Das Kampfgeschwader 76 war ein Verband der Luftwaffe der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Als Kampfgeschwader, ausgestattet mit Bombern, erst vom Typ Dornier Do 17, dann mit der Junkers Ju 88 und zuletzt mit der Arado Ar 234 führte es Luftangriffe mit Bomben auf zugewiesene Ziele durch. Das Geschwader beteiligte sich am Überfall auf Polen, dem Westfeldzug, der Luftschlacht um England und dem Deutsch-Sowjetischen Krieg. Ab 1942 kam es im Mittelmeerraum und ab 1944 an der Westfront gegen die Westalliierten zum Einsatz. Ab August 1944 erhielt es den ersten einsatzbereiten Strahlbomber der Welt, die Arado Ar 234 und flog mit ihr im Dezember die ersten Einsätze. Nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 1945 wurde es aufgelöst.
Aufstellung Das Geschwader entstand am 1. Mai 1939, nach dem neuen Benennungsschema der Luftwaffe, aus dem ursprünglich als Kampfgeschwader 155 aufgestellten Verband, der am 1. April 1935 an den Standorten Giebelstadt (), Ansbach () und Schwäbisch Hall () gebildet worden war. Dieses Geschwader wurde am 1. Februar 1938 in Kampfgeschwader 158 umbenannt und bezog die Plätze in Wiener Neustadt () und Wels (). Am 1. Mai 1939 folgte dann eine erneute Umbenennung nach dem neuen Benennungsschema der Luftwaffe in Kampfgeschwader 76, wobei die II. Gruppe zum Kampfgeschwader 77 kam und aus dem Geschwaderverband ausschied. Es blieb auf den Flugplätzen Wiener Neustadt und Wels. Eine neue II. Gruppe bildete sich erst am 1. Januar 1940 in Wels. Nach einer nochmaligen Umgliederung gab das Geschwader diese Gruppe im Juli 1940 an das Sturzkampfgeschwader 77 ab und erhielt als neue II. Gruppe die III. Gruppe des Kampfgeschwaders 28. Eine IV. (Ergänzungs-)Gruppe entstand im März 1941. Das Geschwader war anfangs mit der Dornier Do 17, später mit der Junkers Ju 88 und der Arado Ar 234 ausgestattet. Die Geschwaderkennung war F1.
Gliederung Der Geschwaderstab führte die I. bis IV. Gruppe, die wiederum in Staffeln unterteilt waren. Die 1. bis 3. Staffel gehörte der I. Gruppe, die 4. bis 6. Staffel der II. Gruppe, die 7. bis 9. Staffel der III. Gruppe und die 10. bis 12. Staffel der IV. Gruppe an. Jede Staffel, geführt durch einen Staffelkapitän, war in drei Schwärme mit je vier Flugzeugen unterteilt. Daraus ergab sich eine Sollstärke der Bombergruppe von 36 Flugzeugen in den drei Staffeln + ein Flugzeug für den Gruppenkommandeur. Dies ergab bei vier Bombergruppen eine Sollstärke von 148 Flugzeugen, + 4 Flugzeuge für den Geschwaderkommodore und seinen Stab. Daraus ergibt sich eine Sollstärke von 152 Flugzeugen. Die IV. Gruppe war eine Ergänzungsgruppe und nahm in der Regel nicht an Kampfeinsätzen teil. In ihr wurden frisch ausgebildete oder rekonvaleszente Flieger eine Zeitlang an die Frontbedingungen gewöhnt und geschult, bevor sie in eine der drei Einsatzgruppen wechselten. Darum hatte sie meist ihren Standort in der Heimatbasis des jeweiligen Geschwaders.
Geschichte Überfall auf Polen Am Überfall auf Polen nahm das Geschwader im Rahmen der 2. Fliegerdivision der Luftflotte 4 im Südabschnitt der Front teil. Der Stab und die I. Gruppe lagen in Breslau () und die III. Gruppe in Rosenborn ().Horst Rohde: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Band 2, Die Errichtung der Hegemonie auf dem europäischen Kontinent, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1979, ISBN 3-421-01935-5, S. 103. Der Stab und die beiden Gruppen waren mit dem Bomber Dornier Do 17Z ausgestattet, deren zwei Bramo 323 Motoren je 1000 PS leisteten und eine Höchstgeschwindigkeit von 410 km/h und eine Bombenlast von 1000 kg ermöglichten. Ab dem 1. September 1939 griff das Geschwader polnische Flugplätze und Truppenkonzentrationen bis zur Weichsel an. Dabei bombardierte es insbesondere Ziele in Łódź, Radom, Kielce, Częstochowa, Krosno und Moderowka in Südpolen.Edward Hooton: Phoenix Triumphant: The Rise and Rise of the Luftwaffe. London: Arms & Armour. ISBN 1-86019-964-X, S. 179 Ab dem 4. September folgten Luftangriffe auf Eisenbahnziele zur Störung der Eisenbahnverbindungen. Anschließend flog es Tieffliegerangriffe auf Stellungen der polnischen Łódź Armee. Danach wechselte der Schwerpunkt in den Süden an der Grenze zur Slowakei, wo die deutsche 14. Armee vorging. Insbesondere die Bahnlinien in Richtung Rumänien sollten unterbrochen werden um eine Flucht von polnischen Truppen dorthin zu verhindern.Edward Hooton: Phoenix Triumphant: The Rise and Rise of the Luftwaffe. London: Arms & Armour. ISBN 1-86019-964-X, S. 187 Ab dem 21. September verlegte das Geschwader zurück nach Schwäbisch Hall, Leipheim () und Baltringen. () Am 1. Januar 1940 wurde in Wels eine neue II. Gruppe aufgestellt. Diese war ebenfalls mit der Dornier Do 17Z ausgestattet.
Westfeldzug Zu Beginn des Westfeldzugs am 10. Mai 1940 war das Geschwader mit dem Stab, der I. bis III. Gruppe Teil des I. Fliegerkorps der Luftflotte 3. Insgesamt 110 Do 17Z standen zur Verfügung. Die ersten Einsätze flog das Geschwader von Köln-Ostheim, () Köln-Wahn () und Nidda () aus. Der erste Luftangriff am Morgen des 10. Mai galt dem Flugplatz in Laon, wo die 7. Staffel auf Hawker Hurricanes der No. 87 Squadron der Royal Air Force traf und die ersten Verluste erlitt. mini|Dornier Do 17Z des Kampfgeschwader 76 über Frankreich Anschließend bekämpfte es in den nächsten Tagen Ziele an der Maas und unterstützte Heereseinheiten der Heeresgruppe C beim Vorgehen gegen die Maginot-Linie. Am 13. Mai unterstützte es das XV. Armeekorps (mot.) beim Übergang über die Maas bei Dinant und Houx. Am 18. Mai erfolgte ein Luftangriff auf den von der No. 607 und No. 151 Squadron genutzten Flugplatz Vitry, bei dem eine Bristol Blenheim und 14 Hurricanes am Boden zerstört wurden.Brian Cull, Bruce Lander, Heinrich Weiss: Twelve Days in May. Grub Street Publishing. ISBN 978-1-902304-12-0, S. 221 Vom 25. Mai bis 2. Juni griff es die Hafenstädte Oostende und Dünkirchen mehrfach an um in der Schlacht von Dünkirchen die Evakuierung alliierter Truppen über den Ärmelkanal zu verhindern.H. L. de Zeng, D. G. Stankey, E. J. Creek, S. 232, 236 Am 31. Mai verfügte das Geschwader über 85 Bomber, von denen 58 einsatzbereit waren.
Mit dem Unternehmen Paula am 3. Juni wurde die zweite Phase des Westfeldzugs eingeleitet. Dabei bombardierte das Geschwader Flugplätze und Flugzeugfabriken im Raum Paris.H. L. de Zeng, D. G. Stankey, E. J. Creek, S. 236 Letzte Luftangriffe folgten vom 6. bis 12. Juni in der Normandie und der Bretagne gegen alliierte Truppenbewegungen und Evakuierungstransporte.
Luftschlacht um England Nach Ende des Westfeldzugs übernahm das Geschwader ab Juli 1940 Plätze im besetzten Teil Frankreichs. Der Stab und die III. Gruppe waren in Cormeilles-en-Vexin, () die I. Gruppe in Beauvais-Tillé () und die II. Gruppe in Creil () beheimatet. Es blieb unter der Kontrolle des I. Fliegerkorps der Luftflotte 2. Die II. Gruppe erhielt als erste des Geschwaders im Juli/August neue Bomber vom Typ Junkers Ju 88A-1. Gegenüber der bisher verwendeten Do 17Z hatte sie mit ihren zwei Jumo 211 B-1 Motoren 350 PS mehr Startleistung, eine um 50 km/h höhere Höchstgeschwindigkeit und eine um 1400 kg höhere Bombenlast. Bis Jahresende war das gesamte Geschwader auf den neuen Bombertyp umgerüstet.
Im Juli begann das Geschwader im Rahmen der Luftschlacht um England, zusammen mit anderen Kampfgeschwadern verstärkt den Schiffsverkehr im Ärmelkanal und den anderen britischen Küsten zu bekämpfen. In der Nacht des 25./26. Juli flog das Geschwader einen Luftangriff auf Southampton.Edward Hooton: Eagle in Flames: The Fall of the Luftwaffe, Brockhampton Press, London ISBN 1-85409-343-6, S. 33 Bei einem Luftangriff auf einen Schiffskonvoi am 29. Juli im Ärmelkanal bei Dover, stürzte der Gruppenkommandeur der III. Gruppe Oberstleutnant Adolf Genth ab und verstarb. Er hatte einen Sperrballon berührt und verlor danach die Kontrolle über sein Flugzeug.Andy Saunders: Convoy Peewit: August 8, 1940: The First Day of the Battle of Britain?, Grub Street, London, ISBN 978-1-906502-67-6, S. 198–200 Am 11. bis 18. August folgten Luftangriffe auf die Flugplätze Hawkinge, Kenley, Debden, Biggin Hill, North Weald, Hornchurch und Croydon.Francis Mason: Battle Over Britain, McWhirter Twins, London, ISBN 978-0-901928-00-9, S. 299 Am 24. August schossen britische Defiant-Jagdflugzeuge den Gruppenkommandeur der II. Gruppe ab, so dass er südlich von Manston in den Ärmelkanal stürzte und verstarb. Bei einem erneuten Luftangriff am 6. September auf den Flugplatz Kenley erlitt die 6. Staffel 3 Totalverluste und eine schwere Beschädigung durch die No. 41 Squadron.Francis Mason: Battle Over Britain, McWhirter Twins, London, ISBN 978-0-901928-00-9, S. 357 Insgesamt hatte das Geschwader seit Juli 63 Bomber durch Totalverlust oder Beschädigung verloren.Francis Mason: Battle Over Britain, McWhirter Twins, London, ISBN 978-0-901928-00-9, S. 368 mini|Dornier Do 17Z am 7. September 1940 über London-West Ham Am 7. September war das Geschwader Teil des ersten großen Luftangriffs auf London. Bei diesem Tagangriff wurden 300 Bomber sowie 600 Begleitjäger eingesetzt, vorwiegend gegen die Docks von London und das East End. Es folgte ein Nachtangriff durch rund 180 Bomber. An diesem ersten Angriffstag starben 436 Menschen, weitere 1500 wurden verletzt.Francis Mason: Battle Over Britain, McWhirter Twins, London, ISBN 978-0-901928-00-9, S. 368 Am 15. September flog das Geschwader erneut mit anderen Geschwadern einen Luftangriff auf London. Insgesamt 380 Bomber (von denen zwei abgeschossen wurden) bombardierten die Stadt. Etwa 200 Menschen starben und 2000 wurden verwundet.Edward Hooton: Eagle in Flames: The Fall of the Luftwaffe. Brockhampton Press, London, ISBN 1-85409-343-6, S. 27 Die I. Gruppe verlegte am 24. Oktober nach Giebelstadt und erhielt ihre neuen Ju 88A-1. Nach Luftangriffen auf Hafenstädte am Ärmelkanal ging die II. Gruppe zurück nach Ansbach, um dort aufgefrischt und neu ausgestattet zu werden. Beide Gruppen kamen erst Anfang 1941 wieder zurück. Die III. Gruppe nahm derweil am 15./16. November an einem nächtlichen Luftangriff auf London teil, bevor sie im Dezember nach Illesheim wechselte.H. L. de Zeng, D. G. Stankey, E. J. Creek, S. 236 Dort erhielt auch sie ihre neuen Bomber vom Typ Ju 88A-1. Lediglich der Geschwaderstab blieb im Westen und führte Bombergruppen anderer Geschwader. Mit nächtlichen Luftangriffen auf London am 17./18. Februar und 18./19. März meldeten sich die frisch aufgefüllten und umgerüsteten Bombergruppen des Geschwaders wieder zurück. Am 20./21. Februar bombardierte es die walisische Hafenstadt Swansea und am 3./4. März traf es die walisische Hauptstadt Cardiff. Aufgrund des besser werdenden Flugwetters intensivierte das Geschwader im März die nächtlichen Luftangriffe auf Ziele in Großbritannien. So waren am 8./9. und 9./10. London betroffen, am 10./11. Portsmouth, am 12./13. Birkenhead, am 13./14. Glasgow und Liverpool und am 14./15. Glasgow und Sheffield. Weitere Ziele waren Avonmouth (16./17. März), London (19./20. März), Plymouth (21./22. März) und Bristol (29./30. März).H. L. de Zeng, D. G. Stankey, E. J. Creek, S. 228–229, 232–233, 236 Auch im April wurden die Luftangriffe fortgeführt. So bombardierte das Geschwader am 7./8. April Belfast, am 8./9. April Coventry, am 9./10. und 10./11. April Birmingham, am 15./16. April Belfast und Portland, am 19./20. April London und viermal Liverpool (26./27. April, 3./4., 4./5. und 7./8. Mai) Mit nächtlichen Luftangriffen im Mai auf Hull, Nottingham, Sheffield und Grimsby endeten für das Geschwader die Kampfhandlungen gegen Großbritannien.H. L. de Zeng, D. G. Stankey, E. J. Creek, S. 228–229, 232–233, 236 Das Geschwader blieb bis Anfang Juni 1941 im Westen stationiert und wechselte dann auf Plätze in Ostpreußen.
Deutsch-Sowjetischer Krieg 1941