in Deutschland UMTS-Lizenzen zu einem Preis von DM 100 Mrd. versteigert. Die Situation der Bieter war durch eine hohe Unsicherheit über die Werte der Auktionsobjekte geprägt. Aus Sicht des Auktionators sei die Versteigerung als ein Erfolg anzusehen, da hohe Erlöse erzielt wurden. Insgesamt wird kritisiert, dass der Preis, der zustande gekommen war, zu hoch sei. Dies würde darauf hinweisen, dass der Fluch des Gewinners auftrat.Lindstädt, H. (2001): Die Versteigerung der deutschen UMTS-Lizenzen – Eine ökonomische Analyse des Bieterverhaltens, HHL-Arbeitspapier, Nr. 42, Handelshochschule Leipzig: Leipzig, S. 1ff.

Kapitalmarkt Uninformierte Anleger auf dem Kapitalmarkt müssen damit rechnen, einerseits wegen selektiver Nachfragezurückhaltung besser informierter Marktteilnehmer überproportional an „schlechten“ Wertpapieremissionen zu partizipieren und andererseits wegen entsprechender Überzeichnung nur unterproportional an „guten“ Emissionen beteiligt zu werden.Claudia Breuer/Thilo Schweizer/Wolfgang Breuer (Hrsg.), Gabler Lexikon Corporate Finance, 2003, S. 533 Das gilt insbesondere für die Unterbewertung von Emissionen im Rahmen des Auktionsverfahrens.

Umgang mit dem Fluch des Gewinners

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