Chorismos ( chōrismós „Trennung“) ist ein Wort der altgriechischen Sprache, das erst seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts als philosophischer Fachbegriff verwendet wird. In dieser Bedeutung versteht man darunter die Trennung, die nach der Auffassung von Kritikern des Platonismus in der Ideenlehre zwischen der intelligiblen (rein geistigen) und der sinnlich wahrnehmbaren Welt besteht. Die Annahme, es handle sich um eine unüberbrückbare Trennung, ist der Ausgangspunkt eines wichtigen Arguments, das Aristoteles gegen die Ideenlehre vorgebracht hat. Falls die Trennung unüberbrückbar ist, gibt es keine Erklärung für den Zusammenhang zwischen den beiden Bereichen, der im Platonismus vorausgesetzt wird.

Begriffsgeschichte

Aristoteles verwendet in seiner Kritik an der Ideenlehre das Verb chōrízein („trennen“, „absondern“) und das Adverb chōrís („auf abgesonderte, getrennte Weise“), nicht aber das Substantiv chōrismós.Die Vorstellung und Terminologie des Getrenntseins bei Aristoteles untersuchen Émile de Strycker: La notion aristotélicienne de séparation dans son application aux Idées de Platon. In: Autour d’Aristote, Louvain 1955, S. 119–139 und Johannes Hübner: Aristoteles über Getrenntheit und Ursächlichkeit. Der Begriff des εἶδος χωριστόν, Hamburg 2000. Vgl. die Interpretation von Lynne Spellman: Substance and Separation in Aristotle, Cambridge 1995. Das Substantiv war noch bei den Philosophen und Philosophiehistorikern des 19. Jahrhunderts ungebräuchlich. Belegt ist es als Fachbegriff erst bei Paul Natorp (1903) und Ernst Cassirer (1925).Paul Natorp: Platos Ideenlehre, Leipzig 1903, S. 73; Ernst Cassirer: Die Philosophie der Griechen von den Anfängen bis Platon. In: Max Dessoir (Hrsg.): Lehrbuch der Philosophie, Band 1, Berlin 1925, S. 7–138, hier: 29. Der Philosophiehistoriker Ernst Hoffmann (1880–1952) hat maßgeblich zur Etablierung des Begriffs beigetragen.Ernst Hoffmann: Platon, Zürich 1950, S. 38 f., 46, 72 f., 89 und Platonismus und christliche Philosophie, Zürich/Stuttgart 1960, S. 232–234, 432 f.; vgl. Helmut Meinhardt: Chorismos. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 1, Basel 1971, Sp. 1007 f., hier: 1008.

In der neueren philosophiegeschichtlichen Fachliteratur dient der Begriff „Chorismos“ auch zur Bezeichnung anderer Trennungen bei Aristoteles, beispielsweise der Trennung zwischen Gattung und Art oder zwischen dem „unbewegten Beweger“ und dem von ihm Bewegten. Auch bei der Untersuchung von Platons Auseinandersetzung mit Getrenntheitsproblemen wird der Begriff verwendet.

Platons Verständnis

Ein zentrales Thema von Platons Philosophie ist das Problem der Beziehung zwischen Einheit und Vielheit. Dabei steht für die Einheit das Allgemeine mit seinem umfassenden Charakter und für die Vielheit die Mannigfaltigkeit des Besonderen.

In Platons Ontologie, seiner Lehre von der Hierarchie der Dinge, ist das Allgemeine generell höherrangig als das Besondere und Individuelle. Das (relativ) Allgemeine ist eine (relativ) umfassende Einheit. Diese Einheit ist einfach, nicht aus Teilen zusammengesetzt. Einerseits ist eine solche einfache Einheit das Gegenteil von Vielheit (Mannigfaltigkeit), andererseits umfasst sie aber auch die Vielheit all dessen, was zu ihr gehört. Das jeweils Speziellere ist zwar an dem Allgemeineren, zu dem es gehört, beteiligt, aber infolge seines Sonderdaseins ist es etwas Abgesondertes und Vereinzeltes. Es ist dem Allgemeineren, dessen Eigenschaften es nur teilweise und eingeschränkt aufweist, untergeordnet.

Dies gilt insbesondere in der Ideenlehre, in der den Ideen die Rolle des Allgemeinen und Einheitlichen, den Einzeldingen die des Speziellen und Mannigfaltigen zukommt. Die platonischen Ideen sind – im Unterschied zum modernen Begriff „Idee“ – keine mentalen Erzeugnisse, keine bloßen Vorstellungen im menschlichen Geist, sondern bilden eine eigenständige, objektiv existierende metaphysische Wirklichkeit. Sie sind die Urbilder, nach denen die unzähligen einzelnen Dinge in der sinnlich wahrnehmbaren Welt gestaltet sind. Das Reich der Ideen ist zwar sinnlicher Wahrnehmung entzogen, kann aber auf rein geistigem Weg erkannt werden. Die Ideen sind unveränderlich, vollkommen und schlechthin seiend. Den sinnlich wahrnehmbaren, vergänglichen Objekten hingegen kommt nur ein bedingtes und damit unvollkommenes Sein zu, das sie den Ideen verdanken.Eine Übersichtsdarstellung bietet Michael Erler: Platon (Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, hrsg. von Hellmut Flashar, Band 2/2), Basel 2007, S. 390–406.

Der Zusammenhang zwischen Ideen und Sinnesobjekten besteht darin, dass die Ideen als Urbilder die erzeugenden Instanzen sind und die Sinnesobjekte als deren Abbilder die Erzeugnisse. Platon beschreibt diesen Zusammenhang als ein Teilhabeverhältnis (méthexis) oder auch als Nachahmung (mímēsis). Das Teilhabeverhältnis zwischen dem einzelnen Sinnesobjekt und der Idee, an der es „Anteil hat“, ist dadurch charakterisiert, dass das Sinnesobjekt mit bestimmten Einschränkungen die Natur der Idee aufweist und dadurch gewissermaßen an dieser Natur „beteiligt“ ist oder sie „nachahmt“. Die Idee lässt dem Sinnesobjekt bestimmte Aspekte ihres eigenen Wesens zukommen, soweit die von Natur aus begrenzte Aufnahme- und Verwirklichungsfähigkeit des Sinnesobjekts dies gestattet.Zur Problematik der Verbindung zwischen den Ideen und dem Bereich des Vergänglichen siehe Michael Erler: Platon (Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, hrsg. von Hellmut Flashar, Band 2/2), Basel 2007, S. 397f.

Die Auffassung des Aristoteles

Aristoteles formulierte seine Kritik an der Ideenlehre hauptsächlich in seinen heute verlorenen Schriften Über die IdeenGail Fine (Hrsg.): On Ideas. Aristotle’s Criticism of Plato’s Theory of Forms, Oxford 1993 (kritische Ausgabe der Fragmente mit englischer Übersetzung). und Über die PhilosophieSiehe zu diesem Werk Renato Laurenti: Les „dialogues“. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques, Band Supplément, Paris 2003, S. 379–471, hier: 395–409. sowie in seiner Metaphysik. Dabei war der Chorismos ein wichtiger Teil seiner Argumentation.

Aristoteles war der Meinung, im Platonismus bestehe zwischen den Ideen und den Einzeldingen eine Kluft. Diese könne durch die Vorstellung der Teilhabe nicht überbrückt werden, denn „Teilhabe“ sei kein philosophischer Begriff. Der Ausdruck sei für eine philosophische Argumentation unbrauchbar, da es keine saubere Definition dafür gebe. Es handle sich nur um ein leeres Wort und eine poetische Metapher, deren Bedeutung Platon nicht untersucht habe.Aristoteles, Metaphysik 987b7–14, 991a20–22, 1079b24–26. Vgl. Francesco Fronterotta: ΜΕΘΕΧΙΣ, Pisa 2001, S. 397–412; Rolf Schönberger: Teilhabe. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 10, Basel 1998, Sp. 961–969, hier: 961.

Die Kluft bedeute, dass im Platonismus die Ideenwelt und die Welt der Sinneswahrnehmung zwei prinzipiell verschiedene, abgetrennte Bereiche seien. In diesem Fall könne aber zwischen ihnen kein Zusammenhang bestehen, da eine vermittelnde Instanz fehle. Die Ideen könnten sich dann außerhalb ihres eigenen Bereichs nicht bemerkbar machen und in der Sinneswelt keinen Einfluss ausüben, also auch nicht die Sinnesobjekte hervorbringen. Wenn das Allgemeine von den Einzeldingen getrennt sei und separat existiere, seien die scheinbar „allgemeinen“ Ideen nur eine besondere Art von abgesonderten, einzelnen Dingen. Als solche könnten sie das Dasein der Sinnesobjekte nicht erklären, also den Zweck der Ideenlehre nicht erfüllen. Die Annahme separater Ideen neben den Sinnesobjekten führe somit nur zu einer hypothetischen Verdoppelung der Welt, die zum Verständnis der Wirklichkeit nichts beitrage und daher unnötig sei.Johannes Hübner: Aristoteles über Getrenntheit und Ursächlichkeit, Hamburg 2000, S. 92–94. Außerdem seien Ideen, wenn sie wie Einzeldinge separat existierten und daher einzeln und nicht allgemein seien, undefinierbar, denn nur das Allgemeine könne definiert werden. Folglich seien solche Ideen auch unerkennbar.Chung-Hwan Chen: Das Chorismos-Problem bei Aristoteles, Berlin 1940, S. 93f.

Auch wenn Ideen und Einzeldinge ähnlich seien, folge daraus nicht, dass die Ideen die Urbilder der Einzeldinge sein müssen und diese ihnen nachgebildet sind.Chung-Hwan Chen: Das Chorismos-Problem bei Aristoteles, Berlin 1940, S. 104f.

In Wirklichkeit seien die Formen der Sinnesobjekte, die der Platonismus auf die Ideen als Formursachen zurückführe, wahrnehmbar in den Sinnesobjekten vorhanden als deren Ousia (Wesen). Nur dadurch seien die Sinnesobjekte das was sie sind. Daher könne es den Chorismos, von dem der Platonismus ausgehe, nicht geben; das Wesen eines Dings könne nicht von dem Ding getrennt sein.Chung-Hwan Chen: Das Chorismos-Problem bei Aristoteles, Berlin 1940, S. 98–100.

Die Formen der Einzeldinge hängen für Aristoteles nicht von Urbildern ab und existieren nur in den Dingen selbst. Von den sinnlich wahrnehmbaren Objekten, deren Wesen sie ausmachen, sind sie nicht real, sondern nur gedanklich trennbar. Dies gilt auch für die Seele als Form des Körpers und sogar für die mathematischen Gegenstände; diese existieren ohne Materie nur fiktiv. Dennoch ist der Mathematiker berechtigt, die mathematischen Gegenstände als getrennt zu setzen. Damit meint Aristoteles aber nicht, es handle sich um vom Denken erzeugte, also subjektive Abstraktionen. Vielmehr existieren für ihn Zahlen und geometrische Figuren real, aber nur in den Dingen, aus denen die veränderliche Welt der Sinneserfahrung besteht.Siehe dazu Julia Annas: Die Gegenstände der Mathematik bei Aristoteles. In: Andreas Graeser (Hrsg.): Mathematik und Metaphysik bei Aristoteles, Bern 1987, S. 131–147. Nur dem göttlichen „unbewegten Beweger“ weist Aristoteles ein abgesondertes Dasein zu.

Schwerwiegende Probleme der Ideenlehre hat schon Platon selbst erkannt und in seinem Dialog Parmenides thematisiert. Dazu gehört auch die Problematik der Trennung von Ideenwelt und Welt der Phänomene. In der Akademie wurde darüber intensiv diskutiert. Aristoteles knüpfte an diese Erörterungen an.

Möglicherweise zielte die Kritik des Aristoteles am Chorismos in erster Linie nicht auf Platons eigenes Konzept, sondern auf eine bestimmte Variante der Ideenlehre, die in Platons Schule, der Akademie, entwickelt worden war. Die Urheber dieser Version waren nicht namentlich bekannte „Ideenfreunde“,Platon, Sophistes 246a–d, 248a ff. die eine strikte Trennung von Sein und Werden betonten, wodurch sich die Chorismos-Problematik zuspitzte. Ähnlich wie die „Ideenfreunde“ denkt der junge Sokrates als fiktiver Gesprächspartner des Parmenides im Dialog Parmenides.Chung-Hwan Chen: Das Chorismos-Problem bei Aristoteles, Berlin 1940, S. 10–22; Hermann Schmitz: Die Ideenlehre des Aristoteles, Bd. 2: Platon und Aristoteles, Bonn 1985, S. 5f., 42–53, 56–59, 146; Wolfgang Wieland: Platon und die Formen des Wissens, 2., erweiterte Auflage, Göttingen 1999, S. 107–124; Thomas Alexander Szlezák: Platon und die Schriftlichkeit der Philosophie, Teil 2: Das Bild des Dialektikers in Platons späten Dialogen, Berlin 2004, S. 78f.

Rezeption Mittelalter Mittelalterliche Aristoteliker wie Thomas von Aquin († 1274) teilten die Auffassung des Aristoteles. Thomas kritisierte Platons Lehre von den „abgetrennten, durch sich selbst seienden Ideen“,Lateinisch ideae separatae, auch formae separatae oder species separatae per se subsistentes. wobei er sich auf Aristoteles berief.Thomas von Aquin, Summa theologiae I quaestio 6 articulus 4.

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