mini|Pietà im Petersdom

Michelangelos römische Pietà , häufig auch als vatikanische Pietà bezeichnet, ist eine der bekanntesten Darstellungen dieses in der abendländischen Kunst sehr beliebten Sujets. Die Marmorstatue ist in den Jahren 1498 bis 1499, nach anderen Quellen bis 1500, in Rom entstanden. Bei ihrer Fertigstellung war Michelangelo Mitte zwanzig. Sie ist eines der bedeutendsten Werke der abendländischen Bildhauerei und ein herausragendes Beispiel für die Kunst der Hochrenaissance. Die Statue befindet sich im Petersdom im Vatikan zu Rom.

Geschichte Die Entstehung der Pietà fällt in die Zeit von Michelangelos erstem Romaufenthalt von 1496 bis 1501. Neben der werkimmanenten Bedeutung ist die römische Pietà Michelangelos kunsthistorisch insofern interessant, als sie die erste (bekannte) von einem italienischen Bildhauer geschaffene Skulptur dieses Typs ist. Gleichzeitig ist die römische Pietà die erste aus einer Reihe von mehreren Pietà-Darstellungen Michelangelos (allerdings sind die übrigen Werke unvollendet geblieben). In kunsthistorischer Hinsicht ist weiterhin zu bemerken, dass Michelangelos römische Pietà eine der ersten Gruppen – wenn nicht die erste – in der neueren Skulptur sein dürfte, welche antiken Skulpturen hinsichtlich der technischen Meisterschaft nicht unterlegen ist.Burckhardt, S. 531.

Die Pietà ist, wie die meisten Kunstwerke jener Zeit, ein Auftragswerk. Im Jahr 1497 beauftragte der französische Kardinal Jean Bilhères de Lagraulas, Benediktinerabt von Saint Denis und Botschafter Karls VIII. beim Vatikan, durch Vermittlung des römischen Adligen und Bankiers Jacopo Galli (welcher bereits eine kurz vorher vollendete Bacchus-Statue des Meisters erworben hatte), Michelangelo mit der Herstellung einer Pietà aus Marmor, die das Grabmal des Kardinals in einer der Kapellen der Kirche der Santa Petronilla schmücken sollte, welche sich an der Südseite von Alt-Sankt-Peter befand. Der Kardinal starb am 6. August 1499, bevor die Statue vollendet war. Die Beauftragung einer Pietà durch den französischen Geistlichen mag von der Popularität von Vesperbildern in Frankreich hergerührt haben – in Italien war dieses Sujet zur damaligen Zeit dagegen noch recht neu. Ende 1497 erhielt Michelangelo eine erste Vorauszahlung für den Auftrag. Der schriftliche Vertrag wurde erst um den 27. August 1498 herum verfertigt.Hartt/Finn (1976), S. 27. Im Vertragstext werden die Vorstellungen des Kardinals genau spezifiziert: Der Vertrag sah eine lebensgroße Statue vor, die – so der explizite Vertragstext – alle bis dahin in Rom bekannten Marmorkunstwerke an Schönheit übertreffen sollte – eine, wie Ragionieri anmerkt, angesichts der Fülle antiker Statuen in Rom äußerst kühne Forderung.Ragionieri, S. 118. Die Gruppe sollte laut Vertrag innerhalb eines Jahres vollendet werden.Hartt/Finn (1976), S. 27.

Die ersten Zeichnungen und Modelle fertigte Michelangelo vermutlich bereits im Sommer 1497. Im März 1498Hartt/Finn (1976), S. 27. begab er sich nach Carrara, um persönlich in den dortigen Marmorbrüchen einen Marmorblock für die Statue auszuwählen, ein Vorgehen, dem er auch später treu blieb. Der Meister überwachte den Transport von Carrara nach Rom persönlich. Die Arbeit am Marmor begann im Jahr 1498, vollendet wurde das Werk im Jahr 1499Baldini, S. 92. oder 1500.Weinberger, S. 68. Zur Zeit der Vollendung war der am 6. März 1475 geborene Michelangelo etwa 25 Jahre alt. Lübke sieht in der Pietà den Abschluss der Jugendperiode in Michelangelos Schaffen.Lübke, S. 517.

Michelangelo erhielt für die Pietà ein Honorar von 450 Golddukaten (nach Rattner/Danzer äquivalent zu mindestens 50.000 Euro nach heutigem Geldwert).Rattner/Danzer, S. 135.

Der ursprüngliche Standort der Statue war, wie in dem Vertrag mit dem Kardinal vereinbart, Santa Petronilla. Da diese Kirche im Zuge des Neubaus der Peterskirche zerstört wurde, wurde die Pietà im Jahr 1517 in die Kapelle der „Vergine della Febbre“ in Alt-Sankt-Peter verbracht. Ein weiterer Standort war der Chor von Sixtus IV. Seit dem Jahr 1749 befindet sich die Pietà an ihrem heutigen Standort in der ersten Kapelle des rechten Seitenschiffs im Petersdom. Sie wird nach der Statue auch als „Kapelle der Pietà“ bezeichnet.Hartt/Finn (1976), S. 27. Für die Verbringung zur Weltausstellung in New York im Jahr 1964 wurde die Pietà zum ersten und bisher letzten Mal aus dem Petersdom entfernt.

Die römische Pietà wurde mehrmals beschädigt. Während einer Umstellung wurden vier Finger der freien linken Hand abgebrochen, welche 1736 von Giuseppe Lirioni wiederhergestellt wurden, wobei unklar ist, inwieweit diese Restaurierung dem Original entsprach. Einer der Finger scheint nicht vom Original zu stammen.Hartt/Finn (1976), S. 27. Am 21. Mai 1972 wurde die bis dahin frei stehende Statue durch den geistesgestörten Attentäter László Tóth mit etlichen Hammerschlägen schwer beschädigt. Die Schäden betrafen unter anderem den linken Arm und das Gesicht der Jungfrau. Für die Restaurierung wurden soweit möglich Originalfragmente verwendet, wo nötig ergänzt durch eine Paste aus Marmorpulver und Polyester.Doris Wacker: Die Kunst zu bewahren. 2. Auflage. München 2002. Der Expertengruppe unter der Leitung von Deoclecio Redig de Campos ist es letztlich gelungen, die Statue originalgetreu wiederherzustellen. Seit diesem Anschlag befindet sich die Pietà hinter einer Scheibe aus Panzerglas.

Aufstellung Die Statue ruht auf einem Podest und kann nur von unten und von vorn sowie aus einiger Entfernung betrachtet werden. Diese – nach Wölfflin „barbarische“Wölfflin, S. 44. – Aufstellung vermittelt einen anderen Eindruck von der Statue als die eigentlich vorgesehene Betrachtung auf „gleicher Augenhöhe“. So ist der Oberkörper der Madonna weiter nach vorn geneigt, als es die jetzige erzwungene Perspektive vermittelt. Auch macht es diese Aufstellung unmöglich, das Antlitz des Erlösers eingehender zu betrachten. Kleinere Details sind aus der Entfernung gar nicht zu erkennen. Die ebenerdige Kopie in den Vatikanischen Museen erlaubt eine bessere Perspektive. Hartt/Finn bemängeln außerdem die Michelangelos Geschmack völlig konträre barocke Üppigkeit des gegenwärtigen Standorts.Hartt/Finn (1976), S. 27.

Vorbilder Ikonographisch lässt sich der Ursprung der römischen Pietà bei nordeuropäischen Vesperbildern verorten, auf denen die Muttergottes allerdings eher als schmerzgeplagte alte Frau dargestellt ist. Nach Weinberger entstand damals in Italien ein Bedürfnis nach bildhauerischen Darstellungen der Pietà durch entsprechende aus Deutschland importierte Figuren, die den ästhetischen Anforderungen italienischer Kunstliebhaber freilich nicht gerecht werden konnten.Weinberger, S. 68.

Michelangelo ist nicht der erste italienische Künstler, der sich das Sujet der Pietà und des Vesperbildes aneignete. Eine sehr frühe Darstellung in der italienischen Malerei ist das 1368 entstandene Tafelbild Cristo in pietà et il donatore Giovanni di Elthini von Simone di Filippo (genannt Simone dei Crocefissi), Museo Davi Bergellini, Bologna. Darüber hinaus finden sich in der italienischen Malerei frühere Darstellungen der Beweinung Christi – ein Sujet, das sich nicht immer eindeutig von dem der Pietà abgrenzen lässt. Häufig aufgegriffen wird der Bildtyp der Pietà bzw. auch der Beweinung Christi ab der Mitte des 15. Jahrhunderts von norditalienischen Malern – bspw. Giovanni Bellini (1437 bis 1516), welche, ähnlich wie später Michelangelo, keinen zu Tode gemarterten Christus zeigen, sondern den Tod Jesu im Zeichnen des in der Renaissance erwachenden Humanismus als Schlaf ästhetisieren.Greve, S. 288. Etwa zwischen 1483 und 1493 hat Pietro Perugino eine Pietà gemalt, die sich heute in den Uffizien in Florenz befindet. Etwa zwei Jahre später hat Perugino eine Beweinung Christi fertiggestellt.Hartt/Finn (1976), S. 21. (siehe Abbildung).Mori, S. 370. Hartt weist überdies darauf hin, dass der etwa 20-jährige Michelangelo während seiner Arbeit in der Basilika San Domenico in Bologna (1494–95) mit einem dort befindlichen deutschen Vesperbild in Berührung gekommen sein muss.Hartt/Finn (1976), S. 21.

Beschreibung Physische Eigenschaften Michelangelos Pietà ist aus einem einzigen Block weißen Carrara-Marmors gefertigt, der kaum Einschlüsse aufweist. Es ist besonders feinkörniger Marmor vom Typ Statuario. Die Oberfläche ist stark poliert und erscheint glänzend. Die Abmessungen der Statue betragen: Höhe: 174 cm; Breite: 195 cm; Tiefe: 69 cm. Die Masse der Statue beträgt etwa 2600 Kilogramm. Eine Röntgen-Analyse der Pietà im Zuge der Vorbereitungen zu ihrer Verbringung nach New York im Jahr 1964 zeigte keinerlei kritische Schwachstellen im SteinArtikel in: Life-Magazin vom 17. April 1964, S. 87. Online: – ein Hinweis darauf, dass Michelangelo den Marmorblock sorgfältig ausgewählt hat.

Allgemeine Beschreibung mini|3D-Modell Bei der Statue handelt es sich um eine Gruppe, die, wie bei diesem Sujet üblich, die Muttergottes in sitzender Position zeigt, den vom Kreuz genommenen Leichnam Jesu auf ihren Knien und in ihrem Arm wiegend. Den Untergrund bildet ein Felsen, bei dem es sich gemäß der biblischen Überlieferung um Golgota, den Ort der Kreuzigung Jesu, handeln müsste. Die Madonna ist vollständig bekleidet, wohingegen ihr Sohn bis auf ein Lendentuch unbekleidet ist. Die Figuren sind anatomisch präzise dargestellt, Muskeln, Sehnen, Blutgefäße und sonstige anatomische Merkmale sind sorgfältig herausgearbeitet, was der Skulptur zusätzliche Spannung und Dynamik verleiht. Hartt spricht von einer „makellosen Anatomie, unerreicht seit der klassischen Antike“.Hartt/Finn, S. 42. Die insoweit naturgetreue Darstellung verdankt sich nicht zuletzt Michelangelos anatomischen Studien, namentlich der Sektion von Leichen.Hartt/Finn, S. 47.

Maria ist deutlich größer dargestellt als ihr Sohn (stehend würde die Madonna über zwei Meter messen). Diese Besonderheit in der Gestaltung ist auf die technische Schwierigkeit zurückzuführen, eine Gruppe bestehend aus einer Frau, die einen erwachsenen Mann auf den Knien hält, in einer ausgewogenen Komposition darzustellen: Würden die natürlichen Größenverhältnisse gewahrt, müsste der Körper Jesu fast zwangsläufig als zu groß und zu schwer erscheinen, um von Maria auf dem Schoß gehalten werden zu können.Weinberger, S. 68. Nach Justi wollte Michelangelo .Justi, S. 92.

Die Disproportionalität der beiden Figuren wirkt auf den Betrachter keineswegs irritierend. Dies ist zum einen darauf zurückzuführen, dass ein direkter Größenvergleich wegen der unterschiedlichen Positionen der Figuren, insbesondere der sitzenden Position Marias, schwierig ist; zum anderen hat Michelangelo darauf geachtet, bei den Häuptern der Figuren, welche einen direkten Vergleich ermöglichen, die Proportionen zu wahren. Überdies gewinnt der Oberkörper Marias die für die Komposition benötigte Weite insbesondere durch das aufgebauschte Gewand, was dem Betrachter ganz natürlich erscheint. Hinzu kommt, dass der Körper Jesu in der schmalen Seitenansicht dargestellt ist, im Gegensatz zur breiten Frontansicht des Körpers der Madonna. Ein Vergleich zwischen Michelangelos Pietà und dem oben abgebildeten Vesperbild in der St.-Georg in Dinkelsbühl mit dem völlig „unnatürlich“ wirkenden, weil viel zu kleinen Jesus zeigt, wie meisterhaft Michelangelo dieses Problem gelöst hat. Anderseits zeigt das Beispiel der Krakauer Pietà (siehe Abbildung), welches Ergebnis andere Künstler mit einer proportionalen Darstellung beider Figuren erzielt haben.