Die meisten Psalmen im Buch der Psalmen sind mit Psalmenüberschriften versehen, die von kurzen Verfasserangaben über heute kaum mehr verständliche musikalische Angaben bis zu mehrere Sätze langen Situationsschilderungen reichen. Heute wird weithin angenommen, dass die hebräischen Psalmenüberschriften nachträglich über die Psalmtexte gesetzt wurden. Dies geschah aus theologischen und redaktionellen Gründen.
Überschriften im hebräischen Text Die hebräischen Psalmüberschriften können aus folgenden, verschiedenartigen Einzelelementen bestehen, wobei jedoch nicht bei allen Angaben der ursprüngliche Sinn rekonstruiert werden kann:
Gattungsangaben, z. B.: „Lied (mit Instrumentalbegleitung)“, „Kunstlied“ (?), Jubel, Psalm, Halleluja. Zuschreibung an eine Person oder Personengruppe. Fast die Hälfte der Psalmen werden König David zugesprochen, was mit der „Davidisierung“ des Buches in nachexilischer Zeit zusammenhängt. Neben den Davidpsalmen gibt es Asafpsalmen und Korachpsalmen, Psalmen, die Jerusalemer Sängergilden zugesprochen werden. Aber auch Mose oder Salomo werden als Psalmendichter genannt. Kultisch-liturgische Zweckangabe, z. B.: „zum Dankopfer“, zur Wallfahrt zum Jerusalemer Tempel. Musikalisch-technische Angabe, Angabe der Melodien und/oder Instrumente, z. B.: „auf der Scheminith“ (), einer achtsaitigen Kinnor mit Harfen „nach Alamot“ () Situationsangabe in der Biografie Davids. Dabei hat Davids Biografie Modellcharakter: diese Psalmüberschriften regen an, den betreffenden Psalm in eigenen, ähnlichen Lebenssituationen zu beten.Bernd Janowski: „Die Hindin der Morgenröte (Ps 22,1).“ Ein Beitrag zum Verständnis der Psalmenüberschriften, Göttingen 2018, S. 318.
Der Psalter ist in fünf Bücher unterteilt, und mit jedem neuen Buch wechselt das Überschriftensystem. Besonders markant ist das beim Übergang von Psalm 89 (3. Buch) zu Psalm 90 (4. Buch). Die Überschriften in den ersten drei Büchern (Psalmen 1 bis 89) sind vielfältiger als in den beiden letzten Büchern (Psalmen 90 bis 150). Hier, im letzten Teil des Psalters, finden sich auch die meisten überschriftlosen Psalmen.
Zum Verständnis der Psalmüberschriften sind die Bücher der Chronik wichtig. Zunächst begegnen etliche der in Psalmüberschriften genannten Sänger und Sängergruppen hier wieder: Asaf , Etan , Heman , Jedutun und die Korachiten . In der Liste des Kultpersonals werden eine kultisch-liturgische und zwei musikalisch-technische Angaben erwähnt, die in Psalmüberschriften ebenfalls vorkommen. Die Chronik nennt in diesem Passus:
Obersänger mit bronzenen Zimbeln, Musiker zweiten Ranges mit Harfen, Musiker zweiten Ranges mit Leiern („auf dem achtsaitigen Instrument“).
David tritt in den Büchern der Chronik nicht als Dichter von Psalmen auf. Allerdings könnte sich auf eine Sammlung von Davidspsalmen beziehen. Für die Chronikbücher ist David vor allem der Begründer und Organisator der gesamten Tempelmusik.
Überschriften im griechischen Text In der Septuaginta und in den von ihr abhängigen Übersetzungen wie der Vulgata haben alle Psalmen eine Überschrift, mit Ausnahme der beiden ersten. Der Septuaginta-Psalter hat somit mehr und teilweise andere Überschriften als der hebräische Psalter; dahinter steht wohl eine vom masoretischen Text abweichende hebräische Texttradition. Bereits in hellenistischer Zeit wurden die musikalischen Angaben des hebräischen Textes in großen Teilen nicht mehr verstanden. Die entsprechend kryptischen griechischen Übertragungen boten später Anlass zu vielfältiger symbolischer und mystischer Interpretation.
Liste der hebräischen und griechischen Überschriften Nr. MTHebräische Psalmüberschrift
(Elberfelder Bibel)Nr. LXXGriechische Psalmüberschrift