miniatur|Paris, Louvre G 106: Halsamphora, Skythischer Bogenschütze; um 510–500 v. Chr. Euphronios (, * um 535 v. Chr.; † nach 470 v. Chr.) war ein griechischer Vasenmaler und Töpfer, der am Ende des 6. Jahrhunderts und zu Beginn des 5. Jahrhunderts v. Chr. in Athen wirkte. Er war einer der bedeutendsten Vasenmaler des frühen rotfigurigen Stils und Vertreter der sogenannten Pioniergruppe der rotfigurigen Vasenmalerei. Mit seinem Werk steht er am Übergang von der Spätarchaik zur Frühklassik.

Vorbetrachtungen

Die Entdeckung der griechischen Vasenmaler

Anders als etwa zu Bildhauern gibt es keine literarischen Zeugnisse zu Vasenmalern aus der griechischen Antike. Die reichhaltige literarische Überlieferung zu Themen aus dem Kunstbereich erwähnt die Keramik kaum. Die Rekonstruktion der künstlerischen Entwicklung des Euphronios und seines Lebens kann nur aus der Interpretation seiner Arbeiten heraus erfolgen.

Die Beschäftigung mit der griechischen Keramik begann in der Neuzeit gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Zunächst interessierte man sich vor allem für ihre Ikonografie. Als 1838 die erste Signatur des Euphronios entdeckt wurde, entdeckte man, dass sich einzelne Maler namentlich feststellen ließen und man ihnen im Idealfall weitere Werke zuordnen konnte. Daraufhin setzte eine Beschäftigung mit den Signaturen der Maler ein. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts stellten Forscher die ersten stilistischen Kompendien zusammen.

Der Archäologe John D. Beazley (* 1885; † 1970) benutzte die Kompendien als Ausgangspunkt für seine Arbeit. Er begann, tausende von schwarz- und rotfigurigen attischen Vasenmalereien systematisch zu erfassen. Dabei bediente er sich der Methode des Kunsthistorikers Giovanni Morelli, die dieser für Gemälde vorgestellt hatte. In drei grundlegenden Werken zu den attischen Malern konnte Beazley eine Ordnung in die Kunstwerke bringen, die bis heute in weiten Zügen aktuell ist. Er führte in diesen alle Maler – namentlich bekannte und anonyme – auf, wobei er davon ausging, dass jeder Maler individuelle Kunstwerke schafft, die auch immer unverkennbar zuzuordnen sind. So ist heute jeder Maler individuell bekannt, selbst wenn man ihm keinen persönlichen Namen zuordnen kann.

Die Situation in Athen am Ende des 6. Jahrhunderts

Euphronios muss um 535 v. Chr. geboren worden sein, als in Athen Kunst und Kultur unter dem Tyrannen Peisistratos in hoher Blüte standen. Die Athener Töpfer jener Zeit exportierten einen Großteil ihrer Produktion nach Etrurien. In erster Linie waren das Vasen, die im schwarzfigurigen Stil bemalt waren.

Die Vasenmalerei der Zeit erhielt dann allerdings Impulse durch Töpfer wie Nikosthenes und Andokides. So begann die Werkstatt des Andokides um 530 v. Chr. mit der Produktion von rotfigurigen Vasen. In einem zunächst langsam voranschreitenden Prozess ersetzte die neue Technik die alte. Euphronios sollte zu einem der bedeutendsten Vertreter der frühen rotfigurigen Vasenmalerei in Athen werden. Mit einigen anderen jungen Malern dieser Zeit rechnet man ihn in der modernen Forschung zur Pioniergruppe der rotfigurigen Malerei.

Lehrjahre in der Werkstatt des Kachrylion

Wohl um 520 v. Chr. begann Euphronios mit der Vasenmalerei. Sein erster Meister war wahrscheinlich Psiax, auf den Euphronios – wie auch auf weitere ältere Meister – in späterer Zeit noch großen Einfluss haben sollte. Danach arbeitete er in der Werkstatt des Töpfers Kachrylion, wo er unter der Leitung des Malers Oltos stand.

Seine Werke aus dieser Zeit zeigen neben ihren mythologischen Themen schon früh Euphronios’ Vorliebe für monumentale Szenen und Alltagsbilder, in denen er vorzugsweise Muskeln und Bewegungsabläufe zeigte. Vor allem letzterer Punkt bringt ihn in die Nähe des Psiax, der in ähnlicher Weise malte. Beide Künstler zeichnete nicht zuletzt ihre Experimentierfreudigkeit aus. Euphronios konnten aus dieser Zeit neben einigen Fragmenten eine Schale in London (E 41) und eine weitere aus dem Getty Museum (77.AE.20) zugewiesen werden.

Der bedeutendste Fund war aber eine von ihm signierte Sarpedonschale. Erst als diese auf dem internationalen Kunstmarkt auftauchte, konnte man Euphronios sein Frühwerk zuordnen, das in vielem dem des Oltos ähnelt und zuvor teilweise diesem zugeschrieben worden war. Dabei war es zu dieser Zeit ungewöhnlich, dass er seine Arbeiten signierte. Wurde es später üblich, dass Maler ihre gelungensten Werke signierten, kam dies noch bei schwarzfigurigen Vasen und in der Frühzeit der rotfigurigen Malerei selten vor.

miniatur|Paris, Louvre G 34: Schale: Ein Satyr verfolgt eine Mänade Schon früh muss Euphronios sein besonderes Talent gezeigt haben. Das zeigt sich an seinem künstlerischen Einfluss auf weitere in der Werkstatt des Kachrylion tätige Maler und selbst auf seine früheren Lehrer Psiax und Oltos. Schon in der frühen Zeit ist eine völlige Beherrschung der technischen Fertigkeiten, die man für die rotfigurige Vasenmalerei benötigt, erkennbar. Ebenso kann man bei ihm eigene technische Weiterentwicklungen sehen. Um die menschliche Anatomie noch plastischer und realistischer darzustellen, führte er die Verwendung der Relieflinie und die Verwendung des verdünnten Tonschlickers ein. Der Tonschlicker nimmt, je nachdem, wie man ihn aufträgt, beim Brand Farbwerte von hellgelb bis dunkelbraun an und erhöht so die stilistischen Möglichkeiten um ein Vielfaches.

Obwohl Kachrylion in seiner Werkstatt nur Trinkschalen herstellte und Euphronios bis in seine Reifezeit bei diesem arbeitete, reichten ihm einfache Schalen bald nicht mehr aus. Er begann auch andere, wohl von anderen Töpfern geschaffene Vasen zu bemalen. Im Museo Nazionale Etrusco di Villa Giulia befinden sich zwei Peliken, die er schon sehr früh bemalt hatte. Solche mittelgroßen Vasen boten ihm weitaus mehr Raum für seine Figurenzeichnung. Auch ein Psykter (heute in Boston) wird zu seinem Frühwerk gerechnet, da seine Malweise dort noch stark an die des Oltos erinnert: steife Gewandfalten, mandelförmige Augen, ein kleines, vorspringendes Kinn und wenig differenzierte Hände und Füße. Möglicherweise war es aber auch nur eine weniger sorgfältige Arbeit aus seiner späteren Zeit.

Die Problematik, Euphronios’ Arbeiten sicher in eine Schaffensperiode einzuordnen, ist auch bei mehreren anderen Gefäßen anzutreffen. Zwar ist der Schaffensrahmen des Euphronios heute gesichert, doch gibt es einige Werke, bei denen eine zeitliche Zuordnung schwer ist. So wird ein Kelchkrater aus der Antikensammlung Berlin, der junge Männer bei sportlichen Übungen in der Palästra zeigt, aufgrund des bemalten Gefäßes häufig seinem reiferen Werk zugeordnet. Trotz der Verwendung einiger fortgeschrittener Methoden (genauere Wiedergabe der Muskulatur, Relieflinie) muss der Krater trotzdem einem früheren Zeitraum zugerechnet werden, da noch einige Anleihen an die schwarzfigurige Malerei zu finden sind. Dabei handelt es sich um eine Efeugirlande unter dem Mündungsrand, das verhältnismäßig kleine Bildformat und die stilistische Nähe zu Oltos.

Euphronios und Euxitheos: Reifephase und Meisterjahre

Innovation und Wettstreit

Paris, Louvre G 33: Kelchkrater aus der Zusammenarbeit von Euphronios und Euxitheos|miniatur Wohl auf der Suche nach einem neuen Bildträger für seine Kompositionen kam Euphronios um 510 v. Chr. in die Werkstatt des Töpfers Euxitheos. Dieser war ebenso wie Euphronios offen für neue Einflüsse und Entwicklungen und experimentierte mit Formen und Dekor. Durch die stetige stilistische Weiterentwicklung des Malers können Forscher mit einiger Sicherheit die zeitliche Reihenfolge der einzelnen Werke vermuten.

Auf einem nur noch fragmentarisch erhaltenen Kelchkrater (Louvre G 110) ist auf der Vorderseite der Kampf des Herakles mit dem Nemeischen Löwen zu sehen, ein Motiv, das Euphronios schon um 520 v. Chr. auf einer Schale verwendet hatte. Auf der Rückseite ist eine Komosszene dargestellt. Teilnehmer dieser Tanzveranstaltung werden von Euphronios zum Teil in extremen körperlichen Haltungen dargestellt. Darunter befindet sich eine Rückenansicht mit zurückgelehnten Armen, die in der Art der Darstellung eine kühne Leistung war. Wahrscheinlich aufgrund dieser Figur signierte er die Arbeit. Diese Signatur ist einzigartig, da der Künstler hier die Formel Euphronios egraphsen tade – „Euphronios hat diese Dinge gemalt“ – verwendete. Es ist ein charakteristisches Beispiel der Pioniergruppe der rotfigurigen Vasenmalerei, ihren individuellen Beitrag zur aktuellen Entwicklung der Kunst herauszustellen.

Das geht zum Teil so weit, dass sich die Künstler selbst innerhalb ihrer Werke Wettstreite liefern. Auf einer heute in München befindlichen Amphora behauptet Euthymides, ebenfalls ein Maler der Pioniergruppe, von sich, er habe ein Bild geschaffen, „wie es Euphronios nie gekonnt hätte“. Aus diesen Worten spricht sowohl die Achtung vor dem Können des Kollegen und Rivalen als auch der Wettstreit mit diesem. So ist es auch nicht verwunderlich, dass ein etwas jüngerer Maler, Smikros, wahrscheinlich ein Schüler des Euphronios, mit seinen zum Teil sehr gelungenen frühen Werken schon Plagiate von Euphronios’ Arbeiten schuf. Im J. Paul Getty Museum findet sich ein von Smikros signierter Psykter, auf dem dieser Euphronios abbildete, wie er um den Knaben Leagros wirbt. Der Name Leagros ist seinerseits häufig auf den Arbeiten des Euphronios als Lieblingsinschrift zu finden.

Herkules, Antaios und Sarpedon – die beiden Meisterwerke

Als Meisterwerk gilt der Kelchkrater, der Herakles und Antaios im Kampf zeigt. Besonders gelungen ist die anatomisch präzise Wiedergabe der Muskeln. Der Kontrast zwischen dem barbarischen libyschen Riesen Antaios und dem zivilisierten, gepflegten griechischen Helden ist bezeichnend für das sich herausbildende Selbstverständnis der Griechen. Eine besondere Intensität wird dem Werk durch die die beiden Kämpfer flankierenden fliehenden Frauen gegeben, die in ihrer Statuenhaftigkeit das Bild abschließen. Bei der Restaurierung der Vase wurde eine Vorzeichnung gefunden. Sie zeigt, dass Euphronios zunächst noch Probleme bei der Wiedergabe des ausgerenkten Arms des sterbenden Riesen hatte, die er jedoch in der Endfassung überwand.

miniatur|Rückseite des Sarpedonkraters